DE RERUM NATURA : Diskussionsplattform

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Ich würde mich sehr über eine Diskussion dieses so hoch umstrittenen Werks - der epikureischen Vulgata - freuen.

Um den Zusammenhang der Darstellung seines Inhalts nicht zu zerreißen, schlage ich vor, die Diskussion in diesen Parallel-Thread zu verlegen.
Christian
„Tritt ein, Fremder! Ein freundlicher Gastgeber wartet dir auf mit Brot und mit Wasser im Überfluss, denn hier werden deine Begierden nicht gereizt, sondern gestillt.“


Vielleicht sollte man zuerst etwas zu Epikur und den Epikureern sagen, den Gartenphilosophen?


Epikur hat Aristippos Lustethik weiterentwickelt und sie kombiniert mit Demokrits Atomlehre.
Er arbeitete heraus, daß der Mensch die Fähigkeit hat, eine „Lustberechnung“ anzustellen, wobei er Lust sehr weit definierte, also etwa auch als Freundschaft; daß das lustvolle Ergebnis einer Handlung immer mit ihren eventuellen Nebenwirkungen verglichen werden muß.
Die griechischen Ideale - Selbstbeherrschung, Gemütsruhe - sind eine wesentliche Voraussetzung für den Genuß des Lebens, denn die Begierde muß gezügelt werden.


„Warum sollte man Angst vor dem Tod haben“, fragte Epikur demonstrativ, „denn solange wir sind, ist der Tod nicht da, und sobald er da ist, sind wir nicht mehr.“

In dieser Auffassung griff er auf Demokrits Atomlehre zurück und seine Seelenatome.



Epikurs Zusammenfassung seiner Philosophie, das „vierfache Heilmittel“:

Zitat:
Die Götter brauchen wir nicht zu fürchten
Über den Tod brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.
Das Gute ist leicht zu erlangen.
Das Furchtbare ist leicht zu ertragen.




Die Epikureer interessierten sich wenig für Politik und Gesellschaft - „Lebe im Verborgenen!“, lautete Epikurs Rat. Daher ist seine Lebensphilosophie heutzutage weiterhin hochaktuell, denn den Garten können wir vergleichen mit einer Insel, welche viele suchen in der großen Gesellschaft als ihren Nothafen.
Zu klären wäre, ob unsere Spaßgesellschaft und der Leitspruch „Carpe diem“ ihrem Motto „Lebe im Augenblick“ entlehnt wurde auf vielen Umwegen.




Was mir nun an deinem Thread zu Epikur mißfällt, Arte, ist, daß der Kontext total wegfällt. Normalerweise beginnt ich ein Thema immer - und wenn ich sachunkundige Leser gewinnen will sowieso -, indem ich vom Allgemeinen ins Spezielle schwenke.

Nun frage ich mich, was bringt mir die Auseinandersetzung mit dem Werk, wo ich doch ungefähr weiß, was Epikur lehrte?
Besser wäre ein allgemein gehaltenerer Thread zu Epikur insgesamt, wo du ein paar Zitate aus diesem Werk einstreust.


winken
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Zitat:
Original von Christian
...Was mir nun an deinem Thread zu Epikur mißfällt, Arte, ist, daß der Kontext total wegfällt. Normalerweise beginnt ich ein Thema immer - und wenn ich sachunkundige Leser gewinnen will sowieso -, indem ich vom Allgemeinen ins Spezielle schwenke.


Wieso fällt der Kontext weg?
Lukrez hat diesen Kontext ohne Zweifel.
Wenn ich Schritt für Schritt berichte, was er geschrieben hat, sollte dieser Kontext nach menschlichem Ermessen doch nicht verlorengehen - es sei denn, ich mache alles falsch.

Ich kann nicht auf die von dir vorgeschlagene Weise an das Thema herangehen, weil ich ein Quellenstudium betreibe und mich mit einem ganz bestimmten Werk befasse, nämlich mit De Rerum Natura von Lukrez.
In diesem Zusammenhang halte ich es für richtig, Schritt für Schritt vorzugehen und - soweit es sich ergibt und den Rahmen nicht sprengt - Kommentare einzuflechten und auf Bezüge zu anderen Philosophen oder zu Naturwissenschaftlern hinzuweisen.

