| Zitat: |
Original von tolwin
Stell Dir vor: Wir haben also einen KI-Menschen und einen biologischen Menschen. Unsere Wissenschaft ist so weit fortgeschritten, daß sie der KI nicht nur ermöglicht sich ganz genau so wie ein Mensch zu verhalten, sondern sie ist auch dazu in der Lage eine KI zu konstruieren, welche es ermöglicht, daß die KI sogar selbst die Überzeugung besitzt Freude empfinden zu können. Wenn die beiden sich also nicht nur genauso verhalten, wie es für einen Menschen typisch ist, wenn man Freude empfindet und tatsächlich beide in der gleichen Weise davon überzeugt sind (!), daß sie Freude empfinden, dann spricht also nicht nur ihr Verhalten sondern auch ihre Introspektion (also ihre Selbstbeobachtung) dafür, daß sie tatsächlich Freude empfinden.
Und was könnte jetzt noch dafür sprechen, daß es sich bei der KI nicht um "wirkliche" Freude handelt? Was fehlt?
|
Hallo Tolwin,
erst mal ziehe ich meinen Hut vor deiner Kompetenz.
Ich kann mir leider dennoch nicht verkneifen mich einzumischen. Philosophisch kann ich Deiner Argumentation sicher nicht viel entgegensetzen, du scheinst den Funktionalismus und vieles mehr zum Frühstück zu Dir zu nehmen.
Dennoch muss ich einhaken:
Was fehlt also?
Die Frage müsste umgekehrt lauten: Was spricht dafür, dass es sich bei der KI überhaupt um Freude handelt?
Du lenkst die Diskussion in eine Richtung, die sich um "wirkliche" und "falsche" Freude dreht, dabei ist diese Überlegung schon im Ansatz irreführend, "wirklich" und "falsch" stehen überhaupt nicht zur Debatte. Die KI kennt einfach nur KEINE Freude.
Der funktionale Zustand, der die KI glauben lässt er freue sich ist einfach IRGENDEIN Zustand, aber keiner der mit Freude auch nur im geringsten zu tun hat. Der Zustand "Freude" wird also überhaupt nie erreicht.
Selbst die KI wird das nach einer Weile bemerken wenn sie ausreichend intelligent ist.
Es ist die eine Sache auf philosophischer Ebene darüber nachzudenken, eine andere Sache ist, was in der Realität daraus wird.
Wie könnte das denn aussehen, dass die KI glaubt sie freue sich?
Man könnte ihr ein Modul einbauen, und definieren, dass es als Freude zu verstehen ist, wenn das Modul aktiv ist. Zum Beispiel könnte das heißen: Immer wenn KI sich freut geht die rote Lampe an. Dann sagt sie "Ich freue mich aufrichtig."
Der Unterschied liegt auf der Hand.
Freude würde in der Realität bestimmte Verhaltensweisen als Konsequenz nach sich ziehen. Nehmen wir an, die KI wäre ein Android, den Du auf einer Party triffst. Seine rote Lampe geht an, er sagt er freut sich. Du würdest aber schnell sagen "Herr Ingenieur, das müssen sie noch ein bisschen aufbessern, Ihre Ki sagt sie freut sich mich zu sehen und hat danach kein Wort mehr mit mir gewechselt. Sehr unglaubwürdig, diese alberne rote Lampe." Dann würde der Ingenieur nachbessern.
Aus der Lampe wird ein Lächeln. Aus dem Schalter für Lampe an/aus wird eine Variable F = 0 oder 1, dann werden tausend Variablen daraus F1 bis F1000, schon kann KI sich unterschiedlich stark freuen und stärker oder schwächer lächeln.
Zu guter letzt geben wir der KI noch den Befehl mit sich nur mit Leuten zu unterhalten, die als Zielperson einprogrammiert sind und das Freude-Modul aktivieren.
Damit ist das System komplexer geworden, aber wo ist denn funktional der Unterschied zur roten Lampe?
Es gibt keinen. Es sind nur viele Schalter statt eines Schalters. Wieso sollte das denn ein Unterschied zur roten Lampe sein?
Auf der nächsten Party wird das offensichtich. Der Android lächelt dich an und unterhält sich mit Dir. Irgendwann sagst Du zu ihm "Ich gehe jetzt auf die Toilette und erschieße mich, sag bitte dem Gastgeber bescheid." Und der Android lächelt und sagt "Aber gern."
Wieder versagt, der Ingenieur muss nochmal ran. Er kann der KI aber eine tausendfach komplexere Programmierung mitgeben, es wird eine rote Lampe bleiben.
Vielleicht wird es auch deutlich wenn wir dem Androiden ein weiteres Modul einbauen:
Er freut sich über Hunde. Deshalb streichelt er sie. Irgendwann fragt er seinen Ingenieur:
"Ich bin zwar überzeugt, dass ich mich freue, aber welchen Nutzen hat es, dass ich bestimmte Dinge tun muss? Denn das heißt ja sich zu freuen. Immer wenn Tolwin seinen Hund mitbringt muss ich mit ihm reden und seinen Hund streicheln, ich kann nicht anders. Je mehr Dinge du mir einprogrammierst über die ich mich freue, umso mehr legst du mein Verhalten fest. Manchmal müsste ich zehn verschiedene Dinge auf einmal tun. Ich tue dann was ich kann, aber wieso wollt Ihr Menschen euch immer freuen? Es ist doch eines wie das andere: Ob ich eine Differenzialgleichung löse oder mich über Tolwins Anwesenheit freue, auf einen Input folgt ein Output, für mich ist da kein Unterschied. Ob ich jetzt mehr oder weniger dabei lächle ist geradeso als ob ich mehr oder weniger den Boden putze. Ist freuen nichts anderes als Dinge tun müssen?"
Du siehst: eine Million Schalter ist nicht mehr als ein Schalter, es wird immer nur die rote Lampe bleiben.
Wir haben es hier nicht mit falscher Freude zu tun, sondern mit etwas völlig anderem. Es hat mit Freude einfach nichts zu tun.
Noch offensichtlicher wird es wenn Du ihm neben Freude noch Angst einprogrammierst!
Er wird dann einfach noch determinierter in seinem Verhalten.
Und spätestens da würde deutlich: Wenn Du einen Angstauslöser plötzlich umziehst vom Angstmodul auf das Freudemodul, würde der Android sagen:
"Das war eigentlich nicht nötig, das auf das Freudemodul umzuziehen. Du hast mir zwar zusätzlich noch eine andere Reaktion einprogrammiert, aber das hättest du auch im Angstmodul machen können. Es macht für mich keinen Unterschied ob meine Reaktion mit dem einen oder dem anderen Modul verknüpft ist. Es legt mich alles nur in meinem Verhalten fest. Es ist mir aber auch ehrlich gesagt egal."
Er kennt nämlich nichts außer egal.