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Die epikureische Philosophie ist selbst unter Philosophen weitestgehend unbekannt, sieht man einmal von einigen wenigen Grundzügen ab, die sich herumgesprochen haben.
Die Ursachen hierfür sind, dass sie dem Christentum als Feinbild schlechthin galt, sämtliche Schriften Epikurs bis auf ein paar kümmerliche Fragmente ab dem 4. Jahrhundert vernichtet wurden und auch von der kunstvollen Zusammenfassung der epikureischen Lehre durch den Dichter-Philosophen Titus Lucretius Carus nur ein einziges Exemplar wie durch ein Wunder der Zerstörung entging.
Die Zeitalter, Jahre, Monate und Stunden,
Töchter und Waffen der Zeit und ihr Gefolge,
Dem nicht Eisen, nicht Diamant widersteht,
Haben mich von ihrem Wüten verschont...
(G. Bruno, einleitendes Gedicht zu De l' infinito universo et Mondi)
Nachdem das Werk des Lukrez wieder ausgegraben worden war, empfahl es sich aber immer noch nicht, das selbstverständlich streng indizierte Buch zu lesen oder gar zu verteidigen.
Auf Grund seiner Lästerlichkeit und der vermeintlichen Absurdität des darin vertretenen Welt- und Gottesbildes geriet es trotz seines hohen künstlerischen und philosophischen Ranges nie in den Kanon der klassichen philosophischen Literatur. Ganz im Gegenteil!
Erstaunlicherweise ist es dabei bis heute weitgehend geblieben.
Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier und bevorzugt die vertrauten Wildwechselpfade.
Mich hat kein anderes philosophisches Werk je so beeindruckt wie dieses.
Ich will daher versuchen, es Interessierten Schritt für Schritt bekannt zu machen - in der Hoffnung, dass mein Durchhaltevermögen dazu ausreichen wird.
Wer mit diesem Werk konfrontiert wird, mag sich immer vor Augen führen, dass es sich um eine getreuliche Zusammenfassung einer 2.300 Jahre alten Philosophie handelt.
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1. Buch
Z. 1 - 43
Mutter der Äneaden, Wonne der Menschen und Götter,
holde, segenspendende Venus: ...
du allein, Göttin, lenkst alle Dinge,
nichts dringt ohne dich zum Licht,
nichts Frohes und Liebliches entsteht ohne dich.
Darum sei du mir Gefährtin beim Schreiben
der Verse zum Lobpreis der Natur...
Lukrez beginnt sein Werk mit der Anrufung der Venus als der Mutter der Äneaden, d.h. der Abkömmlinge des Äneas (aus mythologischer Sicht: aller Römer).
Er beschreibt sie als Ursprung des Lichts und als Lenkerin aller Natur.
An späterer Stelle werden wir jedoch erfahren, dass die Göttin - wie alle anderen Götter - nicht im landläufigen Sinn, sondern symbolisch aufzufassen ist, und dass sie insbesondere auch nicht wirklich 'lenkt', d.h. ins Geschehen der Natur und die Schicksale der Menschen eingreift.
Einen Vorgeschmack auf die epikureische Auffassung vom Wesen der Götter erhalten wir gleich anschließend:
Z. 44 - 49
Es erhellt aus sich selbst, dass das göttliche Wesen
sich unsterblichen Lebens und vollkommenen Friedens erfreut,
abgeschieden von unseren Leiden und Sorgen,
frei von allem Schmerz und allen Gefahren,
aus sich heraus stark, unserer nicht bedürftig,
von Vorzügen nicht verlockt und vom Zorn nicht bezwungen.
Die Götter sind erleuchtete, glückselige Existenzen.
Sie ähneln den Erleuchteten des Buddhismus, der zur Zeit Epikurs bis nach Griechenland hinein Proselyten machte.
Ihre Unsterblichkeit bedeutet, wie wir später erfahren werden, übrigens nicht, dass sie in alle Ewigkeit existieren werden.
Z. 62 - 83
Auf die Lobpreisung der glückseligen Götter folgt die LAUS INVENTORIS , der LOBPREIS DES ERFINDERS (Begründers der Philosophie), dem er, protokollarisch korrekt, in zweiter Linie seine Reverenz erweist:
Als die Menschheit auf ein schmachvolles Erdenleben blickte,
das von der Wucht eines Aberglaubens niedergedrückt wurde,
der sie mit gräulicher Fratze bedrohte,
wagte als Erster ein sterblicher Grieche,
den Blick des Scheusals zu erwidern und ihm mutig zu trotzen.
Nicht Göttergefasel, nicht Blitz und Donner erschreckten ihn...
Gemeint ist selbstverständlich Epikur, dessen Namen Lukrez jedoch (mit einer einzigen Ausnahme) konsequent vermeidet.
(Bruno wird es später weitgehend ebenso halten - mit der Folge, dass man meist nur erkennt, auf wen er sich bezieht, wenn man Lukrez gelesen hat)
Lukrez fährt fort:
Der 'Inventor' habe die verschlossenen Pforten der Mutter Natur aufgebrochen, den Fuß über die Mauern des Weltalls hinaus gesetzt, das Universum gesitig durchdrungen und die Wahrheit als Siegesbeute zur Erde herabgeholt.
So liegt uns die abergläubische Angst vor den Göttern unter den Füßen
und wird zur Vergeltung zertreten; uns hebt der Sieg in den Himmel.
(Dieser Abschnitt ging später in Teil 2 und 3 des Dreifach-Sonetts ein, das Bruno seinem Werk vom Unendlichen, dem Universum und den Welten voranstellte)
Moonhawk
Vielleicht sollte ergänzt werden, dass De rerum natura Über die Natur/ das Wesen der Dinge oder Von der Natur/ dem Wesen der Dinge bedeutet.
Eine Frage dazu: Das Buch aus dem du zitierst ist geschrieben von Titus Lucretius Carus, welcher darin die Philosophie Epikurs referiert? Und dieses Buch ist im Handel erhältlich? Unter welchem Titel?