Zitat:
Nun frage ich mich, was bringt mir die Auseinandersetzung mit dem Werk, wo ich doch ungefähr weiß, was Epikur lehrte?

Ja, das weißt du offenkundig.
Ich wusste es aber auch, bevor ich mich dazu durchrang, den Lukrez zu lesen. Und obwohl ich das Wesentliche schon zu wissen glaubte, hat er mich in Erstaunen und Ver-/Bewunderung versetzt.

Erst dann, wenn man die epikureische Philosophie nicht nur im Großen und Ganzen, sondern auch im Detail kennt, sieht man, in wie vieler Hinsicht sie ihrer Zeit und insbesondere auch den auf ihre Abschaffung folgenden ca. 1,5 Jahrtausenden voraus war.
Und auch dann erst ist man in der Lage, diejenigen Gedanken, die sehr viel später von anderen aufgegriffen wurden, zu identifizieren.

Man tut dieser Philosophie m.E. auch Unrecht, wenn man sie auf die wenigen (richtigen) Sätze reduziert, mit denen du sie zusammengefasst hast.
Epikur hat nicht nur diese paar Sätze geschrieben, sondern eine Unzahl von 'Büchern'. Da wird noch wesentlich mehr dringestanden haben als in der Lukrez'schen Zusammenfassung.
Und Epikur hatte das alles sicher nicht für nix und wieder nix geschrieben.


Ob man sich dafür interessiert oder nicht, ist Geschmackssache.
Ich folge meinem eigenen Geschmack und Interesse in der Hoffnung, irgend einem Leser etwas Neues, Interessantes sagen zu können.
Vielleicht auch dir. smile
Moonhawk
Da gebe ich 1 1 ganz recht. Einen Philosophen/ ein Werk lernt man erst und nur dann wirklich kennen und verstehen, wenn man sich unmittelbar damit beschäftigt. Alle Urteile, die man vordem davon hat, sind nicht mehr als Vorurteile mit denen sich niemand, dem etwas an dem Philosophen/ Werk liegt, zufrieden geben wird/ kann.
Christian
„Der Weise hat immer mehr Dinge, die er will, als solche, die er haben will.“

Jaja, mir ist schon klar, worauf du aus bist.



Zitat:
Wieso fällt der Kontext weg?
Lukrez hat diesen Kontext ohne Zweifel.


Dein Einstieg war ohne Kontext - für mich und sicher auch für andere. Du mußt zu Beginn einen klaren Grund liefern, weshalb man das lesen sollte. Ich nehme an, es wäre wahrscheinlich nützlicher, sich intensiv mit Harry Potter zu befassen als damit. Das heißt, du mußt einen klaren Kontext umreißen, der die heutige Zeit einschließt.


Zitat:
Epikur hat nicht nur diese paar Sätze geschrieben, sondern eine Unzahl von 'Büchern'. Da wird noch wesentlich mehr dringestanden haben als in der Lukrez'schen Zusammenfassung.


Nun ja, viele Schriften aus dieser Zeit existier(t)en nicht mehr, von diversen Evangelien bis zu dieser erst kürzlich wiederentdeckten Schrift von... es war Archimedes, dächte ich.



Zitat:
Ob man sich dafür interessiert oder nicht, ist Geschmackssache.
Ich folge meinem eigenen Geschmack und Interesse in der Hoffnung, irgend einem Leser etwas Neues, Interessantes sagen zu können.
Vielleicht auch dir.


Hm, das wird sich wohl zeigen; verfolgen werde ich es gewiß. Sonne
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Zitat:
Original von Christian
... Du mußt zu Beginn einen klaren Grund liefern, weshalb man das lesen sollte. ...Das heißt, du mußt einen klaren Kontext umreißen, der die heutige Zeit einschließt.


Du meinst, ich hätte erst einmal die Werbetrommel rühren sollen? großes Grinsen

Wozu?
Lieschen Müller kauft sowieso keinen Lukrez.


Zitat:
Nun ja, viele Schriften aus dieser Zeit existier(t)en nicht mehr, von diversen Evangelien bis zu dieser erst kürzlich wiederentdeckten Schrift von... es war Archimedes, dächte ich.

