Rhetorix
| Zitat: |
Original von oui
| Zitat: |
Original von Rhetorix
Er spielt nicht nur auf die Antiphon an, sondern spielt auch mit einer anderen geistlichen Kunstform, nämlich dem Hohen Lied.
Ich gehe jede Wette ein, dass ihn Giordano Bruno auf diese Idee gebracht hat. |
Es war nicht Giordano Bruno.
Es war Dante mit seiner göttlichen Komödie. Nach diesem Muster sind auch die 99 + 1Namen empfunden; nicht 12, sondern 33 ist die heilige Zahl, um die es hier geht. |
Das verstehe ich nicht.
1. Dantes Göttliche Komöde kommt nicht im Gewand der Liebeslyrik daher.
2. Die Zahl 33 finde ich in Goethes Gedicht nirgends; wohl aber die Zahl 12, denn 12mal nennt Goethe die 'Allerliebste' bei einem Namen.
3. Die Moslems haben die 99 Namen Allahs (die mit dem Namen 'Allah' zusammen tatsächlich 100 ergeben) nicht aus Dantes Göttlicher Komödie.
Luft_Feuer_Wasser_Erde
| Zitat: |
Original von Rhetorix
In jedem klingt ein Name nach für dich.
Goethe irrt nicht.
Es heißt zwar, Allah habe 99 Namen - der Allmächtige, der Allwissende, der Allgütige, der Allerbarmer etc. - ; doch es stimmt nicht.
Allah hat tatsächlich 100 Namen; denn er heißt zudem auch: Allah. |

allah hat 99 namen und einen den meisten menschen unbekannten namen, er hat mit allah somit 101 namen. dieses wird dir auch in jeder moschee gerne bestätigt sowie in und bei den islamischen instituten.
| Zitat: |
Original von RhetorixGoethe treibt es mit diesem Gedicht ungewohnt fromm.
Daher verwendet er die heilige Zahl 12.
Zwölf Reimpaare hat das Gedicht, und jedes dieser Reimpaare wird mit dem Namen geschmückt. |
die heilige zahl 12 gilt als eine der heiligen zahlen im christentum
oui
| Zitat: |
Original von Rhetorix1. Dantes Göttliche Komöde kommt nicht im Gewand der Liebeslyrik daher.
2. Die Zahl 33 finde ich in Goethes Gedicht nirgends; wohl aber die Zahl 12, denn 12mal nennt Goethe die 'Allerliebste' bei einem Namen.
3. Die Moslems haben die 99 Namen Allahs (die mit dem Namen 'Allah' zusammen tatsächlich 100 ergeben) nicht aus Dantes Göttlicher Komödie. |
Entschuldige bitte, Rhetorix, mir ist da ein Fehler unterlaufen, indem ich 2 Gedichte verwechselte.
Der Bezug zu Voltaire bleibt davon unberührt.
liebe Grüße
oui
Rhetorix
| Zitat: |
Original von Luft_Feuer_Wasser_Erde
...allah hat 99 namen und einen den meisten menschen unbekannten namen, er hat mit allah somit 101 namen. |
Dieser unbekannte Name war offenbar auch Goethe völlig unbekannt. So erklären sich dann also die 100 Namen.
| Zitat: |
Original von oui
...Der Bezug zu Voltaire bleibt davon unberührt. |
Vielen Dank für den überzeugenden und sehr interessanten Hinweis auf Voltaires
Stück!
oui
| Zitat: |
| Original von RhetorixVielen Dank für den überzeugenden und sehr interessanten Hinweis auf Voltaires Stück! |
"Im Auslegen seid frisch und munter, legt ihr´s nicht aus, dann legt was unter."
(Goethe)
Rhetorix
Oh, wie ist man doch manchmal blind!
Noch einmal zurück zu Mahomets Gesang:
Ich muss wohl völlig vernagelt gewesen sein, um nicht zu bemerken, welchen Fluss -
schlangewandelnd zwischen
Wüsten - Goethe mit diesem Gedicht beschrieben hat!
Es handelt sich um einen der am stärksten mäandernden Flüsse überhaupt - nein, nicht um den Main, sondern (passend zum heiligmäßigen Gedicht) natürlich um einen heiligen Fluss.
Der Fluss wird mit dem Propheten gleichgesetzt.
Diese Symbolik drängt sich geradezu auf, denn der Prophet trägt den Namen des Flusses: JORDANUS ! Wie konnte ich das übersehen!
Dass ich es nicht gemerkt habe, mag ja noch angehen.
Aber warum hat es (soweit irgend ersichtlich) überhaupt noch niemand bemerkt, dass der erste Prophet von Goethes Gott den Namen eines in der Ebene schlangewandelnden, die Brüder aus der Wüste aufnehmenden Flusses trägt?
Dass Fluss und Prophet, beide gleichen Namens, sich auf das Gedicht vollkommen reimen?
Und dass Mohammed in vielerlei Hinsicht überhaupt keinen Sinn macht und offenbar nichts als ein listigesTäuschungsmanöver ist?