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| Zitat: |
Original von Moonhawk
Vielleicht sollte ergänzt werden, dass De rerum natura Über die Natur/ das Wesen der Dinge oder Von der Natur/ dem Wesen der Dinge bedeutet. |
Danke. Das hätte natürlich vorangestellt werden müssen.
Außerdem habe ich versäumt, darauf hinzuweisen, dass das gesamte umfachreiche Werk in Hexametern geschrieben worden ist.
| Zitat: |
| Das Buch aus dem du zitierst ist geschrieben von Titus Lucretius Carus, welcher darin die Philosophie Epikurs referiert? |
Ja
| Zitat: |
| Und dieses Buch ist im Handel erhältlich? Unter welchem Titel? |
Ich benutze
1. De rerum natura/Welt aus Atomen - von Reclam
2. Von der Natur - von Artemis & Winkler (Sammlung Tusculum, teuer)
verwende die Reclam-Ausgabe zum Anstreichen, beide Ausgaben nebeneinander zum Vergleich der Übersetzungen, und den Stowasser zur zusätzlichen Kontrolle.
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Z. 84 - 149
Lukrez beschwichtigt den Leser, dass er nach diesen starken Worten gegen die RELIGIO (Religion/Aberglauben) nicht etwa befürchten muss, er wolle ihn mit verbrecherischen Lehren auf einen frevelhaften, gotteslästerlichen Weg bringen.
Frevelhaft ist vielmehr, was der Aberglaube vielfach hervorbringt: in erster und schrecklichster Hinsicht das Menschenopfer.
Dann beschreibt er in starken Worten das Schicksal der Iphigenie/Iphianassa, die, als Braut gekleidet, ihrem Vater in Aulis entgegenschritt, ihren Schrecken, als sie erfuhr, dass sie nicht zu ihrer Hochzeit, sondern zur Hinrichtung schritt, und die rohe Gewalt, mit der sie zum Opferblock geschleift wurde.
Lukrez greift der schönen Form halber zur Beschreibung des Menschenopfers auf den legendären Fall der Iphigenie zurück. Er hätte zu seiner Zeit jedoch auch auf zeitgenössische Rituale verweisen können.
(Zu unserer Zeit stellt man fest, dass das Menschenopfer zwar offiziell allgemein abgeschafft ist. Dennoch hat es seit Lukrez nie eine Zeit gegeben, bis heute nicht, durch die die Religionen nicht eine Spur von Menschenblut gezogen hätten.)
Er beschwört den Leser, sich nicht von den drohenden Worten der Priester beeindrucken und von der epikureischen Philosophie vertreiben zu lassen.
Zwar höre man überall von ewigen Strafen nach dem Tode. Diese Worte könnten jedoch nur den Unwissenden in Angst und Schrecken versetzen.
Er, Lukrez, werde Finsternis und Seelenterror vertreiben, und zwar mit dem Licht des Verstandes und der Naturerforschung.
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Im Folgenden wendet Lukrez sich der Naturerklärung zu, die, wie wir gesehen haben, nicht um ihrer selbst willen, sondern zur Vertreibung der Schrecken der Seele und der religiösen Frevel betrieben wird.
Z. 149 - 264
Sie hat ihren Ausgangspunkt bei dem Lehrsatz,
Dass nichts je auf göttliche Weise aus dem Nichts entsteht.
Es gibt keine göttliche Schöpfung.
Alle Dinge entstehen vielmehr aus ihren 'Samen'.
Für diese 'Samen' verwendet Lukrez verschiedene Bezeichnungen: semina (Samen), primordia (von erster Ordnung), corpora (Körper) oder principia (Anfänge).
Gemeint sind selbstverständlich Demokrits und Epikurs atomoi.
Man darf sie keinesfalls mit Atome übersetzen, weil das Wort Atom in unserem Sprachgebrauch etwas anderes bedeutet als das atomos oder primordium der antiken Atomisten.
Der Sache nach richtig ist wohl Teilchen.
Lukrez schöne Wortschöpfung primordium fand übrigens auch in der Physik Gefallen, wurde aufgegriffen und ging in den Begriff der primordialen Nukleosythese ein.
http://de.wikipedia.org/wiki/Primordiale_Nukleosynthese
Lukrez weist im Vorgriff auf Späters schon hier darauf hin, dass das Entstehen wörtlich zu nehmen ist.
Die Dinge sind also weder von einem Augenblick auf den anderen fertig vorhanden, noch sind sie seit aller Ewigkeit existent.
Hierzu bedarf es vielmehr des Wirkens der Zeit, auf deren Wesen er noch zurückkommt.
Die Zeit bewirkt das Entstehen und Vergehen aller Dinge.
Sie schafft eine Verbindung der Teilchen und löst sie auch wieder auf.
Hieraus folgt, dass nichts zu nichts vergeht, sieht man einmal von der Verbindung als solcher ab.
Die Teilchen formieren sich (falls es sich ergibt) vielmehr zu anderen, neuen Dingen.
Sie fügen sich jedoch nicht zu beliebigen Dingen zusammen, sondern nur zu denen, die aus ihnen bestehen können.
Das Wirken der Natur bedingt demnach den permanenten Zerfall von Teilchen-Verbindungen - auf biologische Verbindungen bezogen: den Tod.
Also geht von allem Sichtbaren nichts völlig zugrunde,
Denn die Natur schafft eins aus dem anderen und duldet kein Werden,
Wenn nicht des einen Geburt aus dem Tode des anderen entsteht.
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"Du glaubst mir vielleicht nicht, weil Teilchen unsichtbar sind?" fragt Lukrez den Leser.
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An dieser Stelle schicke ich ihn erst einmal in eine kurze Pause, um ein paar Anmerkungen einzuflechten, und zwar über diese beiden Vorurteile:
Epikureer sind gottlos.
Materialisten glauben nur an das, was sie sehen.
Schon ersten 200 Zeilen von Lukrez genügen, um diese beiden Vorurteile zu widerlegen.