Da besteht aber doch wohl ein kleiner Unterschied!
Im Fall Epikurs sind sämtliche (zahlreichen) Schriften einer ehemals weit verbreiteten Philosophie vernichtet worden - bis auf ein einziges Exemplar eines einzelnen Buchs, nämlich des Lehrgedichts von Lukrez.
Christian
Ja, Werbetrommel ist jedoch nie falsch... selbst Nietzsche braucht das unbedingt. nunja


Hm, also meinem Kenntnisstand nach waren die Epikureer eine recht kleine und bedeutungslose Gruppe, die ständig um ihr Überleben kämpfen mußte, was primär an den Dogmen lag.
Vielleicht sollten wir mal die Rolle der Philosophen dieser Zeit beleuchten?

Von Sokrates ist doch auch keine Schrift erhalten - und der ist sogar noch berühmter als Epikur.... gruebel
Nauplios
Ihr Lieben!

"Im Fall Epikurs sind sämtliche (zahlreichen) Schriften einer ehemals weit verbreiteten Philosophie vernichtet worden - bis auf ein einziges Exemplar eines einzelnen Buchs, nämlich des Lehrgedichts von Lukrez." (11)

Du meinst aber damit nicht, daß uns von Epikur selbst nicht erhalten wäre, 11, oder doch? - Wir besitzen ja zum Beispiel Epikurs Briefe an Menoikeus und Herodot sowie einige "Lehrsätze" und "Weisungen" ...

"Von Sokrates ist doch auch keine Schrift erhalten - und der ist sogar noch berühmter als Epikur...." (Christian)

Sokrates hat auch nie etwas geschrieben. -

Liebe Grüße

Nauplios
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Zitat:
Original von Nauplios
Du meinst aber damit nicht, daß uns von Epikur selbst nicht erhalten wäre, 11, oder doch? - Wir besitzen ja zum Beispiel Epikurs Briefe an Menoikeus und Herodot sowie einige "Lehrsätze" und "Weisungen" ...



Ja, richtig, es ist ein einziger Brief erhalten.
Außerdem kennt man ein paar Sprüche.
Der 'Katechismus' ist gleichfalls überliefert.
Und Epikurs Testament.

Das ist aber doch nicht das, was man als Epikurs Werk bezeichnen kann!


Zitat:
"Von Sokrates ist doch auch keine Schrift erhalten - und der ist sogar noch berühmter als Epikur...." (Christian)


1.
Sokrates ist berühmter als Epikur, weil er (soweit überliefert) weitenteils ein Geschöpf von Platon ist. Von Platon und Sokrates sprach vor 2000 Jahren kein Mensch, wohl aber von Epikur. Doch dann kam das Christentum, das Epikur zur Hölle schickte und Platon in den Himmel hob - in seinem Gefolge auch Sokrates. So einfach ergibt sich größere oder geringere Prominenz.

2.
Sokrates hat nichts, aber auch gar nichts geschrieben; es konnte also auch nichts vernichtet werden. Umso mehr wurde über ihn geschrieben, nämlich von St. Platon, und das wurde nicht vernichtet.

Bei Epikur liegen die Schätzungen meines Wissens zwischen 30 und 300 Büchern. Sie sind samt und sonders weg.
Da Epikurs Philosophie nie eine Sache der Unterschicht und der Analphabeten war, kann es auch nicht anders sein, als dass andere Anhänger seiner Schule gleichfalls zur Feder gegriffen haben - nicht nur Lukrez, von dem zufällig noch was erhalten geblieben ist.
Daran gemessen, ist fast alles vernichtet worden.


Dem Wüten der Bücherverbrennung ist daher die epikureische Philosophie zum Opfer gefallen, Sokrates aber keineswegs.
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Zitat:
Original von Christian
Hm, also meinem Kenntnisstand nach waren die Epikureer eine recht kleine und bedeutungslose Gruppe, die ständig um ihr Überleben kämpfen mußte, was primär an den Dogmen lag...


Dass es sich um eine kleine und bedeutungslose Gruppe handelte, kann eigentlich nicht sein.

