Handeln und Erkennen bei Gerold Prauss

Friedhelm
In welcher Weise bildet die Handlung mit dem Erkennen eine Einheit?
Wie hängt beides zusammen beim Vorgang der Handlung?
Voller Widersprüche ist die gängige Meinung, dass man dabei das Erkennen als Theorie oder Handlungskonzept von der Handlung getrennt sehen müsse oder könne.
Das ist Unsinn.
Es geht um den letzten, den 4. Band "Die Welt und wir" von Gerold Prauss, - jetzt erstmal um die ersten 50 Seiten.
Es tauchen hier nun plötzlich ganz neue Begriffe auf für die Ausdehnungen von „Punkt“ verschiedener Art auf den verschiedenen Stufen, die in der Unvermitteltheit anfänglich durchaus den Eindruck von Verlegenheit machen können und wie deren Überwindungsversuche erscheinen.

Ich meine die Begriffe „Gefühl“ im Zusammenhang mit der ersten Stufe als vorerst noch etwas Unthematisiertes von „Genügen“ und „Ungenügen“, dann den Begriff „Verdoppelung“ praktisch aller drei Stufen einer Erkenntnis über den Vorgang der Objektivierung und Thematisierung der Erkenntnis dann hinaus zur Handlung als eine Ausdehnung oder Fortführung immer noch der gleichen Intention, die jedoch als „Verdoppelung“ nicht eine weitere Ausdehnung des Punktes meint, sondern eher wie eine Anwendung oder Auswirkung des Objektivierten und Thematisierten und damit eine Weiterführung bedeutet, die, wie alle Stufen der Erkenntnis durch das gleiche „Material“ eine Einheit und Einfachheit bleiben oder behalten.
Die Begriffe „Gefühl, „Verdoppelung“ und „Material“ gilt es dabei erstmal als normale, alltägliche Erfahrung im Sinne der immer komplexer werdenden Struktur der bislang aber widerspruchsfreien Systematik und Herleitung zu vergegenwärtigen, was hier am Beispiel von „Durst“, einem „Glas Wasser“ und „Trinken“ durchgespielt wird.
Band 2/2, Seite 502-503
"Der (Inhalt als Gefühl) aber ist auch als ein unthematisierter voll bewußt, so daß auch immer nur vor diesem Hintergrund von Zeit und von jeweiligem Gefühl in ihr ein Objekt als thematisiert bewußtes in den Vordergrund tritt. Und so tut es dies denn auch schon immer gleichsam als gefühlsgefärbtes Objekt, als ein solches nämlich, worauf das jeweilige Gefühl schon immer abfärbt. Und so geht auch umgekehrt nur innerhalb von solchem Hintergrundgefühlsbewußtsein, das gleichwohl ein Vollbewußtsein bildet, jenes Ihnen wohlbekannte Hin und Her und Auf und Ab zwischen Bedürfnis und Befriedigung vonstatten als ein ständiges Herüber und Hinüber zwischen Ungenügen und Genügen.
Denn tatsächlich ist dies alles etwas rein Mentales innerhalb von einem Subjekt, auch wenn es dies durch Zusammenwirken eines Objekts mit dem Objekt ist, das als entsprechendes Somatisches der Körper dieses Subjekts ist. Und was auch immer hier auf dieser Seite vorliegt oder vorgeht, wie etwa ein Wassermangel oder ein Entstehen bzw. ein Vergehen von Wassermangel, - so etwas wie ein Genügen oder Ungenügen und ein Übergang dazwischen liegt und geht nur dort auf jener Seite des Mentalen vor: nur als entsprechendes Gefühl oder Bewußtsein."

Prauss vermeidet hier nicht ohne Grund die sonst überall vielfach benutze Metapher zu verwenden, mit der bereits der Sprache nach, zumindest im Deutschen, „Begreifen“ im Sinne der Handlung „Greifen“ als ein komplexer Vorgang von Erkennen benutzt und begriffen wird.
Fast penetrant gilt es dem gegenüber gerade umgekehrt, Erkennen mit dem Greifen zusammen weiter als Praktizität, und alles zusammen als Artefact im Auge zu behalten. Denn es gilt zu vermeiden, die objektivierte Erkenntnis fälschlich als eine Theorie zum Handeln mißzuverstehen.
Wir befinden uns dabei also nicht im luftleeren Raum einer reinen These oder Theorie.

Was ist nun mit „Material“ gemeint, durch das Gefühl, Begriff, Zeit und Raum, und dann der tatsächliche Gegenstand in der Außenwelt und hier vorerst zuletzt dann also die Handlung, wie z.B. die Handbewegung ein einziges bewußtes Verhalten ist?

Mir ist es nie gelungen, aus dem bislang Gelesenen bei Prauss bereits auf den Inhalt bzw. die Folgerungen der folgenden Seiten schließen zu können. Alles ist Neuland.


Der Übertitel, bzw. Untertitel des letzten Bandes heißt: "Die Grenzen einer Absicht" . Und da wird es schließlich spannend: was bis jetzt als System oder Systematik ja noch ziemlich wie ein determinierter Automatismus aussieht, (vergleichbar vielleicht mit den vielfältigen Relationen innerhalb der Trigonometrie eines Dreiecks) ist realiter letztlich doch auch die Spielwiese unserer Einfälle und freien bis willkürlichen Entscheidungen.
Alles Obige ist im Grunde Selbsterkenntnis.
Von welchem Punkt an müssen wir das Handtuch werfen? Wo ist die Grenze? Die Grenze der freien Entscheidung oder Absicht?

ganz herzlich
Friedhelm
albert_u
Hallo, ich habe das Buch nicht gelesen, finde aber das Thema sehr interessant. Was das Problem Absicht/Freiheit angeht und wie weit wir verstehen können, glaube ich, das wir die Freiheit endgültig nicht mehr verstehen als Menschen. Freiheit ist etwas was niemals in der Welt gefunden werden kann. Die ganze Welt, die wir erleben (oder der Teil der Welt, könnte man auch sagen) ist eine Kausale, geprägt also von Ursache und Wirkung. Da Freiheit also ein absolutes Sonderobjekt sein müsste, vollkommen uneinordnebar, kann man meiner Meinung nach, davon ausgehen, dass sie niemals wirklich verstanden werden kann.
Etwas anders sieht es da bei der Absicht aus. Es gibt z.B. Psychologische Modelle, die soetwas noch einordnen können. Eine Absicht spiegelt sich in der Handlung wieder und kann durch Selbstbeobachtung bzw. Personenbefragen entdeckt werden. Zumindest rein theoretisch könnte sie so auch eines Tages verstanden werden.

