Herrschaftsfreier Diskurs?– Habermas´ Vision vom freundlichen Zusammenleben.

Eugen
Hallo zusammen,

Jürgen Habermas hat ja in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ eine ziemlich komplexe Gesellschaftstheorie entwickelt. In einem Interview kam er einmal auf die grundlegende Intuition zu sprechen, die ihn dabei anscheinend leitete:

„Die Intuition stammt aus dem Bereich des Umgangs mit anderen; sie zielt auf Erfahrungen einer unversehrten Intersubjektivität, fragiler als alles, was bisher die Geschichte an Kommunikationsstrukturen aus sich hervorgetrieben hat…

… Es sind Vorstellungen von geglückter Interaktion. Gegenseitigkeiten und Distanz, Entfernungen und gelingender, nicht verfehlter Nähe, Verletzbarkeiten und komplementäre Behutsamkeiten – all diese Bilder von Schutz, Exponiertheit und Mitleid, von Hingabe und Widerstand steigen aus einem Erfahrungshorizont des, um es mit Brecht zu sagen, freundlichen Zusammenlebens auf. Diese Freundlichkeit schließt nicht etwa den Konflikt aus, sondern was sie meint, sind die humanen Formen, in denen man Konflikte überleben kann.“

(Ästhetik und Kommunikation 45/46, Coburg 1981)

Zentral scheint für Habermas das Konzept eines „herrschaftsfreien Diskurses“ zu sein, also einer Form der rationalen Kommunikation, in der nicht Machtverhältnisse dominieren, sondern sich die Teilnehmenden sozusagen auf Augenhöhe möglichst gleichberechtigt und frei miteinander verständigen.

Es geht also offensichtlich um eine recht optimistische, zuversichtliche Intuition und ich meine, es lohnt sich, dieser Vision vom freundlichen Zusammenleben und ihrer Begründung etwas ausführlicher nachzugehen.

Ich selbst kommuniziere ja auch sehr gern „herrschaftsfrei“ von gleich zu gleich, habe aber trotzdem meine starken Zweifel, ob diese Form der Verständigung die von Habermas zugedachte zentrale Funktion im Bereich des sozialen Handelns einnehmen kann oder zumindest einmal einnehmen könnte.

Mein – zugegeben vorerst eher gefühlsmäßiger – Eindruck ist, dass in der sozialen Welt gerade Machtverhältnisse immer in irgendeiner Form eine wesentliche Rolle spielen, dass es ohne sie zumindest bei erfolgsorientierten sozialen Interaktionen einfach nicht geht.

Allerdings habe ich Habermas´ 2-bändiges, über 1200 Seiten dickes „Hauptwerk“ nicht gelesen und bin nur eher oberflächlich über ein paar andere seiner Schriften in etwa mit den Grundzügen dieser Theorie vertraut.

Meine Frage also an die Kenner wie auch die interessierten Neulinge in der Materie:

Stellt der herrschaftsfreie, rationale Diskurs ein Modell dar,

- das tatsächlich die notwendige, „humane“ Form jeglichen weiteren sozialen, insbesondere moralisch-sittlichen Fortschritts beschreibt, oder

- handelt es sich nur um ein spezielles „Instrument“ unter anderen, das in bestimmten Zusammenhängen hilfreich sein mag, oder

- beruht dieses Konzept gar insgesamt auf einer Illusion?


Gruß

Eugen
__________________________________
„Wer zwischen Seele und Leib einen Unterschied macht, besitzt keins von beiden.“
Oscar Wilde
Friedhelm
Hallo Eugen,

Ich kenne dieses gigantische Werk von Habermas nur aus 2. Hand. Kenne aber andere Arbeiten zum kommunikativen Verhältnis zwischen Menschen.

Unter wikipedia lese ich (http://de.wikipedia.org/wiki/Theorie_des_kommunikative
n_Handelns
)

Mögliche Grundlagen eines guten gemeinsamen Handelns nach Habermas:

1. Verständlichkeit,
2. objektive Wahrheit,
3. normative Richtigkeit und
4. subjektive Wahrhaftigkeit.

Ergebnisse herrschaftsfreier Kommunikation, die ausschließlich unter Berufung auf diese Geltungsansprüche zustande kommen, sind nach Habermas optimal rational. Für Habermas korrespondieren und überschneiden sich diese vier Geltungsansprüche mit dem Begriff der intersubjektiven Wahrheit .
Intersubjektive Wahrheit bedeutet jedoch, dass jeder theoretisch möglicher Diskursteilnehmer der Aussage (Proposition) zustimmen könnte. Der optimale Diskurs würde sich in der idealen Sprechaktsituation widerspiegeln. Ideal wäre die Sprechaktsituation dann, wenn es keine Verzerrung der Kommunikation gibt. D.h.

1. Gleiche Chancen auf Dialoginitiation und -beteiligung,
2. Gleiche Chancen der Deutungs- und Argumentationsqualität,
3. Herrschaftsfreiheit, sowie
4. Keine Täuschung der Sprechintentionen.

Diese transzendental pragmatischen Bedingungen ermöglichen Verständigung und einen vernünftigen Diskurs. Habermas weiß, dass es die ideale Sprechaktsituation in der Realität nicht gibt.
Jedoch glaubt er, dass wir diese Idealisierung vor jedem Sprechakt vornehmen müssen.

+++++
ein wunderschönes Gestirn guter Vorsätze, das meine ganze Sympathie besitzt, obwohl darin die beiden schwarzen Löcher, "die objektive Wahrheit" und "keine Täuschung der Sprechintentionen" alles andere in sich einzuverleiben ständig dabei sind, also ein ständiges Gefälle in einen Abgrund jeder Kommunikation ausmachen.

soweit erstmal
ganz herzlich
Friedhelm
carsten aus bochum
Hallo Eugen und Friedhelm und andere!

Die Bedingungen

Eugen und ich hatten das Thema in einem anderen Thread schon mal andiskutiert und sind wenn ich es recht überblicke, ungefähr bis zu dem Punkt gekommen, den Du dankenswerterweise oben noch mal zusammengefasst hast.

Worum es wohl vor allem geht, ist die Einschätzung bezüglich der „Zugkraft“ der Rationalität selbst.

Ich bin, wohl mit Habermas – aber leider auch nur aus der Position des interessierten Neulings – der Auffassung, dass Rationalität, die ja den Boden des herrschaftsfreien Diskurses darstellt, ab einem gewissen Schwellenwert, der vermutlich überschritten sein muss, d.h. der im Bewusstsein, vor allem eben im moralischen Empfinden des Menschen „angekommen“ sein muss – ich erläutere das gleich – dies durchaus leisten kann, während Eugen das wohl für eine sehr optimistische Einschätzung hält:

Zitat:
„Ich selbst kommuniziere ja auch sehr gern „herrschaftsfrei“ von gleich zu gleich, habe aber trotzdem meine starken Zweifel, ob diese Form der Verständigung die von Habermas zugedachte zentrale Funktion im Bereich des sozialen Handelns einnehmen kann oder zumindest einmal einnehmen könnte.“


Ich glaube, dass es sich sicher um ein Ideal handelt, Ideal im Bezug auf die gesellschaftliche Gegenwart.
Damit dieses Ideal praktisch umgesetzt werden kann, braucht es eine hinreichende Menge an Mitspielern, die die Idee des herrschaftsfreien Diskurses nachvollziehen können und ihn praktizieren wollen.

Kurz und gut, ich muss den anderen zuallererst verstehen wollen, sonst bringt das alles nichts.
Es wäre naiv zu denken, dass dies heute schon überwiegend in allen Gesellschaftsschichten und Teilen der Welt der Fall ist und so sagst auch Du, Eugen:

Zitat:
„Mein – zugegeben vorerst eher gefühlsmäßiger – Eindruck ist, dass in der sozialen Welt gerade Machtverhältnisse immer in irgendeiner Form eine wesentliche Rolle spielen, dass es ohne sie zumindest bei erfolgsorientierten sozialen Interaktionen einfach nicht geht.“


Dem stimme ich durchaus zu.
Bei den allermeisten geht es vielleicht nicht primär darum den anderen verstehen zu wollen, sondern, gemäß der Moral der kohlbergschen Stufen der Konventionalität, den anderen von der Richtigkeit der eigenen Denkart und Lebensweise überzeugen zu wollen (und möglichst mit ins Boot zu holen).
Die psychologischen Motive sind die einer gewissen Unsicherheit, die kompensiert wird (oder gar nicht erst ins Bewusstsein tritt) wenn alle so denken wie wir (und das Ich identifiziert sich auf dieser Stufe noch sehr mit dem Gruppen-Wir).
Der primäre Wunsch ist Zugehörigkeit und der Antrieb der Kommunikation dieser konventionellen moralischen Stufe scheint mir das Bedürfnis zu sein, zu missionieren, die Richtigkeit der von der Gruppe gewählten Normen und Regeln zu betonen (und den Unsinn einer anderen Lebensform) und ein von den rigiden und oft genauen Regeln abweichendes Verhalten innerhalb der eigenen Gruppe streng zu sanktionieren.

Auf dieser Stufe (und noch mehr auf jenen darunter) geht es also um alles andere als den herrschaftsfreien Diskurs, sondern es geht um Überzeugung durch vermeintliche – und oft nur durch mythischen Glauben bestätigte - Autorität.
Irgendwo da draußen sitzt eine weise bis allwissende Instanz, die weiß, was für uns alle gut und richtig ist und der – oder einem ihrer Stellvertreter - müssen wir vertrauen und gut ist, wenn das Vertrauen möglichst ungetrübt (durch eigene Zweifel) ist.

Häufig trägt diese Instanz ein religiöses Gewand, aber nicht zwingend, alle großen Ideologien speisen sich letztlich aus dieser Stufe von Konformität und Gehorsam.
Zweifel mögen erlaubt sein, aber nur innerhalb eines sehr eng gesetzten Rahmens.
Es darf gefragt werden, ob Gott oder ein großer Führer es so oder eher so meint, dass es ihn nicht geben könnte oder er prinzipiell auch mal irrt, ist nicht vorgesehen.

Apel identifiziert die von Kohlberg nachträglich eingeführte Stufe 4 ½, die ich, um einen gemeinsame Basis zu schaffen, hier noch mal poste,...

Zwischen- bzw. Übergangsstufe

4 1/2. Stufe: Bei der Auswertung einer Längsschnittstudie wurde festgestellt, dass High-School-Absolventen wieder moralische Urteile entsprechend der Stufe 2 fällten. Daraufhin wurde die Zwischenstufe nachträglich in die Theorie integriert.

