Enhancement

paideia
Definition:

"[...] Enhancement, verstanden als der Einsatz pharmakologischer, chirurgischer oder biotechnischer Eingriffe zur Verschönerung, Verbesserung oder Leistungssteigerung bei Gesunden - also jenseits von Krankheitslinderung, -heilung oder -prävention."

(Schöne-Seifert, Grundlagen der Medizinethik, 2007, S. 99)

Diskutiert werden soll die individuelle, die gesellschaftliche und die rechtsphilosophische Ebene.

Schöne Seifert gibt folgende Contra- und Pro-Stichpunkte an:

Contra:

a) Der Wert der naturbelassenen menschlichen Ausstattung
b) Die Fragwürdigkeit technischer Abkürzungen anstelle mühsam erarbeiteter Wege
c) Die Verletzung der psychischen oder körperlichen Authentizität
d) Die fatalen Erwartungsspiralen hinsichtlich der Leistungsfähigkeit, Schönheit oder Belastbarkeit von Partnern, Arbeitnehmern oder Politikern
e) Der damit zusammenhängende Konformitätsdruck in Richtung Enhancement-Inanspruchnahme
f) Die Gefahr einer Fehlbehandlung sozialer Probleme durch <technische Anpassung> der Individuen
g) Das Problem der Zugangsgerechtigkeit

Pro:

a) Chancen zu höherem individuellen Lebensglück
b) Größere soziale Leistungsfähigkeit
c) Ein Anrecht des Einzelnen auf Selbstbestimmung
d) Die <Unfairness>, mit welcher die genetischen Veranlagungen und sozialen Prägungen verteilt seien, von denen die Fähigkeiten und Leistungen abhängen

(ebd., S. 101-102)

Dies zur Anregung. Also:

Dürfen wir das?
mr.monks
Ich finde es schon mal seh interessant, dass auf der Auflistung mehr Kontra als Pro Punkte aufgelistet sind. Ich bin mit einem Punkt auf der Pro-Seite nicht einverstanden. Es ist im Bereich der Schönheitschirurgie doch z.B. nicht so, dass Leut sich nach einem Eingriff besser fühlen, stattdessen machen solche mehr süchtig als glücklich. Zudem halte ich nicht viel von Gleichmacherei. Das Schönheitsideal richtet sich ja in der Mehrheit der Fälle danach, wie die Leute gerade nicht aussehen. Wenn also alle Leute so aussehen, dass es eben jenem Ideal entspricht, müsste dieses sich konsequenterweise verschieben.
Ansonsten stimme ich den Punkten voll zu. Der Reiz daran sportlich zu sein und auch so auszusehen ist doch grade, dass man es sich erarbeiten muss. Man würde unsere gesamte Gesellschaft auf den Kopf stellen, wenn man den Weg zu solchen Prestigefaktoren so einfach macht. Das ist, als ob jemand auf der Straße teure Luxusautos verschenkt. Irgendwann will sie keiner mehr haben, weil es nichts besonderes ist.
Bluestocking
Hallo Paideia

Contra a - c finde ich nicht überzeugend. Dieses "naturbelassen" wird meiner Meinung nach überbewertet. Was soll das genau heißen? Ich darf meine Haarfarbe nicht ändern, meine Zähne nicht korrigieren lassen o.ä.? Ebenso habe ich (persönlich) ein Problem mit dem Begriff "Authentizität". Ich weiß nicht, was er bedeuten soll bzw. was man generell darunter versteht. Für mich gibt es nichts "Authentisches", sondern immer nur ein sich aus dem Vorherigen Ergebenden. Soll authentisch gleich naturbelassen sein? Wie sieht es beispielsweise mit Sport oder Essen aus, mit Traumata, schönen Erlebnissen etc., oder mit Altwerden? Wir unterliegen doch ständig Änderungen. Auch finde ich technische Abkürzungen nicht schlimm. Wenn ich meinen Körper auf andere Weise fit bekomme, als mit Sport, fände ich das sehr in Ordnung. Ich hätte dann mehr Zeit für die Sachen, die mir Spaß machen.

Contra d - g finde ich schon plausibler. Aber von welchen Maßnahmen spricht Schöne-Seifert (was für ein Name in dem Kontext Zwinker ) eigentlich?

Bei Pro fehlt mir auch der Clue zu den Maßnahmen. Was für Eingriffe gibt es denn, die uns leistungsfähiger machen?

Ansonsten ist "Selbstbestimmung" sicherlich bis zu einem bestimmten Punkt richtig, aber wenn der gesell. Druck zunimmt bzw. die Erwartungshaltungen, kann der Punkt getrost aus dem Weg geräumt werden.

Am spannendsten finde ich Pro d. Es ist ja inzwischen möglich, über Genuntersuchungen Vorauswahlen bei der künstlichen Befruchtung zu treffen. Momentan sind die Beschränkungen in Deutschland sehr rigide und dürfen nur umgangen werden, wenn ernsthafte Behinderungen zu erwarten sind. Aber utopisch betrachtet, werden sogenannte Designerbabies ja vielleicht mal möglich (schöne neue Welt). Ich für meinen Teil, wenn ich die Möglichkeit hätte, meinen Körper jetzt zu verbessern, würde es in Anspruch nehmen. Auch über Biotechnologie. Für meine Kinder würde mir die Entscheidung verdammt schwerfallen.

Grüße,
A.
paideia
@ Bluestocking:

Zitat:
Aber von welchen Maßnahmen spricht Schöne-Seifert (was für ein Name in dem Kontext ) eigentlich?


Schöne-Seifert geht weder sehr detailiert auf die Argumente ein noch auf die genauen Maßnahmen. Das ganze wird wie für ein Einführungsbuch angemessen recht oberflächlich und überblickshaft abgehandelt.

Sie schreibt an einer Stelle:

"Doch bereits jetzt läuft der Einsatz auf Hochtouren: Nicht nur Schönheitschirurgie und Sport-Doping, sondern auch Anti-aging-Maßnahmen und Neuro-Enhancer werden offenbar von zunehemend vielen benutzt - ohne dass diese Mittel dafür zugelassen wären. So schlucken mit hohen Dunkelziffern Abertausende von gesunden <Patienten> schon jetzt Medikamente zur Steigerung der Aufmerksamkeit oder des Gedächtnisses, zur Stimmungsaufhellung oder zur Senkung des Schlafbedarfs."

