Demokratie ohne diktatorische Elemente ?

Archibald
Eine Demokratie verspricht Freiheit.

Freiheit kann nicht inhaltlich definiert werden, sondern nur formal.

Das hat den Nachtil, daß "Freiheit" u.A. auch die Eigenschaft hat, daß man diese mittlels sich selber beseitigen kann.
Man kann z.B. mittels seiner Freiheit einen Knebelvertrag unterschreiben.

Das haben alle rein formalen Aussagesysteme so an sich; es gibt immer wieder das Problem der Selbstbezüglichkeit.

Also versucht man "Aussagen über Aussagen" (die sog. "Metaaussagen") zu machen, um dieses Problem ("1933 darf sich nicht widerholen") in den Griff zu bekommen, aber, man schränkt mit dieser Metaregel (welche man in einer Demokratie auch "Verfassung" nennt) eben jene implizierte Freiheit ein.

Nun die Fragen:

1) Ist die "Verfassung"das stabilisierende Element im labilen System Demokratie (und somit undemokratisch) ?

2) Wenn die Verfasung durch den labilen Entscheidungsprozess "demokatische Entscheidungsfindung" getroffen wird, ist sie dann nicht selber labil und damit bedeutungslos ?

3) Wäre also nur eine Demokratie OHNE Verfassung radikaldemokratisch ?
Rueckert
In Zeiten der attischen Demokratie, fragte Alkibiades einst Perikles, was Demokratie ausmache. Seine Antwort umfasste den Sinn, daß dies, was die Mehrheit entscheidet Recht sei. Daraufhin fragte Alkibiades, was nun sei, wenn die Mehrheit des Volkes sich auf unsittliche Dinge stützten. Perikles entgegnete:" Alles was die Mehrheit des Volkes will, ist Recht".
(Es ist nicht genau rezitiert, soll nur als Ausgangspunkt dienen)

Betrachten wir dieses Gespräch, zeigt sich ein demokratisches System, welches die quantitativ niedrige Bevölkerung in ihrer eigenen Freiheit einschränkt. Solch ein radikales System, bietet nicht einmal jene Sicherheit, welche der Mensch von seinem System erwartet.

Eine umfassendere Freiheit als diese, welche die Natur dir gab, ist außer unserer Vorstellungskraft. Falls man sich einem menschnlichen System fügt, ist die Freiheit eingeschränkt, um des eigenen Willens der Sicherheit. Aber ich glaube das geht von deiner Ausgangsfrage.

S.R.
Kai
Nach Popper gibt es ein Paradoxon der Demokratie. Wenn sich die Mehrheit des Volkes für eine Diktatur entscheidet, sei die Demokratie zu Ende.

Popper löst dieses Paradoxon so, dass er sagt: Demokratie ist dort, wo es freie Institutionen gibt. Regelmäßige freie und geheime Wahlen, Koalitionsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit, Gewaltenteilung, Reisefreiheit. Demokraten werden diese freien Institutionen wenn nötig auch gegen die Mehrheit der Bevölkerung verteidigen.

Von allen Demokratietheorien, die ich kenne, gefällt mir die am Besten. Alle anderen Theorien und Gesellschaftssysteme sind problematischer.
Stanley Alvarez
Zitat:
Eine Demokratie verspricht Freiheit.

Demokratie verspricht in erster Linie nur "mehr Freiheit". Demokratie ist schließlich auch nur ein Herrschaftssystem, und "Herrschaft" und "Freiheit" verstehen sich nicht gut, denn Herrschaft heißt zugleich für irgendwen auch immer Knechtschaft. Wenn die Demokratie in ihrer radikalsten Form nach der "Herrschaft aller" verlangt, dann heißt das zugleich auch Knechtschaft für alle unter den "Willen aller".

Die einzige (theoretische) Herrschaftsform, bei der das anders ist, ist in diesem Sinne auch keine Herrschaftsform mehr: die radikale Anarchie. Durch die Abschaffung jeglicher Herrschaftsverhältnisse soll eine vollkommene Freiheit erreicht werden.
Kai
Nach Popper gibt es auch ein Paradoxon der Freiheit. Sie ist nur in Grenzen möglich. Grenzenlose Freiheit hebt sich auf. Der Mensch lebt mit anderen Menschen zusammen und seine Freiheit hat seine Grenzen in der Freiheit der anderen Menschen. Selbst in einer Anarchie wäre dies so. Aber Anarchie ist sowieso eine unrealisierbare Utopie.
Archibald
@ Kai:

Das selbstbezügliche Problem der Demokratie ist klar. Es gíbt hatl keine Freiheit ohne selbstbezügliche Probleme!

Nur, die Lösung von Popper ist völlig idiotisch!
Archibald
@ Stanley:

(Zitat von dir):

Die einzige (theoretische) Herrschaftsform, bei der das anders ist, ist in diesem Sinne auch keine Herrschaftsform mehr: die radikale Anarchie. Durch die Abschaffung jeglicher Herrschaftsverhältnisse soll eine vollkommene Freiheit erreicht werden.

Ohne Herrschaft gibt es keine Bestimmung oder Manifestation von irgendeinem System (Im Sinne von "durch einen Begriff verkörpertem"), und, somit auch keine Möglichkeit (an sich) mehr!

Damit ist denn auch die Freiheit hin!
Kai
@Archibald

Dass Poppers Antwort auf das Paradoxon der Demokratie völlig idiotisch sei, möchte ich mal mit aller Entschiedenheit zurückweisen! Eine bessere Antwort ist mir nicht bekannt. Weder theoretisch noch praktisch.

