Ingmar Bergman

Jener Einzelne
Gestern, am 30. Juli, ist der schwedische Film- und Theaterregisseur Ingmar Bergman im Alter von 89 Jahren verstorben.

In ihrem Nachruf für den Tagesspiegel schreibt Christiane Peitz:

"Es sind einzelne Bergman-Bilder, unerhörte, schockgefrorene Kinomomente, die bleiben. In ihnen beschwört die Filmkunst unsere Urängste, entfesselt und bannt sie zugleich: die Angst vor dem Tod, den Schmerz, die Einsamkeit, den Verrat und die Gewalt des Sexus, die sich Bahn bricht zwischen Sünde und Selbsthass."
(http://www.tagesspiegel.de/kultur/Kino-I...;art137,2349013)

Zu meinen Favoriten zählen vor allem seine Werke aus den 50er bis 60er Jahren wie "Das siebente Siegel", "Wilde Erdbeeren", "Wie in einem Spiegel", die abgründige Psychostudie "Die Stunde des Wolfes" und das oft übergangenen "Der Ritus", das komplexer angelegt ist als der Kassenschlager "Das Schweigen", den ich ehrlich gesagt eher mittelmäßig fand und dem man ohne die berühmt-berüchtigten Sexszenen sicher nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

Gibt es hier noch mehr Liebhaber seiner Filme? Welche Streifen haben es auch besonders angetan?
kämpfer der sonne
funny und alexander ist verdammt gut und finde ich sehr intelligent gemacht. hat 4 oskars dafür eingeheimst.
Rhetorix
Ich Banause habe keinen einzigen Film von I.B. gesehen.
Halt - stopp! - ich glaube, dass ich doch irgendwann einmal das Schweigen gesehen habe, als der Film längst kein Skandal mehr war. Ich erinnere mich an dunkel und langweilig. Dann wird es wohl das Schweigen gewesen sein.

Waren die Szenen einer Ehe auch von ihm, oder verwechsele ich das? Falls nicht, hätte ich sogar schon 2 Filme von I.B. gesehen, Donnerwetter.

Wenn ich an I.B. denke, fällt mir als erstes der Skandal ein, den es damals wegen des Schweigens gab (bin nämlich alt genug, um daran noch eine Erinnerung zu haben).
Du liebe Güte - welchen Mist der Mensch sich doch manchmal über Jahrzehnte merkt und dabei alle mögíchen interessanten, wichtigen Dinge vergisst!
Kaum zu glauben: ich erinnere mich sogar noch an einen Witz über das Schweigen, der mich damals unauslöschlich beeindruckt haben muss.
Der ging so:
Ein Mann erzählt, dass er sich gestern das Schweigen angesehen hat.
"Und wie war's?"
"Beeindruckend! Mir ist dreimal der Hut hochgegangen!"
"Aber im Kino setzt man seinen Hut doch ab!"
"Klar. Ich hab ihn ja auch in den Schoß gelegt."

Was für eine andere Welt...

Meine Eltern hätten sich diesen Film niemals angesehen, ebenso wenig wie alle anderen anständigen Leute, die man kannte. Ingmar Bergmann war einfach ein Ferkel, fertig. Und wahrscheinlich war damals sogar ganz Schweden irgendwie anrüchig und unanständig.

Falls einer von euch entdeckt, dass eine Bergmann-Retrospektive im Fernsehen kommt - bitte Hinweis!
Jener Einzelne
Zitat:
Original von Rhetorix
Ich Banause habe keinen einzigen Film von I.B. gesehen.
Halt - stopp! - ich glaube, dass ich doch irgendwann einmal das Schweigen gesehen habe, als der Film längst kein Skandal mehr war. Ich erinnere mich an dunkel und langweilig. Dann wird es wohl das Schweigen gewesen sein.


großes Grinsen

"Als dunkel und langweilig" werden wohl die meisten Menschen Bergmans frühe Werke abtun. Aber was das Schweigen angeht, hast du damit nicht Unrecht - der Film ist sehr behäbig und entfaltet einfach keine Wirkung. Der Ansatz ist natürlich interessant: Bergman rekonstruiert in Gestalt der beiden ungleichen Schwestern eine von ihm so gefühlte Grunddichotomie seiner Persönlichkeit. Die sinnenfreudige, impulsive, ja fast schon triebhafte Anna als Gegenstück zur rationalen, aber psychisch labilen Schriftstellerin Ester.