1. In Übereinstimmung mit Meister leugnet Lukrez die Götter keineswegs. Sie sind sogar so wichtig, das er das Werk schicklicherweise mit ihnen beginnt (er wird später auf sie zurückkommen).
Diese Götter sind nicht nur unsichtbar, sondern im Unterschied zu (fast?) allen anderen Göttern auf überhaupt keine Weise wahrnehmbar, nämlich auch nicht mittelbar durch ihr Wirken. Man kann ihnen nicht ein Huhn oder eine Kerze opfern und einen sich anschließend ereignenden Glücksfall dem dankbaren oder gnädigen Eingreifen der Gottheit zuschreiben, denn das wäre finsterer Aberglaube, der bekanntlich am Boden liegt und zertreten wird.
Dennoch existieren diese Götter.
Wenn man sie richtig versteht, sind sie sogar ganz klar beweisbar!
Epikur hat meines Wissens den einzig unumstößlichen Gottesbeweis geführt.
Gibt's nicht?
Gibt's!
Er lautet schlicht und einfach: Es gibt die Götter, weil die Menschen an sie glauben.
Dieser Satz wird fast immer missverstanden.
Man muss Platon und alle Platoniker und Neuplatoniker samt ihrer Gefolgschaft bei der Interpretation dieses Satzes völlig vergessen. Es hätte Epikur sehr fern gelegen, von einer allgemeinen Meinung oder Vorstellung (um die er sich sonst übrigens nie kümmert) auf eine dahinter stehende reale oder gar metaphysische Existenz zu schließen.
Es hat auch nichts damit zu tun, dass E. sich einfach mal auf Verdacht der allgemeinen Meinung angeschlossen hätte. Doch nicht ausgerechnet er!
Richtig ist vielmehr: Die Götter existieren, insofern die Menschen an sie glauben.
Sie existieren daher als Glaubensinhalte.
Ob diese (als solche real existierenden) Glaubensinhalte sich auf etwas Weiteres, real Existierendes beziehen, also ob es diese glückseligen Wesen irgendwo in den Weiten des Universums tatsächlich gibt, ist bedeutungslos, da wir von ihnen ohnehin nichts merken würden.
Epikurs Götter werden als Meditationshilfen angeboten. Darin erschöpft sich ihr Sinn.
Als solche sind/waren sie offenbar existent.
Wer würde das bestreiten?
Dieser Gottesbegriff ermöglichte es E. dann auch, den Götter-Glaubensinhalt für seine Anhänger frei nach seinem philosophischen Ermessen zu definieren, nämlich entsprechend dem Ziel seiner Philosophie als Inbegriffe und Vorbilder der heiteren und friedlichen Glückseligkeit.
2. Aber auch außerhalb der Theologie mutet die durch und durch materialistische Philosophie des Gartens das Fürwahrhalten des Unsichtbaren zu.
Ihr naturwissenschaftliches Weltbild ruht auf 2 Säulen, und sie sind alle beide unsichtbar - nicht mit den Augen zu sehen, sondern 'nur' mit dem Verstand zu erschließen.
Eine der Säulen besteht aus den Atomoi-Primordia-Teilchen.
Die andere folgt gleich hinterdrein.
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"Du glaubst mir vielleicht nicht, weil Teilchen unsichtbar sind?" fragt Lukrez den Leser.
Dann rät er ihm, sich einen reißenden Strom vorzustellen, der mit dem dahinschließenden Wasser beträchtliche Zerstörung anrichtet.
"Siehst du", sagt er, "so wie das Wasser wirkt auch der Sturm. Er besteht nur aus Luft. Du siehst sie nicht, aber an ihrer Wirkung erkennst du, dass die unsichtbare Luft genauso gut Materie ist wie das sichtbare Wasser. Oder denk an Gerüche. Es ist nicht Nichts, sondern Materie, die dich da berührt. Also sage nicht, dass Materie (ein Ding) nicht existiert, nur weil du nichts davon siehst! Lies lieber, was ich dir über die Teilchen sagen will."
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Z. 329 - 449
"Nun bist du auf dem rechten Weg und wirst die Wahrheit Schitt für Schritt erkennen, genau wie ein Hund, den man auf die richtige Fährte setzt", fährt Lukrez fort.
Denn wie die bergddurchstreifenden Hunde oft
Des Wildes laubumhülltes Lager mit der Nase erspüren,
Sind sie erst einmal auf die sichere Fährte gesetzt,
So wirst auch du eins aus dem anderen schließen
Bei diesen Fragen, in dunkle Verstecke dringen
Und die Wahrheit ans Licht ziehen...
(Lukrez)
In den Wäldern ließ der junge Aktaion,
Der den Tieren des Waldes auf der Spur war,
Seine Bulldoggen und Jagdhunde von der Leine,
Als das Schicksal ihm einen ungewissen Weg wies.
(Bruno, Degli eroici furori)
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Nun kommen wir zur zweiten Säule unserer Philosophie, schreibt Lukrez.
Auch sie ist unsichtbar, aber man kann sie mit dem Verstand erschließen.
Vergiss den Unsinn, den man dir von festen, dichten Substanzen und vom Horror vacui in den Kopf gesetzt hat!
Alles ist in Veränderung und Bewegung. Das liegt daran, dass die Teilchen selbst sich permanent bewegen.
Wie sollten sie sich aber bewegen können, wenn die Materie komplett dicht wäre?
Vielleicht wendest du jetzt ein, andere Teilchen würden beiseite geschoben, wie Fische das Wasser beiseite schieben. Aber das wäre Unfug, denn wohin sollen sie denn in einer komplett dichten Materie ausweichen? Alles würde erstarren, und die Veränderungen, die du doch mit eigenen Augen beobachtest, wären nicht möglich.
Du siehst also, dass die beweglichen Teilchen zwingend auf Abstände angewiesen sind!
Diese Abstände bestehen aber nicht nur zwischen den sichtbaren Körpern, sondern auch innerhalb derselben ist Bewegung und Abstand der Teilchen.