(ebd., S. 99-100)

Zitat:
Es ist ja inzwischen möglich, über Genuntersuchungen Vorauswahlen bei der künstlichen Befruchtung zu treffen...


Das ist nicht gemeint. Dies hat ein Extra-Kapitel namens "Prädektive Genetik", obgleich hypothetisch sowas wie "Keimbahn-Enhancement" angedacht wird, wo das Erbgut der Eltern 'verbessert' werden könnte.

Hier ist wohl eher gemeint, dass das 'Kind schon in den Brunnen gefallen' ist und jeder das Recht hat diese 'ungerechte' Gendisposition im Nachhinein auszugleichen.

Ich selbst habe mir noch immer kein endgültiges Urteil gefällt, neige aber eher mr. monks zu. Ich versuche mal auf eure Anregungen einzugehen und meine größten Probleme darzustellen.

Das Argument der "Naturbelasseneheit" ist mir auch nicht plausibel. Mal davon abgesehen, dass wir dann nichts mehr machen dürften, was uns in irgendeiner Weise künstlich beeinflusst. Das geht ja schon damit los, dass das Internet mich 'künstlich' beeinflusst. Darf ich dann noch meinen morgendlichen Kaffee trinken? Auch im anderen Zusammenhang sagte ich schon mal, dass "Natürlichkeit" kein Argument ist. Warum auch?

Den Stichpunkt Authentizität würde ich aber nicht einfach so wegwischen. Meine These ist, dass Authentizität die Urteile und Handlungen sind, die meiner Identität entsprechen. Dieser Begriff ist natürlich nicht wirklich konkret einzugrenzen. Authentizität hat gewissermaßen eine dynamische Grenze. Es gebe also dann ein Problem, wenn Enhancement mein Handeln und Urteilen in der Weise verändert, dass es nicht mehr 'zu mir' gehört. Aber warum sollte es das tun? Ich würde doch nur dann nicht authentisch sein, wenn ich fremdbestimmt wäre, d. h. wenn mir ein Mittel ohne mein Wissen gegeben würde, wenn ich unter Zwang handele etc.? Wenn ich als Akoholiker durch die Gegend wanke, mutig alle Frauen anflirte und am nächsten Tag nichts mehr gebacken kriege... bin ich dann authentisch oder nicht? Ich weiß es nicht. Ich will die Frage nicht mit ja oder nein beantworten. Ich gebe dir hier zu, dass der Begriff "Authentizität" kein eindeutiges Ergebnis zeitigt, aber ich denke, dass er trotzdem wichtig ist. Bei einem Urteil über Authentizität ist man sehr auf Intuition angewiesen.

Punkt d und e ist vor allem für das Arbeitsleben problematisch. Wenn es eine Konkurrenz zwischen mehreren Arbeitnehmern gibt und einer seine Leistung per Enhancement steigert, dann bleibt dem anderen nichts anderes übrig es auch zu nehmen. Das ist solange kein Problem, solange alle Zugang zu den Mitteln haben. Und deshalb ist g das größte Problem. Wie will man hier die Gerechtigkeit gewährleisten? Wenn man sich an Rawls "Theorie der Gerechtigkeit" orientiert, dann geht es bei Gerechtigkeit um Chancengleichheit und die ist von vornherein ausgeschlossen, es sei denn der Staat sorgt dafür, dass alle die Mittelchen umsonst kriegen, was unrealistisch ist, insbesondere wenn wir sogar in den Bereich Chirurgie hineingeraten.

Zum Pro:

a und c würde ich als Argument gelten lassen, aber die Einwände von monk sind hier auch berechtigt, b ist auch auf 'natürlichem' Wege zu erreichen, wahrscheinlich sogar besser, vielleicht ist Enhancement da sogar kontraproduktiv.

d ist eine Perspektivenfrage des Individuums. Eine genetische Benachteiligung muss nicht zwingend ausgeglichen werden, wenn das Individuum Selbstachtung hat und damit leben kann. Hier kann man praktisch den Bogen zu Punkt a zurückschlagen, denn es geht doch eigentlich um Lebensglück, über dessen Inhalt man sich wohl erstmal unterhalten sollte. Leistung, Schönheit und sogar Glücksgefühl scheinen mir nicht der Sinn des Lebens zu sein und damit würde Enhancement sowieso ins Leere laufen.

Aber: Schlägt nicht das Recht auf Selbstbestimmung alle anderen Argumente?
Schneemann
Zitat:
Original von paideia
Dürfen wir das?

Ich finde man sollte eine umgekehrte Fragestellung wählen.

Dürfen wir Menschen dies generell verweigern?

Generell bin ich dagegen Menschen Dinge zu untersagen die für die Allgemeinheit keinen unmittelbaren Schaden bedeuten und die auch keine extremen Risiken für diese Menschen selbst bedeuten. Dass gilt sowohl für weiche Drogen, Genussmittel und Extremsport als sicherlich ich auch für Schönheitschirurgie. Wer kein Interesse dafür hat der soll es einfach nicht machen. Wer Interesse hat es sich aber nicht leisten oder keinen sonstigen Zugang hat, der soll deswegen nicht diese Techniken verbieten und verteufeln sondern für gesellschaftliche Verbesserungen eintreten die solchen Zugang ermöglichen.
Man sollte sich immer zuerst fragen mit welchem Recht man anderen Menschen gewisse Dinge verbietet, anstatt persönliche Moralvorstellungen und Geschmacksfragen auf alle anderen Menschen zu übertragen.
Arbmosal
Ich kann mich hier nur Schneemann anschließen.

Selber bin ich dagegen und wenn jemand meine Meinung hören will, werde ich auch jedem tendenziell davon abraten aber es zu verbieten finde ich nicht richtig.

MfG
Arbmosal
Shamatic
Hallo !