Zum Thema "Was ist Material" möchte ich mal vorsichtig eine Mutmaßung äußern. Beim lesen deines Textes kam es mir so vor, das das Wasserglas, die Materie also, das Material sein müsste. Kommt das hin?

nette Grüße
albert
Friedhelm
Zitat:
Original von albert_u
Hallo, ich habe das Buch nicht gelesen, finde aber das Thema sehr interessant. Was das Problem Absicht/Freiheit angeht und wie weit wir verstehen können, glaube ich, das wir die Freiheit endgültig nicht mehr verstehen als Menschen. Freiheit ist etwas was niemals in der Welt gefunen werden kann. Die ganze Welt, die wir erleben (ode der Teil der Welt, könnte man auch sagen) ist eine Kausale, geprägt also von Ursache und Wirkung. Da Freiheit also ein absolutes Sonderobjekt sein müsste, vollkommen uneinordnebar, kann man meiner Meinung nach, davon ausgehen, dass sie niemlas wirklich verstanden werden kann.


Hallo Albert, danke für die Aufmerksamkeit!!
Dennoch ist Prauss da ganz anderer Ansicht als Du! Ich zitiere:
„§14. Die Welt und wir Bd 2/2
Der Nachweis unserer Willensfreiheit durch das Widerspruchsprinzip als ein Absichtlichkeitsgesetz: - - - - - Seite 548:  

Herleitbar ist Freiheit nämlich dadurch, daß auch ein Gesetz der Freiheit herleitbar ist, das nur ein Gesetz sein kann, das diese Freiheit aus sich selbst und für sich selbst sich auferlegt, und zwar bereits als ursprüngliche Praxis von »Erkennen« als dem ursprüng lichen Intendieren. Diese Einsicht aber hat sich Kant, obwohl er zu ihr schon weit vorgedrungen war, am Ende selbst versperrt, und zwar im wesentlichen deshalb, weil er nicht genügend zwischen Spontaneität und Freiheit unterschieden hat.“

Ein unbescheidener Vorsatz:

„Ein Gesetz, das diese Freiheit aus sich selbst und für sich selbst sich auferlegt.“

Ein Gesetz also, das nicht gegen ein anderes und auch nicht aus einem anderen Gesetz abgeleitet wird, sondern dass der Struktur menschlicher Erkenntnis bereits als dem Widerspruchsprinzip zugrunde liegt.
Dem zu Grunde liegt eine der Grundaussagen der ganzen Prausschen Philosophie und Erkenntnis- und Handlungstheorie, dass es immer die Irrtümer und Fehlleistungen unserer Erkenntnisse sind, die uns veranlassen, auf uns selbst zu reflektieren, uns auf unser Selbst zu besinnen, uns unseres Selbstbewußtseins bewusst zu werden. Eine Wahrnehmung z.B. kann Traum, Illusion, Sinnestäuschung sein, also immer etwas, dass durch uns passiert, durch die Wahrnehmung und eben nicht durch das Wahrgenommene, durch das fälschlich so oder so verstandene Objekt.
Das Widerspruchsprinzip
http://de.wikipedia.org/wiki/Satz_vom_Widerspruch
ursprünglich von Plato und Aristoteles formuliert und – letztlich unhaltbar - als Eigenschaft dem Seienden zugeschrieben, gilt später und auch noch bei Kant zurecht nur noch in der Prädikaten und Aussagelogik.
Weil man aber das „Wieso“ nicht hinterfragt, bleibt man bis heute in der platonischen Befangenheit, die Prauss dann auf der Vorstufe einer menschlichen Erkenntnis, wo es erst nur um Vorstellung und Begriff geht, auch als falsche Voraussetzung entlarft, als würden dort Vorstellung und Begriff bereits durch den intendierten d.h. durch den erst noch zu erkennenden und damit fälschlich vorausgesetzten Gegenstand hervorgerufen, der dagegen als wirklichen erst noch aussteht und immer auch unwirklich, d.h. Traum, Illusion oder Irrtum sein also gar nicht Ursprung von Begriff und Vorstellung sein kann.
Dies ist der Ansatz.
Von hier aus leitet Prauss ab, dass immer nur komplexe Erkenntnisse nie aber elementare widersprüchlich sein können, und dass wir, wenn wir wirkliche und wahre Erkenntnisse haben wollen, diese Widersprüche und Irrtümer erkennen und durch neue ersetzen müssen, und zwar, weil wir dies können, weil wir eben unserer Erkenntnis gegenüber frei sind. Und wir haben nichts anderes als Erkenntnis.


Zitat:
Original von albert_u
Etwas anders sieht es da bei der Absicht aus. Es gibt z.B. Psychologische Modelle, die so etwas noch einordnen können. Eine Absicht spiegelt sich in der Handlung wieder und kann durch Selbstbeobachtung bzw. Personenbefragen entdeckt werden. Zumindest rein theoretisch könnte sie so auch eines Tages verstanden werden.


Genau, das ist der Knackpunkt!

Zitat:

Zum Thema "Was ist Material" möchte ich mal vorsichtig eine Mutmaßung äußern. Beim lesen deines Textes kam es mir so vor, das das Wasserglas, die Materie also, das Material sein müsste. Kommt das hin?

nette Grüße
albert


Ja, was ist Materie?
Der gute Martin Heidegger fragt mit einem kritischen Blick auf die Wissenschaften mit der Frage nach der materiellen Wirklichkeit eines Baumes auf einer Wiese:
Was heißt Denken, Seite 28 in Reclam:
"Man wird entgegnen wollen: wozu denn solche Fragen über einen Sachverhalt, den jedermann billigerweise sogleich zugibt, da es doch für alle Welt sonnenklar ist, daß wir auf der Erde und nach dem gewählten Beispiel einem Baum gegenüberstehen? Doch verfahren wir mit diesem Zugeben nicht zu eilig, nehmen wir dieses Sonnenklare nicht zu leicht. Denn unversehens geben wir alles preis, sobald uns die Wissenschaften der Physik, Physiologie und
Psychologie samt der wissenschaftlichen Philosophie mit dem ganzen Aufwand ihrer Belege und Beweise erklären, daß wir doch eigentlich keinen Baum wahrnehmen, sondern in Wirklichkeit eine Leere, in die spärlich hie und da elektrische Ladungen eingestreut sind, die mit großer Geschwindigkeit hin- und hersausen. Es genügt nicht, daß wir nur für die gleichsam wissenschaftlich unbewachten Augenblicke zugeben, wir stünden natürlich einem blühenden Baum gegenüber, um dann im nächsten Augenblick ebenso selbstverständlich zu versichern, daß jene Meinung natürlich nur die naive, weil vorwissenschaftliche Auffassung der Gegenstände kennzeichne. Mit dieser Versicherung haben wir jedoch etwas zugestanden, dessen Tragweite wir kaum beachten, nämlich dies, daß eigentlich die genannten Wissenschaften darüber befinden, was an dem blühenden Baum als Wirklichkeit gelten dürfe und was nicht."