Dass es sich so verhält, erkennst du am unterschiedlichen spezifischen Gewicht der Dinge. Dieser Unterschied beruht nämlich auf der unterschiedlichen Teilchen-Dichte, die ihrerseits verschieden große Freiräume der Teilchen innerhalb der Vergleichsobjekte voraussetzt.
Wir nennen diesen Platz oder Raum inane (die Leere).
Alle Natur besteht aus diesen beiden Dingen:
Den Teilchen und dem Leeren.
Ein Drittes gibt es nicht.
Auch die Zeit existiert nicht an und für sich und getrennt von der Bewegung der Teilchen im Leeren.
Wenn du dich in einem Zustand friedlicher Ruhe befindest, spürst du sie nicht und bist quasi außerhalb der Zeit.
Lukrez mutete seinem Leser vor über 2000 Jahren - zur Zeit Cäsars - also zu, sogar einen Marmorbrocken als eine lockere Verbindung von Teilchen aufzufassen, die sich mit Abständen voneinander (und dazwischen bestehender Leere) in permanenter Bewegung befinden.
Er befand sich damit selbstverständlich in völliger Übereinstimmung mit Epikur.
Als Zumutung erscheint ihm das dennoch nicht. Blinder Glaube wird doch nicht verlangt - sondern nur Hinsehen, Nachdenken und Kombinieren!
Wenn wir vor allem den Sinnen nicht trauen,
Fehlt uns der Grund, auf den gestützt wir verborgene Dinge
Mit verständigem Geist zu erforschen vermöchten.
(Lukrez)
Den Sinnen hast du dann zu trauen.
Nichts Falsches lassen sie dich schauen,
Wenn dein Verstand dich wach erhält.
(Goethe, Vermächtnis)
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Bitte beachten:
1.
Nach Aristoteles' Meinung ist der Urzustand der Materie die Ruhe. Bei ihm braucht sie erst einen Impuls, um in Bewegung zu geraten, und dieser Impuls erschöpft sich, so dass die Bewegung auch ohne Hindernis allmählich ausläuft.
Diese Auffassung überzeugte bis weit in die Neuzeit hinein.
Die Epikureer waren, wie man sieht, hiervon nicht überzeugt.
Bei ihnen ist die Bewegung der Urzustand - oder besser: er ist sogar der eigentliche, mit der Materie (den Teilchen) von Anfang an verbundene Zustand!
Damit haben sie (bis auf Weiteres?) wohl Recht behalten.
2.
Nach Aristoteles' Meinung ist eine Leere unmöglich.
Diese Meinung hatte sich durchgesetzt und führte zum Schlagwort des Horror vacui (Schrecken vor der Leere).
Nach epikureischer Auffassung funktioniert die Weltgeschichte jedoch nur mit der Leere, d.h. dem Abstand zwischen den Teilchen.
Sie hatten mit dem Druckausgleich natürlich kein Problem, da es nach ihrer Auffassung kein 'Außen' gab, das in die alles durchdringende Leere einströmen und zum Druckausgleich führen könnte.
Die Physik begann, dem Vakuum näherzutreten, nachdem die Vakuum-Luftpumpe erfunden worden war.
Heute ist soweit ich sehe herrschende Meinung, dass die Teilchen (sei es als Körper, als Felder oder als Wellen) nicht abstandslos dicht an dicht aneinanderstoßen, sondern dass es mehr oder weniger große 'Räume' zwischen ihnen gibt, durch die sie sich bewegen.
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bis Z. 634
Alles geht aus diesen beiden, aus den Teilchen und dem Raum, hervor, wiederholt Lukrez.
Und was aus ihnen hervorgeht, sind entweder Verbindungen (coniuncta) wie Stein, Feuer oder Wasser, oder Resultate (eventa) wie Krieg und Frieden, Freiheit und Knechtschaft oder Armut und Reichtum.
Auch die Zeit ist ein solches Resultat aus Materie und Raum.
All das kann nicht selbständig existieren oder sich ereignen.
[Es gibt also garantiert kein immaterielles, metaphysisches Urbild einer Katze irgendwo außerhalb des Weltraums, von dem wir hier nur einen Schatten sehen.]
Dann wendet er sich der Beschreibung der Teilchen zu:
Sie sind die äußersten Punkte der Urelemente und stets einfach und solide, das heißt, sie sind weder ihrerseits Verbindungen [wie vor allem auch das, was man heute Atom nennt], noch befindet sich innerhalb der Teilchen eine Leere. Wo die Teilchen sind, ist keine Reere, und wo Leere ist, sind keine Teilchen.
Diese Teilchen sind auch unzerstörbar.
Sie existieren nämlich seit unendlichen Zeiten, und wenn das Vernichtungswerk der Zeit ihnen etwas anhaben könnte, so wären sie innerhalb dieser Unendlichkeit längst alle vernichtet worden.
[An eine Umgestaltung von Teilchen oder an die Entstehung eines neuen Teilchens aus einem untergegangenen anderen hat weder Epikur noch Lukrez gedacht. Zuviel verlangt? Eigentlich nicht, da sie im Bereich der Verbindungen doch auf die Idee der Geburt des einen aus dem Tod des anderen gekommen sind.]
Es muss auch deshalb letzte, unzerstörbare und unteilbare Teilchen geben, weil eine unendliche Teilung zur Vernichtung der Materie führen würde und die Schöpferin Natur dann nichts mehr hätte, woraus sie Verbindungen schaffen könnte.
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bis Z. 715
Heraklit war auf dem Holzweg.
Er war ein Philosoph für Gecken, die sich gern möglichst unverständliches Zeug in die Ohren säuseln lassen.
Wahrscheinlich war es ihm einfach zu lästig, den richtigen, aber steilen Weg zu gehen und etwas genauer nachzudenken.
Wie soll den diese große Verschiedengestaltigkeit der Natur samt und sonders allein aus Feuer hervorgegangen sein?
Außerdem gehört er zu denen, die aus Denkfaulheit die Leere leugnen.