Interessanterweise stirbt Ester am Schluss - denn daraus lässt sich eine Parallele zum oben erwähnten "Ritus" schließen. Hier zerstückelt Bergman sein Ich gleich in drei (ich würde sogar sagen: vier) Teile. Die Handlung gestaltet sich wie folgt, ich kopiere mal eben von *Versandfirma*: "Nach einer Pantomimeaufführung müssen sich die Schauspieler Sebastian, Hans und Thea vor einem Richter wegen angeblicher Obzönität verantworten. Gemeinsam und einzeln vom Richter verhört, offenbaren die Schauspieler ihre Persönlichkeiten und ihre komplexen Beziehungen zu einander. Dabei werden sie vom Richter gedemütigt, erhalten aber ihre Chance, sich zu rächen, als er sie bittet, die Pantomime exklusiv für ihn aufzuführen."

Die Künstler der Gruppe "Les Riens" (die Nichtse!) sind Seelenkräfte und Facetten Bergmans: Ingrid Thulin das Neurotische und Irrationale, Anders Ek die Kreativität und Gunnar Björnstrand das Ordnende. Der Richter, das wäre dann der vierte Teil, repräsentiert darüber hinaus eine beobachtende und wertende Instanz. Das Ende erinnert frappierend an "Das Schweigen", ist aber noch rigoroser inszeniert: Priapos-Statuen gleich bauen sich die Schauspieler mit riesigen Phalli vor dem Richter auf und treiben ihn mit ihrem Schauspiel in den Tod. Auch hier stirbt der reflektierende Geist.

Vorgestern abend gab es auf 3Sat eine einstündige Dokumentation über die Frauen in Bergmans filmischem Kosmos. Diese Frauenrollen werden aber oft missverstanden: Bergman spiegelt sich in seinen Frauenfiguren erstens oft selbst und rührt zweitens meist an Themen, die schlicht und einfach geschlechtsübergreifend sind. Es wäre also ein wenig vermessen, ihn als den großen "Frauenversteher" einzuschachteln. Sein Kino ist ein Kino der männlichen Perspektive und Selbstbezugnahme.
Werner
Ich finde die Filme von I.B im Wesentlichen alle sehr gut; langweilig war mir noch bei keinem, den ich gesehen habe. Ganz sicher weiss ich es natürlich nicht, aber ich meine so ziemlich alle Filme gesehen zu haben die er gemacht hat.

Besonders beeindruckend fand ich "Szenen einer Ehe" und "Das siebente Siegel", auch "Das SChweigen".

Ein ganz großer Fan von I.B. ist ja auch Woody Allen, zitiert I.B. häufig. Und hat meiner Meinung nach auch viel übernommen, wenn auch häufig versteckt unter einer Schicht Humor. Aber INHALTLICH nimmt er viel von I.B. auf.

was meint ihr: Wo noch sieht man das Vermächtnis von I.B. so deutlich?
Jener Einzelne
Zitat:
Original von Werner
Ein ganz großer Fan von I.B. ist ja auch Woody Allen, zitiert I.B. häufig. Und hat meiner Meinung nach auch viel übernommen, wenn auch häufig versteckt unter einer Schicht Humor. Aber INHALTLICH nimmt er viel von I.B. auf.

was meint ihr: Wo noch sieht man das Vermächtnis von I.B. so deutlich?


Auch wenn die meisten Leute Woody Allen immer nur mit seinen Komödien in Verbindung bringen - der Mann hat auch schweren, dramatischen Stoff abgedreht. Vor allem "Innenleben" ist stilistisch überdeutlich an Bergman angelehnt, in manchen Einstellungen könnte man fast auf die Idee kommen I.B. selbst hätte hier Regie geführt: spärliches Interieur mit nackten Wänden, das Abtasten der Gesichtslandschaften, die Beziehungskonstellationen, das Filmen leerer Räume während man die Darsteller im Nebenzimmer sprechen hört...

