Rhetorix
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
.
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. .
. . .
. . .
.
. . .
. . .
. . . In tausend Formen magst du dich verstecken,
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . . Doch, Allerliebste, gleich erkenn ich dich;
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Du magst mit Zauberschleiern dich bedecken,
. . .
.. .
. . .
. . .
. . .
. . .Allgegenwärti'ge, gleich erkenn ich dich
.. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .An der Zypresse reinstem, jungem Streben,
. . .
. .
. . .
. . .
. . .
. . .Allschöngewachsne, gleich erkenn ich dich;
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .In des Kanales reinem Wellenleben,
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Allschmeichelhafte, wohl erkenn ich dich.
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Wenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet,
. . . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Allspielende, wie froh erkenn ich dich;
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Wenn Wolke sich gestaltend umgestaltet,
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Allmannigfalt'ge, dort erkenn ich dich.
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .An des geblümten Schleiers Wiesenteppich,
..
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Allbuntbesternte, schön erkenn ich dich;
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Und greift umher ein tausendarm'ger Eppich,
. . .
. .. .
. . .
. . .
. . .
. . .O Allumklammernde, da kenn ich dich.
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Wenn im Gebirg der Morgen sich entzündet,
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Gleich, Allerheitende, begrüß ich dich,
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Dann über mir der Himmel rein sich ründet,
. . ..
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Allherzerweiternde, dann atm' ich dich.
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Was ich mit äußerm Sinn, mit innerm kenne,
. . .
. ..
. . .
. . .
. . .
. . .Du Allbelehrende, kenn ich durch dich;
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Und wenn ich Allahs Namenhundert nenne,
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .Mit jedem klingt ein Name nach für dich.
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. . .
. .
. .
. . .
. . .
. . .
. . .
. .
. . .
. . .
Rhetorix
In jedem klingt ein Name nach für dich.
Goethe irrt nicht.
Es heißt zwar, Allah habe 99 Namen - der Allmächtige, der Allwissende, der Allgütige, der Allerbarmer etc. - ; doch es stimmt nicht.
Allah hat tatsächlich 100 Namen; denn er heißt zudem auch: Allah.
Mit jedem klingt ein Name nach für dich.
Welcher Name?
Goethe treibt es mit diesem Gedicht ungewohnt fromm.
Daher verwendet er die heilige Zahl 12.
Zwölf Reimpaare hat das Gedicht, und jedes dieser Reimpaare wird mit dem Namen geschmückt.
Erik van Thom
Naja, er haette auch 666 Reimpaare erdenken können...
"Mit jedem klingt ein Name nach für dich." Vielleicht hat er sich die Option offengehalten, das Gedicht auf 99 Damen anwenden zu können...
Ach so, du meinst, er meint, Allah sei eine Frau! (wegen "
Allherzerweiternde", .
Allschmeichelhafte" etc)?
Vielleicht hatte er sich ja ine eine Muslima verknallt...
Rhetorix
Die Form des Gedichts ist womöglich noch frömmer.
Es handelt sich um eine
Antiphon, also einen gregorianischen Mönchsgesang, bei dem ein einzelner Vorsänger einen geistlichen Text singt und der Chor mit einem im wesentlichen gleichbleibenden Gesang respondiert:
Vorsänger:
In tausend Formen magst du dich verstecken
Chor:
Gleich erkenn ich dich.
Vorsänger:
Du magst mit Zauberschleiern dich bedecken
Chor:
Gleich erkenn ich dich.
Vorsänger:
An der Zypresse reinstem, jungem Streben
Chor:
Gleich erkenn ich dich.
Vorsänger:
In des Kanales reinem Wellenleben
Chor:
Wohl erkenn ich dich.
Vorsänger:
Wenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet
Chor:
Wie froh erkenn ich dich.
Vorsänger:
Wenn Wolke sich gestaltend umgestaltet
Chor:
Dort erkenn ich dich.
Vorsänger:
An des geblümten Schleiers Wiesenteppich
Chor:
Schön erkenn ich dich.
Vorsänger:
Und greift umher ein tausendarm'ger Eppich
Chor:
Da kenn ich dich.
