DE RERUM NATURA (epikureische Philosophie)

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Lukrez schreibt:

Um sich klarzumachen, dass das All nicht von Göttern für uns geschaffen worden ist, braucht man von den Teilchen eigentlich gar nichts zu wissen.
Dazu muss man sich einfach nur die Welt mit ihren ganzen Unzulänglichkeiten ansehen.

Aber da er es sich nun einmal zur Aufgabe gemacht hat, Licht in die geistige Dunkelheit zu bringen, schreibt er doch noch dies und das über die Eigenarten der Teilchen:



Wenn man sich ihre Bewegungen im Leeren vorstellen will, so mag man an Stäubchen in einem Sonnenstrahl denken.
Das ist natürlich nur eine Eselsbrücke, denn diese Stäubchen sind selbstverständlich keine Elementarteilchen.

Elementarteilchen sind sehr viel kleiner als diese Stäubchen und, wie bereits erwähnt, unsichtbar.
Die Natur der Teilchen, von denen er spricht, liegt unterhalb der Wahrnehmungsfähigkeit aller unserer Sinne.
Man muss nicht etwa glauben, dass ein schwarzes Ding aus schwarzen Teilchen bestünde, ein heißes aus heißen oder ein saures aus sauren. Die Teilchen selbst haben diese Eigenschaften alle nicht! Was wir als schwarz, heiß oder sauer wahrnehmen, folgt vielmehr nur aus der Art der Teilchenverbindungen und ihren Bewegungen. [!]

Der Raum, in dem sie sich bewegen, weitet sich nach allen Seiten beliebig.

In diesem Raum schwirren einzelne Teilchen unverbunden umher.
Das sind zum Beispiel die Licht-Teilchen. [!]
Sie sind besonders klein. [!]
Natürlich macht es für sie einen Unterschied, ob sie durch die Leere fliegen, wo sie auf keinen Widerstand treffen, oder z.B. durch Luft oder Wasser. Deshalb ist die Vakuum-Lichtgeschwindigkeit größer. [!]
Merkwürdigerweise hält Lukrez die Licht-Teilchen des Blitzes für schneller als diejenigen der Kerze (aber das Licht von beiden bewegt sich ja auch nicht im Vakuum).

Andere Teilchen verweben sich infolge ihrer Kollisionen in geringerem Abstand miteinander und halten aneinander fest.
Diese Verbindungen verweben sich dann mit anderen Verbindungen und steigen schließlich auf zu Dingen, die für uns sinnlich wahrnehmnbar sind.

Die Menge der Teilchen ist, wie gesagt, unendlich.
Es gibt aber keineswegs unendlich viele Arten von Teilchen.
Die verschiedenen Arten unterscheiden sich in ihrer Größe und in der Art der Vorrichtungen, mit denen sie sich miteinander verbinden (aber nicht in Farbe, Geruch oder Geschmack, wie man ja schon erfahren hat!).
Allgemein kann man sagen, dass diejenigen Teilchen, die als Verbund den angenehmeren Sinneseindruck erwecken, rundlich sind.


Was aber ist der Grund für die permanente Bewegtheit der Teilchen, die von allem Anfang an bestand?

Insofern standen die Epikureer einigermaßen auf dem Schlauch, da sie auf die Idee des 'Urknalls' nicht gekommen waren
Ihr 'Urknall' war die erste Kollision von Teilchen, ohne die es Verbindungen und damit die Entstehung 'greifbarer' Materie nicht hätte geben können.
Das scheint mir insofern logisch überlegen, als der 'Knall' der zeitgenössischen Physik tatsächlich ja auch kein Anfang der Welt gewesen wäre, wenn sich alles makellos sternförmig auseinanderbewegt hätte. Die Folgen des Urknalls wären ohne die irreguläre Annäherung von Teilchen, die man wohl als die Mutter aller Materie auffassen kann, auch nach 14 Milliarden Jahren noch im unsichtbaren Bereich (und es gäbe natürlich auch keinen Beobachter).

Dennoch sehen sie mit ihrer Begründung der festen (und richtigen) Überzeugung von der Bewegtheit der Teilchen einigermaßen schlecht aus, da sie sich eine bemerkenswerte Unlogik leisten:
Obwohl es in diesem nach allen Richtungen offenen oder beliebig erweiterbaren Universum keine Mitte gibt, also auch kein Oben und Unten, Links und Rechts geben kann, stürzen die Teilchen nach 'unten', und zwar in eine Tiefe, die nie ein Ende findet.