Auf welche versteckten Anspielungen beziehst du dich? Ich kann man spontan nur an ein Bergman-Filmplakat erinnern, dass in "Annie Hall" kurz zu sehen ist und dann natürlich an diesen Dialog in "Manhattan", wo Allen sich gegen Schmähungen seines Idols zur Wehr setzen muss. großes Grinsen
Werner
Zitat:
Original von Jener Einzelne

Auf welche versteckten Anspielungen beziehst du dich? Ich kann man spontan nur an ein Bergman-Filmplakat erinnern, dass in "Annie Hall" kurz zu sehen ist und dann natürlich an diesen Dialog in "Manhattan", wo Allen sich gegen Schmähungen seines Idols zur Wehr setzen muss. großes Grinsen



Gar nicht so sehr die direkten Anspielungen hatte ich gemeint, sondern den Stil und den Inhalt. Wie du schon sagst: "Innenleben" könnte direkt von Bergman sein; oder auch Filme wie "Verbrechen und andere Kleinigkeiten", die inhaltlich das verzweifelt-grüblerische aus Bergmans Werk sehr stilsicher wiedergeben.
Jener Einzelne
Zitat:
Original von Werner
was meint ihr: Wo noch sieht man das Vermächtnis von I.B. so deutlich?


Ein Stück weit sicher auch an den offenherzigen Szenen in einigen seiner Filmen. Diese berühmten 118 Sex-Sekunden in "Das Schweigen" haben sicher schon in den 70ern niemanden mehr aufgeregt - doch hat Bergman damit Raum für eine freiere Darstellung von Sexualität geschaffen. Steter Tropfen höhlt den Stein, heißt es ja so schön, so gesehen befindet er sich da auf einer Linie mit der Knef als "Sünderin". Später hat er die Grenze ja noch weiter nach hinten verschoben, in "Schreie und Flüstern" etwa führt sich eine Darstellerin Glasscherben vaginal ein. Das sind Szenen, die auch heute noch für entsetzte Mienen sorgen und derzeit wohl eher im asiatischen Raum filmisch aufgegrifffen werden.

Ich weiß nicht ob du "Die Stunde des Wolfs" gesehen hast, aber diese surreal wirkende Mordszene auf den Klippen hat mich sehr an die Machart des "Todesvideos" in der amerikanischen Fassung von "The Ring" erinnert. Das wäre ein Gaudium, wenn die bei Bergman abgeschaut hätten... großes Grinsen
tolwin
Ich bin auch seit meinem ersten Bergman Film, dem siebenten Siegel (den ich heute übrigends für einen seiner schwächeren halte) ein großer Fan der meisten seiner Werke. Schade, daß er erst sterben musste, bis endlich wieder einige seiner Filme außerhalb der Kinowelt oder anderer Pay-Tv Sender laufen. Vielleicht ist der Medienrummel um ihn & das Ausstrahlen seiner zugänglicheren Filme, wie z. B. den Szenen einer Ehe, dann doch Anreiz und Möglichkeit der einen oder anderen Geschmacksverirrung gegenzuwirken. Zumindest zeitweise.

Da ich nun auch ein großer Fan von Woody Allen bin, muss ich aber sagen: immer wenn er Bergman kopieren wollte, drehte er seine schlechteren Filme. Innenleben ist schwach, plump im Vergleich zu Bergmans Ideenreichtum und begeistert nur dann, wenn man bspw. Bergmans, im selben Jahr erschienenen, Herbstsonate nicht kennt. Die Schlußeinstellung von Innenleben empfinde ich sogar als peinlich dümmlich. September ist auch - immer im Vergleich zu Bergman - schwach und konstruiert. Und auch wenn er den Bergmanstoff auf seine tragisch-komische Weise aufbereiten will, wie in Harry außer sich (in Anlehnung an die Odyssee des Isak Bork aus Wilde Erdbeeren) finde ich dann nur die Stellen gelungen, welche nicht direkt oder indirekt auf Bergman verweisen. Gleiches gilt aber auch für seine Homage an Fellinis Achteinhalb, Stardust Memories. Woody Allen ist immer dann am besten, wenn er keine Vorbilder behandelt.
Rhetorix
Gestern sendete Arte 'Saraband' von I.B.

Ich habe mir diesen Film angesehen, so gut es ging, d.h. ich war sehr aufmerksam und bin zweimal darüber eingeschlafen.
Wahrscheinlich bin ich nicht als Publikum der Filme des 'besten Regisseurs aller Zeiten' geschaffen.