Vorsänger:
Wenn im Gebirg der Morgen sich entzündet
Chor:
Begrüß ich dich.
Vorsänger:
Dann über mir der Himmel rein sich ründet
Chor:
Dann atm' ich dich.
Vorsänger:
Was ich mit äußerm Sinn, mit innerm kenne
Chor:
Kenn ich durch dich.
Vorsänger:
Und wenn ich Allahs Namenhundert nenne
Chor:
Mit jedem klingt ein Name nach für dich.
Rhetorix
@ Erik:
Ich glaube, Goethe meinte es mit dem frommen Gestus in diesem Fall wirklich ernst.
Ein bisschen Stichelei steckt allerdings auch drin.
Rhetorix
Er spielt nicht nur auf die Antiphon an, sondern spielt auch mit einer anderen geistlichen Kunstform, nämlich dem Hohen Lied.
Ich gehe jede Wette ein, dass ihn Giordano Bruno auf diese Idee gebracht hat.
Gemeint ist eine scheinbare Liebeslyrik, mit der - allegorisch - ein geistlicher oder/und philosophischer Inhalt vermittelt wird.
Wie Im Hohen Lied (jedenfalls angeblich; man soll es so verstehen), und wie ausdrücklich auch bei Bruno.
Man mag sich also erstmal eine Frau als 'Angebetete' vorstellen.
Allerdings sollten die 'gebetsmühlenartigen' Wiederholungen doch bald stutzig machen.
Und wieso
Allumklammernde ?
Treibt es das Weib etwa mit jedem?
Ja, das tut es in der Tat.
Doch nicht jeder erwidert diese Liebe.
Rhetorix
naturphilosophischer oder (wie Goethe vielleicht gesagt hätte) heidnischer Hymnus auf das All, den Kosmos, die Allnatur.
(Goethe hatte offenbar keinerlei Schwierigkeiten, andere Namen für 'Gott' zu finden; für seinen eigenen, versteht sich.)
In tausend Formen magst du dich verstecken,
Doch, Allerliebste, gleich erkenn' ich dich;
Du magst mit Zauberschleiern dich bedecken,
Allgegenwärt'ge, gleich erkenn' ich dich.
An der Zypresse reinstem, jungem Streben,
Allschöngewachsne, gleich erkenn' ich dich;
In des Kanales reinem Wellenleben,
Allschmeichelhafte, wohl erkenn' ich dich.
Wenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet,
Allspielende, wie froh erkenn' ich dich;
Wenn Wolke sich gestaltend umgestaltet,
Allmannigfalt'ge, dort erkenn' ich dich.
An des geblümten Schleiers Wiesenteppich,
Allbuntbesternte, schön erkenn' ich dich;
Und greift umher ein tausendarm'ger Eppich,
O Allumklammernde, da kenn' ich dich.
Wenn am Gebirg der Morgen sich entzündet,
Gleich, Allerheiternde, begrüß' ich dich;
Dann über mir der Himmel rein sich ründet,
Allherzerweiternde, dann atm' ich dich.
Was ich mit äußerm Sinn, mit innerm kenne,
Du Allbelehrende, kenn' ich durch dich;
Und wenn ich Allahs Namenhundert nenne,
Mit jedem klingt ein Name nach für dich.
Rhetorix
. .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. .
. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. .

.
. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. . .

. .
Rabenfeder
Guten Morgen Rhetorix,
...ein schönes Gedicht.
Du meinst, wenn man hundert oder tausend Namen für die Geliebte finden kann, warum sollte man sich dann mit einem Namen zufrieden geben?
Das ist ein Argument.
Andererseits mag es hilfreich sein, zu kürzen, wo man kürzen kann. Allerdings nur insoweit, daß man nicht vergisst, daß der Kürzungsprozess auch in umgekehrter Richtung mitgedacht werden muss. Aus der Einheitsvorstellung fliesst demgemäß die Vielfalt.
Nun ist eine solche Vorstellung wahrhaftig nicht neu.
Die alten Inder haben bekannterweise (selbst mir) mit ihrer Sinn-Setzung von Brahman und Atman längst Ähnliches gedacht und aufgeschrieben.