In der Übergangszeit zum Erwachsenwerden befinden sich Jugendliche typischerweise in einer Übergangsphase. Um sich vom konventionellen Niveau des Moralbewusstseins zu lösen, ist es wichtig, moralische Normen zu hinterfragen und nicht blind Autoritäten zu folgen. In der Übergangsphase gelingt es dem Menschen noch nicht, die Begründung von Normen auf ein neues, intersubjektives Fundament zu stellen, er ist moralisch orientierungslos. Menschen dieser Stufe verhalten sich nach ihren persönlichen Ansichten und Emotionen. Ihre Moral ist eher willkürlich, Begriffe wie „moralisch richtig“ oder „Pflicht“ halten sie für relativ. Im günstigen Fall gelingt ihnen die Entwicklung zur 5. Stufe des Moralbewusstseins, es kann aber auch sein, dass sie in der Übergangsstufe verbleiben oder zur 4. Stufe zurückfallen. Die Zwischenstufe wird als postkonventionell angesehen, obwohl moralische Urteile auf diese Stufe noch nicht prinzipiengesteuert sind.“



... als jene Stufe die überwunden werden muss, soll ein herrschaftsfreier Diskurs zustande kommen.

Charakteristisch für diese Stufe scheint zu sein, dass jene eben skizzierte Autoritätsgläubigkeit der konventionellen Stufen 3 und 4 überwunden zu sein scheint, sich aber zunächst erst einmal in einem - so deute ich es – überwiegenden Protestverhalten äußert, weil man die übergeordneten Prinzipien noch nicht erkennt.

Man hat erkannt, dass Autoritätshörigkeit die Lösung nicht sein kann, doch an die Stelle konstruktiver Erkenntnis tritt eine eher destruktive Skepsis gegen alle Autorität, auch dies meine Deutung.

Apel fordert an dieser Stelle, man könne und müsse die Position der reinen Skepsis dadurch überwinden, dass man „zu Ende denkt“, indem man die Widersprüchlichkeiten in die man durch Halbgedachtes rutscht konfrontiert und überwindet.

Dies ist der Boden, an dem der herrschaftsfreie Diskurs aus meiner Sicht zu einer gewissen Selbstverständlichkeit und einem echten Bedürfnis wird.


Probleme


Eine Schwierigkeit ergibt sich u.a. an der Stelle, an der ein Mensch, der das Bedürfnis hat, den anderen allein durch den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ (Habermas) zu überzeugen und sich selbst so überzeugen lassen zu wollen, auf einen anderen trifft, der dieses Bedürfnis noch nicht hat, oder diese Art überzeugen zu wollen sogar als Schwäche deutet. (Eine Pistole „überzeugt“ ja auch.)


(Randbemerkung: aus meiner Sicht das zentrale Problem der oft beidseitig missglückten Kommunikation zwischen Vertretern von Volksgruppen, die Recht und Religion nicht trennen möchten und deren Legitimierung in Streitfragen sich wohl oft auf autoritäre Quellen bezieht und Vertretern einer Position die einen freundlichen Diskurs – ums Verrecken – erzwingen möchten und naiv die Möglichkeit verkennen, dass der andere gar keine Lust dazu haben könnte. Der Fehler scheint mir hier aber nicht darin zu liegen, dass es prinzipiell nicht geht, sondern, dass man nicht naiv sein darf und genauer hinschauen muss.
Habermas scheint hier nach meiner Einschätzung nicht naiv zu sein, spricht er doch an anderer Stelle („Der gespaltene Westen“) und in einem anderen Kontext davon, dass es durchaus legitim und richtig sei, gewisse Stammtischparolen zu unterdrücken.)

Der eventuelle Optimismus Habermas’ liegt auch darin begründet, dass er für viele überraschend, den Diskurs mit den Religionen sucht, er, der sich selbst als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet, was man durchaus manchmal hören kann.

Für mich eine konsequente Geschichte und ich will erklären warum.
Habermas’ Intuition könnte eine therapeutische sein. Er versucht, so stellt er es selbst dar („Zwischen Religion und Naturalismus“), den rationalen Kern der anderen Sprache finden und verstehen.
Der freundliche Diskurs lebt ja überhaupt davon, dass man den anderen wirklich zutiefst verstehen will.
Lässt man sich wirklich auf den anderen ein, so kommt es mir vor, ist (oft) ein Boden geebnet, der sich für eine Diskussion als tragfähig erweist, bei denen der andere von grundsätzlich anderen Voraussetzungen ausgeht, oder die den anderen vielleicht ansonsten überfordern.

Ich sehe hier – dies eher an Eugen gerichtet – größere Parallelen zu Wilber:
Auch er geht ja davon aus, dass der Mensch eine Vielzahl unterschiedlicher Entwicklungslinien „hat“, die jeweils unterschiedlich weit entwickelt sein können, sich jedoch um einen statischen Schwerpunkt herum gruppieren.
Ein Mensch, der den Eindruck vermittelt überwiegend auf Drehpunkt 4 (was ja ungefähr der konventionellen Moral entspricht) zu agieren, zu denken und zu empfinden, ist ja – grob – mit etwa 50% seiner Linien auf D-4 „beheimatet“ und zu je 25% auf D-3 und D-5. Will man Entwicklung anregen, wohl eines von Wilbers Kernanliegen, empfiehlt er, zumindest verstehe ich es so, sich mit den 25% zu unterhalten, die bereits auf D-5 sind.
Auf dem Boden von Empathie erscheint mir das durchaus möglich (und praktische Erfahrungen von mir bestätigen mir das). Es führt vielleicht zu einer leichten Überforderung des anderen, aber das triggert ja zuweilen sogar flow- und Glücks-Erfahrungen und eröffnet dem anderen neue Perspektiven. Und es ist nicht „künstlich“ denn diese 25% sind ja bereits da und aktiv.

Ich glaube, dass Habermas es bestimmt anders bezeichnen würde, aber eventuell ähnlich sieht.


Größere Probleme ergeben sich, wenn der andere sehr weit von der moralischen Stufe 5 entfernt ist.
Er könnte genügend Intelligenz haben um rational zu argumentieren, aber dieses Verständnis muss sich ja nicht moralischer Weiterentwicklung niederschlagen, sondern könnte auch benutzt, um andere effektiv zu manipulieren. Ein „dummes Schwein“, muss nicht wirklich dumm sein.

Wenn dem anderen auch der rationale Zugang nicht gegeben ist, fällt der herrschaftsfreie Diskurs aus.

Grundsätzlich erlebe ich es so, dass ein Diskurs zwar immer wieder von Allzumenschlichem durchsetzt sein mag, aber es mitunter ein tiefes und beglückendes Bedürfnis sein kann, denn anderen verstehen zu wollen.


Da ich die Gesellschaft in einer Weiterentwicklung sehe mag es zwar vielleicht erschreckend klingen, wenn nach Wilber 70% und nach Apel (der sich glaube ich auf Kohlberg bezieht) sogar 80% der Menschen noch nicht auf der moralischen Stufe 5 (oder drüber) sind und also für den freundlichen Diskurs prinzipiell ungeeignet scheinen, aber die weit überragende Zahl der Menschen in Deutschland ist sehr kurz vor dieser Stufe und aus oben genannten Gründen könnte es sich lohnen, sie „freundlich“ anzusprechen, wenn man das nicht als ideologisches Programm zur Weltrettung für alle und jeden überfrachtet, wie es Multi-Kulti Ideologen zu lange getan haben, das ist schlicht blöd, naiv und im schlimmsten Fall selbstmörderisch.

Betrachtet man aber wie viele Menschen zwar vielleicht noch nicht auf Stufe 5 moralisch beheimatet sind, die Argumentation und Intention hier aber „intuitiv“ nachvollziehen können, sehen, so denke ich, die Zahlen erheblich optimistischer aus.


Wahrheit

Ein Wort noch zur Wahrheit, weil Friedhelm es als eines der „schwarzen Löcher“ angesprochen hat.

Wie Du selbst angedeutet hast, ist ja Intersubjektivität das Fundament der ganzen Geschichte.
So wie ich es verstehe, bedeutet Wahrheit in diesem Kontext einfach nur das, worauf sich (die Gemeinschaft der in diesem Bereich Kompetenten) nach jeweils rational nachvollziehbaren Argumenten einigen. Wenn es darum geht, zu prüfen ob es regnet, ist aber jeder kompetent und Objektivität scheint so oder so einfach eine erweiterte Intersubjektivität zu sein, eine Forderung jener Vernunft die stets den Boden des intersubjektiven Diskurses darstellt.
Es bringt nichts prinzipiell an allem zu zweifeln (um des bloßen Zweifels willen) und so haben wir alle eine Menge an prima facie Berechtigungen bei denen derjenige unter dem Zwang der Begründung steht, der sie einem anderen Menschen absprechen will.

Die Schwierigkeiten bei der Frage wer denn im Einzelfall als kompetent zu gelten hat und wer nicht, erörtert m.E. in nachvollziehbarer Weise Robert Brandom mit seinem umfangreichen Versuch die dem Sprechen und Handeln implizite rationale Folgerichtigkeit, die zeigt, ob man etwas in Wort und Tat und ihren Konsequenzen (Festlegungen) verstanden hat, explizit zu machen („Making it explicit/Expressive Vernunft“ ist der Titel seines dicken Buches), das beginne ich gerade erst zu verstehen, aber sein Modell einer deontischen Kontoführung kann, wie mir bisher scheint, allgmemein nachvollziehbar zeigen wer warum als kompetent zu gelten hat.


Soweit erst mal,

Carsten
oui
Zitat:
Original von Eugen
Stellt der herrschaftsfreie, rationale Diskurs ein Modell dar,

- das tatsächlich die notwendige, „humane“ Form jeglichen weiteren sozialen, insbesondere moralisch-sittlichen Fortschritts beschreibt,

Die von Friedhelm angeführten Handlungs- und Kommunikationsvoraussetzungen (laut Habermas) sind anspruchsvoll und setzen jeweils bei Personen (Diskursteilnehmern) entwickelte Empathie und Selbstspiegelung voraus.

Zitat:
- oder handelt es sich nur um ein spezielles „Instrument“ unter anderen, das in bestimmten Zusammenhängen hilfreich sein mag,

Ich denke, dass es (als Instrument) im ethischen Bereich hilfreich sein kann, da es in diesem Bereich mehr um Bewerten geht, im Gegensatz zum nicht-ethischen Bereich, bei dem es eher um Aussagen geht.

Zitat:
- beruht dieses Konzept gar insgesamt auf einer Illusion?

Welche Illusion wäre das für Dich?
M.E. wäre der sehr hohe Anspruch des gleichzeitigen Vorhandenseins aller aufgeführten Punkte ein Stolperstein - allerdings keine Illusion.
Solche Gesprächsrunden zeichnen sich nicht durch Beschwingtheit o. Leichtigkeit aus, sondern sind ein Ringen um Klarheit und Konsens, ein Zurückstellen der eigenen Person um der Sache willen, ein Abwägen der Eigeninteressen und denen der Allgemeinheit und einzelner Anderer.