Er hätte sich einmal überlegen sollen, wie der Klumpen Urstoff, den er ohne die Leere hätte, sollte brennen können!
Nämlich gar nicht.
Richtig ist vielmehr, dass das Feuer nichts anderes ist als bewegte Teilchen und Leere - wie alles andere.
Heraklit war einfach nur verrückt.
[Schade, dass Lukrez Heraklits 'Feuer' im rein physikalischen Sinn aufgefasst hat und nicht auf den Gedanken gekommen ist, es metaphorisch aufzufassen!
Er hätte es zum Beispiel im Sinn von Energie verstehen können. Diese schöpferische Energie ist ja auch Bestandteil der epikureischen Philosophie - nämlich in Gestalt des von Beginn an vorhandenen Bewegungsimpulses der Teilchen, ohne den gar nichts liefe, wie Lukrez mehrfach betont.
Aber Lukrez hasst und verabscheut offenbar jede Art von unklarer Sprache zu sehr, um sich auf Heraklit einlassen zu wollen.]
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bis Z. 829
Nun zu denjenigen, die alles auf die 4 Elemente zurückführen:
Mit dem sizilianischen Dichter-Philosophen Empedokles, Vater der Elemente Feuer, Wasser, Luft* und Erde, gibt sich der neapolitanische Dichter-Philosoph Lukrez größte poetische Mühe. Er lobt und preist ihn teils aufrichtig, teils hebt er ihn aber auch in den Himmel, um ihn - mit einem Umschlagen des Tons - um so drastischer abstürzen zu lassen.
Ihnen schreitet voran Empedokles, Akragas' Bürger,
Den die Insel trug mit dem dreifach gespitzten Gestade,
Die das Ionische Meer in weiten Buchten umströmt
Und aus blaugrünen Wogen mit salzigem Schaume bespritzt.
Hier trennt reißend die See mit dem enger sich schließenden Sund
Der Insel Gebiet von Italiens Festlandsküsten,
Hier haust die Charybdis, hier kündet brüllend der Ätna,
Dass wieder die Wut seiner Flammen er in sich vereint,
Um aus seinem Schlunde aufs Neue das Feuer zu speien
Und zum Himmel empor die flammenden Blitze zu schleudern.
(sehr elementar!)
Sizilien ist großartig und voller Wunder, doch nie hat es etwas Größeres, Erstaunlicheres und Wertvolleres hervorgebracht als diesen Dichter und Weisen. Viele hell strahlende Wahrheiten hat er verkündet, viel mehr als die Pythia des Orakels von Delphi [hier schleicht sich Ironie ein]. Wer könnte sich mit ihm messen!
Doch bei den Urbestandteilen der Materie ist er aus seiner stolzen Höhe mit Wucht zu Boden gefallen [platsch!].
Diesmal vermeidet Lukrez Kraftausdrücke wie Unsinn, Wahnsinn und Demenz und tritt der Auffassung des Empedokles, alles gehe aus Verbindungen und Trennungen von Feuer, Wasser, Luft und Erde hervor, mit sachlichen Gründen entgegen. Sie erschöpfen sich mehr oder weniger in der Behauptung, dass aus einer Verbindung z.B. von Erde und Luft nichts wirklich Neues entsteht, sondern lediglich ein Gemisch von Erde und Luft [also staubige Luft], in der die beiden Bestandteile unverändert erhalten bleiben.
Aber was will man auch sonst noch dazu sagen?
Es bleibt dabei:
Wenn die Natur ein 'Element' in ein anderes umwandelt, dann funktioniert das nur, indem sie ein paar Teilchen wegnimmt, andere hinzufügt und außerdem die Bewegung und die Anordnung der elementaren Verbindungen ändert.
*Ich bezeichne E. als den Vater der 4 Elemente, weil er die Luft als gegenständlich erkannt hat.
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bis Z. 950
Lass uns jetzt betrachten, was Anaxagoras sich unter seiner 'Homoeomerie' vorgestellt hat (einen lateinischen Begriff haben wir dafür nicht).
Er hat sich - an sich richtigerweise - vorgestellt, dass alle Dinge aus Teilchen bestehen.
Seine Vorstellung von den Teilchen selbst war aber falsch (und außerdem wollte auch er die Leere nicht wahrhaben).
Anaxagoras dachte sich nämlich, das z.B. Knochen aus winzigen Knochenteilchen, Fleisch aus Fleischteilchen und Gold aus Goldteilchen besteht etc.
So verhält es sich natürlich nicht.
Wie du weißt, lieber Leser, gehen die Teilchen beim Zerfall eines Knochens ja nicht verloren, sondern bilden wieder neue Dinge.
Das ist aber nur möglich, wenn die Teilchen von Bestand sind.
Knochen (oder was auch immer sonst) ist aber nicht von Bestand. Die kleinen Knochenteilchen würden daher genau so zerfallen wie der ganze Knochen, und es könnte aus ihnen nichts Neues entstehen.
Ferner:
Die Erde nährt die auf ihr stehenden Pflanzen. Es gibt aber trotzdem weder Erde in den Pflanzen, noch Pflanzliches in der Erde.
Die von der Erde auf die Pflanzen übergehenden Teilchen sind weder erdig noch pflanzlich, sondern etwas völlig anderes.
Anaxagoras irrte auch mit seiner Meinung, dass eine Mischung von Teilchen sämtlicher Stoffe in allen Dingen seien und dass die sichtbare Beschaffenheit der Dinge davon abhänge, welche Teilchen dabei jeweils überwiegen und vorherrschen.
Bedenke, mit welcher Wucht das Korn beim Mahlen vom Mühlstein zerquetscht wird. Hast du aber je auch nur die geringsten Spuren von Blut im Mehl gefunden?
Im Getreide sind keine Blut-Teilchen, und im Gold sind keine Knochenteilchen!