Bei Wikipedia unter "Brahman" findet sich dazu folgendes Zitat:
| Zitat: |
| So heißt es in der Chandogya-Upanishad (3.14) : Dieser ist mein Atman im inneren Herzen, kleiner als Reiskorn oder Gerstenkorn oder Hirsekorn oder eines Hirsekornes Kern. Dieser ist mein Atman im inneren Herzen größer als die Erde, größer als der Himmel, größer als die Welten. Der Allwirkende, Allwünschende, Allriechende, Allschmeckende, dies All in sich Fassende, Wortlose, Achtlose, dieser ist meine Seele im inneren Herzen, dieser ist das Brahman, zu dem werde ich, von hier abscheidend eingehen. Wem solches ward, fürwahr, für den gibt es keinen Zweifel. |
Ob Goethe die Upanishaden kannte?
Gruss
Lucius
P.S.: Schöne leuchtende Sterne!
EDIT: Ich habe Deinen Thread ursprünglich noch zusätzlich mit einem Hinweis auf die MACHT beschwert, genauer gesagt habe ich Deinen Thread zu einer Rechtfertigung benutzt.
Jetzt habe ich aber doch keine Lust mehr dazu.
Rhetorix
| Zitat: |
Original von Lucius Farfane
| Zitat: |
| So heißt es in der Chandogya-Upanishad (3.14) : Dieser ist mein Atman im inneren Herzen, kleiner als Reiskorn oder Gerstenkorn oder Hirsekorn oder eines Hirsekornes Kern. Dieser ist mein Atman im inneren Herzen größer als die Erde, größer als der Himmel, größer als die Welten. Der Allwirkende, Allwünschende, Allriechende, Allschmeckende, dies All in sich Fassende, Wortlose, Achtlose, dieser ist meine Seele im inneren Herzen, dieser ist das Brahman, zu dem werde ich, von hier abscheidend eingehen. Wem solches ward, fürwahr, für den gibt es keinen Zweifel. |
Ob Goethe die Upanishaden kannte? |
Das weiß ich nicht, kann mir aber vorstellen, dass er von Schopenhauer auf sie hingewiesen wurde.
Einen besonders tiefen Eindruck hätten sie dann aber wohl nicht auf ihn gemacht, denn eine deutlich erkennbare Spur haben sie in seinem Werk nicht hinterlassen (soviel ich sehe; aber vielleicht übersehe ich es).
Ich glaube, Goethe meinte Giordano Brunos 1. Monade ('Amphitrite').
Er kannte und schätzte Bruno mit Sicherheit. Allerdings war es zu Goethes Zeit immer noch nicht ratsam, das zuzugeben; was ein Grund für die Verschleierungstaktik gewesen sein könnte (er lässt den Namen der 'Angebeteten' ja erraten).
gerthans
Man könnte bei dem Gedicht ja wirklich über das weibliche Geschlecht Gottes stolpern. Aber es erscheint stimmig, wenn man so wie du annimmt, dass Goethe die "Allnatur" meint. Denn die Natur, lat. natura als die Schaffende, Gebärende ist ja weiblich. Ein für uns Menschen wichtiger Bestandteil der Natur sind die Bäume, und in obigem Gedicht kommt ja auch eine Vertreterin der Bäume, nämlich eine Zypresse vor.
Dass die Bäume weiblichen, mütterlichen Charakter haben, kommt wahrscheinlich daher, dass sie den Menschen mit ihren Früchten nährten - am Mittelmeer gehört z.B. die Olive zu den Grundnahrungsmitteln - , und uns, als wir noch auf Bäumen lebten, vor wilden Tieren Schutz boten. Bäume also als Nährende, Schützende, Geborgenheit gebende.
Durch den weiblichen Charakter der Bäume erklärt sich z.B. auch, dass sie im Lateinischen alle weiblich sind, z.B. pirus alta "der hohe Birnbaum".
Gott-Natur also weiblich - keine abwegige Vorstellung!