Diese Unlogik wird aber sogleich wettgemacht durch einen Geistesblitz, der rund 2 Jahrtausende brauchte, um auch außerhalb der epikureischen Schule zu zünden:
Lukrez empört sich über den Unverstand derjenigen, die die gleiche Geschwindigkeit aller Teilchen im Leeren abstreiten und kritisieren, dass sie wegen ihrer unterschiedlichen Größe und ihres daher unterschiedlichen Gewichts mit unterschiedlicher Geschwindigkeit herabstürzen und sofort en masse hätten kollidieren müssen.
"Was für ein Unsinn!" kontert Lukrez. "Selbstverständlich ist die Fallgeschwindigkeit im Vakuum dieselbe, egal wie größ oder klein ein Körper ist. Er trifft doch auf kein Hindernis!"

Darum muss auch alles hindurch durch das ruhige Leere
gleichschnell, obwohl an Gewicht ungleich, bewegt sich bewegen.


Das schreibt Lukrez mal so en passant - als sei es eine Selbstverständlichkeit, über die man unter vernünftigen Leuten nicht mehr als 2 Zeilen zu verlieren braucht.
Galilei erhält dafür später einen wissenschaftlichen Glorienschein.


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Ich schüttele ungläubig den Kopf über diese intellektuellen Zumutungen an Leute, die in vorchristlicher Zeit lebten.
Ich schüttele staunend den Kopf darüber, dass es nicht wenige waren, die diese Zumutung nicht zurückwiesen, sondern diese intellektuelle Herausforderung annahmen.
Ich staune auch darüber, dass man ohne alles wissenschaftliche Rüstzeug allein mit den Mitteln des Verstandes und der nüchternen Vernunft 'Äonen' wilder Phantastereien überspringen konnte.
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libera per terras unde haec animantibus exstat,
unde est heac, inquam, fatis avolsa voluntas,
per quam progredimur quo ducit quemque voluptas,
declinamus item motus nec tempore certo
nec regione loci certa, sed ubi ipsa tulit mens?



Woher kommt auf Erden aller Seelen freier,
dem Schicksal sich entziehender Wille,
nach dem wir dorthin gehen, wohin wir es wünschen,
der uns Abweichungen erlaubt, deren Zeitpunkt
und Ort nicht gewiss, sondern vom Willen bestimmt ist?



Wie kann das sein?


Sehen wir nicht, dass ein Gewicht notwendig gerade und nicht etwa diagonal nach unten fällt?
Wirken nicht auch auf uns starke Schläge und Zwänge ein, unter denen wir uns so oder so verhalten müssen?
Und dennoch haben wir offenbar etwas in uns, das sich dagegen manchmal sträubt und Widerstand leisten kann.

Die Ursache hierfür kann nicht außerhalb, sondern nur innerhalb der Natur liegen.
Man findet sie sogar schon in den Teilchen selbst!


Die Teilchen stürzen alle 'nach unten', wie man ja schon weiß.
Sie stürzen aber nicht immer alle lotrecht nach unten, sondern manchmal gibt es eine sehr kleine Abweichung von der Richtung.
So klein sie auch ist, hat sie doch eine große Wirkung [da sie eine Kettenreaktion in Gang setzt].

Die Möglichkeit zur Abweichung (Declination) ist allem quasi eingepflanzt.

Sie ist auch die Ursache unserer Willenfreiheit.


* * * *

Lukrez argumentiert niemals mit Naturgesetzen.
Naturgesetze würden die Argumentation wohl auch auf eine leicht metaphysische Schiene leiten, die selbstverständlich fehl am Platz wäre.

Sehr früh fällt aber das Bild eines Vertrages der Teilchen:
Er schreibt, die Teilchen hätten nicht vor Entstehung der Materie miteinander einen Vertrags geschlossen, wie sie sich in Zukunft bewegen und gruppieren wollen.

Das Absurde an dieser Vorstellung wäre nach seiner Vorstellung wohl weniger der Vertrag als solcher, sondern die Spekulation, er sei gleich zu Anfang vorhanden gewesen.
Eine Menge von Teilchen benimmt sich bei ihm nicht wesentlich anders als eine Menschenmenge. Es findet sich zusammen, was zueinander passt, sich wechselseitig dient und daher zusammenhalten kann. Irgendwann trennt sich's auch wieder. Eine Horde kann die andere vernichten oder von ihrem Untergang profitieren.