Ich finde dieses Thema vor allem im Zusammenhang der Leistungssteigerung (körperlich sowie "psychisch") interessant, wobei ich es für wichtig erachte, mit möglichst klaren und kritischen Augen dieses gesellschaftliche Themenfeld zu betrachten. Vor allem scheint mir die Erkenntnis wichtig, dass diese Phänomene jeweils in einen gesellschaftlichen Kontext einzuordnen sind und von daher immer in eine Gesamtschau eingebettet werden sollten, ansonsten löst sich meiner Meinung nach die Diskussion von seinen Wurzeln ab. Der größte Fehler den wir machen können, ist, dass wir diese "neuen" Formen der Manipulation des Körpers als Blase ansehen, die scheinbar ohne eigene Ursache in unser Universum platzt.

Damit ich ungefähr klar machen kann, was ich meine: Ich halte die Entwicklung von leistungssteigernder Manipulation als Konsequenz einer Gesellschaftsform, in der das gesellschaftliche Individuum stets in vielerlei Hinsicht dazu gedrängt wird, bestimmte Fähigkeiten auszubilden. Dies geschieht vielfach in subtiler Weise. Hier wurde bereits die Konkurrenz zwischen Arbeitnehmern angesprochen. Die Anforderungen zielen dabei unisono zu einer Steigerung von "Effizienz" und "Flexibilität". Der durch die meisten Medienorgane erzeugte normative Druck, bestimmte Verhaltensweisen an den Tag zu legen (vor allem die Verhaltensweise: Produkt x, y und z zu kaufen), führt dazu, dass ein zumeist unbewusster Prozess stattfindet, der auf eine permanente Anpassung an die erzeugten moralisch-ästhetischen Ideale abzielt. Dabei ändern sich die Ideale zu einem bestimmte Grad selbst in in relativ kurzen Zyklen; dies aber nur nebenbei.

Wenn wir jetzt noch hinzuziehen, dass verschiedene (chemische) Mittel nicht nur zur "positiven" Änderung d.h einer Erwerbung oder Verbesserung der Eigenschaft x genommen werden, sondern auch um verloren gegangene Eigenschaften oder Leidphänomene (Stichwort: "Zivilisationskrankheiten) auszugleichen, dann stellt sich mir die Frage, inwiefern diese Mittel der "Optimierung" nur als Schmiermittel dienen um den "Geist, geistloser Zustände" (K.Marx) erträglich zu machen.

Ich würde also die These aufstellen, dass diese Entwicklungen verschiedenen gesellschaftlichen Logiken (Marktorganisation und Kapitalakkumulation) bzw. Normen unterworfen sind und zu einer Erweiterung und Zuspitzung derselben führen.

a) das bestehende Feld der Konkurrenz (in allen Organisationsformen, die auf "Marktprinzipien" basieren) wird intensiviert; das Indidivuum darf niemals als "vollendet" angesehen werden, sein Geist und Körper sind definitionsgemäß "fehlerhaft". Von hier aus geht das blinde Rattenrennen los. Viele, unendlich kleine und sich permanent ändernde Ziele hat das Individuum zu erreichen, nicht aber ein Ziel seines Lebens, das als Orientierung für das gesamte Handeln dienen könnte. (Das Individuum darf und kann sein Leben nicht nach einem selbstgewählten Ziel ausrichten, weil das Gemeinwesen ebenfalls keines besitzt bzw. weil es ein Gemeinwesen eigentlich überhaupt gar nicht mehr gibt).

b) damit Produkte oder "Serviceleistungen" stets entwickelt und verkauft werden können, müssen sich Normen ausbilden, die dem Kauf bestimmter Produkte förderlich sind. Beispiel: Schönheitsideale als "Kaufmotor" von Kosmetik, Kleidern und chirurgischen Eingriffen.

Dies dürfte vorerst als Impuls genügen Zwinker
Winter_Misha
Hi,
Also ich will einen ganz anderen, globaleren Aspekt des Enhancements aufgreifen, und Zwar das Warum, warum streben wir überhaupt danach unsere physischen Begrenzungen und Makel aufzuheben: nun, mein Ansatz beginnt in der Evolution[und endet im Sozialdarwinismus]:

Ein wichtiges "Werkzeug" der Evolution ist die natürliche Selektion - die Termination schwächer angepassten Individuen aus dem Genpool. Um den genetischen Fortschritt einer Spezies zu garantieren, muss sie[n.S] vorhanden sein. Durch das Voranschreiten des technischen Fortschrittes, ermöglichen wir uns auch ein Leben zu erhalten, welches nicht an die Umgebung angepasst ist[Genaugenommen ist es angepasst - da die Technik eine Schnittstelle dieser Anpassung darstellt]. Entweder wir passen den Menschen der Umgebung an [Wir bauen ein Fahrrad] oder wir passen die Umgebung dem Menschen an[Ein warmes Zuhause]. Also nehmen wir der Natur, mit dem Voranschreiten der Technik, immer mehr Möglichkeiten, uns hinzuraffen. Auf lange Sicht führt er dazu, dass der Fortschritt unserer Spezies im genetischen Sinne verlangsamt oder teils umgekehrt wird. Aber nur im solchem Maße, welchen wir durch die Technik beheben können, die Aspekte, auf welche wir keine technologische Antwort haben, sind nach wie vor der natürlichen Selektion ausgeliefert. Wir bewegen uns also langsam einem Gleichgewicht zu, dem Gleichgewicht zwischen Mensch, Maschine und Natur.[Das Gleichgewicht ist nicht so schön wie es sich anhört]

Nun aber gibt es aber einige Überbleibsel des Kampfes um die genetische Verbesserung. Also die Merkmale die wir uns angeeignet haben um uns effizienter zu entwickeln. Z.B Verhaltensweisen wie das Ausschau halten nach einem muskulösen Mann/schöner Frau um effizienter die Gene zu vermischen.

Jetzt kann man auch definieren[eine der unendlichen möglichen Definitionen zu geben] was als das negativ behaftete Enhancement und was als Fortschritt gelten soll,hier mein Versuch:
All jene Verbesserungen des eigenen Körpers, die nur die Aufgabe haben, den evolutionären Prozesse innerhalb der Gesellschaft zu überlisten sind Unsinn, da sie A: Den Prozess zweckentfremden[und ihn damit wirkungslos machen] und B: Dadurch jemanden anderen die Chance nehmen in der Gesellschaftlichen Struktur einen gewissen Platz einzunehmen.
[Arbeitsplatz,eines normal denkenden Menschens, Ehemann einer normalen Frau, usw.]