Jetzt wendest du aber vielleicht ein, dass der Sturm manchmal Feuer aus den Bäumen herausschlägt, wenn er sie auf den Gipfeln der Berge schüttelt, und dass kleine Feuer-Teilchen daher im Holz dringewesen sein müssten. Denn die Bäumen werden ja nicht angezündet.
Das ist richtig beobachtet, aber falsch gedacht.
Richtig ist, dass das Aneinanderschlagen der Bäume zu einer Reibung führt, auf Grund derer sich die Teilchen (die weder Holz noch Feuer sind!) im Holz verdichten; und dann brennt's.
Wären aber von vornherein kleine Feuerchen in den Bäumen drin, so gäbe es nichts als Feuersbrunst.
Man kann wirklich nur Tränen lachen über die Theorien, die sich die Leute so alle ausgedacht haben!
Aber nun lies weiter, was ich dir an Richtigem und Wahrem über das Weltall zu sagen habe!
Ich gebe mir die größte dichterische Mühe, um dir den bitteren Wermutbecher unserer Lehre mit Honig zu bestreichen.
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Ist die Gesamtmenge der Teilchen begrenzt oder unbegrenzt?
Ist der Weltraum endlich oder unendlich?
Extremum porro nullius posse videtur esse, nisi ultra sit quod finiat -
ein Äußerstes scheint es nur zu geben, wenn es von einem jenseits liegenden Anderen begrenzt wird.
Nunc extra summam quoniam nihil esse fatendum -
außerhalb des Alls (der 'Gesamtheit') gibt es aber nichts,
non habet extremum, caret ergo fine modoque -
es hat kein Äußerstes, ergo auch kein Ende und kein Maß.
[Lukrez begründet hiermit, dass der Weltraum unbegrenzt ist, weil eine von außen gesetzte Grenze schlechthin nicht in Betracht kommen kann. Eine Ausdehnung ins Unendliche wird damit weder behauptet noch bewiesen!]
Weiter:
Stelle dir vor, du stündest an einem Punkt, den du für den äußersten hältst, und würdest einen Speer 'nach außen' schleudern.
Was passiert?
Prallt er an eine Grenze?
[Aristoteles hätte gesagt: Sicher, er würde schon an der inneren von insgesamt 7 Sphärenschalen abprallen!]
Nein, schreibt Lukrez, sondern er fliegt genauso weiter, wie er normalerweise fliegt; er kommt von keinem Ende und trifft auf kein Ende.
So kannst du mit dem Speer fortfahren, so lange du willst!
Fiet uti nusquam possit consistere finis,
effugiumque fugae prolatet copia semper.
Nirgends wird es geschehen, dass ein Endpunkt sich setzt,
und die Flucht wird immer den Ort der Flucht hinausschieben/erweitern.
* * * *
Ich bitte um besonderen Applaus für den Gedanken, dass der vom gedachten äußersten Standpunkt des Alls 'nach außen' fliegende Speer zu einer prolatio (Erweiterung) des unbegrenzten Weltraums führt!
Nach dem Applaus mache ich weiter.
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Kein Applaus für diesen unglaublichen Vorgriff auf das 20. Jahrhundert?
tztztz....
Na, wie dem auch sei, weiter:
bis Ende des 1. Buchs:
Es muss unendlich viele Teilchen geben, meint Lukrez.
Sonst würden sie sich nämlich im unendlichen Raum verlieren [leider verwechselt er hier unbegrenzt und unendlich, wozu das wort infinitus allerdings auch verleitet].
Oder genauer gesagt: sie hätten sich gar nicht erst zur Bildung von Materie zusammengefunden.
Die Teilchen haben sich nämlich nicht aus kluger Einsicht in einer bestimmten Ordnung zusammengefügt, um die Welt hervorzubringen, sie haben sich auch nicht irgendwie verabredet, wie dieses und jenes sich bewegen muss, damit alles funktioniert.
Vielmehr sind sie vor unvordenklicher Zeit planlos durch den Raum geirrt, und zwar, gepeitscht durch die Schläge [ihres Zusammenpralls] hin und her in wirren Bahnen, wobei sie mit jeder Art von Bewegung und Einigung experimentiert haben (experiundo), bis sich schließlich diejenigen Anordnungen ergaben, aus denen die Welt jetzt im Großen und im Kleinen besteht.
Nun wendest du, Leser, vielleicht ein, dass dieses planlose lange Umherirren der Teilchen im Raum gar nicht stimmen kann.
Du wendest vielleicht ein, dass alles zur Mitte hinstrebt und die Teilchen daher zielstrebig zur Mitte hätten fliegen müssen.
Und das willst du damit beweisen, dass die Erde rund sei und das, was sozusagen unten ist, trotzdem nicht herrunterfallen könne, weil es nämlich eine Tendenz zur Mitte habe.
Du würdest dann aber von der Erde reden. Ich rede vom Weltall.
Im Weltall kann es eine Mitte, zu der alles hinstrebt, oder eine unterste Sohle, auf die es herabfällt, gar nicht geben.
Katastrophale Vorstellung!
Die Erde würde derartig davonsausen, dass wir sie unter unseren Füßen verlören, und abgesehen von der Mitte oder dem Boden, wo sich alles klumpt, bliebe nur leerer Raum zurück.
Du siehst also, dass ich dir den rechten Weg zum Licht der Erkenntnis zeige.
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Hier spricht Lukrez erstmalig das Zufallsprinzip an - das quasi experimentelle Ausprobieren zufälliger Chancen durch die Natur - , mit dem sich die epikureische Philosophie von Demokrits 'Atomismus' unterscheidet.
Dass eine wie auch immer geartete Planmäßigkeit in Abrede gestellt wurde, war auch einer der Zankäpfel zwischen den (sich sonst in mancher Hinsicht ähnlichen) Epikureern und Stoikern.
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Die Götter existieren abgeschieden von unseren Sorgen und Nöten in vollkommener Glückseligkeit.
Sie sind autark, bedürfen unserer nicht, werden auch durch das, was wir tun, weder gnädig noch zornig gestimmt.
Epikur hat als Erster dem finsteren Aberglauben an lohnende und strafende Götter getrotzt.