Es ist - bildlich gesprochen! - eine Art von Vertragswerk im Großen und Kleinen, das die Teilchen nach und nach miteinander ausgeheckt haben.
Jedem aber wohnt die Möglichkeit inne, sich zumindest dann und wann 'willkürlich' zu verhalten und aus den Verträgen zu verabschieden.
Pacta sunt servanda. Dennoch werden sie nicht immer eingehalten.


Wenn es nach dieser Weltsicht überhaupt Naturgesetze gibt, dann diese beiden:

1. Teilchen verhalten sich meist zum eigenen Nutzen, der sich oft mit einem gemeinsamen Nutzen deckt. Hieraus ergibt sich ein 'soziales' Normverhalten.
2. Die Möglichkeit zum abweichenden Verhalten (Declination) wohnt aber allem inne und wird auch genutzt.


Ich finde Lukrez' Auffassung (die sich mit derjenigen von Epikur deckt) klug und bedenkenswert.
Die Vorstellung von Natur-'Gesetzen' hat sich inzwischen wohl auch als irrig erwiesen.


Die Streitfrage der unentrinnbaren Naturgesetze war übrigens einer der Haupt-Zankäpfel zwischen Epikureern und Stoikern.
Marie
Danke für diese hochinteressanten Erläuterungen!!
Physiker
Zitat:
Original von 1 1
Die epikureische Philosophie ist selbst unter Philosophen weitestgehend unbekannt, sieht man einmal von einigen wenigen Grundzügen ab, die sich herumgesprochen haben.

Die Ursachen hierfür sind, dass sie dem Christentum als Feinbild schlechthin galt, sämtliche Schriften Epikurs bis auf ein paar kümmerliche Fragmente ab dem 4. Jahrhundert vernichtet wurden und auch von der kunstvollen Zusammenfassung der epikureischen Lehre durch den Dichter-Philosophen Titus Lucretius Carus nur ein einziges Exemplar wie durch ein Wunder der Zerstörung entging.



Die Zeitalter, Jahre, Monate und Stunden,
Töchter und Waffen der Zeit und ihr Gefolge,
Dem nicht Eisen, nicht Diamant widersteht,
Haben mich von ihrem Wüten verschont...


(G. Bruno, einleitendes Gedicht zu De l' infinito universo et Mondi)


Nachdem das Werk des Lukrez wieder ausgegraben worden war, empfahl es sich aber immer noch nicht, das selbstverständlich streng indizierte Buch zu lesen oder gar zu verteidigen.
Auf Grund seiner Lästerlichkeit und der vermeintlichen Absurdität des darin vertretenen Welt- und Gottesbildes geriet es trotz seines hohen künstlerischen und philosophischen Ranges nie in den Kanon der klassichen philosophischen Literatur. Ganz im Gegenteil!

Erstaunlicherweise ist es dabei bis heute weitgehend geblieben.
Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier und bevorzugt die vertrauten Wildwechselpfade.

Mich hat kein anderes philosophisches Werk je so beeindruckt wie dieses.
Ich will daher versuchen, es Interessierten Schritt für Schritt bekannt zu machen - in der Hoffnung, dass mein Durchhaltevermögen dazu ausreichen wird.


Wer mit diesem Werk konfrontiert wird, mag sich immer vor Augen führen, dass es sich um eine getreuliche Zusammenfassung einer 2.300 Jahre alten Philosophie handelt.


Frage: War Epikur nicht der "Gartenphilosoph", so, wie Diogenes der "Tonnenphilosoph" war?
fockd
Zitat:
Frage: War Epikur nicht der "Gartenphilosoph", so, wie Diogenes der "Tonnenphilosoph" war?


Ja, Epikur und die Epikureer nannte man Gartenphilosophen. Das steht für das Zurückgezogene, Unpolitische. Den Epikureern stellt man oft die Stoiker entgegen, die sich auf die Vernunft und nicht auf die Lust berufen haben.
Diogenes war Kyniker und damit Vorläufer der Stoiker. Er lebte sein gesamtes Leben in einer Tonne. Einmal als irgendein König ihn besuchte, wollte dieser ihm einen Wusch erfüllen. Diogenes wünschte sich, dass der König ihm aus der Sonne gehe. Eine solche Einstellung steht für das Bescheidene, Enthaltsame, was die Stoiker übernommen haben.
Stoa heißt übrigens Säule. Die Stoiker trafen sich anscheinend immer an solchen Gebäuden. Ein berühmter Stoiker (der allerdings fast nur abgeschrieben hat) war Cicero.
karlchen
Liebe Leute, auch von mir erstmal herzlichen Dank fürs Referieren (obwohl die meist weiße Schriftfarbe für meine Augen sehr anstrengend zu lesen war ... räusper ! ...) und die Beiträge !