Nur als Leseprobe.
Materie ist also Vakuum, Nichts, 99,99% Leere, in der/dem ein paar elektrische Ladungen rumflitzen, wie wir meinen.

für heute erstmal soweit
ganz herzlich
Friedhelm
albert_u
Hallo Friedhelm,
vielen danke für deine ausführliche Antwort. Freude

Zitat:
Herleitbar ist Freiheit nämlich dadurch, daß auch ein Gesetz der Freiheit herleitbar ist, das nur ein Gesetz sein kann, das diese Freiheit aus sich selbst und für sich selbst sich auferlegt, und zwar bereits als ursprüngliche Praxis von »Erkennen« als dem ursprüng lichen Intendieren. Diese Einsicht aber hat sich Kant, obwohl er zu ihr schon weit vorgedrungen war, am Ende selbst versperrt, und zwar im wesentlichen deshalb, weil er nicht genügend zwischen Spontaneität und Freiheit unterschieden hat.


Die erste Freiheit als Erkennen. Interessant. Kann man sich das so wie bei Blumen vorstellen? Die wenigstens noch erkennen, ob es dunkel ist, und demgemäß (quasi mechanisch) ihre Blüten öffnen und schließen.

Zitat:
Von hier aus leitet Prauss ab, dass immer nur komplexe Erkenntnisse nie aber elementare widersprüchlich sein können, und dass wir, wenn wir wirkliche und wahre Erkenntnisse haben wollen, diese Widersprüche und Irrtümer erkennen und durch neue ersetzen müssen, und zwar, weil wir dies können, weil wir eben unserer Erkenntnis gegenüber frei sind. Und wir haben nichts anderes als Erkenntnis.


Eine schöne Ableitung, wenn man das „Gesetz der Freiheit“ annimmt.

Zitat:
Ja, was ist Materie?
Der gute Martin Heidegger fragt mit einem kritischen Blick auf die Wissenschaften mit der Frage nach der materiellen Wirklichkeit eines Baumes auf einer Wiese:
Was heißt Denken, Seite 28 in Reclam:
"Man wird entgegnen wollen: wozu denn solche Fragen über einen Sachverhalt, den jedermann billigerweise sogleich zugibt, da es doch für alle Welt sonnenklar ist, daß wir auf der Erde und nach dem gewählten Beispiel einem Baum gegenüberstehen? Doch verfahren wir mit diesem Zugeben nicht zu eilig, nehmen wir dieses Sonnenklare nicht zu leicht. Denn unversehens geben wir alles preis, sobald uns die Wissenschaften der Physik, Physiologie und
Psychologie samt der wissenschaftlichen Philosophie mit dem ganzen Aufwand ihrer Belege und Beweise erklären, daß wir doch eigentlich keinen Baum wahrnehmen, sondern in Wirklichkeit eine Leere, in die spärlich hie und da elektrische Ladungen eingestreut sind, die mit großer Geschwindigkeit hin- und hersausen. Es genügt nicht, daß wir nur für die gleichsam wissenschaftlich unbewachten Augenblicke zugeben, wir stünden natürlich einem blühenden Baum gegenüber, um dann im nächsten Augenblick ebenso selbstverständlich zu versichern, daß jene Meinung natürlich nur die naive, weil vorwissenschaftliche Auffassung der Gegenstände kennzeichne. Mit dieser Versicherung haben wir jedoch etwas zugestanden, dessen Tragweite wir kaum beachten, nämlich dies, daß eigentlich die genannten Wissenschaften darüber befinden, was an dem blühenden Baum als Wirklichkeit gelten dürfe und was nicht."

Nur als Leseprobe.
Materie ist also Vakuum, Nichts, 99,99% Leere, in der/dem ein paar elektrische Ladungen rumflitzen, wie wir meinen.


Tja und da hat Heidegger wohl recht. Schließlich wird hier nicht nach dem, höchstens der Geisteswissenschaft zugänglichem, „Sein“ gefragt, sondern nach der Materie. Die ist empirisch entdeckbar und es wäre unsinnig, sich nicht an die Wissenschaft zu halten.

Ich möchte noch etwas ergänzen. In der chinesischen, philosophischen Geistesströmung "Taoismus" spricht man von "De". Das ist eine Art spirituelle Ordnung, die ein Gegenstand haben kann. Gleichzeit steht das Wort in der chinesischen Sprache aber auch für "Tugend". Ein Mensch kann De (oder Tugend) haben, um im Leben (spirituell) erfolgreich zu sein. Wenn ein König dessen De hoch ist, das Land regiert, herrscht sogar im ganzen Land De. Auch ein Haus, ein Dorf oder eine Stadt kann De haben. Es ist also nicht nur Menschen vorbehalten "tugendhaft" zu sein. Lässt sich das mit der "Freiheit" von Blumen vergleichen? gruebel

Nette Grüße
albert
Friedhelm
Zitat:
Original von albert_u
Hallo Friedhelm,
vielen danke für deine ausführliche Antwort. Freude

Zitat:
Herleitbar ist Freiheit nämlich dadurch, daß auch ein Gesetz der Freiheit herleitbar ist, das nur ein Gesetz sein kann, das diese Freiheit aus sich selbst und für sich selbst sich auferlegt, und zwar bereits als ursprüngliche Praxis von »Erkennen« als dem ursprüng lichen Intendieren. Diese Einsicht aber hat sich Kant, obwohl er zu ihr schon weit vorgedrungen war, am Ende selbst versperrt, und zwar im wesentlichen deshalb, weil er nicht genügend zwischen Spontaneität und Freiheit unterschieden hat.


Die erste Freiheit als Erkennen. Interessant. Kann man sich das so wie bei Blumen vorstellen? Die wenigstens noch erkennen, ob es dunkel ist, und demgemäß (quasi mechanisch) ihre Blüten öffnen und schließen.


Hallo albert,
entschuldige die späte Antwort! Bin im Streß.
Falls man der Reaktion einer Blume auf das Tageslicht eine Erkenntnis der Blume unterstellt, als habe die Blume das Tageslicht erkannt, - dann wäre die Blume gegenüber solcher Erkenntnis eben nicht frei, - wie der Mensch einer Erkenntnis gegenüber, die vielleicht Irrtum oder nur Traum war.