Dies war eine Definition was ich als übles Enhancement bezeichne.
Paar Beispiele:
Joggen gehen->das verbessern der eigener Leistungen:OK
Ins Fitnessstudio gehen ->das verbessern eigener Leistungen mithilfe der Technik:OK
Anabolika: verbessert nicht deine Leistungen, sondern täuscht den Zuschauer im bezug darauf:Nicht OK

Kontaktlinsen->Das verbessern der Sehfehigkeit: OK
Armprothese->Das ausgleichen einer Behinderung: OK
Silikonbusen->Das täuschen den Zuschauer über den Zustand der Gene:Nicht OK

Kaffee:OK, Auto:OK, Hirndoping:OK solange das nicht dafür sorgt das man Beruflich oder Privat für dich entscheidet. Also OK wenn du dich dopest weil du seit 3 Tagen an einem Projekt arbeitest und nicht mehr klar denken kannst, nicht OK bei einstellungstest.
usw.

Ich hoffe ihr versteht meinen Ansatz[oder könnt ihn gar nachvollziehen]
Es ist nur ein Versuch meine Einstellung zu den Enhancements zu verallgemeinern, welcher nicht Einwandfrei funktioniert[nicht in allen Fällen]. Vielleicht hat ja jemand einen ähnliche aber präzisere Definition gefunden...

Ich will mich einfach von speziellen Einzelfällen wegbewegen und es allgemeiner betrachten.

-Winter_Misha
Shamatic
Zitat:
Schneemann
Wer kein Interesse dafür hat der soll es einfach nicht machen. Wer Interesse hat es sich aber nicht leisten oder keinen sonstigen Zugang hat, der soll deswegen nicht diese Techniken verbieten und verteufeln sondern für gesellschaftliche Verbesserungen eintreten die solchen Zugang ermöglichen.


Wie ich oben wohl angedeutet habe, halte ich es für gefährlich die Problematik auf "Interesse" oder "Leben und Leben lassen" zu reduzieren, weil es meiner Meinung nach zwangsläufig dazu kommen würde:

Zitat:

Contra: Die fatalen Erwartungsspiralen hinsichtlich der Leistungsfähigkeit, Schönheit oder Belastbarkeit von Partnern, Arbeitnehmern oder Politikern


Menschen, die kein Interesse oder keinen Zugang haben, werden damit faktisch benachteiligt und dies in vielerlei Hinsicht. Gesellschaftliche Exklusionsmechanismen verstärken sich jedoch selbst d.h es wird auch schwer bis unmöglich für die Ausgeschlossenen sich diesen Zugang (politisch) zu verschaffen. In dieser Hinsicht finde ich es reichlich zynisch, dass die Ausgeschlossenen dann einfach mal darauf verzichten sollen sich gegen bestimmte Techniken (die nicht anderes sind, als gesellschaftliche Änderungen) zu wehren.

Das Widersprüchliche an der Argumentation scheint mir zu sein, dass du einerseits meinst, dass die "Exkludierten" sich nicht gegen Ungleichheit produzierende/verstärkende Entwicklungen stellen sollten, dann aber andererseits sich für Gleichheit (politisch) engagieren sollen, nachdem diese Entwicklungen bereits stattgefunden haben...

Hoffe, dass der Gedanke einigermaßen klar ist.
Schneemann
Zitat:
Original von Shamatic
Menschen, die kein Interesse oder keinen Zugang haben, werden damit faktisch benachteiligt und dies in vielerlei Hinsicht.

Das ist in meinen Augen kein Argument, weil ich nichtgenau sehe wo die Benachteiligung liegen soll. Das was du "faktisch benachteiligt" nennst könnte man auf alles anwenden. Gute Kleidung kann sich auch nicht jeder leisten, geschweige denn teure Autos oder einen Typberater. Benachteiligungen beim Vorstellungsgespräch oder bei der Partnerwahl ist mit Sicherheit immer vorhanden. Die Formel "alle Menschen sind gleich" oder der Schutz vor Benachteiligung darf aber eben nicht in Gleichmacherei enden. Menschen sind unterschiedlich und das gilt es nicht zu bekämpfen.

Ein Szenario in dem nur noch Menschen mit der operierten Nase in gutbezahlte Jobs kommen könnten wäre problematisch, das wäre eine schlimme Diskriminierung und sowas müsste auch geändert werden. Das Problem sehe ich aber darin dass hier keine zwingende Ursache-Wirkungsbeziehung vorliegt (zugegeben, ein wenig anders ist es bei Leistungssteigernden Eingriffen, etwas was aber derzeit wohl nur begrenzt möglich ist und eher in die medizinisch-gesundheitlichen Bereich geht). Verschönerte Nasen führen nicht zu solchen Benachteiligungen sondern zu schöneren Nasen. Wenn du also gegen dieses Szenario angehen möchtest, dann solltest du gegen die Benachteiligung angehen und nicht gehen die freie Selbstentfaltung in der Optik. Für sowas gibts z.B. das Antidiskriminierungsgesetzt, das aus gutem Grund kein"Alle Menschen haben das Recht auf gleiche Chancen überall"-Gesetz ist.

Zitat:

Das Widersprüchliche an der Argumentation scheint mir zu sein, dass du einerseits meinst, dass die "Exkludierten" sich nicht gegen Ungleichheit produzierende/verstärkende Entwicklungen stellen sollten, dann aber andererseits sich für Gleichheit (politisch) engagieren sollen, nachdem diese Entwicklungen bereits stattgefunden haben...

Nein, ich stelle mich nur gegen die unsinnige Forderung der völligen Gleichheit aller Menschen in allen Belangen. Sowas ist weder realistisch noch anzustreben. Gleichheitsforderung ist eben etwas anderes als die Abschaffung der krassesten Benachteiligungen...

Gruss,
Schneemann
oui
Zitat:
Original von paideia
Diskutiert werden soll die individuelle, die gesellschaftliche und die rechtsphilosophische Ebene.

