Hi.
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Original von Holofernes
Hallo T1982.
Hm ja das ist interessant .. ich wußte gar nicht, das Brave New World von 1932 ist. Dann zählt es wohl zu den Warnungen, die leider überhaupt nicht beachtet wurden .. ? Die Frage ist vielleicht, ob es nicht genau zwei entgegen gesetzte Postmodernismen gibt: der eine feiert eine Art Hyper-Modernismus, und - naja, der andere, ist der extreme Skeptizimus á la Baudrillard. Eventuell erzeugt das so eine Art Overkill, als ob man in eine Steckdose mit Wechselstrom faßt ?
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Hierzu noch ein paar Anmerkungen. Vorneweg: das, was ich nun sage (bzw. schreibe), ist natürlich angesichts des Charakters eines Forumsbeitrags nur sehr skizzenhaft und würde eigentlich an vielen Stellen eine Differenzierung nötig machen.
Die Frage, nach dem Wert bzw. der Aufgabe von Wissenschaft und Technik ist natürlich sehr alt – ebenso, wie die Frage, inwieweit man als Mensch eigenverantwortlich mit Wissenschaft und Technik seine ursprüngliche Lebensform (im weiten Sinne) verändern darf oder gar soll (wir lassen jetzt einmal außen vor, dass aus Sicht einer evolutionären Kulturanthropologie praktisch der gesamte Prozess der phylogenetischen Entwicklung nichts anderes als eine Abkehr von der ursprünglichen „natürlichen“ Lebensweise ist). Das menschliche Streben, die eigenen Grenzen zu überschreiten, ist dabei immer wieder als ein Akt der Hybris betrachtet worden (vgl. z.B. viele Beispiele aus der griechischen Mythologie). Eine grundsätzliche Revision dieser Sicht fand vielerorts ab der Renaissance im Rahmen von Humanismus und Aufklärung statt: hier entdeckt man einen Wandel bei der Einstellung bzgl. der Selbstverantwortlichkeit des Menschen (vgl. z.B. Pico, Bacon). Nach ihrer physikalisch orientierten Begründung rückte die neuzeitliche Naturwissenschaft mehr und mehr den Menschen selbst in den Mittelpunkt naturwissenschaftlicher Untersuchungen. Damit wuchs auch der Raum, wissenschaftlich begründet über (technische) Manipulationen am Menschen oder über technikbedingte Gesellschaftstransformationen zu sprechen (vgl. z.B. Bacon, La Mettrie, Condorcet, Franklin, Darwin): das Wohl der Gesellschaft bzw. der Menschheit insgesamt sollte von solchen Überlegungen abhängig sein.
Im 19. und 20. Jahrhundert gab es neben den im vorherigen Post erwähnten Beispielen natürlich sehr (!) viele sich zum Teil widersprechende Abhandlungen zu genau diesem Komplex (vgl. z.B. Kapp, Cassirer, Benjamin, Heidegger, …) und insgesamt rückte dieses Thema mehr und mehr in den Mittelpunkt. Es hatte sich nun nämlich in der Techniklandschaft etwas verändert, was nochmal eine neue Stufe hinsichtlich der Chancen und Gefahren – oder allgemein, hinsichtlich des technischen Potentials – bedeutete: die industrielle Vernetzung verschiedener Formen von Technik (z.B. bei vertikalen Produktionssystemen oder horizontalen Infrastrukturen) sorgte für eine davor nie gekannte Dynamik technischer Evolution – und die Eigengesetzlichkeit der Technik, die mancherorts feststellbare Losgelöstheit technischer Produkte von ihrem ursprünglichen Zweck und die Globalität technischer Formungsprozesse bzgl. gesellschaftlicher Lebensformen machte die neue „Macht“ der Technik und die Notwendigkeit einer breiten Reflexion deutlich.
Der 2. Weltkrieg sorgte dann (kurzzeitig) für eine Tendenz zur negativen Sicht auf die Technik: es war nicht nur die faschistische Ästhetisierung des Krieges und der verwendeten Technik (Benjamin), die hier eine Rolle spielte, sondern u.a. auch der technikbedingte Plan des Genozids und die breite Wirkmacht von Atomwaffen. Dazu kamen auch Einwände gegen ideologische Formen der Eugenik, wodurch diese insgesamt in Verruf geriet (man beachte, dass Eugenikprogramme weit verbreitet waren: u.a. in den USA, Australien, Kanada, Schweden, Dänemark, Finnland, Schweiz, wobei alleine über 60.000 Zwangssterilisationen zwischen Anfang des 20. Jahrhunderts und den 1960ern in den USA stattfanden). Die Erfolge ab Anfang der 2. Hälfte des 20. Jahrhundert z.B. in Medizin, der Raumfahrt oder der Informationstechnik sorgten dann nach und nach wieder dafür, dass Technik in weiten Teilen als etwas betrachtet wurde, was dem Wohle der Menschheit dient.
Vor diesem Hintergrund haben sich dann bis heute in der Tat die zwei erwähnten Richtungen gehalten: man ist sich größtenteils einig, dass die Technik zu einer Entfremdung des Menschen von einer ursprünglichen Lebensweise geführt hat – und zwar in einem davor nie geahnten Ausmaß. Bei der Bewertung ist die Meinung dann uneinheitlich: führt diese Entfremdung dazu, dass der Mensch das Wesentliche (die Natur, sich selbst, …) vergisst/verleumdet, oder ist es genau das, was den Menschen/die Menschheit auszeichnet, weswegen er diesen Weg weitergehen muss.
Grüße