witko
Ein Freund von mir hat sich mit Michel Foucault beschäftigt. Nachdem er hörte, dass ich Nietzsche lese, sind wir in eine Diskussion eingestiegen. Ausgangspunkt war, dass seines Wissens Foucault in seinem Denken durch Hegel, Max und eben auch Nietzsche beinflusst war.
Leider sind wir nicht vorangekommen, Gemeinsamkeiten herauszufinden. Während ich auf dem F´schen Auge blind bin, hat mein Gegenüber keinen Hintergrund zu Nietzsche - darum stocherten wir ziemlich im Nebel.
Könntet Ihr was zur Thematik sagen? Es ist alles willkommen, inklusive Hinweise auf Texte und/oder hilfreiche Links...
Viele Grüße
witko
Zanderdan
Ein fruchtbarer Ausgangspunkt könnte für euch der Tod Gottes sein, bei Nietzsche an den bekannten Stellen (Der tolle Mensch usw.), bei Foucault in Les mots et les choses (Die Ordnung der Dinge) zu finden.
Was Nietzsche Tod Gottes, wegwischen des Horizonts usw. nennt, heisst bei Foucault "falten der Diskurse in die Endlichkeit", aus dem eine neue "Formation" entsteht, die Foucault etwas eigenwillig Humanismus nennt. Diese Formation ist nach Foucault um 1800 entstanden und sie wird wieder verschwinden "wie der Abdruck eines Gesichts am Strand" (die grosse sprachliche Geste ist eine von einer Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen den beiden).
Eine Formation ist so etwas wie ein fundamentales Ordnungsprinzip. Foucault macht das im Vorwort zu Die Ordnung der Dinge anhand einer dieser wundervollen Erzählungen von Borges klar. In der Erzählung ist die Rede von einer chinesischen Enzyklopädie, in der die Tiere aufgezählt werden, und zwar etwa so: es gibt an Tieren a) solche die dem Kaiser gehören, b) räudige Hunde, c) solche, die mit einem sehr feinen Kamelhaarpinsel gezeichnet wurden usw. Diese Anordnung verstösst gegen unser grundlegenstes Ordnungsverständnis, sie entstammt einer ganz anderen Formation.
-> muss abkürzen:
Foucault beschreibt ibid drei solcher Formationen. Die klassische Formation, in der sich die Diskurse in die Unendlichkeit auffalten geht über in die "humanistische": das ist bei ihm der Tod Gottes.
Das alles aus dem Gedächtnis und ohne Gewähr. Zu Foucault kann ich dir das Vorwort von die Ordnung der Dinge und den Anhang von Deleuzes "Foucault" empfehlen.
Fionn
Klarer als dieses etwas spezielle Thema, auf das sich Foucault wohl eher exemplarisch stützt (also in der ABSICHT, sich auf Nietzsche zu beziehen), gibt es einige Übereinstimmungen genereller Natur:
1. Beide lehnen eine "Wahrheit hinter den Dingen" ab. Nietzsche tut das, weil er in der wissenschaftlich durchzogenen Metaphysik den Willen zur Macht wittert, der alle Dinge auf den durchschnittlichen Zweck ausrichtet und den radikalen oder genialen Gedanken als abnorm empfindet, weil diese sich nicht beherrschen lassen.
Foucault lässt außer unscharf beobachteten Diskursen in seiner Archäologie des Wissens und Genealogie der Macht nichts absolutes mehr zu: Alles ist bestimmt von der Art und Weise der Rede und der Macht des Blicks, der auf das Phänomen gerichtet wird; ob Gefängnis, Sex oder das Subjekt, alles ist Produkt sich gegenseitig manipulierender Diskurse und damit Wahrheit unmöglich.
2. Beide betrachten die Geschichte nicht anhand von Stationen, sondern anhand von Brüchen. Nietzsche untersucht (z.B. in der fröhlichen Wissenschaft) die Hintergründe der bürgerlichen Moral und der angeblich objektiven Wissenschaften und setzt z.B. den "Tod Gottes", also die Entgrenzung der Welt durch den Verlust des Gottesbezugs, noch ins Unbewusste des Menschen. Nur der "tolle Mensch", der Verrückte also (im Diskurs des Verrückten als Weisen, wie Foucault sagen würde), erkennt schon die Vorzeichen.
Foucault untersucht die Geschichte als Ablösung und untergründige Bewegung von allgemeinen "Epistemen" und Diskusrsherrschaftskämpfen miteinander. Ihn interessiert nicht die Setzung der Geschichte, sondern der Grund einer Wende, eines Anders-Verstehens oder eines Bruches. Beide sehen die Geschichte also als höchst Unbewusstes Unterfangen, auf das wir unsere Vorstellungen Aufprojizieren.
3. Beide fassen Philosophie als grundlegendes, wenn nicht weltveränderndes Denken auf. Nietzsche dient die Philosophie zur Hinterfragung der negierten und sinnlos gewordenen Welt auf der Suche nach der eigentlichen Welt ohne Schein und Illusion. Er durchbricht auf diesem Weg sogar die Grenzen des Fachdiskurses und setzt einige seiner höchsten Gedanken in ein bildgewaltiges Gleichnis, weil jede andere Form dieses absolut anderartige Denken nicht fassen kann.
Foucault betrachtet die Philosphie als "Verschiebung der Denkrahmen" und als "Modifikation des anderen Denkens, Handelns, Fühlens". Philosophie soll in einer beständigen Kritik dem Menschen immer wieder die Tiefgründigkeit und Dunkelheit der vermeintlich so klaren und einfachen Welt offenlegen; nur aber solange, bis auch die Methode des Offenlegens wieder zum Ziel der Kritik wird.
Gruß
Fionn
PS: Ich empfehle die Lektüre von "Die fröhliche Wissenschaft" von Nietzsche und "Überwachen und Strafen" als exemplarische Durchführung einer Diskursarchäologie.
witko
@Zanderdan, Fionn
Vielen Dank. Eure Beiträge waren echt hilfreich. Da werden wir uns mal ans Lesen machen...(der Tag müsste paar Stunden mehr haben...)
Viele Grüße
witko
PS: Wem noch etwas einfällt: Immer her damit.
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