Soweit ich weiß, kamen sogar aus Ägypten Schüler zu Epikur.
Vor rund 2000 Jahren waren die Stoiker und Epikureer meines Wissens die führenden Philosophen im Römischen Reich.
Auch in der Apostelgeschichte wird von einer Diskussion von Paulus mit Stoikern und Epikureern erzählt (da wär ich ja gern mal Mäuschen gewesen!).
Epikur war zunächst für die Stoa, dann vor allem aber auch für das Christentum das Feindbild schlechthin. Noch bei Dante (also zu einer Zeit, als die epikureische Philosophie ausgerottet war und eigentlich völlig in Vergessenheit hätte sein müssen) präsidiert Epikur im 6. Kreis des Inferno.
Zwei wichtige Gestalten im engsten Kreis um Augustus waren zumindest sehr deutlich epikureisch angehaucht, nämlich Maecenas und Horaz.
Cicero behandelt die epikureische Philosophie, als sei sie gängig (und ihm selbst nicht völlig fern liegend).

Das alles spricht doch wohl gegen eine Bedeutungslosigkeit dieser Philosophie.


Mit dem Kampf ums Überleben hast du aber - bezogen auf Epikur selbst - wohl Recht.
Die kümmerliche finanzielle Ausstattung des Gartens hatte aber wohl eher philosophische Gründe. Du hast die Anpreisung von Wasser und Brot ja selbst zitiert.

Bertrand Russell zitierte in einem Vortrag aus den 40er Jahren einen Brief Epikurs, in dem er schrieb, dass er für die Aufnahme eines bestimmten neuen Schülers Bezahlung verlangt. Russell hatte den Betrag umgerechnet und kam auf 1 Pfund Sterling pro Jahr. Das ist (für Unterricht, Kost und Logis) eigentlich gar nicht vorstellbar. Aber auch wenn er sich verrechnet hat, spricht alles dafür, dass E. wirklich nur einen Spottpreis verlangte, andererseits aber auch keinerlei 'Komfort' bot.

Ich denke, man muss sich den Kepos (Epikurs Garten, wie du weißt) wie einen Ashram vorstellen.
Zunächst einmal handelte es sich ja nicht nur um eine Philosophie, sondern auch um eine Theologie - das vielleicht sogar in erster Linie.
Bruno lag mit seiner Wortwahl antica e vera setta (antike und wahre Sekte) wohl nicht ganz daneben.
Der Meister war auch nicht nur Lehrer, sondern wurde als eine Art heiliger Mann angesehen (und benahm sich einigermaßen wohl auch so).
Lehrer und Schüler (nicht: Gäste der Kolloquien) wohnten zusammen und teilten sich alles. Privateigentum gab es nicht.
Den Garten muss man sich sicher nicht mit lauter Palmen, Bougainvillen und einem Biotop mit Lotosblüten vorstellen, sondern im Wesentlichen als Nutzgarten, der für den Lebensunterhalt unentbehrlich war und daher auch bestellt werden musste. Il faut cultiver notre jardin, wie Voltaire so schön schrieb.
Die ganze Angelegenheit war daher von einem Kloster kaum zu unterscheiden.
Saus und Braus und ein Sack voll Gold passte dazu nicht so recht, jedenfalls nicht bei Epikur (bei Anderen offenbar doch). Meines Wissens hat ihm ja niemand vorwerfen können, dass er das, was er lehrte, nicht auch gelebt hätte.
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Noch einmal zurück zur Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit der epikureischen Philosophie:


Die italienischen Ghibellinen (Anhänger Kaiser Friedrichs II.) scheinen ebeno wie der Kaiser selbst Epikur nahegestanden zu haben. Man muss davon ausgehen, dass hinter den verschlossenen Toren des Castel del Monte allerlei Erzketzerei vor sich ging, und nicht umsonst wird Dantes 6. Kreis der Hölle (Auf diesem Feld, das deine Blicke queren, siehst Epikur du mit den Seinen liegen und büßen für ihr jenseitsleugnend Lehren) von Ghibellinen bevölkert.


Der erste wichtige Fürsprecher Epikurs war am Ende des Mittelalters dann Lorenzo Valla.
http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2004-5/Valla.htm

Von da an sickerte diese Philosophie immer mehr in die philosophische Auseinandersetzung ein.