Zitat:
Von hier aus leitet Prauss ab, dass immer nur komplexe Erkenntnisse nie aber elementare widersprüchlich sein können, und dass wir, wenn wir wirkliche und wahre Erkenntnisse haben wollen, diese Widersprüche und Irrtümer erkennen und durch neue ersetzen müssen, und zwar, weil wir dies können, weil wir eben unserer Erkenntnis gegenüber frei sind. Und wir haben nichts anderes als Erkenntnis.


Zitat:

Eine schöne Ableitung, wenn man das „Gesetz der Freiheit“ annimmt.


Dieser Einsicht von Freiheit kann man sich zwar verweigern, wenn man will. Ist gerade große Mode.
Der Freiheit selbst aber nicht, - und auch nicht dem Widerspruchsprinzip. Der Einsicht in das Widerspruchsprinzip kann man sich allerdings widersetzen. Wir sind unserer Freiheit ausgeliefert.

Zitat:
Ja, was ist Materie?
Der gute Martin Heidegger fragt mit einem kritischen Blick auf die Wissenschaften mit der Frage nach der materiellen Wirklichkeit eines Baumes auf einer Wiese:
Was heißt Denken, Seite 28 in Reclam:
"Man wird entgegnen wollen: wozu denn solche Fragen über einen Sachverhalt, den jedermann billigerweise sogleich zugibt, da es doch für alle Welt sonnenklar ist, daß wir auf der Erde und nach dem gewählten Beispiel einem Baum gegenüberstehen? Doch verfahren wir mit diesem Zugeben nicht zu eilig, nehmen wir dieses Sonnenklare nicht zu leicht. Denn unversehens geben wir alles preis, sobald uns die Wissenschaften der Physik, Physiologie und
Psychologie samt der wissenschaftlichen Philosophie mit dem ganzen Aufwand ihrer Belege und Beweise erklären, daß wir doch eigentlich keinen Baum wahrnehmen, sondern in Wirklichkeit eine Leere, in die spärlich hie und da elektrische Ladungen eingestreut sind, die mit großer Geschwindigkeit hin- und hersausen. Es genügt nicht, daß wir nur für die gleichsam wissenschaftlich unbewachten Augenblicke zugeben, wir stünden natürlich einem blühenden Baum gegenüber, um dann im nächsten Augenblick ebenso selbstverständlich zu versichern, daß jene Meinung natürlich nur die naive, weil vorwissenschaftliche Auffassung der Gegenstände kennzeichne. Mit dieser Versicherung haben wir jedoch etwas zugestanden, dessen Tragweite wir kaum beachten, nämlich dies, daß eigentlich die genannten Wissenschaften darüber befinden, was an dem blühenden Baum als Wirklichkeit gelten dürfe und was nicht."

Nur als Leseprobe.
Materie ist also Vakuum, Nichts, 99,99% Leere, in der/dem ein paar elektrische Ladungen rumflitzen, wie wir meinen.


Zitat:

Tja und da hat Heidegger wohl recht. Schließlich wird hier nicht nach dem, höchstens der Geisteswissenschaft zugänglichem, „Sein“ gefragt, sondern nach der Materie. Die ist empirisch entdeckbar und es wäre unsinnig, sich nicht an die Wissenschaft zu halten.


versteh ich nicht.

Zitat:

Ich möchte noch etwas ergänzen. In der chinesischen, philosophischen Geistesströmung "Taoismus" spricht man von "De". Das ist eine Art spirituelle Ordnung, die ein Gegenstand haben kann. Gleichzeit steht das Wort in der chinesischen Sprache aber auch für "Tugend". Ein Mensch kann De (oder Tugend) haben, um im Leben (spirituell) erfolgreich zu sein. Wenn ein König dessen De hoch ist, das Land regiert, herrscht sogar im ganzen Land De. Auch ein Haus, ein Dorf oder eine Stadt kann De haben. Es ist also nicht nur Menschen vorbehalten "tugendhaft" zu sein. Lässt sich das mit der "Freiheit" von Blumen vergleichen? gruebel

Nette Grüße
albert


Wir kennen im Christentum etwas entsprechendes, wenn z.B. das Tun eines Menschen gesegnet ist. Wenn ein Haus, ein Geschäft, ein Krieg oder sogar ein ganzes Land durch Gott oder durch einen Heiligen gesegnet wird.

ganz herzlich
Friedhelm
albert_u
Hallo Friedhelm,
die späte Antwort macht nichts. Das ist ja das schöne an Foren. Zwinker

„Tja und da hat Heidegger wohl recht. Schließlich wird hier nicht nach dem, höchstens der Geisteswissenschaft zugänglichem, „Sein“ gefragt, sondern nach der Materie. Die ist empirisch entdeckbar und es wäre unsinnig, sich nicht an die Wissenschaft zu halten.“

Dieses sehr gedrungene Geschreibsel möchte ich noch mal erläutern. „Materie“ ist ein wissenschaftlicher Begriff. Die Einzelwissenschaft, in diesem Falle die Physik, betrachtet nicht die gesamte Realität. „Materie“ ist ein bestimmter Teil der Wahrheit, den die Wissenschaft sich selbst herausgeschält hat. Sagen wir mal im Gegensatz zum Gefühl, welches die Physik gar nicht untersucht. Deshalb darf sie bestimmen, was am Baum nun real zu nennen ist oder nicht. Sie beschränkt sich ja zugegebener Maßen auf eine „Teilperspektive“.
Möchte man allerdings das „Sein an sich“ untersuchen, wie es Heidegger in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ tut, dann sind wir gezwungen, das Ganze der Wahrheit zu untersuchen. Dann dürfen wr nicht mehr, wie z.b. die Physiker sagen, was am Baum denn nun das zu beachtende ist und was wir komplett ignorieren dürfen. Dann müssen wir tatsächlich alles beachten.

Zitat:
Dieser Einsicht von Freiheit kann man sich zwar verweigern, wenn man will. Ist gerade große Mode.
Der Freiheit selbst aber nicht, - und auch nicht dem Widerspruchsprinzip. Der Einsicht in das Widerspruchsprinzip kann man sich allerdings widersetzen. Wir sind unserer Freiheit ausgeliefert.


Die Annahme der Freiheit als einziges Axiom also. Oder? Fände ich einen guten Ansatz.
Ich persönlich glaube übrigens schon, dass es Freiheit gibt. Das "Gesetz der Freiheit" hat mir gut gefallen.