Rhetorix
| Zitat: |
Original von gerthans
Man könnte bei dem Gedicht ja wirklich über das weibliche Geschlecht Gottes stolpern. ... Ein für uns Menschen wichtiger Bestandteil der Natur sind die Bäume, und in obigem Gedicht kommt ja auch eine Vertreterin der Bäume, nämlich eine Zypresse vor... |
@ gerthans:
Vielen Dank für den Tipp, sich die Bilder einmal auf ihr 'Geschlecht' hin anzusehen.
Da haben wir die eher neutrale
Form , die aber ein bisschen zum Weiblichen tendiert.
Das danach folgende Bild der
Schleier ist eindeutig weiblich, denn Männer verschleiern sich nicht.
Die
Zypresse deute ich im Gegensatz zu dir als klares Phallus-Symbol.
Das
fließende Wasser scheint mir geschlechtsneutral.
Das betont lustvolle Bild der
Fontäne ist - na was wohl?
Die
Wolke ist so weiblich wie Frau Holle.
In
des geblümten Schleiers Wiesenteppich haben wir wieder den weiblichen Schleier (diesmal geblümt).
Die
allumklammernde Schlingpflanze scheint mir weiblich (mütterliche Arme oder weibliche Beine beim Liebesakt).
Die
von der Morgenröte entzündeten Berge scheinen mir Brüste zu sein.
Und der
Himmel ? Er ist wohl eher männlich, warum auch immer.
Nicht alle Bilder sind also eindeutig männlich oder weiblich.
Erstaunlich ist aber, dass Goethe für seine 'Allerliebste' auch ein so explizit männliches Bild verwendet wie die Fontäne.
Der Name der Angebeteten, den man raten soll (und leicht rät, wenn man erst einmal auf den Gedanken kommt, ihn zu erraten), ist konsequenterweise neutral: das All.
Man kann also meines Erachtens nicht sagen, dass dieses Gottesbild eher weiblich ist.
Es ist vielmehr so, wie es sich seiner pantheistischen Art nach gehört: nämlich
alles .
Rhetorix
Ich wandle auf weiter bunter Flur
Ursprünglicher Natur,
Ein holder Born, in welchem ich bade,
Ist Überlieferung, ist Gnade.
* * * * *
Wie? Wann? und Wo? - Die Götter bleiben stumm!
Du halte dich als Weil und frage nicht Warum?
* * * * *
Warum uns Gott so wohl gefällt?
Weil er sich uns nie in den Weg stellt.
* * * * *
Ihr Gläubigen, rühmt nur nicht euren Glauben
Als einzigen! Wir glauben auch wie ihr;
Der Forscher lässt sich keineswegs berauben
Des Erbteils, aller Welt gegönnt - und mir.
* * * * *
"Ins Innre der Natur -"
O du Philister! -
"Dringt kein erschaffner Geist."
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern;
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
"Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist!"
Das hör ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen,
Sage mir tausend tausendmale:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einem Male;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.
* * * * *
Eins und alles
Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der Einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruss;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt läst'gem Fordern, strengem Sollen,
Sich aufzugeben ist Genuss.
gerthans
Ja, die Fontäne ist eindeutig männlich.
Und der Himmel auch - ich denke da an Uranos, den Himmel, und Gaia, die Erde, im griechischen Schöpfungsmythos. Der Himmel, männlich, weil er oben ist, befruchtet die Mutter Erde.
Also eine androgyne, allumfassende Vorstellung von Gott-Natur!
Rhetorix
@ gerthans:
Stimmt: Himmel männlich, Erde weiblich - Uranus und Gaia.
Rhetorix
(Apostelgeschichte 19, 39)
Zu Ephesus ein Goldschmied saß,
In seiner Werkstatt, pochte,
So gut er konnt', ohn' Unterlaß,
So zierlich er's vermochte.
Als Knab' und Jüngling kniet' er schon
Im Tempel vor der Göttin Thron
Und hatte den Gürtel unter den Brüsten,
Worin so manche Tiere nisten,
Zu Hause treulich nachgefeilt,
Wie's ihm der Vater zugeteilt,
Und leitete sein kunstreich Streben
In frommer Wirkung durch das Leben.