@ Friedhelm

Was ist für Dich objektive Wahrheit? Ist sie ein erkenntnistheoretisches Problem - also eine Eigenschaft der intersubjektiven Kommunikation (mhm...schwierig zu formulieren, ich hoffe, Du kannst damit was anfangen) ? Welche Wahrheitsbedingungen wären (müssten) dann Voraussetzung sein?


@ cabo

Die Kohlberg-Stufen sind ja immer wieder interessant und nützlich. Nur geht es hier bei Habermas um das Handeln, nicht um die einzelenen Urteilsstufen. Kohlberg sagt nichts darüber aus, wie es vom Urteil zum entsprechenden Handeln kommt. Wissen um etwas reicht hier nicht aus.
Piaget geht auf das Handeln ein, er beschreibt Entwicklung mit verschiedenen Gleichgewichtszuständen, in denen Assimilation (Aneignung) und Akkommodation ( Anpassen) eine Rolle hinsichtlich verschiedener Auseinandersetzungsmöglichkeiten spielen.
Zu Kohlberg: Warum sagte er, dass Frauen bei seiner Stufeneinteilung nur niedrigere Stufen erreichen als Männer? geschockt Habe ich da was missverstanden?

Grüsse

oui
Rhetorix
Zitat:
Original von Eugen
...„Die Intuition stammt aus dem Bereich des Umgangs mit anderen; sie zielt auf Erfahrungen einer unversehrten Intersubjektivität, fragiler als alles, was bisher die Geschichte an Kommunikationsstrukturen aus sich hervorgetrieben hat…
… Es sind Vorstellungen von geglückter Interaktion. Gegenseitigkeiten und Distanz, Entfernungen und gelingender, nicht verfehlter Nähe, Verletzbarkeiten und komplementäre Behutsamkeiten – all diese Bilder von Schutz, Exponiertheit und Mitleid, von Hingabe und Widerstand steigen aus einem Erfahrungshorizont des, um es mit Brecht zu sagen, freundlichen Zusammenlebens auf. Diese Freundlichkeit schließt nicht etwa den Konflikt aus, sondern was sie meint, sind die humanen Formen, in denen man Konflikte überleben kann.“

(Ästhetik und Kommunikation 45/46, Coburg 1981)

Zentral scheint für Habermas das Konzept eines „herrschaftsfreien Diskurses“ zu sein, also einer Form der rationalen Kommunikation...

Ich verstehe Habermas' Konfliktlösungs-Vorschlag anders als du. Wahrscheinlich liegt das nicht nur am Text, sondern auch an meiner eigenen Konfliktlösungs-Erfahrung.

Eine rationale Kommunikation ist nicht einmal die Hälfte wert!

Erste Aufgabe des Konfliktlösers ist es, den Konflikt zu verstehen.
Oft bestehen Konflikte aber nur zum kleinen Teil auf rationalen Aspekten.
Der Konfliktlöser hat daher die Aufgabe, das 'Menscheln' zu erkennen und (in Grenzen) nachzuvollziehen).

Zweite Aufgabe des Konfliktlösers ist es, eine Lösung zu finden.
Diese Lösung findet er nur unter Berücksichtigung und Abwägung der rationalen und emotionalen Aspekte (andere kommen hinzu, wie z.B. unterschiedliche Traditionen).

Drittens hat er die Aufgabe, die Lösung zu vermitteln.
Die Vermittlung gelingt in erstaunlich wenigen Fällen nur mit Ratio und vernünftigen Worten.
Nach meiner Erfahrung ist die Wirkung von Worten sogar sehr schwach (Worte laufen an sehr vielen Menschen ab wie Wasser an der Ente). Der Konfliktlöser braucht daher ein beträchtliches Repertoire an Kommunikationsmitteln, zu dem natürlich vernünftige Argumente gehören, aber auch diejenigen Mittel von Mimik, Gestik, Metaphorik und Tonfall, die dem Konflikt jeweils angepasst sind.

Schwierig!
carsten aus bochum
Hi,

@ oui:

Zitat:
“Die Kohlberg-Stufen sind ja immer wieder interessant und nützlich. Nur geht es hier bei Habermas um das Handeln, nicht um die einzelenen Urteilsstufen. Kohlberg sagt nichts darüber aus, wie es vom Urteil zum entsprechenden Handeln kommt. Wissen um etwas reicht hier nicht aus.“


Das ist etwas spitzfindig aber durchaus richtig.
Ganz richtig erscheint es mir nicht, weil die moralischen Stufen, wenn man sie denn tatsächlich erreicht hat, in der Tat bindend sind.
Die Wunde, in die Du aber glaube ich den Finger legst, ist die:

Ich kann die Argumente einer moralischen Stufe als gut und richtig erkennen und sogar noch anerkennen, dass jemand, der in der Lage ist, die moralische Argumentation einer bestimmten Stufe zu verstehen, eigentlich auch gemäß seinem Verständnis handeln sollte.

Und wir wissen, es ist oft anders.
Brandom und Wilber erklären das beide, aber auch jeweils ihre Art, da ich bei Brandom just an der Stelle bin wo er es erklärt und ich das erst verstehen muss, kommt also erst Wilber.

Der spricht wie oben angedeutet von verschiedenen Entwicklungslinien, die in einem spezifischen Verhältnis zueinander stehen.
(Entwicklungslinien sind alle relativ autonom, so autonom, dass man eben von eigenen Linien spricht, aber teilweise auch nicht gänzlich unverbunden. Musikalische Fähigkeiten, Stufen meditativer Wahrnehmung und Körperempfinden haben keine sehr weitreichenden Überschneidungen, andere Linien sehr wohl.)
Die kognitive Linie geht dabei stets sehr weit voraus, d.h. konkret, man kann etwas verstehen, aber es ist noch kein großer emotionaler Gehalt damit verbunden. Erst recht sind moralische Implikationen für einen selbst noch nicht damit verbunden, Moral ist eine sehr späte oder träge Entwicklungslinie.

Kognition ist dabei stets eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung.
Zwischen Kognition und Moral ist z.B. noch das Selbstbild geschaltet. Ich kann z.B. intellektuell verstehen, dass ich mich über etwas eigentlich nicht ärgern muss, mich aber trotzdem ärgern. Im Laufe der Zeit können die Reflexionen über den Vorgang den Ärger mindern und mein ganzes Selbstbild kann sich verändern, das muss allerdings nicht geschehen.
Das veränderte Selbstbild kann nun seinerseits (muss aber nicht) dazu führen, dass ich der Meinung bin, alle sollte von dem profitieren, wovon ich profitiert habe und daraus kann eine moralische Veränderung erwachsen.
Das ist jetzt etwas grob geschnitzt, aber Du wirst es verstehen.



Zitat:
“Piaget geht auf das Handeln ein, er beschreibt Entwicklung mit verschiedenen Gleichgewichtszuständen, in denen Assimilation (Aneignung) und Akkommodation ( Anpassen) eine Rolle hinsichtlich verschiedener Auseinandersetzungsmöglichkeiten spielen.
Zu Kohlberg: Warum sagte er, dass Frauen bei seiner Stufeneinteilung nur niedrigere Stufen erreichen als Männer? Habe ich du was missverstanden?“


Nein, Du hast da nichts missverstanden, aber Kohlberg. Zwinker Er wurde später von Carol Gilligan in dem Buch „Die andere Stimme“ korrigiert, die nachweisen konnte, dass der Ausdruck moralischen Erlebens bei Frauen und Männern in der Tat verschieden ist, vor allem auf der konventionellen Stufe.

Männer stehen mehr auf das was manchmal etwas unpassend „Gerechtigkeit“ genannt wird, soll heißen, wer was ausgefressen hat wird bestraft und hat verschissen. Frauen neigen dazu eine weitere Chance zu geben und die Gruppe zusammenzuhalten.
Beides zusammen scheint ein guter Kompromiss zu sein, Gesagtes gilt vor allem für die konventionellen Stufen.


@ Rhetorix: Was Du in den Punkten eins bis drei beschreibst erscheint mir richtig, aber ich würde ein Pils drauf wetten, dass all das Genannte bei Habermas (und auch bei anderen) noch unter Rationalität läuft.

Das wird oft verwechselt, weil Rationalität nur als kalt und technisch angesehen wird, was so nicht stimmt.
Rationalität ist es, die die Gefühle (die in ihrer Reinform fast nur egozentrisch sein können) adelt.
Auch Kommunikation wird von Habermas breiter gesehen als dass sie nur miteinander reden meint.
Handlung fällt grundsätzlich mit darunter und in vernünftiger Handlung äußert die ebenfalls Rationalität.



Eine geglückte Kommunikation braucht als notwendige Grundbedingung, dass man der Ansicht ist, als Subjekt zusammen mit anderen Subjekten in einer objektiven Welt zu leben. Dass man dem anderen unterstellt zu sagen was er meint und zu meinen, was er sagt. Dass man den Wunsch hat, den anderen auch verstehen zu wollen. Und dass man idealerweise immer wieder, trotz möglicher Enttäuschungen, zu den Grundbedingungen zurückkommt. Und noch ein paar Zutaten, die ich jetzt vergessen habe.

Der Boden, wenn ich das – bin auch nur interessierter Laie – richtig verstehe, ist der der Intersubjektivität, hinter die man nicht zurück kann.
Man kann gerade jetzt stets nur sagen, dass man sich mit anderen rationalen Wesen im Diskurs befindet, die sich ihren rationalen Status gegenseitig zuschreiben und sich dadurch wechselseitig legitimieren.
Das macht die Intersubjektivität zur eigentlichen Basis (mein Begriff) und der allen gemeinsame Boden von intentionaler Sprache und Handlung ist die Rationalität.

Die Forderung nach objektiver Wahrheit (das da ein Baum steht), normativer Richtigkeit (dass man den anderen nicht ohne gewichtigen Grund töten sollte und was so ein Grund wäre) und Wahrhaftigkeit (dass ich sage, was ich meine und empfinde) ergibt sich erst vernünftigerweiser daraus.


Das reime ich mir daraus zusammen was ich aus anderen Büchern über den freundlichen Diskurs lese und hoffe es stimmt halbwegs.


Gruß,

Carsten



Gruß
oui
Zitat:
Original von carsten aus bochum
Das ist etwas spitzfindig aber durchaus richtig.

Es ist spitzfindig, dass Du das etwas spitzfindig findest. *zwinker

Zitat:
Ganz richtig erscheint es mir nicht, weil die moralischen Stufen, wenn man sie denn tatsächlich erreicht hat, in der Tat bindend sind.