Nette Grüße
albert
Friedhelm
Zitat:
Original von albert_u
Hallo Friedhelm,
die späte Antwort macht nichts. Das ist ja das schöne an Foren. Zwinker

„Tja und da hat Heidegger wohl recht. Schließlich wird hier nicht nach dem, höchstens der Geisteswissenschaft zugänglichem, „Sein“ gefragt, sondern nach der Materie. Die ist empirisch entdeckbar und es wäre unsinnig, sich nicht an die Wissenschaft zu halten.“

Dieses sehr gedrungene Geschreibsel möchte ich noch mal erläutern. „Materie“ ist ein wissenschaftlicher Begriff. Die Einzelwissenschaft, in diesem Falle die Physik, betrachtet nicht die gesamte Realität. „Materie“ ist ein bestimmter Teil der Wahrheit, den die Wissenschaft sich selbst herausgeschält hat.


Ich würde nicht sagen, "Teil der Wahrheit", sondern Teil der Wirklichkeit.

Zitat:

Sagen wir mal im Gegensatz zum Gefühl, welches die Physik gar nicht untersucht. Deshalb darf sie bestimmen, was am Baum nun real zu nennen ist oder nicht. Sie beschränkt sich ja zugegebener Maßen auf eine „Teilperspektive“.
Möchte man allerdings das „Sein an sich“ untersuchen, wie es Heidegger in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ tut, dann sind wir gezwungen, das Ganze der Wahrheit zu untersuchen. Dann dürfen wr nicht mehr, wie z.b. die Physiker sagen, was am Baum denn nun das zu beachtende ist und was wir komplett ignorieren dürfen. Dann müssen wir tatsächlich alles beachten.

Zitat:
Dieser Einsicht von Freiheit kann man sich zwar verweigern, wenn man will. Ist gerade große Mode.
Der Freiheit selbst aber nicht, - und auch nicht dem Widerspruchsprinzip. Der Einsicht in das Widerspruchsprinzip kann man sich allerdings widersetzen. Wir sind unserer Freiheit ausgeliefert.


Die Annahme der Freiheit als einziges Axiom also. Oder? Fände ich einen guten Ansatz.
Ich persönlich glaube übrigens schon, dass es Freiheit gibt. Das "Gesetz der Freiheit" hat mir gut gefallen.

Nette Grüße
albert


Hallo Albert

D’ accord, - die Frage ist, was bleibt uns für immer verschlossen? Entschuldige wieder die späte Reaktion.winken

Der eigentliche Anlaß meiner Antwort ist jedoch eine Ungenauigkeit, mit der ich den Prausschen Nachweis unserer Willensfreiheit aus dem Widerspruchsprinzip beschrieb.
Voraussetzung ist, wie ich auch schrieb, daß nach Prauss nur ein komplexes und nicht ein elementares Urteil widersprüchlich sein kann. Wenn ich jedoch in einem komplexen Urteil einen Widerspruch entdecke, aber eine widerspruchsfreie Wahrnehmung bzw. Erkenntnis haben will, und das ist unsere Natur, dann muß ich die zugrunde liegende elementare Wahrnehmung zurücknehmen und durch eine neue ersetzen, so daß die komplexe Wahrnehmung stimmig wird. Und dies geht nur, weil ich es kann, weil mich keine Wahrnehmung oder Erkenntnis zwingt, weil ich unserer Wahrnehmung eben nicht ausgeliefert bin.

Ich zitiere nochmal Prauss (Seite 559) Bd2/2:

"Denn im intentionalen Sinn will sie (die Subjektivität) ja etwas Wirklich-Anderes, das sie nur durch ein Urteil, das auch widerspruchsfrei ist, erzielen kann. Und eben dahin geht auch jedesmal die Intention einer Berichtigung, wenn im Gefolge eines Widerspruchs das Gegenteil von dem geurteilt wird, was ursprünglich geurteilt worden ist, weil dieses ursprünglich Geurteilte mit irgendetwas, dessen Preisgabe nicht tunlich scheint, in Widerspruch geraten ist.
Dies Gegenteil zu urteilen, heißt dann jedoch des weiteren, dies ausdrücklich entgegen jenem Inhallich-Bestimmt-Empirischcn zu urteilen, das für das ursprüngliche Urteil das Motiv war. Somit heißt das auch, ausdrücklich gegen jenes Inhaltlich-Bestimmt-Em pirische sich festzulegen, eben auf das dazu gegenteilige, wodurch auch immer dieses vorgegeben sein mag. Dies bedeutet mithin femer, daß sich Subjektivität genau in diesem Sinn auch auf das eine oder andere festlegen kann, nämlich auch dann noch auf das andere festlegen kann, wenn sie zunächst einmal sich auf das eine der sich ausschließenden Sinnesdaten festgelegt hat. Letztlich also heißt dies, daß sie es grundsätzlich kann. Infolgedessen hätte sie es auch im vorhinein schon können, hätte dafür ein Motiv, wie in Gestalt der Widersprüchlichkeit eines komplexen Urteils, schon im vorhinein bestanden, und nicht erst im nachhinein. Nur kann so ein Motiv für ein elementares Urteil eben nicht bestehen, weil dieses schon im vorhinein als ein elementares jede Widersprüchlichkeit vermeidet, weil vermeiden muß. Wie jenes aber ist auch dieses Müssen dann von einer Eigenart, die es von jedem Müssen der Notwendigkeit einer Naturgesetzlichkeit von Grund auf unterscheidet. Und gleichwohl ist es auch selbst in vollem Sinn das Müssen der Notwendigkeit einer Gesetzlichkeit. Nur ist es eben das einer spezifischen Gesetzlichkeit der Freiheit von Intentionalität, einer Gesetzlichkeit, deren Notwen digkeit eine bedingte ist im Unterschied zur unbedingten der Naturgesetzlichkeit: Soll eine Intention zu dem Erfolg, zu dem sie kommen will, zu etwas Wirklich-Anderem, auch kommen können, muß sie frei sein. Frei sein nämlich muß sie dann, sich dazu auf das eine oder auf das andre von sich ausschließenden Sinnesdaten festlegen zu können; denn dann kann sie nicht gezwungen sein, sich dazu auf das eine gegenüber dem je andern festlegen zu müssen oder gar auf beide."

traurig Unterstreichungen von mir)
Mich wundert nur, daß diese Ableitung nicht in allen Tageszeitungen, zumindest in der "Zeit" oder im "Spiegel" steht.

ganz herzlich
Friedhelm
albert_u
Hallo Friedhelm,

Zitat:
Ich würde nicht sagen, "Teil der Wahrheit", sondern Teil der Wirklichkeit.