Da hört er denn auf einmal laut
Eines Gassenvolkes Windesbraut,
Als gäb's einen Gott so im Gehirn,
Da, hinter des Menschen alberner Stirn,
Der sei viel herrlicher als das Wesen,
An dem wir die Breite der Gottheit lesen.
Der alte Künstler horcht nur auf,
Läßt seinen Knaben auf den Markt den Lauf,
Feilt immerfort an Hirschen und Tieren,
Die seiner Gottheit Kniee zieren,
Und hofft, es könnte das Glück ihm walten,
Ihr Angesicht würdig zu gestalten.
Will's aber einer anders halten,
So mag er nach Belieben schalten;
Nur soll er nicht das Handwerk schänden,
Sonst wird er schlecht und schmählich enden.
Ich bin nun einmal einer der ephesischen Goldschmiede, der sein ganzes Leben im Anschauen und Anstaunen und Verehrung des wunderwürdigen Tempels der Göttin und in Nachbildung ihrer geheimnisvollen Gestalten zugebracht hat, und dem es unmöglich eine angenehme Empfindung erregen kann, wenn irgendein Apostel seinen Mitbürgern einen anderen und dazu formlosen Gott aufdringen will.
(Goethe am 10. 5. 1812 an Jacobi)
Rhetorix
Hat Rhetorix nun völlig den Verstand verloren?
Moment! Nicht vorschnell urteilen!
Hat Goethe etwa nicht den Hymnus MAHOMETS (=Mohammeds) GESANG geschrieben?
Und liest sich das etwa nicht so, als ob auch Goethe zu den Bächen gehört hätte, die in diesen Fluss einmündeten?!
Sollte Goethe also wirklich mal Moslem gewesen sein? War er gar beschnitten?
Des Rätsels Lösung ist wohl, dass der Titel MAHOMETS GESANG eine Art Blitzableiter ist.
Oder ein Schild, etwa mit folgender Aufschrift:
|
-----
|
|
WIR MÜSSEN
DRAUSSEN BLEIBEN
Denn Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste...
Nennen wir das Gedicht also lieber neutral: DER PROPHET
Der Prophet wird einem Fluss verglichen, der die Bäche, seine Brüder, zu Gott hin mitreißt (sofern sie nicht versanden oder 'die Sonne' ihr Blut aussaugt); und dieser Gott ist wie das Meer (--> Amphitrite).
Seltsamerweise ist er am Ende des Gedichts aber plötzlich der Atlas. Wie kann er sowohl ein Fluss wie ein Gebirge sein? Und welche kryptische Bedeutung haben die Zedernhäuser auf seinem Rücken?
Lösung:
Er ist nicht das Gebirge Atlas gemeint, sondern der Heros Atlas, der ganz allein den Kosmos trägt.
Das berühmteste und wichtigste aller Zedernhäuser war der Tempel der Diana in Ephesus, dem bekanntlich auch Goethe diente (siehe voriger Beitrag). Der Prophet trägt also die Tempel der Göttin Diana (Allnatur) auf seinen Schultern - samt dem Universum, das er allein wuchtet.
Aber nun endlich das schöne Gedicht.
Lasst es einfach mal auf euch wirken!
Rhetorix
Seht den Felsenquell,
Freudehell,
Wie ein Sternenblick;
Über Wolken
Nährten seine Jugend
Gute Geister
Zwischen Klippen im Gebüsch.
Jünglingsfrisch
Tanzt er aus der Wolke
Auf die Marmorfelsen nieder,
Jauchzet wieder
Nach dem Himmel.
Durch die Gipfelgänge
Jagt er bunten Kieseln nach,
Und mit frühem Führertritt
Reißt er seine Bruderquellen
Mit sich fort.
Drunten werden in dem Tal
Unter seinem Fußtritt Blumen,
Und die Wiese
Lebt von seinem Hauch.
Doch ihn hält kein Schattental,
Keine Blumen,
Die ihm seine Knie umschlingen,
Ihm mit Liebesaugen schmeicheln:
Nach der Ebne dringt sein Lauf
Schlangenwandelnd.
Bäche schmiegen
Sich gesellig an. Nun tritt er
In die Ebne silberprangend,
Und die Ebne prangt mit ihm,
Und die Flüsse von der Ebne
Und die Bäche von den Bergen
Jauchzen ihm und rufen: Bruder!