Ich lese gerade das Buch "Jakob, der Lügner". (Geschichte über den Juden Jakob, der im Ghetto zum Lügner wird, um anderen Hoffnung zu geben.) Jakob ist an für sich auf einer höheren Kohlberg-Stufe, handelt nur nicht danach - oder handelt er doch danach? Ist eine Lüge, die anderen Hoffnung gibt (immerhin sinkt die Selbstmordrate im Ghetto auf Null) etwas anderes? Wie ist das Handeln hier zu erklären? (Für Erklärungen, bzw. Tipps wäre ich Dir sehr dankbar. smile )

Zitat:
Ich kann die Argumente einer moralischen Stufe als gut und richtig erkennen und sogar noch anerkennen, dass jemand, der in der Lage ist, die moralische Argumentation einer bestimmten Stufe zu verstehen, eigentlich auch gemäß seinem Verständnis handeln sollte.

Wo ist da die Grenze zwischen Überzeugen durch Argumente (kognitiv) und Suggestion, die Emotionen anspricht?

Zitat:
Die kognitive Linie geht dabei stets sehr weit voraus, d.h. konkret, man kann etwas verstehen, aber es ist noch kein großer emotionaler Gehalt damit verbunden.

'Was wir im Herzen haben, vergessen wir nicht.'
Unsere Vorfahren kannten keinen Ken Wilber, kannten das aber schon, was heute auf anderen Wegen vermittelt wird, siehe obiges Sprichwort.

Zitat:
Erst recht sind moralische Implikationen für einen selbst noch nicht damit verbunden, Moral ist eine sehr späte oder träge Entwicklungslinie.

Mhm.. Moral ist Häutung : Ablegen des Alten, Entstehung von Neuem.

Grüsse

oui
Rhetorix
Zitat:
Original von carsten aus bochum
...Eine geglückte Kommunikation braucht als notwendige Grundbedingung, dass man ... dem anderen unterstellt zu sagen was er meint und zu meinen, was er sagt. ..

Das wäre nach meiner Erfahrung die beste Garantie für eine missglückte Kommunikation.
Erfahrungsgemäß sagen sehr viele Leute gerade in Konfliktfällen nämlich nicht das, was sie meinen, sondern entweder verschweigen bzw. überspielen sie es, oder sie behaupten sogar das Gegenteil!

In vielen Fällen fehlt der Mut, zu sagen, was man meint.
Oder man hält sich an die Konvention, unangenehme Dinge nicht offen auszusprechen.
Oder man schafft es aus 'technischen' Gründen nicht, die richtigen Worte zu finden.
Oder man lügt absichtlich.

Das Problem ist dann, die wirkliche Meinung hinter den Worten zu finden, und sie zur Sprache zu bringen, ohne das der betreffende das Gesicht verliert.
Friedhelm
Zitat:
Original von oui

@ Friedhelm

Was ist für Dich objektive Wahrheit? Ist sie ein erkenntnistheoretisches Problem - also eine Eigenschaft der intersubjektiven Kommunikation (mhm...schwierig zu formulieren, ich hoffe, Du kannst damit was anfangen) ? Welche Wahrheitsbedingungen wären (müssten) dann Voraussetzung sein?


@ cabo

Die Kohlberg-Stufen sind ja immer wieder interessant und nützlich. Nur geht es hier bei Habermas um das Handeln, nicht um die einzelenen Urteilsstufen. Kohlberg sagt nichts darüber aus, wie es vom Urteil zum entsprechenden Handeln kommt. Wissen um etwas reicht hier nicht aus.
Piaget geht auf das Handeln ein, er beschreibt Entwicklung mit verschiedenen Gleichgewichtszuständen, in denen Assimilation (Aneignung) und Akkommodation ( Anpassen) eine Rolle hinsichtlich verschiedener Auseinandersetzungsmöglichkeiten spielen.
Zu Kohlberg: Warum sagte er, dass Frauen bei seiner Stufeneinteilung nur niedrigere Stufen erreichen als Männer? geschockt Habe ich da was missverstanden?

Grüsse

oui


Hallo oui,

Ich stellte die Frage, wie sich menschliches Wissen allgemein und wie sich wissenschaftliches Wissen insbesondere vom Menschsein unterscheidet, - steht beides in Konflikt miteinander?
naturgesetze

Was bei Kohlberg als entwicklungs- oder gar altersbedingt objektivierbare phylogenetische Erkenntnisstufen oder Vernunftstufen bei einer Konfliktlösung fast regelrecht meßbar erscheint, setzt bei Habermas eher mit dem Appell an die eigene Vernunft des aufgeklärten Menschen, wenn es um ein vernünftiges Miteinander des Verhaltens und Handelns geht, den freien Willen zu einem solchen oder gegen ein solches vernünftiges Verhalten voraus.

Beide Positionen haben meine ganze Sympathie, Habermas natürlich mehr, der - zumindest indirekt - das Subjekt auf die gleiche Stufe stellt mit der „objektiven Wahrheit“.

Bei beiden vermisse ich jedoch ein entscheidendes Argument, dessen Fehlen sich wahrscheinlich aus deren mangelnder Praxis mit realen und häßlichen Konflikten erklären läßt.

Wenn nämlich ein Mensch einem Irrtum aufsitzt, wenn er sich irrt oder sich auf einem Holzweg befindet, ist dies für ihn peinlich, wenn nicht sogar tödlich, und er müßte logischer Weise dankbar sein für jeden Widerspruch und jede Zurechtweisung, bzw. für jede Aufklärung.

Ich denke, daß man dies als den eigentlichen Motor geistiger Entwicklung anzusehen hat.

Als Christ würde ich sagen, daß Kohlberg und Habermas das Neue Testament nicht gelesen bzw. die abendländische Geschichte nicht verstanden haben und deswegen auf der Stelle treten.

Aber keine Angst, ich werde jetzt nicht theologisch.

Die auch aktuell hochpolitische Frage ist ja, warum nun ein Mensch, statt über Aufklärung und Zurechtweisung froh zu sein, nicht nur seinen Irrtum nicht einsieht und Buße tut, sondern im Gegenteil seinen Irrtum und seine Blödheit mit allen Mitteln und aller Kraft seines Geistes, seiner Rhetorik und Polemik verteidigt, und eher dazu neigt, denjenigen, der ihn aufklären will, zu verteufeln, anzugreifen, auf den Scheiterhaufen zu schicken oder zu kreuzigen, - oder sich lieber selbst in die Luft sprengt.

Je blöder und verirrter er ist, um so hartnäckiger.

Warum mußte das faschistische Deutschland erst bis zum letzten Quadratmeter zerstört und erobert werden, ehe die Deutschen vernünftig wurden und einsahen, was ohnehin auf der Hand lag, um erst dann zum besten Vasallen der einen oder anderen Seite zu werden.

Die naheliegende aber sicher zu einfache Antwort ist, daß sich bei der Aufklärung oder Zurechtweisung der subjektive Mensch durch die objektive Wahrheit in Frage gestellt sieht, also ungültig wäre, wo er sich darauf einläßt. Gegen solchen Absturz ins Ungültige scheint in der Tat – besonders beim männlichen Menschen – das limbische System ein Hormon auszuschütten, das den eigenen Wert und die eigene Geltung blind auch gegen jede Vernunft verteidigen läßt.

Sicher spielt das für bestimmte Situationen eine Rolle, - wenn sich z.B. eine Idee, Religion, oder Gruppe als Identität quasi objektiviert.

Aus der Geschichtserfahrung, aber auch im Kleinen der Familie wissen wir, daß Angreifen wie in den Trotzphasen des Kindes auch eine Weise sein kann, um zu begreifen.

Aus bestimmten Formen von Kannibalismus wissen wir, daß man mit dem Verspeisen des Feindes sich dessen Kraft einverleiben wollte. Indirekt finden wir ähnliches im Abendmahl des Christentum, wobei man selbst schuldig ist am Kreuzestod Jesu, ihm die eigene Schuld aufläd und dann an seiner Auferstehung und Göttlichkeit teil hat.

Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist ein Verhältnis von jeder Subjektivität zum Objekt als Voraussetzung jeder möglichen Intersubjektivität überhaupt, wie es Gerold Prauss in seiner neuen Arbeit „Die Grenzen einer Absicht“ herleitet (Seite 589-605) http://www.kommentare-zu-gerold-prauss.de/Intersubjekti
vit%E4t.htm
, wobei ersteres, die Subjektivität, Leben und Unfehlbarkeit voraussetzt und der möglichen Fehlbarkeit objektiver Erkenntnis gegenüber steht.

Genau umgekehrt also, wie wir dies im cartesianischen Empirismus finden, womit Descartes z.B. dem Tier Selbstbewußtsein und Subjektivität absprach und es damit als eine „rein bewußtseinslos-determinierte-mechanische Maschine“ (Seite 603) auffaßte, - wozu auch die heutige Anthropologie neigt, wenn sie dem Menschen einen freien Willen abspricht, wobei eben die eigentliche Wahrheit ganz gegenteilig im Objekt und jede Fehlbarkeit im Subjektiven gesehen wird.

Genau umgekehrt ist es.

Prauss ist sicher ganz unverdächtig, irgendwelche spirituellen oder auch nur theologischen Ambitionen oder Voreingenommenheiten zu haben, aber der christliche grundsätzlich subjektive Glaube an Jesus als Weg, Wahrheit und Leben, der zu einem Teil Göttliches intendiert, intendiert explizit spätestens bei Anselm von Canterbury auch zum immer fehlbaren Intellegere auch irdischer Realität des Menschen und Mitmenschen, als Selbsterkenntnis und Welterkenntnis, bzw. Welt auch des Mitmenschen und unseres Verhaltens zu ihm.

Mit anderen Worten: Jeder grundsätzlich fehlbaren Objekterkenntnis liegt das unfehlbare Selbstbewußtsein zugrunde, eben Leben, und eben nicht umgekehrt, wie bei Habermas. Das heißt, beim Angriff auf den Kritiker, vergreift man sich an die scheinbare greifbare Unfehlbarkeit des wahren "anderen", um dessen Qualität begreifen und damit zu erhalten.

Dies steht durchaus auch hinter dem 11. Nov. 2001, so absurd das scheinen könnte.

Ganz herzlich
Friedhelm
carsten aus bochum
Hi oui,


Zitat:
Zitat:
Ganz richtig erscheint es mir nicht, weil die moralischen Stufen, wenn man sie denn tatsächlich erreicht hat, in der Tat bindend sind.