Ich finde da besteht ein kleiner aber feiner Unterschied, der philosophisch interessant ist. Ich würde nämlich eher sagen „Wahrheit“, weil die Materie, so wie sie von der Physik untersucht wird, ja nicht existiert. Die Abgrenzung des zu Untersuchenden bedeutet ja das einnehmen einer bestimmten Perspektive. Man kann sich das vorstellen, wie ein Bauklotzturm, den man von verschiedenen Seiten betrachtet. Wer von vorneherein nur eine Seite beachtet, weiß niemals, wie der Turm insgesamt aussehen wird. Die Wahrheit, die er sich errechnet (oder in diesem Falle erschaut), ist niemals die ganze Wahrheit über den Turm. Es ist nur ein Teil der Wahrheit, weil die Worte der untersuchenden Person erst ergänzt werden müssen, um eine Wahrheit darzustellen. Davor bleiben sie nichts weiter als die Beschreibung eines physikalisches Modells (oder wie in meinem Beispiel, nur die Beschreibung eines zweidimensionalen Bildes des Turmes). Auch die beste Physik wird wohl niemals die Psychologie ersetzen.
Wäre nur ein Teil der Wirklichkeit anstatt ein Teil der Wahrheit untersucht worden, bräuchte man die Worte nicht mehr ergänzen, sie wären, so wie sie sind, richtig und in sich vollständig. Dieser zweite Fall ist so, als würde man die Moralphilosophie Immanuel Kants lesen, aber nicht den Rest seiner Arbeiten. Dann ist man bereits in der Philosophie, die immer die gesamte Wahrheit untersucht. Sie untersucht zwar auch die gesamte Wirklichkeit, da man sich aber auf Ethik beschränkt hatte, trifft das in diesem Falle nicht zu. Auch in diesem Fall ist das Wissen natürlich unvollständig.

Zitat:
"Denn im intentionalen Sinn will sie (die Subjektivität) ja etwas Wirklich-Anderes, das sie nur durch ein Urteil, das auch widerspruchsfrei ist, erzielen kann. Und eben dahin geht auch jedesmal die Intention einer Berichtigung, wenn im Gefolge eines Widerspruchs das Gegenteil von dem geurteilt wird, was ursprünglich geurteilt worden ist, weil dieses ursprünglich Geurteilte mit irgendetwas, dessen Preisgabe nicht tunlich scheint, in Widerspruch geraten ist.
Dies Gegenteil zu urteilen, heißt dann jedoch des weiteren, dies ausdrücklich entgegen jenem Inhallich-Bestimmt-Empirischcn zu urteilen, das für das ursprüngliche Urteil das Motiv war. Somit heißt das auch, ausdrücklich gegen jenes Inhaltlich-Bestimmt-Em pirische sich festzulegen, eben auf das dazu gegenteilige, wodurch auch immer dieses vorgegeben sein mag. Dies bedeutet mithin femer, daß sich Subjektivität genau in diesem Sinn auch auf das eine oder andere festlegen kann, nämlich auch dann noch auf das andere festlegen kann, wenn sie zunächst einmal sich auf das eine der sich ausschließenden Sinnesdaten festgelegt hat. Letztlich also heißt dies, daß sie es grundsätzlich kann. Infolgedessen hätte sie es auch im vorhinein schon können, hätte dafür ein Motiv, wie in Gestalt der Widersprüchlichkeit eines komplexen Urteils, schon im vorhinein bestanden, und nicht erst im nachhinein. Nur kann so ein Motiv für ein elementares Urteil eben nicht bestehen, weil dieses schon im vorhinein als ein elementares jede Widersprüchlichkeit vermeidet, weil vermeiden muß. Wie jenes aber ist auch dieses Müssen dann von einer Eigenart, die es von jedem Müssen der Notwendigkeit einer Naturgesetzlichkeit von Grund auf unterscheidet. Und gleichwohl ist es auch selbst in vollem Sinn das Müssen der Notwendigkeit einer Gesetzlichkeit. Nur ist es eben das einer spezifischen Gesetzlichkeit der Freiheit von Intentionalität, einer Gesetzlichkeit, deren Notwen digkeit eine bedingte ist im Unterschied zur unbedingten der Naturgesetzlichkeit: Soll eine Intention zu dem Erfolg, zu dem sie kommen will, zu etwas Wirklich-Anderem, auch kommen können, muß sie frei sein. Frei sein nämlich muß sie dann, sich dazu auf das eine oder auf das andre von sich ausschließenden Sinnesdaten festlegen zu können; denn dann kann sie nicht gezwungen sein, sich dazu auf das eine gegenüber dem je andern festlegen zu müssen oder gar auf beide."


Hm, dieser Teil gefällt mir fast noch besser als die vorherigen. Er kommt einem Beweis der Freiheit schon sehr nahe. Eigentlich finde ich den Unterschied gar nicht, aber Freiheit dürfte eigentlich gar nicht beweisbar sein. Offen bleibt allerdings, nun wie, also auf welche Art und Weise der Geist es nun anstellt, frei zu sein. Ein Schwachpunkt, der schon vorher existierte, aber noch nicht so aufgefallen ist. Allein die Fähigkeit zur Reflexion kann es ja nicht sein, sonst wären wir Logikroboter: Fähig zur Erkenntnis, aber nicht zur Freiheit.

Ich freue mich schon auf deine Antwort in drei Monaten. RoFL

Freundliche Grüße
albert
Friedhelm
Zitat:
Original von albert_u
Hallo Friedhelm,

Ich würde nicht sagen, "Teil der Wahrheit", sondern Teil der Wirklichkeit.

Ich finde da besteht ein kleiner aber feiner Unterschied, der philosophisch interessant ist. Ich würde nämlich eher sagen „Wahrheit“, weil die Materie, so wie sie von der Physik untersucht wird, ja nicht existiert.


Hallo Albert,

genau so ist es! Aber meine - wenn auch irrige oder unwahre - Erkenntnis der Materie existiert und gehört mit zur Wirklichkeit, z.B. die Farbe einer gelben Rose. Wenn "Gelb" auch nicht zur materiellen Wirklichkeit gehört, so ist das Gelbsehen zwar nicht Wahrheit aber doch Wirklichkeit..


Zitat:


Hm, dieser Teil gefällt mir fast noch besser als die vorherigen. Er kommt einem Beweis der Freiheit schon sehr nahe. Eigentlich finde ich den Unterschied gar nicht, aber Freiheit dürfte eigentlich gar nicht beweisbar sein.


Die Wirklichkeit des Menschseins mit einem freien Willen ist eigentlich ein Beweis auch für die Wirklichkeit möglicher Freiheit. Und das ist kein Zirkelschluß. Würde ich Freiheit nur Gott zusprechen und dies als Beweis möglicher Freiheit gegenüber den Naturgesetzen anführen, wäre es allerdings ein Zirkelschluß.