Ich finde das allerhand, wenn man bedenkt, mit welchem Nachdruck die Ausrottung dieser Lehre betrieben worden war und welch hohes Risiko jeder einging, der sich ohne Abscheu und Entsetzen auf Epikur berief!

Die Übermacht der christlich-platonisch-aristotelischen Fraktion wirkte aber noch jahrhundertelang fort.

Vergil ist daher ein Begriff - Lukrez aber nicht.
Nikolaus von Kues ist ein Begriff - Lorenzo Valla aber nicht.
René Descartes ist ein Begriff - Pierre Gassend aber nicht.
Galileo Galileis Weltbild gilt als super-fortschrittlich - verglichen mit dem weithin unbekannten Weltbild von Giordano Bruno stammt es aber aus der Mottenkiste.
Christian
Zitat:
Dass es sich um eine kleine und bedeutungslose Gruppe handelte, kann eigentlich nicht sein.

Soweit ich weiß, kamen sogar aus Ägypten Schüler zu Epikur.
Vor rund 2000 Jahren waren die Stoiker und Epikureer meines Wissens die führenden Philosophen im Römischen Reich.


Hm. War das möglicherweise erst nach dem Tod von Epikur?

Darüber hinaus hast du sehr recht, da gibt es nicht viel zu sagen.



Zitat:
Bruno lag mit seiner Wortwahl antica e vera setta (antike und wahre Sekte) wohl nicht ganz daneben.
Der Meister war auch nicht nur Lehrer, sondern wurde als eine Art heiliger Mann angesehen (und benahm sich einigermaßen wohl auch so).


Verträgt sich das überhaupt mit seiner Philosophie?



Zitat:
Alle Natur besteht aus diesen beiden Dingen:
Den Teilchen und dem Leeren.

Ein Drittes gibt es nicht.
Auch die Zeit existiert nicht an und für sich und getrennt von der Bewegung der Teilchen im Leeren.


Das gefällt mir gut! blumen
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Zitat:
Original von Christian
Zitat:
..Der Meister war auch nicht nur Lehrer, sondern wurde als eine Art heiliger Mann angesehen...


Verträgt sich das überhaupt mit seiner Philosophie?...


Warum nicht - solange niemand behauptete, er sei unsterblich?
Letzteres wird von Lukrez ja auch ausdrücklich klargestellt, denn er schreibt, ein sterblicher Grieche habe die Lehre begründet.

Der Haken am 'heiligen Mann' wäre für die alten Griechen und Römer wohl aber gewesen, dass sie damals noch gar keinen Begriff von 'Heiligen' und kein passendes Wort dafür hatten.
Also mussten sie sich mit dem 'Weisen' zufriedengeben und haben das wohl auch getan.

Das hinderte aber nicht, dass eine große Zahl von 'Heiligenbildchen' von Epikur im Umlauf waren. Natürlich handelte es sich nicht um bunte Bildchen, sondern um mehr oder weniger große oder kleine Büsten für den Philosophie- oder Meditationswinkel der Villa.
Wenn man bedenkt, wie viel davon ab 300 n.Chr. zertrümmert worden sein muss, ist noch immer erstaunlich viel erhalten.
Christian
Zitat:
Der Weise bewundert die Natur und das Wesen der Götter. Er versucht, sich ihnen anzunähern und strebt danach, sie gleichsam zu berühren und mit ihnen zusammenzusein. Auch nennt man die Weisen Freunde der Götter und die Götter Freunde der Weisen.

Die Grenze des Leidens ist das Untergehen, Sichauflösen und Nichtmehrsein.

Lebe im Verborgenen!



Wenn ich mir seine Lehrsätze betrachte, hast du zwar prinzipiell recht, es ist kein Verstoß, indes ist es auch nicht gerade empfehlenswert.

Nachvollziehbar ist es schon, daß die Einfältigen sich einen verständlichen Kristallisationspunkt suchen... bei den Religionen ist es ja ähnlich. Ich frage mich nur, weshalb Epikur das nicht unterbunden hat. Er muß sehr eitel gewesen sein.... gruebel

Hier sieht man gut, wie sich Philo und Religion erstaunlich schnell verbinden.
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Zitat:
Original von Christian
Nachvollziehbar ist es schon, daß die Einfältigen sich einen verständlichen Kristallisationspunkt suchen... bei den Religionen ist es ja ähnlich.