“Ich lese gerade das Buch "Jakob, der Lügner". (Geschichte über den Juden Jakob, der im Ghetto zum Lügner wird, um anderen Hoffnung zu geben.) Jakob ist an für sich auf einer höheren Kohlberg-Stufe, handelt nur nicht danach - oder handelt er doch danach? Ist eine Lüge, die anderen Hoffnung gibt (immerhin sinkt die Selbstmordrate im Ghetto auf Null) etwas anderes? Wie ist das Handeln hier zu erklären? (Für Erklärungen, bzw. Tipps wäre ich Dir sehr dankbar. )“


Das hatten wir doch mal als (allerdings ziemlich missglücktes wie mir schien) Monatsthema, von unserem Berufsphilosophen.
Darf man lügen, um Leben zu retten – wenn es nach Kant geht?
Es war, so viel erinnere ich noch, nicht so eindeutig, wie unser Bauchgefühl „ja sija daaf man“ es vorschnell meint, aber ganz pragmatisch läuft es ja darauf hinaus, dass man unterm Strich immer nur so moralisch anßtändig handeln kann, wie man es gerade überschaut – ein tragischer menschlicher Zug, es gut zu meinen und dann auch noch danach zu handeln.
Kohlberg assoziiert seine Stufe 6 ja mit dem Kantschen: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten kann.“
Wenn man also die Absicht, Motivation, Gesinnung aus der heraus man eine Handlung vollzieht wünschenswerter Weise mit der Gießkanne über die Welt verteilen wollen kann, dann passt es.
Wenn ich also missionierender Christ bin, dann heißt das, dass ich auch wollen muss, dass ein Moslem ebenso eifrig missioniert.
Will ich das aber nicht, sollte ich nicht missionieren.

Eine Lüge die anderen Hoffnung gibt, nun ja Geschmacksfrage.
Ist es richtig einen unheilbar Krebskranken nicht über seinen Zustand zu informieren?
Ist es richtig jemandem Rettung zu versprechen, wenn man ahnen muss, dass die nicht kommen wird?
Andererseits: Wunder sind zwar selten aber kommen vor.
Statistischer Realismus auf Krebsstationen wird von manchen als moderner Voodoo Zauber bezeichnet und ich kann das nachvollziehen.
Da wir im Grunde keinen Schimmer haben wie Heilung funktioniert würde ich sagen: „Maul halten“, aber wir haben eine Antenne für Inauthentizität.
Tot und belogen ist das eine glückliche Kombination?

Selbstmord ist natürlich auch so ein „schönes“ Thema.
Ich weiß nicht was da zwischen Banalität und moralischem Zeigefinger noch an Goldklumpen zu schürfen wäre.
Jemanden vom Selbstmord abhalten. Das ist eine Frage, der eigenen Ängste, eine Frage für wie heilig man menschliches Leben oder Leben im allgemeinen empfindet.
Selbstmörder sind uns in aller Regel nicht sehr sympathisch wohl aus verschiedenen Gründen. Obwohl es sich doch eigentlich oft reichlich verzweifelte Menschen handelt, die gerade unser Mitgefühl bräuchten.
Sie erinnern uns aber wohl daran zu was der Mensch, also auch Du und ich fähig ist, sie konfrontieren uns mit Fragen wie: Hätte ich was merken können? Hätte ich was tun sollen?
Andererseits ist Selbstmord ein Ausdruck menschlicher Freiheit. Wenn nix mehr geht, ein Abschleppseil ist immer da.
Auf der anderen Seite: kann man wirklich ausschließen, dass es nach dem Sterben weiter geht? Ich nicht. Vielleicht schiebt man den ganzen Quatsch nur auf. Nun will ich dem geneigten Selbstmörder nicht noch die letzte Hoffnung versauen, aber ich finde Selbstmord nicht sehr rational, aber menschlich verständlich.

Es ist einfach eine Frage, um was es einem im Leben geht.
Zenmönche finden – zumindest der Legende nach – nichts dabei, jemanden zu töten, wenn er dadurch Erleuchtung findet.
Wir würden das völlig daneben finden und so einen „Verbrecher“ einsperren.
Eine Frage der Prioritäten. Ist physisches Überleben das Höchste?
Du siehst, ich habe keine Antwort.

Zitat:
Zitat:
Ich kann die Argumente einer moralischen Stufe als gut und richtig erkennen und sogar noch anerkennen, dass jemand, der in der Lage ist, die moralische Argumentation einer bestimmten Stufe zu verstehen, eigentlich auch gemäß seinem Verständnis handeln sollte.

“Wo ist da die Grenze zwischen Überzeugen durch Argumente (kognitiv) und Suggestion, die Emotionen anspricht?“


Das ist glaube ich nicht die Grenze.
Es gibt mehrere denkbare Grenzen.
Echte Narzissten können das Gefühl haben, Gesetze seien prinzipiell gut, aber eben nicht für sie selbst, weil Gesetze für die gelten, die sie nötig haben, die Dummchen, aus Sicht des Narzissten also alle anderen.

Andererseits kann es ein recht rationales Empfinden sein, dass Gesetze an sich gut sind, aber wenn man das Prinzip durchschaut hat, was damit erreicht werden soll, braucht man sich nicht buchstabengetreu dran zu halten.
Dass man eventuell – obwohl man Recht hat – dennoch für eine Übertretung bestraft wird, gehört zum Spiel dazu.
In wichtigen Fällen kann man die Übertretung begründen und Ausnahmen werden zugelassen. Notwehr. Man darf nicht töten, aber wenn man selbst angegriffen wird...

Andersrum sollte man sich zähneknirschend doch dran halten, auch wenn es blöd ist, weil es ums Prinzip geht und man ja Vorbild sein will/soll/darf. Flur putzen im Mehrfamilienhaus. Nötig isses nicht, aber es ist halt wieder Samstag. Gute Gründe hättest Du auch. „Schaun sie doch hin, ist nicht nötig.“ Müsste jeder einsehen. Eigentlich. Aber irgendwann wäre es mal nötig und dann trifft es den, der schon beim letzen Mal... und außerdem sind nötig und nötig Ermessenssache und darum putzt man weil es Samstag ist und nicht weil es dreckig ist. Das ist so falsch wie richtig. Der freundliche Diskurs würde hier echte Fortschritte bringen.

Die Willensschwäche ist ein nächster Punkt. Ich sehe ein dass ich sollte, schaffe es aber nicht.
Schwierig. Wann wird dieses „Ich schaffe es nicht“ zur pauschalen Ausrede für alles? Die Gefahr ist real.
Andererseits ist die Willensstärke tatsächlich unterschiedlich ausgeprägt.
Dann wieder: braucht es wirklich noch Willenskraft, wenn man etwas zutiefst einsieht? Oder kompensiert der Willen nur, was man noch nicht ganz begriffen hat?
Ganz idiotisch finde ich die Einstellung, dass es den freien Willen gar nicht gibt, aber ich habe mich schon ausreichend dran abgearbeitet... Friede ihrer Asche.

Zitat:
Zitat:
Die kognitive Linie geht dabei stets sehr weit voraus, d.h. konkret, man kann etwas verstehen, aber es ist noch kein großer emotionaler Gehalt damit verbunden.

“'Was wir im Herzen haben, vergessen wir nicht.'
Unsere Vorfahren kannten keinen Ken Wilber, kannten das aber schon, was heute auf anderen Wegen vermittelt wird, siehe obiges Sprichwort.“


Klar, man kann etwas kapieren, induktiv erlernen samt impliziten Regelwerk ohne es explizit darstellen zu können.
Jedes Kind kann halbwegs gut sprechen, noch bevor es je davon gehört hat, dass es etwas wie Grammatik überhaupt gibt.

Und wir lernen natürlich besser wenn mit dem kognitiven Lerninhalt eine emotional angenehme Situation verknüpft, was extrem Hellsichtige schon vor der Hirnforschung ahnten.
Oder die Motivation muss stimmen.

Zitat:
Zitat:
Erst recht sind moralische Implikationen für einen selbst noch nicht damit verbunden, Moral ist eine sehr späte oder träge Entwicklungslinie.

“Mhm.. Moral ist Häutung : Ablegen des Alten, Entstehung von Neuem.“



Ja, Moral nimmt alte Anschauungen nicht mit. Man ist nicht soziozentrisch und noch immer egozentrisch. Ent oder weder.
Bei anderen Linien ist das anders. Dennoch kann man sich in die Moralvorstellungen und Empfindungen anderer hineinversetzen.
Das ist wie das Lernen eine Fremdsprache. Daran hapert’s oft, gerade auch wenn man den freundlichen Diskurs anstrebt.


Dass alle so miteinander umgehen sollten und dass das erfolgreich praktiziert eine beglückende und bereichernde Erfahrung sein kann, mag gut und schön sein, dass man das im guter Absicht mit der Welt gerne Teilen möchte auch, aber ganz kantisch kann man eigentlich nicht wollen, dass man naiv anderen Einstellungen unterschiebt, von denen man will, dass sie sie haben, was der Realität aber nicht entspricht.


Ich habe da oft den Eindruck man will sich aus ideologischen Gründen nicht vorstellen, dass andere die Welt grundsätzlich anders sehen und auf rationale Argumente oder logische Schlüsse die mir aus meiner Sicht zwingend erscheinen gar nicht anspringen, weil die Hintergrundmusik gerade eine völlig andere ist.


Gruß,

Carsten
carsten aus bochum
Hi Rhetorix,

Zitat:
Zitat:
Original von carsten aus bochum...Eine geglückte Kommunikation braucht als notwendige Grundbedingung, dass man ... dem anderen unterstellt zu sagen was er meint und zu meinen, was er sagt. ..

“Das wäre nach meiner Erfahrung die beste Garantie für eine missglückte Kommunikation.
Erfahrungsgemäß sagen sehr viele Leute gerade in Konfliktfällen nämlich nicht das, was sie meinen, sondern entweder verschweigen bzw. überspielen sie es, oder sie behaupten sogar das Gegenteil!“


Aber Konfliktfälle sind Sonderfälle (außer vielleicht bei Dir Zwinker - Scherz). Der Mammutanteil Kommunikation ist doch banal. Gibt’s Du mir mal den Kaffee? Wie spät ist es jetzt? Kaufst Du noch was ein? Da wird nicht gelogen. Wozu?

Wird man belogen, so ist es wenig sinnvoll nun allen immer zu unterstellen, dass sie mich belügen, das führt zielgerade in die Paranoia und lässt eine sinnvolle Kommunikation überhaupt nicht zustande kommen.
Dennoch wäre es natürlich naiv zu glauben, alle würden nur Wahrheit reden und so hat man zuweilen gute Gründe für ein gewisses Misstrauen, aber – außer bei bekannten Lügnern – unterstellt man idealerweise immer wieder, dass sie die Wahrheit sagen, richtiger eigentlich, wahrhaftig sind.