Zitat:

Offen bleibt allerdings, nun wie, also auf welche Art und Weise der Geist es nun anstellt, frei zu sein. Ein Schwachpunkt, der schon vorher existierte, aber noch nicht so aufgefallen ist. Allein die Fähigkeit zur Reflexion kann es ja nicht sein, sonst wären wir Logikroboter: Fähig zur Erkenntnis, aber nicht zur Freiheit.


Ein Roboter hat keine Erkenntnis und keine Gedanken. Er würde Freiheit bestenfalls als Zufallsgenerator definieren.
Ich denke, daß man in einigen Jahren oder Jahrzehnten ein lebendes Insekten- oder Mäusehirn mit dem Bios eines Komputers koppeln kann, so daß ein Komputer eine Identität bekommt für die subjektive Zuordnung einer Erkenntnis, was so etwas wie ein künstliches Bewußtsein sein könnte. Aber auch dann wäre das Widerspruchsprinzip, das sich ja durchaus programmieren ließe, nur eine Immitation.



Ich freue mich schon auf deine Antwort . RoFL

ganz herzlich

Friedhelm
albert_u
Hallo Friedhelm, ich kann dir soweit nur zustimmen. Auch mit deiner Auffassung von Wirklichkeit. Selbst unser Unwissen, was ja eine Nichtvorhandenheit ist, ist Teil der Wirklichkeit. Denn was wir nicht wissen, das beziehen wir auch nicht in unser Handeln ein und so entsteht gerade durch es eine Abweichung von der objektiven Welt.

Freundliche Grüße
albert
Friedhelm
Zitat:
Original von albert_u
Hallo Friedhelm, ich kann dir soweit nur zustimmen. Auch mit deiner Auffassung von Wirklichkeit. Selbst unser Unwissen, was ja eine Nichtvorhandenheit ist, ist Teil der Wirklichkeit. Denn was wir nicht wissen, das beziehen wir auch nicht in unser Handeln ein und so entsteht gerade durch es eine Abweichung von der objektiven Welt.

Freundliche Grüße
albert



Du übertreibst, wenn Du allem, was nicht ist, als reales Fehlen und Nichtsein eine ontische Wirklichkeit zuerkennst. Freude Aber Du hast dies wahrscheinlich als Ohrfeige oder Tritt vor mein Schienbein gemeint wegen meiner unglücklichen Formulierung „irrig und falsch und als Irrtum real“.
Fechten
Wollte ich in der Nacht noch präzisieren, - aber die Korrekturfrist war leider schon abgelaufen.

Bei der Frage nach der Willensfreiheit des Menschen treffen sich unsere beiden Themen. Es ist ja gerade diese grundsätzliche Freiheit, die es einerseits überhaupt erst ermöglicht, Erkenntnis- und Handlungstheorie zu betreiben, sich also vom Augenscheinlichen naiver Empirie zu lösen, die es uns andererseits aber auch ermöglicht, gegen jede erkenntnistheoretische Einsicht verbissen in solchem naiven Empirismus zu verharren, so als wäre dort zuerst die reale gelbe Rose, durch die erst dann affektiert im Menschen auch die Wahrnehmung einer gelben Rose hervorgerufen würde, so wie das Foto der Rose über die Linse einer Kamera von der Rose verursacht wird. Eine unhaltbare Denkweise, was die menschliche Wahrnehmung betrifft, die zum endlosen Regreß führen muß: denn wer sollte das affizierte Bild hinter meinen Augen bzw. im Gehirn anschauen, - und wie? Und trotzdem wird solcher Empirismus verteidigt, wie ich lese:

http://www.urania-berlin.de/veranstaltung/2007/M454

„Vortrag am Freitag, 25.5.07 19:30 in der Berliner „Urania“
„Gehirn und Mensch“ In Zusammenarbeit mit dem Humanistischen Verband Deutschlands, LV Berlin
Prof. Dr. Jochen Braun, Institut für Biologie, Abt. Kognitive Biologie, Universität Magdeburg

Zitat:

Sehen - unsere optische Welterfahrung Unsere Weltorientierung und Weltwahrnehmung ist wesentlich durch den Sehsinn geprägt. Allerdings scheint unser Gehirn die Welt nicht einfach abzubilden, sondern sie zu rekonstruieren. Der Rekonstruktionsvorgang stützt sich scheinbar zum größten Teil auf ererbte Kenntnisse der natürlichen Umwelt, zu einem kleineren Teil auf das persönliche visuelle Gedächtnis, und nur zum kleinsten Teil auf aktuelle Meldungen von der Netzhaut. Diese Einsicht wirft natürlich die Frage auf, wie die so überzeugend echt wirkenden Bilder in unserem Kopf entstehen und welchen Wirklichkeitsstatus wir ihnen tatsächlich zuweisen können? Die Neurowissenschaften liefern hierzu neue und spannende Erkenntnisse, sind allerdings von abschließenden Antworten noch weit entfernt. Prof. Braun wird Ihnen den aktuellen Kenntnisstand vorstellen.“


Kopfschüttel.

Es ist aber nicht diese ungeheure Wucht und naturwissenschaftliche Stimmigkeit des Augenscheinlichen, die mich nun verleitete, von einer ontischen Wirklichkeit der Farben zu sprechen und sogar von dieser aus wieder zurückzufallen in die Abbildtheorie und Dingverfallenheit menschlicher Wahrnehmung - wie einst Lenin, der dies dann einfach dogmatisch behauptete und zur Staatslehre erklärte -, wenn ich von der konsekutiven Tatsache aus, daß wir Menschen jene gelbe Rose vermutlich allesamt in gleicher Farbe sehen wie ich, wobei die anderen quasi meine Zeugen wären, auf die ontische Wirklichkeit unserer Wahrnehmungsmetaphern schließe, wozu ja auch Licht überhaupt, sowie Wärme, Kälte, Gerüche, Geschmack, Stimme und Schall, Schmerz und Lust, Liebe und Leid gehört, - die eigentliche Wirklichkeit menschlicher Existenz.

Wahrscheinlich war es diese Wucht des Augenscheinlichen, die einen großen Philosophen wie Heidegger schließlich zum Rückzug verführte und wohl auch die großspurige Psychologie, die sich als empirische Wissenschaft etablierte und bis heute dabei ist, nicht nur die Freiheit des menschlichen freien Willens und auch Gott wieder einmal dafür zu opfern, sondern eben auch den Zugang zum Verständnis unserer eigentlichen menschlichen Wirklichkeit.