Nein, nicht nur bei den Einfältigen und bei den Religionen.
Jede Gruppierung braucht ein Identifikationsobjekt!
Das gilt insbesondere für solche Gruppen, die angefeindet werden und zumindest latent gefährdet sind - wie es die Epikureer mehr oder weniger stets waren.


Zitat:
Ich frage mich nur, weshalb Epikur das nicht unterbunden hat.

Die heiligmäßige Verehrung und göttliche Überhöhung von Buddha setzte wohl erst nach seinem Tod ein. Dagegen hätte Buddha nichts ausrichten können, wie uneitel er auch immer gewesen sein mag.
Vielleicht verhielt es sich bei Epikur ähnlich, wenn auch in geringerem Maß, da man aus Prinzip zur Nüchternheit tendierte? Bemerkenswert ist übrigens, dass man von diesem 'Heiligen' kein süßlich-kitschiges 'Heiligenbild' findet.


Zitat:
Hier sieht man gut, wie sich Philo und Religion erstaunlich schnell verbinden.

Einspruch!
Die epikureische Philosophie war von Anfang an - also seit Epikur - ganz bewusst und ausdrücklich auch Theologie und Religion!
Es wurde mit voller Absicht eine andersartige, nicht-metaphysische Religion abgeboten, die keinen Glauben erwang, sondern Vorbilder zur Selbstbesinnung und Verinnerlichung anbot.

Epikur verfolgte die menschenfreundliche Absicht, denjenigen etwas glücklicher oder etwas weniger unglücklich zu machen, der darauf Wert legte.
Da viele Menschen zu ihrem Glück die Religion offenbar brauchen, wäre es mit seiner Absicht nicht in Einklang gewesen, den Anhängern jedwede Religion zu nehmen. Auf den Glauben an hilfreiche Götter zu verzichten, war (und ist für viele noch heute) schon schwer genug.

Ich habe nicht den Eindruck, dass man das wirklich alles glauben musste.
Man konnte und durfte, wenn man wollte.
Niemals wurden irgendwelche Drohungen gegen denjenigen ausgestoßen, der nichts glaubte!

Was jedoch zweifellos verboten war: im Namen der eoikureischen Philosophie zu behaupten, dass es überhaupt keine Götter gibt.
Das hätte das Überleben der Philosophie und ihrer Anhänger ernstlich gefährdet.
Christian
Zitat:
Nein, nicht nur bei den Einfältigen und bei den Religionen.
Jede Gruppierung braucht ein Identifikationsobjekt!
Das gilt insbesondere für solche Gruppen, die angefeindet werden und zumindest latent gefährdet sind - wie es die Epikureer mehr oder weniger stets waren.


Ein interessanter Ansatz, wobei sich die Frage nach der Definition von Gruppe stellt. Tatsächlich hat jede größere Religion ein Identifikationsobjekt, aber auch jede kleine Naturreligion?
Was ist mit der Bundeswehr oder einem Volk?

Gibt es heutzutage noch Epikureer und wann sind sie ‘ausgestorben’?



Zitat:
Die heiligmäßige Verehrung und göttliche Überhöhung von Buddha setzte wohl erst nach seinem Tod ein. Dagegen hätte Buddha nichts ausrichten können, wie uneitel er auch immer gewesen sein mag.
Vielleicht verhielt es sich bei Epikur ähnlich, wenn auch in geringerem Maß, da man aus Prinzip zur Nüchternheit tendierte? Bemerkenswert ist übrigens, dass man von diesem 'Heiligen' kein süßlich-kitschiges 'Heiligenbild' findet.


Wäre möglich. Hat er sich niemals dazu geäußert?
Gab es von anderen Griechen etwa süßlich-kitschige 'Heiligenbilder'??? Also mir sind keine bekannt.



Zitat:
Einspruch!
Die epikureische Philosophie war von Anfang an - also seit Epikur - ganz bewusst und ausdrücklich auch Theologie und Religion!
Es wurde mit voller Absicht eine andersartige, nicht-metaphysische Religion abgeboten, die keinen Glauben erwang, sondern Vorbilder zur Selbstbesinnung und Verinnerlichung anbot.


