Rhetorix
Aus dem Nachlass eines alten Nazis (ehemaligen SS-Offiziers) hatte ich mir eine Zarathustra-Ausgabe genommen, auf die sonst wohl niemand Wert legte.
Ich blättere darin und finde u.a. folgende Textpassagen angestrichen:
Ich sehe viel Soldaten: möchte ich viel Kriegsmänner sehn!...
Euch rate ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe.
Euch rate ich nicht zum Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf...
Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt...
Das Glück des Mannes heoßt: ich will. Das Glück des Weibes heißt: er will.
"Siehe, jetzt eben ward die Welt vollkommen!" - also denkt ein jedes Weib, wenn es aus ganzer Liebe gehorcht.
Und gehorchen muß das Weib und eine Tiefe finden zu seiner Oberfläche. Oberfläche ist des Weibes Gemüt, eine bewegliche stürmische Haut auf einem seichten Gewässer.
Des Mannes Gemüt aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen Höhlen: das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht.-
Die hatten beide nicht alle Tassen im Schrank...
mark
| Zitat: |
Original von Rhetorix
Die hatten beide nicht alle Tassen im Schrank... |
...und sind damit in guter gesellschaft.
rosinenpickerei ist übrigens keine sehr glaubwürdige methode.
gruss
Rhetorix
| Zitat: |
Original von mark
...rosinenpickerei ist übrigens keine sehr glaubwürdige methode... |
Ebenso pflegen Christen zu argumentieren, wenn man ihnen diverse bösartige Jesus-Worte (
abhauen und ins Feuer werfen etc.) vorhält.
Die Methode ist aber sehr verbreitet; mit ihr muss jeder rechnen, der mit seinen Sätzen an die Öffentlichkeit tritt.
Wer einen Kuchen mit giftigen Rosinen backt, darf sich also nicht wundern, wenn Leser sich nur diese Rosinen herauspicken, um anderen Leuten was Böses damit anzutun.
Phantom
Bei Nietzsche ist Rosinenpicken halt besonders daneben, weil sich in seinem Denken im Laufe der Zeit eine unglaubliche geistige Entwicklung zeigt, der man durch ein einzelnes Zitat wohl selten gerecht wird.
Gabs da nicht mal einen Kommentar in der Art von "Wer Nietzsche zitiert lügt"?
oder war es "wer Nietzsche zitiert hat ihn nicht verstanden"?
Auf jeden Fall war der Mann und was er sagte unglaublich vielfältig,
so dass sich nahezu jeder darin wiederfinden kann wenn er nur selektiv genug liest...
"'Nietzsche' ist eine Figur, in deren Namen man die unterschiedlichsten und vielfältigsten Ansichten zu rechtfertigen versuchte. Eine exzellente Studie neueren Datums (Aschheim 1996) zu Nietzsches Wirklung in Deutschland zwischen 1890 und 1990 listet unter anderem folgende Gruppierungen auf, die sich von seinem Werk inspirieren ließen:
'Anarchisten, Feministinnen, Nazis, religiöse Sektierer, Sozialisten, Marxisten, Vegetarier, Avantgarde-Künstler, Anhänger der körperlichen ertüchtigung sowie erzkonservative', und das sind noch längst nicht alle"
"In den sechziger und siebziger Jahren wurde er in zunehmendem Maße zum Leitstern für die Anhänger der kritischen Theorie, für Poststrukturalisten und Dekonstruktivisten." (Michael Tanner, Professor für Philosophie in Oxford und Cambridge)
mark
das war kein argument, das war eine feststellung.
wir wissen alle, dass man alles missbrauchen kann.
rechnen muss man mit allem möglichen. aber man kann sich nicht gegen böswillige umdeutungen schützen.
sicher finden sich in den evangelien martialische bilder. aber du springst einfach zu kurz, wenn du diese wörtlich verstehst und gegen den grundtenor ausspielst. das nenn ich dann rosinenpickerei.