Das gelang ihm durch Entschlüsselung des Wesens der Natur.
Lukrez will den Leser nicht zum Frevel verleiten.
Frevelhaft ist nicht die epikureische Philosophie, sondern eine Religion, die die Gläubigen sogar zu Menschenopfern verleiten kann.
Nichts entsteht aus dem Nichts, und nichts wird zu Nichts.
Alles entsteht vielmehr aus der Verbindung von Teilchen und fällt schließlich wieder in sie zurück. Die Teilchen formieren sich dann zu neuen Verbindungen, und es entsteht Neues.
Die Menge der Teilchen ist unbegrenzt. Sie selbst sind unsichtbar und unzerstörbar und befinden sich in ständiger Bewegung. Der Zustand der Materie ist daher nicht die Ruhe, sondern die Bewegung.
Außerhalb der Teilchen ist leerer Raum, ohne den eine Bewegung der Teilchen nicht möglich wäre.
Der Raum hat keine Grenzen. Wenn man vom gedachten äußersten Punkt des Raumes einen Speer 'nach außen' schleudern würde, so würde die Flucht des Speeres den Fluchtraum erweitern.
In diesem Raum sind die Teilchen vor Entstehung der Welt eine Ewigkeit lang unverbunden umhergeschwirrt. Infolge von Kollisionen waren diese Bewegungen wirr. Mitunter kam es dabei zur Verbindung von Teilchen. Die Natur hat mit diesen Verbindungen so lange experimentiert, bis sich solche ergaben, die geeignet waren, die Welt, so wie sie jetzt ist, hervorzubringen.
Es gibt im Weltall keine Bewegungstendenz zur Mitte.
Im unendlichen Raum gibt es nämlich keine Mitte, und auch die Erde liegt nicht in einer Mitte.
Ebenso wenig gibt es eine unterste Sohle, auf die die Materie herabfallen könnte.
Das alles erkennt man, indem man sich der Mühe unterzieht, die Sinne und seinen Verstand zu benutzen.
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Getreu dem epikureischen Leitsatz Lebe verborgen! weiß man von Lukrez so gut wie nichts.
Er soll im Jahr 96 oder 94 v. Chr. geboren und im Alter von 44 Jahren gestorben sein.
Seine Heimat ist unbekannt.
Es wird vermutet, dass er aus Neapel und Umgebung stammte, denn dort befand sich das wichtigste Zentrum der epikureischen Philosophie außerhalb Griechenlands (in Herculaneum ging eine Bibliothek mit fast ausschließlich epikureischen Schriften ganz ohne christliches Zutun verschütt).
Außerdem erweckt das Buch den Eindruck, dass er sich mit der dortigen Gegend auskannte.
Er hat, soweit bekannt, nur dieses eine Werk geschrieben.
Das spricht dagegen, dass er Berufsdichter oder -philosoph war.
Da er davon schreibt, dass er oft 'in heiteren Nächten' um die richtigen Worte gerungen habe, liegt die Annahme nicht fern, dass er einer Berufstätigkeit nachging und De Rerum Natura in seiner Freizeit verfasste.
Der Kirchenvater Hieronymus (derselbe, der die Bibel ins Lateinische übersetzte und dessen Werke Giordano Bruno in die Latrine geworfen hatte) behauptete, Lukrez sei geistesgestört gewesen, habe sein Werk in relativ lichten Augenblicken geschrieben, und sei an einer Überdosis von Aphrodisiaka gestorben.
Das wird erstaunlicherweise hier und da ernst genommen, obwohl die Tendenz zum Madigmachen des Gegners klar ersichtlich ist.
Immerhin bietet diese Behauptung des Hieronymus ein schlüssiges Motiv für die Latrinen-Rache von Bruno.
Von einer anderer Seite wird berichtet, Lukrez sei durch Suicid aus dem Leben geschieden.
Auch darauf ist kein Verlass.
Cicero kannte das Werk von Lukrez ( wird sogar von manchen - zweifelhafterweise - für dessen Herausgeber gehalten). Er erwähnt jedoch nie einen irgendwie spektakulären oder ungewöhnlichen Tod von Lukrez.
Zum Werk:
Adressat des Werks war ein römischer Politiker namens Gaius Memmius.
Er ist also der Leser, an den Lukrez sich wendet - obwohl er zweifellos erwartet hat, dass Memmius nicht der einzige Leser sein würde.
Lukrez nennt ihn seinen Freund. Sein Umgangston lässt keine Unterwürfigkeit erkennen. Also kann es mit dem Freundschaftswerk seine Richtigkeit gehabt haben.
Lukrez' eigentliche Triebfeder war aber offenkundig weniger die Freundschaft zu Memmius, sondern in erster Linie die Verehrung für Epikur, die ihn ganz ungewöhnlich beflügelt zu haben scheint.
Völlig ungewöhnlich ist, dass Lukrez sich der großen Mühe unterzog, das Werk in Gedichtform, und zwar im feierlich-epischen Hexameter, zu schreiben.
Epikur selbst scheint ausgesprochen nüchtern und prosaisch gewesen zu sein (allerdings kennt man die von ihm selbst geschriebenen Werke ja nicht). Epikur und Lukrez - der Grieche und der Römer - haben also die Rollen getauscht, indem der Grieche sich in der spröden Sachlichkeit der Römer und der Römer sich in altgriechisch-epischer Poesie äußerte.
Lukrez hatte für die Darstellung einer Philosophie in Gestalt eines großen Lehrgedichts keinerlei Vorbild.
Er hätte viel müheloser in Prosa schreiben können.
Als etwas gehobenere Form bot sich die Dialogform Platons an.
Vermutlich meinte er, dem Gegenstand seines Werks nur dann gerecht werden zu können, wenn er die anspruchsvollste Form der Darstellung wählte. Epikurs Philosophie ist apollinisch. Also musste auch die Form dem apollinischen Anspruch genügen.
offtopic, aber nicht unwichtig:
Es gibt noch ein anderes philosophisches Werk in der Form eines lateinischen Lehrgedichts - meines Wissens nur ein einziges anderes!