Hier vorsorglich noch einmal das Gedicht, damit ihr nicht blättern müsst:
Seht den Felsenquell,
Freudehell,
Wie ein Sternenblick;
Über Wolken
Nährten seine Jugend
Gute Geister
Zwischen Klippen im Gebüsch.
Jünglingsfrisch
Tanzt er aus der Wolke
Auf die Marmorfelsen nieder,
Jauchzet wieder
Nach dem Himmel.
Durch die Gipfelgänge
Jagt er bunten Kieseln nach,
Und mit frühem Führertritt
Reißt er seine Bruderquellen
Mit sich fort.
Drunten werden in dem Tal
Unter seinem Fußtritt Blumen,
Und die Wiese
Lebt von seinem Hauch.
Doch ihn hält kein Schattental,
Keine Blumen,
Die ihm seine Knie umschlingen,
Ihm mit Liebesaugen schmeicheln:
Nach der Ebne dringt sein Lauf
Schlangenwandelnd.
Bäche schmiegen
Sich gesellig an. Nun tritt er
In die Ebne silberprangend,
Und die Ebne prangt mit ihm,
Und die Flüsse von der Ebne
Und die Bäche von den Bergen
Jauchzen ihm und rufen: Bruder!
Bruder, nimm die Brüder mit,
Mit zu deinem alten Vater,
Zu dem ewgen Ozean,
Der mit ausgespannten Armen
Unser wartet
Die sich, ach! vergebens öffnen,
Seine Sehnenden zu fassen;
Denn uns frißt in öder Wüste
Gierger Sand; die Sonne droben
Saugt an unserm Blut; ein Hügel
Hemmet uns zum Teiche! Bruder,
Nimm die Brüder von der Ebne,
Nimm die Brüder von den Bergen
Mit, zu deinem Vater mit!
Kommt ihr alle! –
Und nun schwillt er
Herrlicher; ein ganz Geschlechte
Trägt den Fürsten hoch empor!
Und im rollenden Triumphe
Gibt er Ländern Namen, Städte
Werden unter seinem Fuß.
Unaufhaltsam rauscht er weiter,
Läßt der Türme Flammengipfel,
Marmorhäuser, eine Schöpfung
Seiner Fülle, hinter sich.
Zedernhäuser trägt der Atlas
Auf den Riesenschultern; sausend
Wehen über seinem Haupte
Tausend Flaggen durch die Lüfte,
Zeugen seiner Herrlichkeit.
Und so trägt er seine Brüder,
Seine Schätze, seine Kinder
Dem erwartenden Erzeuger
Freudebrausend an das Herz.
oui
Interessant.
Noch interessanter ist, dass der Jordan in das Tote Meer mündet.
Rhetorix
| Zitat: |
Original von oui
Noch interessanter ist, dass der Jordan in das Tote Meer mündet.
|
@ oui:
Während des Flusslaufs wird für den Gottesbegriff zwar das (für Mohammed fremdartige) Bild des Ozeans verwendet. Das Einmünden des Flusses ins Meer wird jedoch nicht beschrieben!
Das Gedicht schildert den Ursprung des Flusses und seinen Verlauf - doch bevor er mündet (oder auch nicht mündet), wechselt die Szene; plötzlich ist man ganz woanders und hat gar keinen Fluss, keine Ebene und erst recht kein Meer, sondern Berggipfel oder das Himmelsgewölbe (beides mit der Metapher 'Atlas'), 'Zedernhäuser' und den 'erwarteten Erzeuger' vor Augen.
Da will es hin.
Katrin
in Allem klingt ein Name nach für dich.
Ich nehme an, er setzt sich hier ironisch mit dem Nicht-Vorhandensein Gottes auseinander (man beachte diese Distanz!), nur daß er Allah statt Zeus wählt und mit seiner karikierenden Überfrömmigkeit (eine Frau betreffend, sicherlich als Verweiblichung Gottes) die Unmöglichkeit herausstellt. Anzunehmen, daß es eine Auseinandersetzung mit der Aufklärung ist und ein Stoß gegen den Naturalismus...
Mit Frömmigkeit hat das nichts zutun.
Mahomets Gesang
Sehr schwer zu verstehen, da muß man ordentlich knechten!
Es geht in diesem Preisungsgesang (=Mahomets Gesang, arab.) (wo die wörtliche Rede fahrlässigerweise weggelassen wurde hier!) um Gott selbst, das heißt genauer: einen bestimmten Gott, genauer: eine Religion.
Es wimmelt von religiösen Bildern, den Schlüssel bieten indes zwei Dinge: das sich stetig wandelnde, fließende Wasser und die Zedernhäuser (= Tempel, hebr., oder gleich din-wa-dawla).
Es wird beschrieben, wie sich ein Weg herausbildet zum Weltengeist (oder wie Goethe das genannt hätte), also keinen Gott!
Der Knackpunkt ist, daß es ein Weg ist unter vielen, die alle gleich gut sind - und darin liegt eine ungeheuerliche Blasphemie! Gedichte wie diese waren sein Ticket zu den Logen.