dass es natürlich legitim ist sich aussagen herauszugreifen, das wird niemand bestreiten. aber die sollten dann eben auch beispielhaft sein.
solche rhetorischen rosinen sind auch nicht per se giftig. es gibt wohl keine formulierung die über jahrtausende hinweg nicht gänzlich anderes verstanden wird.
wobei wir uns sicher über die verschiedensten unsinnigkeiten einig wären. nur dient es niemandem das kind mit dem bade auszuschütten.
nur der himmel und vielleicht ein paar ambitionierte nietzsche kenner mögen wissen von was nietzsche da gesprochen hat. dass er deswegen nicht mehr alle tassen im schrank hatte...geht einfach ein bisschen zu weit. denn, gesetzt es wäre unsinn, wo kämen wir hin, wenn jeder, nur weil er mal unsinn erzählt, zumal wenn er viel erzählt, allein deswegen für nicht ganz voll genommen würde?
gruss
tolwin
Wobei einige Ideen natürlich wesentlich leichter für die eigenen Zwecke mißbraucht werden können als andere. Nietzsches Grundton und Grundtakt war ja sozusagen der dionysische Tanz, da kann man sich direkt besoffen lesen, man läßt sich mitreißen und schwebt schließlich in seinem Denken wir auf einem fliegenden Teppich, glaubend, alle niederen irdischen Probleme ließen sich mit der entsprechenden Portion Pathos schon überspringen: größer, höher, weiter.
So ein Denken läßt sich nur nicht dauerhaft durchhalten. Es hat etwas geradezu pathologisch Manisches an sich. Wer ausschließlich den Rat "always look on the bright side of life" befolgt, wird daran erblinden und dann über die dunkleren Seiten des Lebens stolpern. Denn sie lösen sich nicht einfach so in Wohlgefallen auf, nur, weil man sie ignoriert. Daß er auf der Schwelle zur geistigen Umnachtung dann dem Größenwahn erlag (und seine Briefe mit
Der Gekreuzigte oder auch
Der Antichrist unterschrieb) ist eben ein Zeichen dafür, daß dort sein Denken schon sich in der Auflösung befand. Dort, wo Nietzsche pathologische Symptome zu zeigen begann, wird er allerdings für mich uninteressant und man darf das Denken Nietzsches ebensowenig für seine Ausfälle am Ende in Haftung nehmen, wie man die Verspieler des inzwischen tauben Pianisten als Beleg dafür nehmen durfte, daß es mit der Musikalität Beethovens nicht weit her war.
Indem die Nazis sich den Begriff des Übermenschen aneigneten und flugs zum Herrenmenschen ummodelten, pervertierten sie genaugenommen Nietzsche nicht einmal. Sie besetzten nur einen Begriff, so, wie eine Armee ein Land besetzt. Mit dem antibürgerlichen, avantgardistischen, dialektisch ausgefeilten Denken Nietzsches hatte das spießbürgerliche, rückwärtsgewandte, vor allem aber intelligenzfeindliche Denken der Nazis nichts (Danke Jay - das war knapp

) zu tun.
Rhetorix
| Zitat: |
Original von Phantom
Bei Nietzsche ist Rosinenpicken halt besonders daneben, weil sich in seinem Denken im Laufe der Zeit eine unglaubliche geistige Entwicklung zeigt, der man durch ein einzelnes Zitat wohl selten gerecht wird. |
Dass Rosinenpicken bei Nietzsche besonders daneben ist, mag schon sein. Es verbleibt aber dabei, dass er es war und niemand sonst, der diese Rosinen in den Kuchen hineingebacken hat, und dass er wissen musste, dass viele Leute zum Rosinenpicken neigen und er daher etwas produzierte, was als Munition verwendet werden konnte.
Ob man bei Nietzsche von einer Entwicklung sprechen sollte, weiß ich nicht. Vielleicht wäre
Veränderung besser.