Hierin werden, soweit ich weiß, sehr ähnliche Thesen vertreten wie in De Rerum Natura.
Dieses Lehrgedicht stammt von Giordano Bruno.
Es war sein letztes Werk, bevor er sich - im Alter von 44 Jahren - in die Höhle des Löwen begab (von wo aus er dann freilich nichts mehr veröffentlchen konnte).
Mir scheint, dass er mit dem von ihm vielfach zitierten Lukrez wetteiferte.
Leider ist es mir bislang nicht gelungen, an den Text des lateinischen Lehrgedichts von Bruno zu kommen, von einer Übersetzung ganz zu schweigen.
Wer mir dabei hilft, kriegt wahlweise einen Kuss, eine Schachtel Pralinen oder eine Flasche Grappa!
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Das 1. Buch begann mit dem Hymnus auf die Göttin der Schönheit, das zweite beginnt nun mit einem Hymnus auf den heiteren Seelenfrieden.
Wie wohlig ist es, bei stürmischer See zu betrachten,
wie der Schiffer in seinem Kahn auf den Wogen sich müht -
nicht, weil es uns freut, wenn andere sich quälen,
sondern wohl uns, den von diesen Leiden Befreiten!
Wie wohlig ist unser Blick herab auf die Schlachten
und auf die Soldatenreihen, geführt durch das Feld,
doch süßer ist nichts, als die heiteren Tempel zu hüten,
die die Lehren der Weisen auf sicheren Höhen gebaut.....
Ich werde dem Dichter Lukrez nicht gerecht, wenn ich ihn hier nichtl im Originalton zu Wort kommen lasse:
Suave mari magno turbantibus aequora ventis
e terra magnum alterius spectare laborem,
non quia vexari quemquast iucunda voluptas,
sed quibus ipse malis cares quia cernere suave est,
suave etiam belli certamina magna tueri
per campos instructa, tua sine parte pericli,
sed nihil dulcius est, bene quam munita tenere,
edita doctrina sapientum templa serena...
Jetzt bitte einmal laut lesen, ruhig, gelassen und mit rhythmischer Betonung:
Suáve mári mágno | turbántibus áequora véntis...
Diese eine Zeile genügt, um die besondere Eigenart der Lukrez'schen Hymnen vorzustellen:
Lukrez schreibt sehr stark rhythmisch.
Der Rhythmus wird bildhaft verwendet: Die Zeile beginnt mit der Ruhe (des Dichters); dann setzt das Wogen des Meeres ein.
Die Betonung des Rhythmus ist typisch römisch.
Griechisch hingegen ist der Sprachklang.
Lukrez erreicht ihn durch eine starke Allitteration.
Auch sie wird bildlich eingesetzt:
Suave mari magno turbantibus aequora ventis...
aaaaah, welche Wonne!
Dabei spielt er nicht nur mit Vokalen, sondern mehr noch mit Konsonanten.
Sehen wir uns die ersten 4 Zeilen einmal auf alle Allitterationen an:
Suave mari magno turbantibus aequora ventis
e terra magnum alterius spectare laborem,
non quia vexari quemquast iucunda voluptas,
sed quibus ipse malis cares quia cernere suave est
Das ist dichterisch so hoch gegriffen wie nur möglich!
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Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ewige regt sich fort in allem!
Am Sein erhalte dich beglückt!...
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Sei bescheiden!, ermahnt Lukrez seinen Leser.
Jage nicht nach Reichtum, Ruhm und Macht, denn all das nützt dir letztlich gar nichts.
Wie arm ist des Menschen Verstand, wie verblendet sein Herz,
In welch finsterer Nacht und in wieviel schlimmen Gefahren
Fließt das Leben, dies bisschen, dahin! Erkennt man denn nicht,
Dass Natur nichts anderes fordert, als dass der Körper
Nicht leide, und dass sder Geist heiter
Und von Sorgen und Ängsten befreit sei?
Verlange keine Lampen in Gestalt von vergoldeten Marmorstatuen, keine Säle mit vergoldeter Täfelei und keine Zithermusik zum Essen. Ein Picknick am Bach ist mindestens genauso schön.
Verlange keine Bettdecken aus Brokat. Wenn du Fieber hast, wirst du mit ihnen nicht schneller gesund als mit einer Decke, wie das Volk sie hat.
Glaubst du, du würdest glücklich, wenn du siehst, wie dein Heer sich auf dem Schlachtfeld tummelt oder wie deine Flotte ausrückt? Unsinn. Die Angst und Sorge der Menschen wird von keinem Waffengeklirr vertrieben, sie haust auch unter den Großen der Erde und bringt die Menschen zum Zittern, wie Kinder sich vor der Dunkelheit fürchten.
Die Dunkelheit ist der eigentliche Grund aller Schrecken. Sie muss man vertreiben!
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Lukrez wendet sich mit diesen Zeilen (wie auch mit dem gesamten Buch) offensichtlich nicht an denjenigen, der mühsam um sein tägliches Stück Brot ringt und gegen den Hungertod ankämpft. Der braucht sich nicht zu überlegen, dass es ihm letztlich nichts nützt, seine Truppen ins Feld zu führen.
Er wendet sich offiziell an Memmius, dem der Gedanke an vergoldete Statuen und siegreiche Truppen durch den Kopf gegenangen sein kann. Ihm uns seinesgleichen sagt er: Lass es!
Wahrscheinlich gelten seine Worte aber auch den weniger Glücklichen. Ihnen sagt er: Beneide sie nicht.
Die ganz Armen kommen in seinem Werk nicht vor.
Ist er auch diesem Auge blind?
Nicht unbedingt.
Die ganz Armen hätten sein Werk sowieso nicht gelesen.
Allerdings standen die epikureischen Zirkel auch Sklaven offen. Diese Sklaven machten aber sicherlich nicht Feldarbeit, und sie standen nicht knapp vor dem Hungertod.
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