Natürlich, so hoffe ich wenigstens, wird man in den nächsten Jahren in der menschlichen DNS das Gen finden, durch das unser Farbensehen bestimmt wird. Und sicher wird man im Kortex bald irgendwo die Hirnzellen ausmachen, die diese und jene Farbe in unserer Wahrnehmung hervorruft. Deswegen wissen wir aber noch lange nicht, was Farben, was Wahrnehmungen und Gedanken sind, was dann aber auch unsere empirischen Wissenschaftler vielleicht zwingen oder anhalten könnte, die naive abbildhafte materialistische Mensch- und Weltvorstellung zumindest entsprechend zu erweitern.

ganz herzlich
Friedhelm
albert_u
Zitat:
Original von Friedhelm
Zitat:
Original von albert_u
Hallo Friedhelm, ich kann dir soweit nur zustimmen. Auch mit deiner Auffassung von Wirklichkeit. Selbst unser Unwissen, was ja eine Nichtvorhandenheit ist, ist Teil der Wirklichkeit. Denn was wir nicht wissen, das beziehen wir auch nicht in unser Handeln ein und so entsteht gerade durch es eine Abweichung von der objektiven Welt.

Freundliche Grüße
albert



Du übertreibst, wenn Du allem, was nicht ist, als reales Fehlen und Nichtsein eine ontische Wirklichkeit zuerkennst. Freude Aber Du hast dies wahrscheinlich als Ohrfeige oder Tritt vor mein Schienbein gemeint wegen meiner unglücklichen Formulierung „irrig und falsch und als Irrtum real“.
Fechten
Wollte ich in der Nacht noch präzisieren, - aber die Korrekturfrist war leider schon abgelaufen.

Nein, darauf war das nicht bezogen. Du hast aber ansonsten recht: ontische Wirklichkeit besitzt die Abwesenheit von etwas nicht. Nichtsdestotrotz ist sie ja Attribut unserer Welt, wenn auch nur insofern real, wie sie sich von existentem ableiten lässt.

Zitat:
Bei der Frage nach der Willensfreiheit des Menschen treffen sich unsere beiden Themen. Es ist ja gerade diese grundsätzliche Freiheit, die es einerseits überhaupt erst ermöglicht, Erkenntnis- und Handlungstheorie zu betreiben, sich also vom Augenscheinlichen naiver Empirie zu lösen, die es uns andererseits aber auch ermöglicht, gegen jede erkenntnistheoretische Einsicht verbissen in solchem naiven Empirismus zu verharren, so als wäre dort zuerst die reale gelbe Rose, durch die erst dann affektiert im Menschen auch die Wahrnehmung einer gelben Rose hervorgerufen würde, so wie das Foto der Rose über die Linse einer Kamera von der Rose verursacht wird. Eine unhaltbare Denkweise, was die menschliche Wahrnehmung betrifft, die zum endlosen Regreß führen muß: denn wer sollte das affizierte Bild hinter meinen Augen bzw. im Gehirn anschauen, - und wie? Und trotzdem wird solcher Empirismus verteidigt, wie ich lese:

http://www.urania-berlin.de/veranstaltung/2007/M454

„Vortrag am Freitag, 25.5.07 19:30 in der Berliner „Urania“
„Gehirn und Mensch“ In Zusammenarbeit mit dem Humanistischen Verband Deutschlands, LV Berlin
Prof. Dr. Jochen Braun, Institut für Biologie, Abt. Kognitive Biologie, Universität Magdeburg

Zitat:

Sehen - unsere optische Welterfahrung Unsere Weltorientierung und Weltwahrnehmung ist wesentlich durch den Sehsinn geprägt. Allerdings scheint unser Gehirn die Welt nicht einfach abzubilden, sondern sie zu rekonstruieren. Der Rekonstruktionsvorgang stützt sich scheinbar zum größten Teil auf ererbte Kenntnisse der natürlichen Umwelt, zu einem kleineren Teil auf das persönliche visuelle Gedächtnis, und nur zum kleinsten Teil auf aktuelle Meldungen von der Netzhaut. Diese Einsicht wirft natürlich die Frage auf, wie die so überzeugend echt wirkenden Bilder in unserem Kopf entstehen und welchen Wirklichkeitsstatus wir ihnen tatsächlich zuweisen können? Die Neurowissenschaften liefern hierzu neue und spannende Erkenntnisse, sind allerdings von abschließenden Antworten noch weit entfernt. Prof. Braun wird Ihnen den aktuellen Kenntnisstand vorstellen.“


Kopfschüttel.

Gegen eine naive Vorstellung der abbildenden Wahrnehmung spricht, dass unsere Körper von Grund auf mit evolutionärem Sinn entstanden sind. Die Vorstellung der Abbildung als willkürliche Verzerrung liegt also eigentlich fern. Ich würde die Vorstellung der Abbildung zwar nicht ganz verwerfen, eine vollkommen getrennte Welt des Geistes, im dualistischen Sinne, halte ich aber für unrealistisch.

Zitat:
Natürlich, so hoffe ich wenigstens, wird man in den nächsten Jahren in der menschlichen DNS das Gen finden, durch das unser Farbensehen bestimmt wird. Und sicher wird man im Kortex bald irgendwo die Hirnzellen ausmachen, die diese und jene Farbe in unserer Wahrnehmung hervorruft. Deswegen wissen wir aber noch lange nicht, was Farben, was Wahrnehmungen und Gedanken sind, was dann aber auch unsere empirischen Wissenschaftler vielleicht zwingen oder anhalten könnte, die naive abbildhafte materialistische Mensch- und Weltvorstellung zumindest entsprechend zu erweitern.

So eine Entdeckung wäre tatsächlich schön.

Ich denke, die Vorgänge im Gehirn können nicht ohne Zusammenhang betrachtet werden. Es haben ja nicht tatsächlich einzelne Zellen eine einzelne Funktion. So, wie an jedem Gehirnvorgang immer Nervenzellen, die über das gesamte Organ verteilt sind, beteiligt sind, so kann man das Organ Gehirn nicht ohne Zusammenhang mit den Nervenzellen des gesamten Körpers betrachten.
Ähnlich ist es mit den Genen. Auch hier muss systemisch betrachtet werden. Unsere ganze DNA entstand in Wechselwirkung mit der Welt ausserhalb des Körpers, genau so, wie unsere Wahrnehmung (im Zusammenhang mit unserem Handeln und Forschen) nichts als reale Wechselwirkung mit der Aussenwelt darstellt. Auch dieser Zusammenhang zeigt wieder die Unsinnigkeit einer dualistischen Sicht.

Freundliche Grüße
albert