Zitat:
“In vielen Fällen fehlt der Mut, zu sagen, was man meint.
Oder man hält sich an die Konvention, unangenehme Dinge nicht offen auszusprechen.
Oder man schafft es aus 'technischen' Gründen nicht, die richtigen Worte zu finden.
Oder man lügt absichtlich.“



All das ist richtig, aber wir merken das ja durchaus manchmal. Jemand druckst rum, wird rot...
Konventionen sind ja auch Vorformen des freundlichen Diskurses.
Man will ja wirklich nicht von jedem alles wissen und da ist ein Geflecht an vorgestanzten Floskeln und ritualisierten Abläufen hilfreich und gut.
Nur wenn man mal Butter bei die Fische geben will, dann kann das eigentlich nur in dem Rahmen des freundlichen Diskurses gelingen.
Ich weiß nicht, ob ernsthaft jemand eine nur noch authentisch kommunizierende Gesellschaft anstrebt, das wäre aus meiner Sicht nicht sehr sinnvoll, abgesehen davon, dass es nicht klappt.


Zitat:
“Das Problem ist dann, die wirkliche Meinung hinter den Worten zu finden, und sie zur Sprache zu bringen, ohne das der betreffende das Gesicht verliert.“



Klar, darum geht es ja. Auf dem Boden von: es interessiert mich wirklich was du denkst, ich will dich wirklich und so gut es mir möglich ist verstehen, den anderen anzusprechen und sich selbst so gut, empathisch und authentisch es geht einzubringen.
Das macht man nicht, wenn man die Marktfrau fragt, was die Kirschen kosten, aber bei intimeren Begegnungen dann schon.

Gruß,

Carsten
mark
Zitat:
Original von carsten aus bochum
Der Mammutanteil Kommunikation ist doch banal.


...sagt ausgerechnet der "tiefen"psychologe Zwinker

eine allgemeine kommunikationstheorie muss natürlich für alle formen der kommunikation gelten und nicht nur für "banalitäten".
Rhetorix
Zitat:
Original von carsten aus bochum
...Aber Konfliktfälle sind Sonderfälle (außer vielleicht bei Dir Zwinker - Scherz).

Wieso "Scherz"?

Zitat:
Der Mammutanteil Kommunikation ist doch banal. Gibt’s Du mir mal den Kaffee? Wie spät ist es jetzt? Kaufst Du noch was ein? Da wird nicht gelogen. Wozu?

Bei Fragen wird sowieso nicht gelogen, da sie keine Tatsachenbehauptung enthalten. (Ausnahmen bestätigen die Regel!)

Dennoch kann man die von dir genannten 3 Fragen völlig missverstehen, wenn man davon ausgeht, dass der Fragende nur wissen will, ob er einen Kaffee bekommt, wie spät es ist oder ob der Befragte noch einkaufen wird.

Sie können nämlich auch wie folgt verstanden werden:

(Gibst du mir mal den Kaffee?) Leg doch endlich mal die Zeitung weg und nimm mich zur Kenntnis! Du merkst offenbar nicht einmal, dass ich am selben Tisch sitz wie du! (Großes Theater, wenn der Befragte völlig ehrlich mit "nein" antwortet und weiterhin Zeitung liest!)

(Wie spät ist es jetzt?) Hast du etwa vergessen, dass wir heute noch dieses oder jenes vorhaben? Wenn du weiter so herumtrödelst, kommen wir heute zu nichts mehr! (Großes Theater, wenn der Befragte antwortet: Es ist 10 vor 5; ist deine Uhr stehen geblieben?)

(Kaufst du noch was ein?) Du hast versprochen, heute einkaufen zu gehen. Willst du etwa schon wieder so lange damit warten, bis ich es tue, weil die Läden schließen und ich mich aufraffe, weil, weil wir sonst am Sonntag nicht mal Brötchen zum Frühstück haben? (Großes Theater, wenn der Befragte antwortet: Ich habe insofern noch keine Entscheidung getroffen.)


Worte sind sehr oft Kleider, die dazu dienen, das wirklich Gemeinte nicht so nackt dastehen zu lassen!


Im Übrigen hast du, Carsten, eine ziemlich illusionäre Vorstellung von der Ehrlichkeit der Menschheit. Nach meiner Erfahrung lügt sie wie gedruckt.
oui
Zitat:
Original von Friedhelm
Hallo oui,
Ich stellte die Frage, wie sich menschliches Wissen allgemein und wie sich wissenschaftliches Wissen insbesondere vom Menschsein unterscheidet, - steht beides in Konflikt miteinander?
naturgesetze

Ach Du meine Güte, warum möchtest Du ausgerechnet bei diesem Thema eine Antwort von mir - da gibt es hier andere, die das besser können. Also: Solange treffl. Gründe für menschl. Wissen allgemein (mWa) und für wissenschaftl. Wissen insbesondere (wWi) vorliegen, sehe ich keinen allzu großen Unterschied darin. Warum sollte es sich vom Menschen, der schließlich darauf gekommen ist- signifikant unterscheiden? Ein Problem sehe ich eher in dem wWi-verständlich machen. Ein Beispiel dazu: Bis vor kurzem dachte ich fröhlich-naiv, dass Mathematik u. Physik ihre spz. Zeichen international nutzen, wie z.B. der Russe, der vor einiger Zeit das Rätsel mit der über die Brezel gehenden Ameise gelöst hat. Die mathematische Lösungsberechnung war einigermassen nachvollziehbar, er bekam das Preisgeld (oder auch nicht, da er die Annahme verweigerte). Bei den diversen fünf String-Theorien, die in Umlauf sind, geht so eine Verständlichmachung der mathematisch-physikalischen Überprüfung nicht. Einer weiß vom anderen nicht, wie er drauf gekommen ist. Um dieses Dilemma zu lösen, kam jetzt ein ganz Pfiffiger auf die alles-zusammenfassende M-Theorie, die einfach alle fünf String-Theorien einschließt und daraus Eintopf gekocht hat. Damit dieser Eintopf nun genießbar wird, muss der Koch (Erfinder der M-Theorie) nun die anderen fünf S-Theorien 'übersetzen', also die Zutaten seines Eintopfes differenzieren. D.h., jede der fünf St-Theorien ist wie ein Buch in einer fremden Sprache geschrieben, muss nun Seite für Seite übersetzt werden, damit die M-Theorie, diese alles-umfassende, verständlich wird. Da frage ich mich doch, ob die Beteiligten an diesem Schauspiel keine mathematischen und physikalischen Zeichen verwendet haben, sondern sumerische Keilschrift oder ein anderes Programm von Melmaq?
Ist hier wirklich Sprache das Problem oder schlicht nur Dusseligkeit?
Welche Struktur hat Wissen bei obigem Beispiel?
Und was mir noch einfällt: Wenn Du die Unterscheidung von Wissen wissen möchtest, wäre es vorteilhaft, erst einmal Wissen zu definieren, das ist gar nicht so einfach. Für Menschen kann nämlich auch Glauben Wissen sein, für Wissenschaft zählt nur Wissen als Wissen. Wo liegt die Grenze zwischen Wissen und Glauben, bzw. was unterscheidet Wissen von Glauben.
Zu dem von Dir angeführten Blau-Rot-Farbenproblem:
Natürlich fällt es auf, wenn jemand blau als rot bezeichnet, allerdings nur in einer Situation: Wenn er die entsprechende Farbe greift, ansonsten fällt es nicht auf. Nur mals so nebenbei. Zwinker


Zitat:
Die naheliegende aber sicher zu einfache Antwort ist, daß sich bei der Aufklärung oder Zurechtweisung der subjektive Mensch durch die objektive Wahrheit in Frage gestellt sieht, also ungültig wäre, wo er sich darauf einläßt.

Hier greift etwas anderes, das cabo schon erwähnte: Passt die Zurechtweisung o.a. nicht zum Selbstbild, wird sie abgelehnt.

Zitat:
Gegen solchen Absturz ins Ungültige scheint in der Tat – besonders beim männlichen Menschen – das limbische System ein Hormon auszuschütten, das den eigenen Wert und die eigene Geltung blind auch gegen jede Vernunft verteidigen läßt.

Wenn dem mal so wäre....
Neuropsychologisch ist es leider so, dass das limbische System (Emotionen, Gefühl) ausgeschaltet werden kann, Menschen können lernen, sich derart zu konzentrieren (damit z.B. eine Kugel gezielt trifft), leider.

Zitat:
Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist ein Verhältnis von jeder Subjektivität zum Objekt als Voraussetzung jeder möglichen Intersubjektivität überhaupt, wie es Gerold Prauss in seiner neuen Arbeit „Die Grenzen einer Absicht“ herleitet (Seite 589-605) http://www.kommentare-zu-gerold-prauss.de/Intersubjekti
vit%E4t.htm
, wobei ersteres, die Subjektivität, Leben und Unfehlbarkeit voraussetzt und der möglichen Fehlbarkeit objektiver Erkenntnis gegenüber steht.

Den Text verstehe ich nicht, ich ermüde sogar dabei.
Erkläre mir die drei Seiten bitte ganz schlicht in ein paar Sätzen. Für Dich sind doch bestimmt Sätze, wie:" Denn ein empirisches Objekt kann eben stets nur faktischer Erfolg für so ein nichtempirisches Subjekt als Intention sein. .....Intersubjektion hängt davon ab, wie jedes nichtempirische Subjekt im Verhältnis zu einem empirischen Objekt als seinem Körper auftritt." , easy. Und dabei kannst Du mir auch bitte so ganz nebenbei meine gestellten Fragen beantworten, um die es mir immer noch geht.

Grüsse

oui
oui
Zitat:
Original von carsten aus bochum
Hi oui,


[QUOTE]Zitat:
Ganz richtig erscheint es mir nicht, weil die moralischen Stufen, wenn man sie denn tatsächlich erreicht hat, in der Tat bindend sind. [...]

“Eine Lüge die anderen Hoffnung gibt, nun ja Geschmacksfrage.

Was denn nun? Bindend oder Geschmacksfrage? --
Bemerkenswert finde ich einen Satz (v. M. Aust) im Anhang des Buches: " ...die Wahrheit in Lüge zu verwandeln, damit sie nicht aufhört, Wahrheit zu sein."
Da frage ich mich, ob wir die Sprache so absurd machen(gestalten) können, wie so manche Situationen sind? Gibt es auch so eine Absurdität der Wahrheit?
Vielleicht berechtigt das Motiv Hoffnung die Lüge, oder die Berechtigung ist einfach die Situation im Angesicht des Todes. Ich sehe hier einfach eine Fragwürdigkeit moralischer Kategorien.