Naja, war seine Göttersicht denn nicht metaphysisch? Im Grunde war sein Atomismus ebenfalls stark metaphysisch angehaucht, immerhin hatte er damals kein Mikroskop, oder?
Und Glauben spielte bei seiner Weltsicht ohne Zweifel eine große Rolle, denn diverse Aspekte konnte er nicht endgültig beweisen.

Wie wurde das eigentlich von den anderen philosophischen Schulen und ihren Identifikationsobjekten gehandhabt?


winken
Jener Einzelne
Ich habe Epikurs Briefe an Herodotus und Menoikeus sowie die überlieferten Aphorismen und Fragmente gelesen, konnte der Lektüre aber überhaupt nichts abgewinnen. Seine Gedanken machten mitunter einen fast schon 'banalen' Eindruck auf mich. Vielleicht gibt das genannte Werk des Lukrez mehr Aufschluss über seine Lehre - danke für die Empfehlung.
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Zitat:
Original von Christian
Tatsächlich hat jede größere Religion ein Identifikationsobjekt, aber auch jede kleine Naturreligion?
Was ist mit der Bundeswehr oder einem Volk?

Hamse alle.
--> Masse und Macht von Elias Canetti

Nicht einmal ein Kaninchenzüchterverein kommt ganz ohne aus - von einem Fußballverein mit Fahne und Maskottchen ganz zu schweigen!


Zitat:
Gibt es heutzutage noch Epikureer und wann sind sie ‘ausgestorben’?

Klar gibts sie noch! Surf mal bei Google.
Einen Kepos (Garden) gibt es z.B. in Kalifornien.
Vor nicht allzu langer Zeit hat ein französischer Vertreter klassisch epikureischer Thesen übrigens den Nobelpreis für Medizin gekriegt, und zwar für irgendwas auf dem Gebiet der Mutation des Erbguts. Frag mich nicht nach Einzelheiten; ich habe sie vergessen.


Zitat:
Gab es von anderen Griechen etwa süßlich-kitschige 'Heiligenbilder'??? Also mir sind keine bekannt.

Nehmen wir zum Beispiel mal St. Platon.
http://img.infoplease.com/images/plato.gif
http://www.physics-philosophy-metaphysic...s/Plato-320.jpg
http://www.maybelogic.org/maybequarterly...ay-Doh%2002.jpg
http://www.watson.org/~leigh/Plato.jpg

Die Wirklichkeit sah so aus: http://perso.wanadoo.fr/listephilo/platon.jpg


Zitat:
Naja, war seine Göttersicht denn nicht metaphysisch?

Nein.
Seine Götter befanden sich - wie alles andere auch - innerhalb des Weltraums und bestanden wie du und ich aus Materie.

Zitat:
Im Grunde war sein Atomismus ebenfalls stark metaphysisch angehaucht, immerhin hatte er damals kein Mikroskop, oder?

Witz!
Du glaubst doch wohl nicht, dass man Quanten heute sehen kann - und sei es mit dem stärksten Mikroskop der Welt!
Sie sind und bleiben absolut unsichtbar und können auch heute nur mittelbar erschlossen werden.

Und wie kannst du etwas, das sich ganz und gar mit der Erforschung der MATERIE befasst, Metaphysik nennen?

Dass nicht Glauben, sondern Hinsehen und Nachdenken die Parole war, erkennst du an Lukrez' Argumentationsstil: Er beruft sich niemals auf eine Offenbarung (weder auf seine eigene, noch auf die von Epikur), sondern fordert, dass man hinsieht und über die Argumente, die er für jede Behauptung bringt, nachdenkt.


Zitat:
Und Glauben spielte bei seiner Weltsicht ohne Zweifel eine große Rolle, denn diverse Aspekte konnte er nicht endgültig beweisen.

Das ist auch heute noch bei regulärer Naturwissenschaft so, insbesondere wenn sie sich mit dem Weltall und der Teilchenphysik befasst. Trotzdem ist es keine Religion.
Religion war bei Epikur nur die Verehrung der Götter.


Zitat:
Original von Jener Einzelne
Ich habe Epikurs Briefe an Herodotus und Menoikeus sowie die überlieferten Aphorismen und Fragmente gelesen, konnte der Lektüre aber überhaupt nichts abgewinnen. Seine Gedanken machten mitunter einen fast schon 'banalen' Eindruck auf mich...