Die epikureischen Lehren finden sich sehr schön gebündelt im Buch: Griechische Atomisten. Texte und Kommentare zum materialistischen Denken der Moderne. Reclam-Verlag Leipzig 1991, ISBN 3-379-00245-3, jetzt wahrscheinlich kaum noch aktuell über den Buchhandel zu beziehen (?!).

Darin enthalten:

1. Ein sehr lesenswerter Abriß über die griechischen Philosophen und deren zeitgeschichlichen Bezüge zueinander (S. 1-99), 2. Textfragmente zu Leukippos und Demokrit (S. 101-204), 3. Die Briefe des Epikur an Herodotus, an Pythokles, an Menoikus, Über die Natur, Die Vatikanische Spruchsammlung, Philosophische Fragmente zur epikureischen Philosophie (S.306-334) und Die Hauptlehrsätze, eine weitere hanschriftliche Sammlung aus der Vatikanischen Bibliothek, Auswahl aus Lukrez: Über die Natur ..., sowie Cicero: Über das Wesen der Götter und Über das höchste Gut und das größte Übel, sowie weitere Fragmente vom als Epikureer bezeichneten Philosophen (Metrodoros-Fragmente, Hermarchos: Epostolika über Empedokles, Auswahl aus Polystratos, Auswahl aus Philodomos: Über den Tod und von Diogenes von Oinoanda und umfangreiche editorische Anmerkungen, Quellen-, und Literaturverzeichnisse, Personen-,Sachregister und Konkordanz. Also absolut lesenswert !!!

Insgesamt weit über 200 S. Material zur epikureischen Philosophie, über die ich das Interesse und die Begeisterung von 1 1 durchaus teile. Viele Grüße !!
Rhetorix
Wer hätte das gedacht, dass dieser alte Thread (aus einer Zeit, in der ich mich noch 11 nannte) wieder ausgegraben wird!
Den hatte ich ja selbst schon vergessen.

Aus heutiger Sicht würde ich auch gern versuchen, auf die späten Nachwirkungen der epikureischen Philosophie einzugehen, vor allem auf die beträchtliche Wirkung, die De Rerum Natura hatte, als das Werk wiederentdeckt wurde.

Dass es mit dieser Philosophie spätestens Ende des 2. Jahrhunderts aus und vorbei war, wie man gelegentlich liest, kann nicht stimmen.
Bis an die Oberfläche, von der man sie heute noch leicht ablesen könnte, drang sie ab dem Zeitpunkt der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion des Imperiums allerdings aus nachvollziehbaren Gründen vorläufig nicht mehr.
Vieles wurde unterdrückt oder absichtlich zerstört.

Und selbstverständlich verfiel auch vieles unabsichtlich in Verlust oder Zerstörung. Einiges davon hat der Vesuv auf dem Gewissen. Man ist sicher, dass sich in der Villa dei Papiri in Herculaneum ein umfangreiches epikureisches Schrifttum in verkohltem Zustand befindet. Darunter könnten sehr gut auch Abschriften der Werke des Meisters selbst sein, denn die gehörten sicher noch mehr zum festen Bestand als irgendein Kommentar). Mit ziemlicher Sicherheit müsste diese Bibliothek auch ein Exemplar von De Rerum Natura gehabt haben - mit einem 7. Buch, dem Buch über die Götter, über dessen Existenz Unklarheit besteht?
Es wird noch sehr, sehr lange dauern, bis man alles geborgen und so gut wie möglich entziffert hat.
Und dann wird sich möglicherweise herausstellen, dass das wichtigste und wertvollste Schrifttum fehlt - weil es nämlich im letzten Augenblick abtransportiert und vor dem Vesuv gerettet wurde.

Diese Bibliothek ist ein deutliches Zeichen für die Bedeutung der epikureischen Philosophie im 1. Jahrhundert, und es wäre unvernüftig, aus der Tatsache, dass sie in Herculaneum zufällig noch aufzufinden ist, darauf zu schließen, dass es sie nur noch dort gab.