Grüsse

oui
carsten aus bochum
Hi Rhetorix,

Zitat:
Zitat:
Der Mammutanteil Kommunikation ist doch banal. Gibt’s Du mir mal den Kaffee? Wie spät ist es jetzt? Kaufst Du noch was ein? Da wird nicht gelogen. Wozu?

Bei Fragen wird sowieso nicht gelogen, da sie keine Tatsachenbehauptung enthalten. (Ausnahmen bestätigen die Regel!)

Dennoch kann man die von dir genannten 3 Fragen völlig missverstehen, wenn man davon ausgeht, dass der Fragende nur wissen will, ob er einen Kaffee bekommt, wie spät es ist oder ob der Befragte noch einkaufen wird.

...


Worte sind sehr oft Kleider, die dazu dienen, das wirklich Gemeinte nicht so nackt dastehen zu lassen!“


Dass Sprache stets mehr meint, als das nur Gesagte ist so ziemlich jedem bekannt, aber gerade der freundliche Diskurs könnte dieses „Mehr“ ja offener legen und helfen die Notwendigkeit von Andeutungen, Mehrdeutungen und von hinten durch die Brust ins Auge Formulierungen zu minimieren.

Außerdem geht es ja um die Grundbedingungen von Kommunikation im Allgemeinen, was bedeutet, dass die Doppeldeutigkeiten und Hintergründe des Gesagten bereits eine Konsequenz aus der Theorie des kommunikativen Handelns darstellen.
Man kann mit Worten mehr sagen als man meint, oder anderes meinen als man ausdrücklich sagt, weil es allgemeine Standards und Festlegungen gibt.
Die ausdrückliche Betonung, dass ein Geschenk „ganz besonders zauberhaft“ ist, wird dann zur Ironie wenn sie irgendwie nicht zur erwarteten Bedeutung des 4711 Püllekens passt.
Das ist dann aber nicht irrational sondern die Ironie ist sehr rational, nutzt es doch die ganze Breite kommunikativer Möglichkeiten.
Die Doppeldeutigkeit lässt den anderen im Regen stehen, sie meint beides und verweigert die artige Festlegung.



Zitat:
“Im Übrigen hast du, Carsten, eine ziemlich illusionäre Vorstellung von der Ehrlichkeit der Menschheit. Nach meiner Erfahrung lügt sie wie gedruckt.“



Das kann ja sein, dass „sie“ das tut, es ändert aber nichts daran, dass man um Sprachspiele sinnvoll zu spielen immer wieder unterstellen muss, dass Kommunikation meistens ehrlich ist (auch wenn noch mehr dahinter stecken kann). Wie, wenn nicht vor dem Hintergrund überwiegend gelungener Sprachspiele würdest Du Unehrlichkeit entdecken können?

Oder soll ich Dich ernst nehmen und aus Deinem Satz schließen, dass Du nicht der Meinung bist, dass die Menschheit (zu der Du schätzungsweise auch gehörst) wie gedruckt lügt, denn rein logisch müsstest Du gelogen haben oder mich mit dem paradoxen Spielchen „Alle Rhetorixens lügen“ in die Verzweiflung treiben wollen?

Gruß,

Carsten
Eugen
Hallo zusammen,

freut mich, dass dieses Thema anscheinend auf breiteres Interesse stößt. smile

Und die Beiträge kreisen, meine ich, in der einen oder anderen Form um die Hauptschwierigkeit, die ich mit Habermas´ Ansatz habe.

Zitat:
] Original von Rhetorix
Erfahrungsgemäß sagen sehr viele Leute gerade in Konfliktfällen nämlich nicht das, was sie meinen, sondern entweder verschweigen bzw. überspielen sie es, oder sie behaupten sogar das Gegenteil!


In Habermas´ Systematik handelt es sich ja bei all diesen Fällen um – bewusstes (Täuschung) oder auch unbewusstes („verzerrte Kommunikation“) - einseitig strategisches Handeln des Einzelnen, das dem dialogischen Prinzip des angestrebten verständigungsorientierten Handelns, der Kommunikation „ohne Tricks und Hintergedanken“ fundamental entgegensteht. Hin zum verständigungsorientierten Handeln muss, so verstehe ich ihn, ein radikaler Perspektivenwechsel vollzogen werden.

Und diese Unterscheidung bereitet mir große Schwierigkeiten.

Zitat:
] Original von carsten aus bochum
Größere Probleme ergeben sich, wenn der andere sehr weit von der moralischen Stufe 5 entfernt ist.
Er könnte genügend Intelligenz haben um rational zu argumentieren, aber dieses Verständnis muss sich ja nicht moralischer Weiterentwicklung niederschlagen, sondern könnte auch benutzt, um andere effektiv zu manipulieren. Ein „dummes Schwein“, muss nicht wirklich dumm sein.



Was Carsten als Problemfall einer ansonsten insgesamt positiven Entwicklung ansieht, kann man auch vielleicht realistischer als den Normalfall ansehen: Gerade die zunehmende Intelligenz der Akteure - so hat man den Eindruck - führt dazu, dass auf gesellschaftlichen Haupthandlungsfeldern, wie Politik, Justiz, - Wirtschaft sowieso - mehr denn je die bessere manipulative Strategie entscheidet.

Im Gegensatz zu optimistischeren Naturen sehe ich keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass eine intellektuell-kognitive Höherentwicklung sich zwangsläufig mit einem Bedürfnis nach einem freundlichen, freien, nichtmanipulativen Dialog verbinden sollte und nicht eher das Feld für noch mehr Tricks und Täuschungen erweitern sollte.

Wenn ich zwar nicht glaube, dass Habermas´ Form des freundlichen, verständigungsorientierten, nichtstrategischen Handelns für gesellschaftlich wirksames Handeln allgemein sich durchsetzen können wird, halte ich sie andererseits doch nicht für etwas völlig Weltfremdes oder Illusionäres.
Verständigungsorientiertes Handeln, das den Erfordernissen des „herrschaftsfreien Diskurses“ Rechnung trägt, kann auf längere Sicht wichtige bewusstseinverändernde Prozesse auslösen, fördern und unterstützen, die dann wieder auf das kurzfristige, überwiegend manipulative „Tagesgeschäft“ zurückwirken.

Könnte der Zeithorizont wichtig sein? Dort, wo, wie meistens, in irgendeiner Form handfeste Interessen im Spiel sind und zeitnah Entscheidungen getroffen werden müssen, wird es überwiegend „stategisch“, manipulativ zugehen.
Dennoch können auf längere Sicht auch die Diskurse eine gesellschaftlich sehr wichtige, orientierende Funktion haben, bei denen es scheinbar erstmal um nichts geht und die Teilnehmer sich sozusagen zurücklehnen und frei von Zeitdruck und der Befürchtung irgendwelcher Konsequenzen ihre Ideen austauschen. Als Regelfall gesellschaftlicher Kommunikation kann ich mir das aber nicht vorstellen.

Zitat:
] Original von carsten aus bochum
Der Boden, wenn ich das – bin auch nur interessierter Laie – richtig verstehe, ist der der Intersubjektivität, hinter die man nicht zurück kann.
Man kann gerade jetzt stets nur sagen, dass man sich mit anderen rationalen Wesen im Diskurs befindet, die sich ihren rationalen Status gegenseitig zuschreiben und sich dadurch wechselseitig legitimieren.
Das macht die Intersubjektivität zur eigentlichen Basis (mein Begriff) und der allen gemeinsame Boden von intentionaler Sprache und Handlung ist die Rationalität...

….

Original von Friedhelm
Die auch aktuell hochpolitische Frage ist ja, warum nun ein Mensch, statt über Aufklärung und Zurechtweisung froh zu sein, nicht nur seinen Irrtum nicht einsieht und Buße tut, sondern im Gegenteil seinen Irrtum und seine Blödheit mit allen Mitteln und aller Kraft seines Geistes, seiner Rhetorik und Polemik verteidigt, und eher dazu neigt, denjenigen, der ihn aufklären will, zu verteufeln, anzugreifen, auf den Scheiterhaufen zu schicken oder zu kreuzigen, - oder sich lieber selbst in die Luft sprengt….

….Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist ein Verhältnis von jeder Subjektivität zum Objekt als Voraussetzung jeder möglichen Intersubjektivität überhaupt….

Mit anderen Worten: Jeder grundsätzlich fehlbaren Objekterkenntnis liegt das unfehlbare Selbstbewußtsein zugrunde, eben Leben, und eben nicht umgekehrt, wie bei Habermas. …


Ich glaube, hier scheiden sich die Geister sehr grundsätzlich und ich bezweifle, ob sich ein einfaches, schlagendes Argument finden lässt, um eine klare Entscheidung zwischen diesen gegensätzlichen Ansätzen herbeizuführen.

Es gehört wohl eine nicht so ohne weiteres vermittelbare, in bestimmter Weise „demütige“ Geisteshaltung dazu, um einzusehen, dass das Selbstbewusstsein nicht nur nicht unfehlbar ist, sondern ohne die „gelebte Teilnahme an der sozialen Interaktion“ (Habermas) gar nichts wäre.

Man wird wohl kaum ein rechtes Verständnis für Habermas´ Ideen insgesamt entwickeln können, wenn man nicht irgendwie auch intuitiv die Einsichten der dialogischen Philosophie, in deren Tradition er steht, nachvollziehen kann:

„Nicht durch ein Verhältnis zu seinem Selbst, sondern nur durch ein Verhältnis zu einem anderen Selbst kann der Mensch selbst werden“ (Martin Buber, Ich und Du)

Gruß

Eugen
_______________________________
„Wer zwischen Seele und Leib einen Unterschied macht, besitzt keins von beiden.“
Oscar Wilde
Friedhelm
Zitat:
Original von Eugen
Hallo zusammen,
freut mich, dass dieses Thema anscheinend auf breiteres Interesse stößt. smile
Und die Beiträge kreisen, meine ich, in der einen oder anderen Form um die Hauptschwierigkeit, die ich mit Habermas´ Ansatz habe.


Zitat:
] Original von Rhetorix
Erfahrungsgemäß sagen sehr viele Leute gerade in Konfliktfällen nämlich nicht das, was sie meinen, sondern entweder verschweigen bzw. überspielen sie es, oder sie behaupten sogar das Gegenteil!

Zitat:
] Original von carsten aus bochum
Größere Probleme ergeben sich, wenn der andere sehr weit von der moralischen Stufe 5 entfernt ist.
Er könnte genügend Intelligenz haben um rational zu argumentieren, aber dieses Verständnis muss sich ja nicht moralischer Weiterentwicklung niederschlagen, sondern könnte auch benutzt, um andere effektiv zu manipulieren. Ein „dummes Schwein“, muss nicht wirklich dumm sein.