Interessant finde ich in diesem Kontext, wie diese div. Ebenen die Frage: "Wie soll ein Mensch idealerweise sein?" beantworten würden.

Und: Beinhaltet diese Frage ein erstrebenswertes Gut oder dient sie verschiedenen Interessen?
mark
Zitat:
Original von oui
Zitat:
Original von paideia
Diskutiert werden soll die individuelle, die gesellschaftliche und die rechtsphilosophische Ebene.

Interessant finde ich in diesem Kontext, wie diese div. Ebenen die Frage: "Wie soll ein Mensch idealerweise sein?" beantworten würden.


wenn du no wärsch wie i sei sott...
Shamatic
Hi Schneemann,

Ok, ich glaube unsere Positionen sehen diesbezüglich sehr ähnlich aus.
Meine Befürchtung liegt darin begründet, dass unter gegebenen gesellschaftlichen Umständen und Entwicklungen, hier vor allem die Segmentierung und Spaltung der (nationalen sowie globalen) Gesellschaft in finanzieller/ökonomischer Hinsicht, die genannten "Patches" zu einer Verstärkung dieser Entwicklung führen könnten. In Zeiten, in denen "Effizienz", Formen der "Leistungssteigerung" und mediale Inszenierung der eigenen Person system-notwendige Forderungen werden (wir müssen uns unter anderem nur mal die ganzen Forderungen nach sogenannter "unternehmerischer Initiative" oder "unternehmerischen Denken" anschauen), dann sehe ich die Gefahr, dass die verschiedenen Entwicklungen vor allem auf naturwissenschaftlichem Gebiet in genannte Richtung verwendet werden.

Es stellt sich auch die Frage wie und wo hier die Kausalität in der Entwicklung der "Patches" zu suchen ist. Denn ich würde die These aufstellen, dass viele -sicherlich nicht alle- Ideen für Produkte, die auf eine "Verbesserung" bestimmter Fähigkeiten abzielen, überhaupt erst entwickelt werden, weil Konkurrenzprinzipien schon integraler Bestandteil unseres gesellschaftlichen Kollektivbewusstseins sind (man muss sich nur mal anschauen, wie alltäglich der "Wettbewerb" oder das "Gewinnspiel" geworden sind und alle Sphären unseres Lebens durchziehen). Es ist also wichtig zu sehen, dass solche medizinisch-technischen Entwicklungen keine neutralen Phänomene sind, sondern ihren Impuls bereits in einer bestimmten Gesellschaftsform tragen, die nach bestimmte Prinzipien "funktioniert". Genauso in der Bewertung, was denn überhaupt als "Verbesserung" oder "Verschönerung" zu gelten habe. Wer entscheidet das ? Und wie konstituieren sich überhaupt die Normen und Ideale, die als Kriterien für solche "Patchworks" gelten würden ? Hierbei möchte ich auf den Punkt (b), den ich oben beschrieben habe, verweisen.

Mir fällt gerade ein: Das Problem liegt auch in einer Abgrenzung zum Krankheitsbegriff. Wie kann garantiert werden, dass im Zuge einer solchen Patchwork-Entwicklung -die ja schon längst stattfindet- der Krankheitsbegriff sich nicht plötzlich ausweitet und auf körperlich-geistige Zustände übertragen wird, die ehemals als "gesund" betitelt wurden ? Könnte es denn nicht sein, dass nachdem sich ein bestimmter Patch auf etwas breiterer gesellschaftlicher Ebene durchgesetzt hat, die Abwesenheit oder Nicht-Verfügbarkeit über jenes Update bei einer Person als "Krankheit" betitelt wird ? Es ist die die Frage nach der Defintion oder dem Geltungsbereich des Krankheitsbegriffs, der notwendigerweise an den gesellschaftlichen Kontext gebunden ist.

Ich hoffe, dass die tiefgreifende und vielfältige Problematik dieses Themenkomplexes klar wird. Ich würde mich auch auf Antworten freuen, die sich mit dem eben Gesagten befassen. Danke !
Shamatic
Zitat:
Original von oui
Zitat:
Original von paideia
Diskutiert werden soll die individuelle, die gesellschaftliche und die rechtsphilosophische Ebene.

Interessant finde ich in diesem Kontext, wie diese div. Ebenen die Frage: "Wie soll ein Mensch idealerweise sein?" beantworten würden.

Und: Beinhaltet diese Frage ein erstrebenswertes Gut oder dient sie verschiedenen Interessen?


Im Grunde wäre das gleichbedeutend mit der Grundfrage der Ethik: Wie soll der Mensch handeln ? Zumindest sehe ich keine sinnvolle Unterscheidung zwischen "Mensch-Sein" und "Mensch-Handeln", da beides im Leben ein und dasselbe ist. Diese Frage ruft freilich unendlich Antworten hervor und spiegelt sich in den zahlreichen ethischen Theorien oder Ansätzen wider.

Ich würde dafür plädieren, dass wir die (absolute) Unterscheidung zwischen verschiedenen Sphären (individuell, rechtsphilosophisch, gesellschaftlich, ökonomisch etc.) fallen lassen, da wir ansonsten für jede Kategorie mit einer entsprechenden Logik antworten und so tun als würden sich die Kategorien per se ausschließen. Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Es hat durchaus Sinn verschiedene Kategorien zu benutzen aber nicht in einem sich gegenseitig ausschließenden Sinn, wie ich meine.
Verdeutlichung: Es gibt nicht den idealen individuellen, ökonomischen, rechtsphilosophischen oder gesellschaftlichen Menschen, sondern die Frage sollte "einheitlich" beantwortet werden. Dies sage ich, weil ich eine Abneigung dagegen entwickelt habe, Menschen jeweils auf eine Ebene festzunageln bzw. auf eine Logik zu reduzieren z.B. der Mensch ist ein Homo oeconomicus etc. und dadurch ein einziges Prinzip zu verabsolutieren.
paideia
Danke für eure interessanten Beiträge.

Zunächst möchte ich sagen, dass ich nicht unbedingt meine, dass wir alles gesetzlich verbieten müssen. Das wird im Einzelnen zu entscheiden sein. Ich meinte mit individueller Ebene die Frage, wie sollte ich handeln, ganz unabhängig erstmal von Gesetzen?