Ich finde manches im Zarathustra weniger
entwickelt , als vielmehr bedenklich ausgeartet.
| Zitat: |
| Auf jeden Fall war der Mann und was er sagte unglaublich vielfältig, so dass sich nahezu jeder darin wiederfinden kann wenn er nur selektiv genug liest... |
Ach wirklich?
Seltsamerweise habe ich den Eindruck, dass sich besonders gern die zornigen jungen Männer mit ihm identifizieren. Feministinnen eher weniger, fast so wenig wie der Papst.
Phil(osoph)
| Zitat: |
Original von Rhetorix
Dass Rosinenpicken bei Nietzsche besonders daneben ist, mag schon sein.
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Na dann lass' es doch.
| Zitat: |
Original von Rhetorix
und dass er wissen musste, dass viele Leute zum Rosinenpicken neigen und er daher etwas produzierte, was als Munition verwendet werden konnte. |
Demzufolge hätte man überhaupt nichts erfinden oder kreieren dürfen, was nicht irgendwie auch mißbraucht werden könnte, beispielsweise ein Brotmesser.
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Original von Rhetorix
Feministinnen eher weniger |
Daher rührt also der Wind...
Phantom
| Zitat: |
| Dass Rosinenpicken bei Nietzsche besonders daneben ist, mag schon sein. Es verbleibt aber dabei, dass er es war und niemand sonst, der diese Rosinen in den Kuchen hineingebacken hat, und dass er wissen musste, dass viele Leute zum Rosinenpicken neigen und er daher etwas produzierte, was als Munition verwendet werden konnte. |
Die von dir rausgepickte Rosine stellt natürlich eine sehr extreme Formulierung dar und verherrlicht scheinbar Dinge die nicht zu verherrlichen sind.
Wenn man diese Rosine wörtlich nimmt ist der Satz absolut kriegsverherrlichend...
Dagegen lässt sich wenig sagen.
Aber dass es nicht Frieden ist den die Menschen suchen (ich meine das damals im Kontext so gelesen zu haben -auf jeden Fall fand ich die Stelle damals eher einleuchtend als bedenklich- zumal ich sie weniger auf realen Krieg als auf das allgegenwärtige "sich an anderen messen" und an Leid und "an der Konfrontation wachsen" verstanden habe) ist eine Philosophie die man vertreten kann wenn man sich die Geschichte der Menschheit mal zu Gemüte führt.
Aber selbst wenn wir den Satz (der Rat zum Krieg) wie er dasteht mal als unentschuldbar schlecht stehen lassen, rechtfertigt das nicht,
ihn als die einzige NOCH ihn als die Gesamt-Aussage seiner Philosophie hinzustellen.
Auch und gerade im Zarathustra steckt VIEL mehr als Kriegsverherrlichung.
Allein das Konzept des Übermenschen ist ja schon wesentlich weiter gefasst.
und v.a. im vierten Teil geht es soweit ich mich erinnern kann auch -sehr bereichernd- um Relativismus und die erkenntnistheoretisch bedingte unmöglichkeit des völligen verstanden-werdens durch andere...
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Original von Rhetorix
Ob man bei Nietzsche von einer Entwicklung sprechen sollte, weiß ich nicht. Vielleicht wäre Veränderung besser.
Ich finde manches im Zarathustra weniger entwickelt , als vielmehr bedenklich ausgeartet. |
Entwicklung muss nichts positives sein...
(Auch wenn es wie gesagt einiges im Zarathustra gab das ich äußerst lesenswert fand.)
Es gab einen Nietzsche VOR dem Zarathustra (sehr lesenswert und verhältnismäßig friedfertig fand ich z.B. die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik) und mindestens einen danach.
Diese Entwicklungsstufen kann man nicht alle über einen Kamm scheren indem man Nietzsche verteufelt weil er auch schlechte Rosinen in den Kuchen gemacht hat.