Was Carsten als Problemfall einer ansonsten insgesamt positiven Entwicklung ansieht, kann man auch vielleicht realistischer als den Normalfall ansehen: Gerade die zunehmende Intelligenz der Akteure - so hat man den Eindruck - führt dazu, dass auf gesellschaftlichen Haupthandlungsfeldern, wie Politik, Justiz, - Wirtschaft sowieso - mehr denn je die bessere manipulative Strategie entscheidet.
Im Gegensatz zu optimistischeren Naturen sehe ich keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass eine intellektuell-kognitive Höherentwicklung sich zwangsläufig mit einem Bedürfnis nach einem freundlichen, freien, nichtmanipulativen Dialog verbinden sollte und nicht eher das Feld für noch mehr Tricks und Täuschungen erweitern sollte.
Wenn ich zwar nicht glaube, dass Habermas´ Form des freundlichen, verständigungsorientierten, nichtstrategischen Handelns für gesellschaftlich wirksames Handeln allgemein sich durchsetzen können wird, halte ich sie andererseits doch nicht für etwas völlig Weltfremdes oder Illusionäres.

Gruß Eugen

Hallo Eugen, OUI und Carsten,

ich sah gestern die Abschiedsrede von Blair, den Film "Missisppi burning" am Abend und heute früh die Preisverleihung an Henryk M. Broder, - und anschließend die Nachrichten.

Man könnte ja sagen, daß die Wissenschaften in ihrem hohen akademischen Niveau und in ihrem friedlichen Dialog miteinander zu besseren Resultaten an Erkenntnis kommen, als die Journalisten und Politiker in ihren jeweiligen Sachzwängen. was aber leider nicht der Fall ist, - wie es der die Haare raufende M. Broder in seiner Rede demonstrierte.

Ich kenne die Aufsätze von Habermas nach dem 11. Sept.. Er stellt jedenfalls fest, daß die Religionen ein Stück unserer Wirklichkeit sind. Aber solange Habermas sich nicht traut - aus Angst vor dem Mainstream und der Political-correctness - , etwas Selbstverständliches auch auszusprechen, daß eine Demokratie nicht geht und keine ist, wenn sich alle Parteien und Konfessionen bewaffnen und jede Partei und Konfession mit der eigenen Armee ihre eigene Justiz [-] und Außenpolitik betreibt, - und daß man über den Nahen Osten, über Dafore, über Afghanistan und den Balkan mal nachdenken müsse, - natürlich nicht über den Irak, da seien die Amerikaner schuld und natürlich der böse Dabbelju, weil der beim Gehen seine Arme zu weit vom Körper schlenkern läßt und auch noch Christ ist - ,
da sehe ich jedenfalls nicht, daß da die Wahrheit und die Lösung der zu lösenden Probleme im jeweiligen Objekt liegt, sondern im Subjekt,

entschuldige meinen Anflug von Polemik, lieber Jürgen, Carsten und liebe OUI!

ganz herzlich
Friedhelm
mark
Zitat:
Original von Eugen
Und die Beiträge kreisen, meine ich, in der einen oder anderen Form um die Hauptschwierigkeit, die ich mit Habermas´ Ansatz habe.

Zitat:
] Original von Rhetorix
Erfahrungsgemäß sagen sehr viele Leute gerade in Konfliktfällen nämlich nicht das, was sie meinen, sondern entweder verschweigen bzw. überspielen sie es, oder sie behaupten sogar das Gegenteil!


In Habermas´ Systematik handelt es sich ja bei all diesen Fällen um – bewusstes (Täuschung) oder auch unbewusstes („verzerrte Kommunikation“) - einseitig strategisches Handeln des Einzelnen, das dem dialogischen Prinzip des angestrebten verständigungsorientierten Handelns, der Kommunikation „ohne Tricks und Hintergedanken“ fundamental entgegensteht. Hin zum verständigungsorientierten Handeln muss, so verstehe ich ihn, ein radikaler Perspektivenwechsel vollzogen werden.

Und diese Unterscheidung bereitet mir große Schwierigkeiten.

ich weiss überhaupt nicht, ob man das auseinanderhalten kann. wann ist denn eine kommunikation verzerrt? demnach eben wenn unbewusst "getäuscht" wird? wer täuscht denn dann wen über was? und wie wöllte man denn das dingfest machen, wenn man sich doch einfach nur unterhält?
wann ist denn eine kommunikation geglückt? wenn hinterher alle zufrieden sind? das geht auch mit massiver täuschung, manchmal besser als ohne.
wenn erkenntnisfindung davon abhängig wäre, dass kommunikation derart perfekt verläuft...dann wäre man wohl noch nicht weit gekommen.
Zitat:
Es gehört wohl eine nicht so ohne weiteres vermittelbare, in bestimmter Weise „demütige“ Geisteshaltung dazu, um einzusehen, dass das Selbstbewusstsein nicht nur nicht unfehlbar ist, sondern ohne die „gelebte Teilnahme an der sozialen Interaktion“ (Habermas) gar nichts wäre.

das ist ohne weiteres sicherlich nicht vermittelbar. in asien vielleicht.
hört sich für mich nach: die einzelne ameise ist nichts! an.
Zitat:

Man wird wohl kaum ein rechtes Verständnis für Habermas´ Ideen insgesamt entwickeln können, wenn man nicht irgendwie auch intuitiv die Einsichten der dialogischen Philosophie, in deren Tradition er steht, nachvollziehen kann:

im ersten moment hab ich doch glatt "diabolisch" gelesen...freud lässt grüssen...
Zitat:

„Nicht durch ein Verhältnis zu seinem Selbst, sondern nur durch ein Verhältnis zu einem anderen Selbst kann der Mensch selbst werden“ (Martin Buber, Ich und Du)

das würde mich wirklich interessieren, was das eigentlich heisst. mal so ganz praktisch, jenseits der begriffsakrobatik.

ich habs nun nicht so mit ich, überich und es. aber das interessante daran ist doch: die operieren alle als "selbste". ohne zweifel kommunizieren auch gehirnteile auf höheren ebenen als neuronenfeuer. was ist, wenn das selbst eben schon eine ganze gesellschaft ist?

gruss
Friedhelm
Zitat:
Original von oui
Zitat:
Original von Friedhelm
Hallo oui,
Ich stellte die Frage, wie sich menschliches Wissen allgemein und wie sich wissenschaftliches Wissen insbesondere vom Menschsein unterscheidet, - steht beides in Konflikt miteinander?
naturgesetze

Zitat:

Ach Du meine Güte, warum möchtest Du ausgerechnet bei diesem Thema eine Antwort von mir - da gibt es hier andere, die das besser können.


Tut mir leid, aber Du hattest gefragt.

Zitat:

Zu dem von Dir angeführten Blau-Rot-Farbenproblem:
Natürlich fällt es auf, wenn jemand blau als rot bezeichnet, allerdings nur in einer Situation: Wenn er die entsprechende Farbe greift, ansonsten fällt es nicht auf. Nur mals so nebenbei. Zwinker




eben nicht! Er wird zur gleichen Farbe greifen wie der andere, bei dem die Farbwahrnehmung nicht umgekehrt liegt. Denn er nennt ja das, was die anderen "Rot" sehen Grün.



Zitat:
Gegen solchen Absturz ins Ungültige scheint in der Tat – besonders beim männlichen Menschen – das limbische System ein Hormon auszuschütten, das den eigenen Wert und die eigene Geltung blind auch gegen jede Vernunft verteidigen läßt.

Wenn dem mal so wäre....
Neuropsychologisch ist es leider so, dass das limbische System (Emotionen, Gefühl) ausgeschaltet werden kann, Menschen können lernen, sich derart zu konzentrieren (damit z.B. eine Kugel gezielt trifft), leider.


D’ accord

Zitat:
Worauf ich aber eigentlich hinaus will, ist ein Verhältnis von jeder Subjektivität zum Objekt als Voraussetzung jeder möglichen Intersubjektivität überhaupt, wie es Gerold Prauss in seiner neuen Arbeit „Die Grenzen einer Absicht“ herleitet (Seite 589-605) http://www.kommentare-zu-gerold-prauss.de/Intersubjekti
vit%E4t.htm
, wobei ersteres, die Subjektivität, Leben und Unfehlbarkeit voraussetzt und der möglichen Fehlbarkeit objektiver Erkenntnis gegenüber steht.

Zitat:

Den Text verstehe ich nicht, ich ermüde sogar dabei.
Erkläre mir die drei Seiten bitte ganz schlicht in ein paar Sätzen.


Hallo OUI,
Du hast ja recht, Prauss ist anfänglich etwas schwierig zu lesen. Es ist da alles extrem kompakt.
Um die Quintessenz jener Fehlbarkeit und Unfehlbarkeit bei unserer Wahrnehmung auch noch in wenigen Worten darstellen zu können, muß man natürlich Ungenauigkeiten und mögliche Mißverständnisse inkauf nehmen.

Ich wills mal so versuchen.

Descartes kreierte den berühmten Satz: „cogito, ergo sum.“ „Ich denke, also bin ich.“ Dieses „also“ kann man nun kräftig mißverstehen.

1. „Weil ich denke, bin ich.“ Und als sog. Cartesianismus ist dann dieses Denken inclusive allen Erkennens quasi der Beweis auch für die Existenz bzw. Wahrheit alles Erkannten, bzw. des erkannten Objekts, wenn nämlich auch dieses „Weil“ ebenfalls umkippt zur Bedeutung, als sei das Objekt, z.B. ein Stein, die physische Welt, die Naturgesetze, das Gehirn usw. – und nicht ich als Subjekt - die Ursache meines Erkennens „Das ist ein Stein“.
Und damit steht die ganze Sache als naiver Empirismus unhaltbar auf dem Kopf. Es müßte besser heißen:
2. „Weil ich bin, denke ich.“ Besser hätte Descartes jedenfalls formuliert : „sum ergo cogito.“

D.h.: nicht weil der Stein da ist, erkenne ich ihn, sondern weil ich bin – und zwar unfehlbar – , erkenne ich dort einen Stein, was allerdings auch ein Irrtum, eine Illusion oder Traum sein kann, also fehlbar ist.

In der berüchtigen Kreationismusdebatte

http://fuenf.scm-digital.net/show.sxp/5170_der_europarat_will_den_kreati
onismus_bek_mpfen.html


liegt eigentlich das Problem in diesem Cartesianismus, von der Evolutionstheorie ausgehend schließt man auf den Ursprung menschlichen Denkens, womit sich dann auch logisch ein möglicher freier Wille des Menschen ausschließt. Leider sind die Gegenargumente der meisten Kreationisten dermaßen unhaltbar - nämlich ebenfalls cartesianistisch - daß sie eher alles schlimmer machen und den christlichen Glauben eher blamieren.

ganz herzlich
Friedhelm