Es gibt auch keine triftigen Gründe für die Annahme, dass sie in den folgenden Jahrhunderten verschwand. Warum sollte sie?

Man sollte meinen, dass es seit dem Siegeszug des Christentums endgültig aus gewesen sei. Wie könnte man sich denn überhaupt noch an Epikur und seine Philosophie erinnert haben?
Muslimische Gelehrte hatten sich im Mittelalter um den Erhalt der antiken philosophischen und naturwissenschaftlichen Schriften verdient gemacht, und daher drang einiges - seit der frühen Neuzeit verstärkt - auch nach Europa, vor allem natürlich die Schriften von Aristoteles.
Aber nicht Epikur und Nachfolger, denn sie stellten sich dem Islam genauso sehr quer wie dem Christentum.

Wie kam es dann aber, dass Dante nicht nur von Epikur wusste, sondern ihn im 6. Kreis der Hölle zum Herrn über ein weites Feld offener Särge macht, in dem seine Anhänger liegen?
Eine epikureische Untergrundströmung muss also bis dahin angehalten haben.

Anfang des 15. Jahrhunderts - De Rerum Natura war noch nicht wiederentdeckt - schreibt Lorenzo Valla in seiner Schrift "Vom wahren und falschen Guten" mit gefährlich deutlicher Sympathie und Nachdrücklichkeit über die epikureische Ethik.

Dann, als Lukrez wieder aufgefunden wurde, muss es einen Ruck gegeben haben.
Giordano Bruno kannte das Werk. Er zitierte recht umfangreich daraus, stets zustimmend.
Wenn er es kannte, dann kannte es aber mit Sicherheit auch der Kreis der Schöngeister um Philip Sidney, dem er eins seiner Werke widmen durfte.
Bernardino Telesio muss es gleichfalls gekannt haben, wie seine Schrift "De rerum natura iuxta propria principia libri IX" beweist.
Von ihm wiederum profitierte Tommaso Campanella
Der zu seiner Zeit erfolgreichste Vertreter des epikureisch/lukrezischen Weltbilds war Pierre Gassendi, dem das Kunststück gelang, nicht im Kerker zu landen, die Zunge nicht herausgerissen zu bekommen und auch nicht verbrannt zu werden.
Charles de Saint-Evremont trug die Fackel in die Barock-Zeit hinein.
Im Zeitalter der Aufklärung war sie dann in gebildeten, freidenkerischen Kreisen eine unter dem Ladentisch weitergereichte Lektüre, die viele kannten, u.a. Goethe.

Das Buch war wie eine Zeitbombe, die das ganze Mittelalter hindurch leise tickte, um dann in der Neuzeit zu explodieren.
Vielleicht hat es einen wesentlichen Beitrag zu dem geleistet, was die Neuzeit zur Neuzeit machte?
Das alles unter Überwindung erheblicher Hindernisse, denn das Buch war nicht nur "ketzerisch" und daher offiziell gar nicht zu kriegen, sondern sperrte sich der Lektüre auch mit seinem schwierigen poetischen Latein.
Erst Anfang des 20. Jahrhunderts war eine deutsche Übersetzung ohne Weiteres zu kaufen.


Lorenzo Valla fand für dieses Weitertragen der epikureischen Philosophie in dem bereits erwähnten Werk Anfang des 15. Jahrhunderts ein Bild, das mehr sagte als alle Reden, und das sich dennoch nicht als absichtlich ketzerisch deuten ließ.
Er 'schildert' einen (vermutlich erfundenen) rhetorischen Wettkampf zwischen einem Stoiker, einem Epikureer und einem Ordensbruder.
Der Wettkampf endet im Garten des Epikureers, in dem sich die Gäste auf einer Wiese gelagert hatten.
Der Ordensbruder spricht als letzter (natürlich muss er das letzte Wort haben).
Mit Ausnahme des Epikureers sind sich danach alle einig, dass dem Christen der Lorbeerkranz gebührt (wie es ja auch nicht anders sein kann).
So weit so gut. Religious correctness.
Aber:
Während der Rede des Ordensbruders bricht die Nacht herein, als würde seine Rede die Dunkelheit verbreiten (der Stoiker sprach am Mittag, der Epikureer nachmittags).
Als sich die Gäste verabschieden, gibt der Epikureer allen eine Fackel mit. So tragen sie das Licht aus dem Garten in die Nacht hinaus.
Schöner hätte man es nicht sagen können.