Bruder, nimm die Brüder mit,
Mit zu deinem alten Vater,
Zu dem ewgen Ozean,
Der mit ausgespannten Armen
Unser wartet
Die sich, ach! vergebens öffnen,
Seine Sehnenden zu fassen;
Denn uns frißt in öder Wüste
Gierger Sand; die Sonne droben
Saugt an unserm Blut; ein Hügel
Hemmet uns zum Teiche! Bruder,
Nimm die Brüder von der Ebne,
Nimm die Brüder von den Bergen
Mit, zu deinem Vater mit!
Kommt ihr alle! –
Und nun schwillt er
Herrlicher; ein ganz Geschlechte
Trägt den Fürsten hoch empor!
Und im rollenden Triumphe
Gibt er Ländern Namen, Städte
Werden unter seinem Fuß.
Unaufhaltsam rauscht er weiter,
Läßt der Türme Flammengipfel,
Marmorhäuser, eine Schöpfung
Seiner Fülle, hinter sich.
Zedernhäuser trägt der Atlas
Auf den Riesenschultern; sausend
Wehen über seinem Haupte
Tausend Flaggen durch die Lüfte,
Zeugen seiner Herrlichkeit.
Und so trägt er seine Brüder,
Seine Schätze, seine Kinder
Dem erwartenden Erzeuger
Freudebrausend an das Herz.
Rhetorix
Tut sie das wirklich?
Ist Natur nur der Zypresse reinstes, junges Streben - nicht auch der Riesenbärenklau und die Distel,
nur des Kanales reines Wellenleben - nicht auch (vielleicht sogar noch mehr) der faulige Tümpel voller Bilharziose-Egel,
nur der lustige Geysir - nicht auch die Sturmflut und das Erdbeben,
nur die sich umgestaltende Wolke - nicht auch der Hagel, der auch ihr herabsaust und die Ernte zunichte macht,
nur des geblümten Schleiers Wiesenteppich - nicht auch die Dürre, die Wüste und die Wanderdüne,
nur das Morgenrot, das die Berggipfel rötet - nicht auch der Waldbrand,
nur der rein sich rundende Morgenhimmel - sondern auch das Unwetter und die stockfinstere Nacht?
Ist Natur wirklich so rein, schön und voller Überfluss, wie Goethe sie gern sieht? Gehören nicht auch Schmutz, Hunger, Krankheit und Tod untrennbar dazu?
Der Goldschmied Goethe feilt an den Hirschen, die sich an die Kniee der Göttin schmiegen; die Löwen, die ihren Wagen ziehen, hat er wohl übersehen.
Goethe, Naturphilosoph nach eigener Einschätzung, saß auf der Sonnenseite des Lebens; von Armut, Krankheit und Tod wollte er nichts wissen und ging nicht einmal zur Beerdigung der eigenen Frau.
Ich kann mit Goethes romantisch verklärtem Bild der Natur nichts anfangen...
oui
| Zitat: |
Original von Rhetorix
Er spielt nicht nur auf die Antiphon an, sondern spielt auch mit einer anderen geistlichen Kunstform, nämlich dem Hohen Lied.
Ich gehe jede Wette ein, dass ihn Giordano Bruno auf diese Idee gebracht hat. |
Es war nicht Giordano Bruno.
Es war Dante mit seiner göttlichen Komödie. Nach diesem Muster sind auch die 99 + 1Namen empfunden; nicht 12, sondern 33 ist die heilige Zahl, um die es hier geht.
| Zitat: |
| Gemeint ist eine scheinbare Liebeslyrik, mit der - allegorisch - ein geistlicher oder/und philosophischer Inhalt vermittelt wird. |
Goethe hat sich eine Weile intensiv mit dem Koran beschäftigt, sogar etwas arabisch gelernt, dabei ist aber nicht außer Acht zu lassen, dass er Voltaires Islam-Kritik "Mohamed" übersetzte und ihn die darin geschilderten- von Voltaire erlebten - Begebenheiten bestürzten.
© Philo-Welt.de 2005-2008