@ Winter_Misha:

Also, ich kann den Ansatz den du hier verfolgst nachvollziehen, aber nicht deine Herleitung smile

Der von der Evolution vorgegebene 'Selektionsdruck' ist schon eine (möglicherweise sogar falsche) Annahme, dessen Übertragung auf die Ethik nicht nur fehlerhaft ist, sondern auch fatal. Fatal deshalb, weil er genau zu der gesellschaftlichen (ökonomischen, sozialen, bildungstechnischen usw.) 'Selektionsethik' geführt hat, die du beschreibst. Richtig finde ich nun wiederum den Ansatz, dem so entstandenen (nicht unbedingt naturgegebenen) Selektionsdruck auf der einen Seite Einhalt zu gebieten, um der Gerechtigkeit und der Chancengleichheit willen, aber auch weil der Selektionsdruck als solches unmenschlich ist, und auf der anderen Seite die Freiheit des Individuums nach Entfaltung seiner Persönlichkeit zu wahren. Dein unterscheidender Ansatz gefällt mir und ich würde ihn auf der personalen Ebene ebenso wie auf der interpersonalen Ebene wie auf der gesellschaftspolitischen Ebene mit dem Prinzip der Authentizität begründen.

Zu diesem Ergebnis bin ich also erst einmal gekommen:

Die Authentizität von Individuen definiert als 'Echtheit' der Einstellungen, Meinungen, Wünsche, Handlungen etc. des Individuums ist erstrebenswert. Persönlich erstrebenswert deshalb, weil jede Person in erster Linie ihre eigene Persönlichkeit entfalten will, und nicht etwa die Erwartungen anderer oder der Gesellschaft erfüllen will (wobei es natürlich zur Entfaltung gehören kann sich gewissen Realitäten zu stellen, doch die übergeordnete Intention ist die Entfaltung der Persönlichkeit). Auf interpersonaler Ebene soll Authentizität einer Person herrschen, weil ich mit authentischen Personen zu tun haben will. Ich möchte nicht mit 'falschen' Personen zu tun haben (hierbei ist natürlich die 'Falschheit' im Sinne von Freundlichkeit eingelassen). Auf gesellschaftlicher Ebene wird man ebenfalls bestrebt sein authentische Persönlichkeiten zu 'produzieren', denn a) ist die Entfaltung der Persönlichkeit ein Recht (GG. Art. 2), b) dient es der Gesellschaft zufriedene Persönlichkeiten zu haben und c) aus Gründen der Gerechtigkeit (es soll nicht gelogen und betrogen, ungerecht gehandelt und ungleich behandelt werden).
Entscheidend für die Frage, ob wir das dürfen ist also, ob wir Enhancement zur Förderung unserer Persönlichkeit oder zur Verschleierung unserer Schwächen gebrauchen.
Gesetzlich zu regeln ist es dann, wenn durch Enhancement ein Schein hergestellt wird, der offensichtlich zu Ungerechtigkeiten aufgrund von Täuschungen führt.

Deine Beispiele sind wieder gut und passen zum Ansatz.

Dieser Ansatz würde auch der Forderung Shamatics nachkommen, die Ebenen nicht im ausschließenden Sinn zu gebrauchen.

Was meint ihr?
Shamatic
Hallo paideia !

Es ist keineswegs so, als würde ich deine Forderung nach "Authenzität" nicht verstehen, nur frage ich mich, wie man diese von "Falschheit" praktisch unterscheiden können soll. Es gibt für solch' "geistige" bzw. intuitive Kategorien keine objektiven Kriterien. Wissenschaftstheoretisch gesprochen: Das Begriffspaar von "Echtheit /Authentizität" und "Falschheit" lässt sich nicht bzw. nur schwierig operationalisieren. Es ist ein wenig, wie mit der Kategorie der "Mündigkeit" eines Menschen. Diese kann man auch nur vage und intuitiv feststellen.

Die Schwachstelle deines Ansatzes tritt vor allem hier

Zitat:
Entscheidend für die Frage, ob wir das dürfen ist also, ob wir Enhancement zur Förderung unserer Persönlichkeit oder zur Verschleierung unserer Schwächen gebrauchen.

und hier
Zitat:
Gesetzlich zu regeln ist es dann, wenn durch Enhancement ein Schein hergestellt wird, der offensichtlich zu Ungerechtigkeiten aufgrund von Täuschungen führt.
zutage.

Verschleierung von Schwächen <---> Förderung der Persönlichkeit
Schein (Täuschung, Falschheit) <---> Sein (Authentizität, Falschheit)

Wie bereits gesagt: Es ist schwierig mit diesen Kategorien zu arbeiten.
Winter_Misha
Hi,
@paideia

Ich persönlich bin mit meiner, auf den ersten Blick vielleicht kalten, Einstellung nicht gegen die persönliche Entfaltung. Ich gehe sogar davon aus, das diese nötig ist, um eine Gesellschaft voran zu bringen.

Das was in der Genetik als natürliche Mutation bezeichnet wird - [Ein Mittel um Vielfalt zu erzeugen, damit u.a auch positive Veränderungen eintreten, welche dann von der natürlichen Selektion "verschont" werden um die Spezies an sich weiter zu bringen] - ist in der Gesellschaft/Kultur meiner Meinung nach, die individuelle Persönlichkeit und Individualität an sich.
Die persönliche Entfaltung und die Freiheit dazu spielen bei mir, die Rolle der Mutation, so gibt es immer wieder[egentlich:immer] Abweichungen, von einem kulturellem Standard, diese Abweichungen, können unsere psych. Eigenheiten, Persönlichkeiten usw. sein. Wenn z.B ein Mensch zum Kannibalen wird, so wird er, entweder von der Gemeinschaft/Gesellschaft ausgestoßen, oder akzeptiert u.U kann es sogar dazu kommen, das seine "Einzigartigkeit" zu Standard erklärt wird. So wie man sowohl mit blauen, als auch mit braunen Augen, von der natürlichen Selektion in Ruhe gelassen wird, aber wenn man ohne Nieren geboren wird "ausgesondert" wird, so ist auch die Individualität an sich nichts schlimmes, sogar was gutes, und zwar ein Versuch, besserer Mensch zu sein/sich an der Entwicklung der Gesellschaft zu beteiligen. Sobald aber die Individualität sowas wie Massenmörder herausbringt, werden sie von der gesellschaftlichen Selektion, ausgesondert.
Du siehst also, meine Ansichten haben durchaus Platz für Individualität und Persönlichkeit. Wenn aber [und jetzt wird es wieder back-2-topic], eine Veränderung, sowohl physischer[ zb Implantat] als auch psychischer[ zb vorlügen ein Messias zu sein] Natur, mit der Absicht vollzogen wird, sich die Werkzeuge der Evolution[auch gesellaftlicher] zunutze zu machen, um eigene Ziele zu erreichen, dann wird es "übel". Man missbraucht die Werkzeuge der Evolution, um sich einen Vorteil zu schaffen, dabei verlieren diese Werkzeuge den Anspruch, absolut zu sein und werden unnütz.[Wo wir dann wieder bei meiner Differenzierung, zwischen gutartigen und bösartigen Enhancements ankommen]