Aber wenn du bessere Antworten kennst, dann lass mal hören.
Stanley Alvarez
Zitat:
Original von Kai
Nach Popper gibt es auch ein Paradoxon der Freiheit. Sie ist nur in Grenzen möglich. Grenzenlose Freiheit hebt sich auf. Der Mensch lebt mit anderen Menschen zusammen und seine Freiheit hat seine Grenzen in der Freiheit der anderen Menschen. Selbst in einer Anarchie wäre dies so. Aber Anarchie ist sowieso eine unrealisierbare Utopie.

Ja sicher, ich fühle mich hier allerdings missverstanden, jedoch aus eigener Schuld. Freiheit besitzt mehrere Dimensionen, eine davon ist die Freiheit von Herrschaft, und um diese ging es mir.

Dass die (radikale) Anarchie eine Utopie ist, das ist selbstverständlich. Sie stellt schließlich, wie erwähnt, das Extrem in der "Ausbalancierung" von Herrschaft und Freiheit dar. Das sehe ich aber nicht als Grund dafür, nicht nach ihr zu streben, bzw. halt nach "weniger Herrschaft" und "mehr Freiheit" zu streben.
Archibald
@ Kai:

Popper´s antwort läuftz daraufhin hinaus, dass die Demokratie sich selber mit diktatorischen Mitteln rettet. Das sorgt nur für weitere Verquickung des Selbstbezüglichen.

Meine Antwort ist einfacher:

Wer seine Freiheit via "freiem Beschluss" abschaffen will, soll dies bekommen, und, sein "freier Wille" ist somit in Erfüllung gegangen!
Tarvoc
Über Poppers Rhetorik der Toleranz habe ich vor kurzem einen Essay geschrieben.
Shamatic
Darf man den geschickt bekommen ? Habe "Rhetorik der Toleranz" zwar nicht gelesen, aber verkehrt wirds wohl nicht sein großes Grinsen (meine email haste vom lesekreis).
Tarvoc
Zitat:
Original von Shamatic
Darf man den geschickt bekommen?

Ja, ich schick' ihn dir.

Zitat:
Original von Shamatic
Habe "Rhetorik der Toleranz" zwar nicht gelesen

Du hast mich falsch verstanden. Rhetorik der Toleranz ist kein Buch von Popper, sondern meine Bezeichnung für seine Argumentationsweise. fröhlich
Das Werk von Popper, das ich in meinem Essay konkret behandle, ist "Utopie und Gewalt", ein Aufsatz in "Vermutungen und Widerlegungen".
Kai
1933 ist Hitler auf demokratische Weise nach einer freien Wahl und an der Spitze einer Koalitionsregierung an die Macht gekommen. Anschließend hat er die freien Institutionen abgeschafft. So konnten die Deutschen in den nächsten zwölf Jahren nicht mehr darüber entscheiden, von wem sie regiert werden. Und wenn die Deutschen sich das nicht hätten gefallen lassen, wenn z. B. die 30 - 40% der Nichtnazis, der Demokraten unter den Deutschen die freien Institutionen verteidigt hätten, dann hätten sie sich völlig idiotisch verhalten?

Mein "lieber" Archibald , ich glaube hier verhält (oder "denkt") jemand anders völlig idiotisch. ??!
Tarvoc
Zitat:
Original von Kai
1933 ist Hitler auf demokratische Weise nach einer freien Wahl und an der Spitze einer Koalitionsregierung an die Macht gekommen.

nunja Als wäre die Weimarer Republik in ihrer Endphase noch eine funktionierende Demokratie gewesen. In der Weimarer Republik gab es seit spätestens 1930 de Fakto keine freien Wahlen mehr. Es sei denn, du bezeichnest es als freie Wahl, wenn die Regierung so lange nach jeder Wahl das Parlament auflöst, bis irgendwas rauskommt, das ihr in den Kram passt, und ansonsten sowieso quasi im Alleingang mit Notverordnungen regiert, wie sie gerade lustig ist.
Archibald
@ Stanley:

Zitat von dir:

Die einzige (theoretische) Herrschaftsform, bei der das anders ist, ist in diesem Sinne auch keine Herrschaftsform mehr: die radikale Anarchie. Durch die Abschaffung jeglicher Herrschaftsverhältnisse soll eine vollkommene Freiheit erreicht werden.


Und, das Ganze ist total unrealisierbar!

So eine Art "Gesellschaftssystem", welches gar kein "System" mehr ist; totaler BLÖDSINN
Archibald
Zitat:
Original von Tarvoc
nunja Als wäre die Weimarer Republik in ihrer Endphase noch eine funktionierende Demokratie gewesen. In der Weimarer Republik gab es seit spätestens 1930 de Fakto keine freien Wahlen mehr.



@ Tarvoc:

Tja, und das ist eben das Paradoxon des Selöbstbestimmungsrechtes in einer Demokratie:

Politiker entscheiden über eine Verfassung, welche sie selber einschränkt.......
Tarvoc
Hä? gruebel
pnovell
Zitat:
Ohne Herrschaft gibt es keine Bestimmung oder Manifestation von irgendeinem System (Im Sinne von "durch einen Begriff verkörpertem"), und, somit auch keine Möglichkeit (an sich) mehr! Damit ist denn auch die Freiheit hin!

Das stimmt nicht!
In der Anarchie ist die Herrschaft auf jedes einzelne Individuum reduziert und die Freiheit resultiert eben aus der Ablösung aller anderen Herrschaftsformen.
Sie ist ein Gleichgewicht aller Herrschenden im Bezug auf die Möglichkeit eines Ungleichgewichts.

Anarchie ist sehr wohl möglich, allerdings nicht in unserem Zeitalter großes Grinsen
Archibald
@ pnovell:

Du redest hier von dem "Idealzustand" der Ideologie "Anarchie", aber, nicht von deren zwangsläufig resultierenden Praxis!