Klar.
Es ist ungefähr so, wie wenn man einen Rückfahrscheinwerfer und eine Radkappe von einem alten Trabbi auf dem Schrottplatz findet.
Heute gibt es bessere Autos.
Dieser Trabbi wurde jedoch für über 2000 Jahren gebaut und gefahren.
Stell dir vor, mit dem Trabbi quer übers Forum Romanum zu fahren, Gaius Julius Cäsar direkt in die Hacken. Freude
Nauplios
Hallo 11!

Die Eingangsverse des II. Buches prägen eine metaphorologische Konfiguration, die weit über die epikuräische Philosophie hinaus Bedeutung hat - nämlich die Metapher vom Schiffbruch mit Zuschauer. (vgl. dazu auch die gleichnamige Untersuchung Blumenbergs) - Anvisiert ist hier bei Lukrez das Verhältnis von Philosoph und Wirklichkeit - oder etwas genauer von Glücksbedürfnis und dem rücksichtslosen Eigensinn der physischen Wirklichkeit. Im Fall Epikurs heißt das: Der Zuschauer in der nautischen Metapher ist nicht an der Erhabenheit der Gegenstände orientiert, sondern er genießt das Selbstbewußtsein, die Selbstbehauptung gegenüber dem Atomwirbel, aus dem alles besteht, was er betrachtet - auch er selbst. Der Gewinn der Philosophie Epikurs liegt demnach in dem unbetreffbar "festen Grund" der Weltansicht. Die Indifferenz der Theorie - griechisch verstanden als das Betrachten des Kosmos - ist der späte römische Reflex auf die Indifferenz der Wirklichkeit gegenüber ihrem Teilstück Mensch. Der per Theorie durch die Philosophie hindurchgegangene Weise ist dann ähnlich unberührt von der zudringlichen und gefährlichen - in der Metapher der gefährlichen Seefahrt wiedergegebenen - Welt wie es die epikuräischen Götter in den Intermundien sind. Der Mensch tut gut daran, sich in die Rolle des Zuschauers einzufügen und den sicheren "Grund" seines philosophischen "Standorts" nicht zu verlassen. - Schiffbruch mit Zuschauer als Paradigma einer Daseinsmetapher.

Liebe Grüße

Nauplios
Neukoelln
Dennoch existieren diese Götter.
Wenn man sie richtig versteht, sind sie sogar ganz klar beweisbar!

Epikur hat meines Wissens den einzig unumstößlichen Gottesbeweis geführt.
Gibt's nicht?
Gibt's!

Er lautet schlicht und einfach: Es gibt die Götter, weil die Menschen an sie glauben.

Dieser Satz wird fast immer missverstanden.
Man muss Platon und alle Platoniker und Neuplatoniker samt ihrer Gefolgschaft bei der Interpretation dieses Satzes völlig vergessen. Es hätte Epikur sehr fern gelegen, von einer allgemeinen Meinung oder Vorstellung (um die er sich sonst übrigens nie kümmert) auf eine dahinter stehende reale oder gar metaphysische Existenz zu schließen.
Es hat auch nichts damit zu tun, dass E. sich einfach mal auf Verdacht der allgemeinen Meinung angeschlossen hätte. Doch nicht ausgerechnet er!

Richtig ist vielmehr: Die Götter existieren, insofern die Menschen an sie glauben.
Sie existieren daher als Glaubensinhalte.

Hallo Alter Hase, vielen Dank für Deine Ausführungen smile Jetzt weiss ich, dass ich mich diesbezüglich den Epikuräern zurechnen kann, obwohl ich immer dachte, ich hätte diesen Gedanken selbst entwickelt. Während ich früher sagte: Es gibt keinen Gott sagte ich seit Jahren: Natürlichgibt es ihn - als Inhalt des Glaubens. Der Mensch hat ihn kreiert, so wie er materiell wie theoretisch vieles geschaffen hat in seiner Geschichte.

Ich lese mit Interesse Deine Ausführungen.

Gruß Marion roll Ich weiss nicht, wehalb es mir nicht gelingt, Zitate als solche sichtbar zu machen, sorry