[Entschuldigt, die unübersichtlichen Sätze mit den vielen Kommas]
Also mal ein Beispiel wie ich zwischen gutartigen und bösartigen persönlichen, Veränderungen unterscheide:

Beispiel der Funktion des Werkzeugs:
Ein Mensch sieht ein Verbrechen, und setzt sich für das Opfer ein, diese "eigenartigkeit" bekommt in der Gesellschaft eine hohe Resonanz, und die Kultur ändert sich auf lange sicht so, das es immer das Motto herrscht "Einer für alle - alle für einen".

Dies kam nur durch viele Aspekte der menschlichen Psychologie und Gruppendynamik zu Stande. Welche, meiner Meinung nach, auch ein Werkzeug der gesellschaftlichen Evolution sind. Nun gibt es aber Individuen die, des persönlichen Vorteils wegen, diese Werkzeuge missbrauchen.

Beispiel des Missbrauchs des Werkzeugs:
Diktatoren manipulieren Massen indem sie die Werkzeuge[die gleichen wie im oberen Beispiel] so einsetzen um ihre Idee als einen deutlichen Fortschritt darzustellen[quasi Propaganda]
Dies findet wiederum eine hohe Resonanz in der Gesellschaft, und Leute dienen "freiwillig" irgendwelchen Diktatoren. Obwohl die Richtung, in welche die Individualität der Diktatoren/deren Anhänger einschlug, eine Degeneration, zu dem früheren zustand ausmachte

Diese erst auf den physischen Enhancement [siehe meinen vorherigen Beitrag] bezogene Definition von gutartiger/bösartiger Veränderungen, im Sinne des Benutzens und des Missbrauchens der evolutionären Werkzeuge, funktioniert auch auf die Werkzeuge der gesellschaftlichen Evolution.

Was aber bei meiner oben genannten Definition nicht schlüssig ist, ist:
Wie unterscheidet man Gebrauch von Missbrauch? Nicht immer ist es so offensichtlich.

@Shamatic
Meinst du es vielleicht so, wie es in dem Film "Equilibrium" dargestellt wird?
In dem Film geht es im Grunde um eine Zukunftsvision, in der die Gesellschaft nach und nach die Emotionen, als Kern alles Übels tituliert hat, und "mit Hilfe" einer totalitären Regierung, dafür sorgte, das jeder Bürger ein Medikament immer wieder zu sich nahm, um Gefühlslos zu werden. Jeder der dieses nicht nahm wurde verfolgt und hingerichtet.

Wenn also jetzt der Chef seinen "aufbrausenden" Angestellten Emotionskiller verschreibt. Und nach und nach alle Unternehmen, nur noch solche Angestellten nehmen würden[da diese "leistungsfähiger" wären], so wären wir nicht weit von dem "Equilibrium"-Szenario entfernt.

Solche Szenarien sind gar nicht mal so absurd.

Die Frage wäre natürlich, ob es so schlimm wäre diese "Patchworks" als Standard einzusetzen, mir fällt kein Argument ein, der über die moralische Nörgelei hinausgeht.[diese Nörgelei würde nämlich mit dem "Patch" behoben werden Freude ]

-Winter_Misha
paideia
@ Shamatic:

Es ist mir schon klar, dass auf personaler und auf interpersonaler Ebene der Begriff der Authentizität nicht klar abzugrenzen ist. Hier liegt es wie bei vielen Dingen im Alltag im Ermessen des Einzelnen oder der Einzelnen mithilfe sowohl von Intuition als auch von Vernunft abzuwägen. Mein Vorschlag war, dass die Individuen sich die Richtungsfrage stellen: Befördere ich meine Persönlichkeit oder verschleiere ich meine Schwächen? Wissenschaftstheoretisch ist das natürlich unbefriedigend, ganz einfach weil es keine wissenschaftliche Frage ist, sondern eine Alltagsfrage.

Auf der gesellschaftspolitischen Ebene sieht das anders aus. Hier ist mein Vorschlag, bei offensichtlicher (belegbar durch statistische Verfahren der Wissenschaft) Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung aufgrund von Enhancement gesetzlich ein Riegel davorzuschieben. Wenn nicht mehr die Qualifikation, die Kompetenz, die kognitive und soziale Intelligenz, die Motivation etc. als solches auschlaggebend dafür ist, dass der eine Arbeitnehmer genommen wird und der andere nicht, sondern die Bereitschaft ein Pillchen zu nehmen, dann muss der Gesetzgeber intervenieren. Schein (Täuschung, Falschheit) sind doch heute schon Kategorien, die entscheidend für den Straftatbestand des Betrugs sind, oder irre ich mich?
Shamatic
Heyllo!

@peideia:

Zitat:
Mein Vorschlag war, dass die Individuen sich die Richtungsfrage stellen: Befördere ich meine Persönlichkeit oder verschleiere ich meine Schwächen?