Was ich da gesehen habe, war sicher alles sehr gut gemacht, aber es hat mich nicht berührt. Die Beziehungskisten dieser Leute waren und blieben mir einfach egal. Woran das lag, habe ich nicht herausgefunden.
tolwin
Und ich habe den Film mal wieder mit Begeisterung aufgesogen und empfinde ihn nach wie vor als einen seiner besten smile
Eine großartige Liv Ullman & Erland Josephson! Das letzte Kapitel Die Stunde vor Tagesanbruch und der Epilog - getrennt vom Film betrachtet - gehören vielleicht sogar zu Bergmans stärksten Szenen seines Gesamtwerks.
Rhetorix
Zitat:
Original von tolwin
... Das letzte Kapitel Die Stunde vor Tagesanbruch und der Epilog - getrennt vom Film betrachtet - gehören vielleicht sogar zu Bergmans stärksten Szenen seines Gesamtwerks.

Das bezweifle ich keinen Augenblick. Leider kann ich nicht mitreden, da ich beim letzten Kapitel schon im Tiefschlaf war.

Diese betäubende Langeweile, die ich nicht nur bei diesem Film von I.B. empfunden habe, gibt mir ein Rätsel auf.
Es ist weder so, dass ich Bergmans Filme etwa schlecht fände oder sie in irgendeiner Weise kritisieren möchte.
Noch weniger kann man sagen, dass ich mir mit Vorliebe Actionfilme ansehe und mich langweile, weil bei Bergman nicht genug los ist.
Er scheint mich einfach nicht zu ereichen, so dass ich ständig das Gefühl habe, dass mich das Ganze nicht mehr angeht, als wenn Frau Schmitz von nebenan ein Pfund Gehacktes kauft.

Woran liegts?

In ein und derselben Woche hatte ich mir 2 'große' Filme angesehen, einmal 'Das Boot' und einandermal die 'Saraband'.
Nach dem 'Boot' schrumpfte die Nacht auf 3-4 Stunden, der nächste Tag war versaut, und ich hatte während des Films in jedem Augenblick das Gefühl, es ginge mich so sehr an, dass ich nicht einmal eine Minute zum Klo gehen könnte.
Bei der Saraband hätte ich nicht einmal ein Interesse gehabt, mich mit den (fiktiven) Personen zu unterhalten. Sollten sie doch miteinander klüngeln, wie sie wollten! *schnarch*

Woran liegts nur?!
tolwin
Das weiß ich natürlich auch nicht.
Es wäre nicht ganz richtig, wenn man behauptet, es liegt grundsätzlich an sowas wie "inneren Befindlicheiten", was man als unterhaltsam oder sehenswert oder gelungen empfindet, aber wenigstens zum Teil könnte man es damit erklären. Daß die meisten Filme von Bergman formal in einer anderen Liga spielen als 90% der vergleichbaren Produktionen wäre ein anderer, für mich interessanter, Punkt. Das ginge dann aber schon wieder in den Bereich der Filmästhetik.

Und wenn ich sage, meinem inneren Empfinden nach geht mir der Fokus auf die Geschehnisse und die Stimmung in (und darum herum) einem U-Boot weniger nahe, als - wenn auch bei Bergman oft intellektuell überbetonten - bei grunsätzlichen Problemen im Bereich des Zwischenmenschlichen, ist das schon wieder so wunderbar subjektiv wertlos. Ob mich das Gezeigte in einem Film "etwas angeht", kann natürlich nur jeder für sich entscheiden und, sofern er möchte, begründen. Vor paar Jahren empfand ich es noch als persönliche Beleidigung als meine damalige Freundin während Das Irrlicht eingeschlafen ist, aber Kulturerwerb soll ja immer freiwillig geschehen smile Abgesehen davon: ich verstehe es, wenn man Bergman langweilig findet.
Jener Einzelne
Zitat:
Original von tolwin
Vor paar Jahren empfand ich es noch als persönliche Beleidigung als meine damalige Freundin während Das Irrlicht eingeschlafen ist, aber Kulturerwerb soll ja immer freiwillig geschehen smile


Persönliche Beleidigung? Bei diesem Film: Trennungsgrund. großes Grinsen