Eine Aussage rauszugreifen wird (sofern man keine Kernaussage des Gesamtwerks nimmt) Nietzsches Denken nicht gerecht...
| Zitat: |
Original von Phantom
Auf jeden Fall war der Mann und was er sagte unglaublich vielfältig, so dass sich nahezu jeder darin wiederfinden kann wenn er nur selektiv genug liest...
| Zitat: |
Original von Rhetorix
Ach wirklich?
Seltsamerweise habe ich den Eindruck, dass sich besonders gern die zornigen jungen Männer mit ihm identifizieren. Feministinnen eher weniger, fast so wenig wie der Papst |
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Da scheint der Eindruck zu täuschen.
Auch wenn ich zugeben muss ebenfalls nicht zu wissen woher diese Studie die Feministinnen genommen hat die sich auf Nietzsche berufen
Tarvoc
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Original von Nietzsche
Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt... |
Nietzsche benutzt nicht immer die Begriffe so, wie wir sie kennen. Und man kann ihm durchaus anlasten, dass er damit einer Menge Leuten Rechtfertigungen für allen möglichen Quatsch liefert. Gerade diese Passage kann und sollte man - gerade vor dem Hintergrund des Zarathustra - aber vielleicht anders lesen, wenn man um eine vernünftige Auseinandersetzung bemüht ist. Wenn wir "Krieg" einfach als "Bemühung" oder "Streben" lesen (was im Gesamtkontext des Zarathustra u.U. durchaus naheliegen könnte), dann erhalten wir aus diesem Satz einfach die Aussage, dass der Zweck oder das Ziel des Strebens nicht die Mittel heiligt, umgekehrt jedoch die Mittel u.U. das Ziel rechtfertigen können. Und das ist eine Aussage, die aus meiner Sicht zumindest durchdenkenswert ist.
Rhetorix
Bei Nietzsche findet man eine erstaunliche Anzahl pubertärer Merkmale.
Ich habe den Eindruck, dass er zeitlebens nicht über die Stufe eines genial und wortgewaltig Pubertierenden hinausgelangt ist.
Gefährlich!
Tarvoc
| Zitat: |
Original von Rhetorix
Bei Nietzsche findet man eine erstaunliche Anzahl pubertärer Merkmale. |
Die finde ich auch manchmal bei anderen Leuten. Zum Beispiel gerade bei dir.
Phil(osoph)
| Zitat: |
Original von Rhetorix
Bei Nietzsche findet man eine erstaunliche Anzahl pubertärer Merkmale.
Ich habe den Eindruck, dass er zeitlebens nicht über die Stufe eines genial und wortgewaltig Pubertierenden hinausgelangt ist.
Gefährlich! |
Was ist denn ein genial Pubertierender? lol
carsten aus bochum
Jugendlicher Trotz gepaart mit potenter Denkkraft, z.B.
Phil(osoph)
Das ist für mich ein Widerspruch in sich.
carsten aus bochum
Rawum?
Rhetorix
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Original von Tarvoc
| Zitat: |
Original von Rhetorix
Bei Nietzsche findet man eine erstaunliche Anzahl pubertärer Merkmale. |
Die finde ich auch manchmal bei anderen Leuten. Zum Beispiel gerade bei dir.
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Ich hätte meine Spülmaschine darauf verwettet, dass irgendwer genau diese dumme Bemerkung loslässt!
Tarvoc
| Zitat: |
Original von Rhetorix
Ich hätte meine Spülmaschine darauf verwettet, dass irgendwer genau diese dumme Bemerkung loslässt!
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Tja, warum wohl?
Phil(osoph)
| Zitat: |
Original von carsten aus bochum
Rawum? |
Ich habe bei meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen die Erfahrung gemacht, dass Ersteres Zweiteres meistens ausschließt und umgekehrt. ;-)
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