Achso, du forderst gewissermaßen von den Menschen, die sich solche "Patchworks" anfertigen lassen wollen, dass sie diese möglicherweise tiefgreifende Änderung (ich denke da vor allem an neurologische Manipulationen --> Neuroimplantate) hinreichend reflektieren, nämlich insofern, dass sie versuchen ihre (unbewussten) Motivationen ans Tageslicht zu befördern. Ich könnte dieser Forderung auch generell zustimmen, nicht nur im Zusammenhang von "Enhancement". Es bleibt die Frage, wie wirksam solch eine Forderung sein kann: Meiner Meinung und Erfahrung nach verliert diese Form der selbstbewussten Reflexion ("Vernunft") gegen andere sozialpsychologische Kräfte (Neid, Wut, Rachelust, Frust, Vorteilssicherung etc.), was nicht bedeuten soll, dass es von nun an keinen Sinn mehr hat, solche Forderungen zu stellen.

Zitat:
Wenn nicht mehr die Qualifikation, die Kompetenz, die kognitive und soziale Intelligenz, die Motivation etc. als solches auschlaggebend dafür ist, dass der eine Arbeitnehmer genommen wird und der andere nicht, sondern die Bereitschaft ein Pillchen zu nehmen, dann muss der Gesetzgeber intervenieren.


Wie sieht es denn bei "dauerhaften" Änderungen aus ? Es wird sicherlich Punkte geben, zu denen einfach keine Unterscheidung mehr möglich ist zwischen dem "Patch" und der Person selbst. Wenn die "kognitive Intelligenz" oder sagen wir besser: bestimmte kognitive Fähigkeiten beispielsweise durch einen neurologischen Patch dauerhaft "verbessert" werden können, dann hat diejenige Person nunmal betreffende Eigenschaften. Wie kann jetzt noch gesetzlich interveniert werden ?

Zitat:
Schein (Täuschung, Falschheit) sind doch heute schon Kategorien, die entscheidend für den Straftatbestand des Betrugs sind, oder irre ich mich?


Ich kenne mich diesbezüglich leider so gut wie gar nicht aus, weiß aber ungefähr, was du meinst. Es gibt durchaus bestimmte Handlungen, die juristisch als "Betrugsversuch" oder "Täuschungsversuch" definiert werden z.B. wenn bei Vertragsabschlüssen wichtige Information vorenthalten wird und der eine Vertragspartner dadurch (materiellen, finanziellen) Schaden erleidet. Es gibt garantiert noch in vielen Bereichen ähnliche Kategorien, aber eine darüber hinaus gehende juristisch relevante Abstraktion von "Schein" gibt es meines Wissens nach nicht.

Damit will ich deutlich machen, dass auf dieser allgemeinen Ebene eine tragfähige d.h. operationalisierbare Unterscheidung zwischen Sein/Schein nicht möglich ist, abgesehen von Definitionsversuchen, die von Interessen gesellschaftlicher Gruppen geleitet sind. Ich stelle mir z.B. vor, dass die Wirtschaftsunternehmen/ Konzerne, die Enhancer warenförmig produzieren, Interesse daran haben, dass diese mit hohem Absatz auf dem Markt verkauft werden können. Dieser Logik folgend, werden umfangreiche Markentinstrategien entwickelt, die diese "Patches" in den heiligen Himmel preisen. Wenn die Kosumenten dieser Produkte gesellschaftlich gesehen in irgendeiner Hinsicht Nachteile bekämen bzw. die gepriesenen Vorteile nicht ausnützen könnten, dann wäre dies im Sinne der Verwertungslogik der Wirtschaftsunternehmen eine "schlechte" Sache d.h. ihre Produkte dürften unter keinen Umständen mit einer negativen Konnotation belegt sein, wie dies mit der Kategorie Schein/ Täuschung/ Falschheit der Fall wäre.

Wie "subjektiv" bzw. von dem dahinter liegenden Weltbild abhängig diese Unterscheidung Schein-Sein ist, zeigt sich auch darin, dass ich persönlich unglaublich viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens als Schein bezeichnen würde. Für mich gibt es z.B. auch Abstufungen des "Scheins" beispielsweise die "Werbung" und der ganze Komplex der Unterhaltungsindustrie als "höchster" Schein und das parlamentarische demokratische System als Schein, das eine "tatsächliche" Demokratie suggeriert. Aber das führt hier jetzt zu weit....
oui
Zitat:
Original von Shamatic
Zitat:
Original von oui
[quote]Original von paideia
Diskutiert werden soll die individuelle, die gesellschaftliche und die rechtsphilosophische Ebene.

Interessant finde ich in diesem Kontext, wie diese div. Ebenen die Frage: "Wie soll ein Mensch idealerweise sein?" beantworten würden.

Und: Beinhaltet diese Frage ein erstrebenswertes Gut oder dient sie verschiedenen Interessen?


Zitat:
Im Grunde wäre das gleichbedeutend mit der Grundfrage der Ethik: Wie soll der Mensch handeln ? Zumindest sehe ich keine sinnvolle Unterscheidung zwischen "Mensch-Sein" und "Mensch-Handeln", da beides im Leben ein und dasselbe ist. Diese Frage ruft freilich unendlich Antworten hervor und spiegelt sich in den zahlreichen ethischen Theorien oder Ansätzen wider.

Bei der Enhancement-Gretchenfrage-Frage: "Wie soll ein Mensch idealerweise sein?" geht es primär um das "idealerweise". Ist es ein erstrebenswertes Gut (Selbstbestimmung) oder dient es irgendwelchen Interessen anderer (Fremdbestimmung)?

Zitat:
Ich würde dafür plädieren, dass wir die (absolute) Unterscheidung zwischen verschiedenen Sphären (individuell, rechtsphilosophisch, gesellschaftlich, ökonomisch etc.) fallen lassen, da wir ansonsten für jede Kategorie mit einer entsprechenden Logik antworten und so tun als würden sich die Kategorien per se ausschließen.

Das sehe ich anders: Es ergeben sich bei Enhancement einige Fragen aus unterschiedlichen Bereichen, die nicht ausgeklammert werden können, da sie nicht nur eine einzelne Person betreffen, sondern auch teilweise die Allgemeinheit, z.B. bei der Überlegung, inwieweit die Allgemeinheit für gesunde Menschen aufkommen soll ? Ist es legal, sie dazu rechtlich zu verpflichten (einen Teil der Krankenkassenbeiträge dafür zu zahlen)?