Rhetorix
@ Katrin:
Goethe war kein Atheist. Jedenfalls hätte er sich selbst wohl nicht so gesehen.
Auch die Freimaurerlogen waren (sind?) keine Atheisten-Vereine.
Das Gedicht "In tausend Formen..." wirkt auf mich aufrichtig hymnisch und keineswegs ironisch-distanziert.
Um Allah scheint es allerdings nicht zu gehen, sondern in dem Namen, der auch in
Allah drinsteckt.
| Zitat: |
| Es wimmelt von religiösen Bildern, den Schlüssel bieten indes zwei Dinge: das sich stetig wandelnde, fließende Wasser und die Zedernhäuser |
Zustimmung.
Katrin
Richtig, Atheist war er nicht.
Er glaubte in Richtung eines Weltgeistes, Weltseele oder ähnliches... nichts christliches aber!
Auch da hast du recht, Freimaurertum geht in Richtung eines Protestantismus und gewissen Heidentums.
Das ist aber nicht der Punkt: Goethe propagiert in „Mahomets Gesang“ Freiheit, Selbstbestimmung und eine Abkehr von den großen Religionen und Propheten - und genau das wollen die Freimaurer.
| Zitat: |
Das Gedicht "In tausend Formen..." wirkt auf mich aufrichtig hymnisch und keineswegs ironisch-distanziert.
Um Allah scheint es allerdings nicht zu gehen, sondern in dem Namen, der auch in Allah drinsteckt.
|
Naja, bei „Mahomets Gesang“ hätte ich das gesagt. Und wäre es nicht von Goethe, ich hätte es geglaubt.
Diese Relativität und Distanz schwingt doch überall bei "In tausend Formen..." mit, z.B.: „gleich erkenn ich dich“, „dort erkenn ich dich“, „dann atm' ich dich“, „magst du dich verstecken“ u.s.w..
Die vielen ‘Wenns’ und Vertröstungen fallen dir nicht auf???
Die Reimstruktur macht es klar: diese Brüche zwischen 1. und 2. und 3. und 4. Zeile. Dieses nervige ‘dich’ am Ende...
Die Bilderstruktur ist zu extrem ausgeschmückt, zu entrückt.
Wann entstand "In tausend Formen..." genau, weißt du das?
Rhetorix
Hallo Katrin!
Leider hatte ich deine Antwort übersehen. Nun finde ich sie, und hier kommt, reichlich spät, die Antwort:
| Zitat: |
Original von Katrin
Richtig, Atheist war er nicht. Er glaubte in Richtung eines Weltgeistes, Weltseele oder ähnliches... nichts christliches aber! |
Nach 'herrschender Meinung' huldigte Goethe dem Pantheismus; dies jedenfalls in seinen jungen Jahren und im Alter. Nach dem, was ich bislang von und über Goethe gelesen habe, scheint mir das zutreffend.
Wahrscheinlich hat er auch mit ein paar anderen religiösen Entwürfen gespielt, z.B. mit dem Sufismus. Man muss sich aber davor hüten, das überzubewerten. Erstens ging es Goethe nämlich so gut wie gar nicht darum, was der Sufismus unter dem Sufismus (und dem Islam) verstand, sondern darum, wie ein Goethe sich ihn zurechtlegte. Zweitens hat der Pantheismus zweifellos eine 'bedenkliche' Nähe zum Atheismus. Heute hat man damit ja keine (oder so gut wie keine) Schwierigkeiten. Zu Goethes Zeiten sah das aber noch ganz anders aus; da waren Atheisten verworfene, verruchte Menschen. Es empfahl sich also, durch die Blume zu sprechen und Metaphern zu verwenden, die den Gesinnungsgenossen verständlich waren, andere aber draußen vor der Tür hielten.
Wer Goethes Worte naiverweise wörtlich nimmt, muss daher in vielen Fällen 'draußen bleiben'.
Ein Extrembeispiel hierfür ist das hier:
1995 wurde in Weimar von Schaikh 'Abdalqadir Al-Murabit eine Fatwa ausgestellt, in der Goethe postum zum Muslim erklärt wird und den Beinamen Muhammad erhält: „Im Lichte seiner überwältigenden Bestätigung des Propheten – möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben! – soll er bei den Muslimen von nun an bekannt sein als Muhammad Johann Wolfgang von Goethe.“(zitiert nach Wiki)
Dem Scheich sei die kleine Freude gegönnt. Aber wenn er Goethes Übersetzung von Mahomet ou le Fanatisme von Voltaire gelesen hätte, hätte Goethe seine Fatwa sicher nicht bekommen.
Typisches Beispiel für eine solche goethesche Verschlüsselung scheint mir der Gottesname Allah in dem Gedicht
In tausend Formen: der Name Gottes ist nicht Allah, sondern steckt in diesem Namen drin (wie auch in allen anderen, die das Gedicht nennt). Wer das in frommem Überschwang überliest, findet das
All (oder Alles) gar nicht.
Nun zu deiner Frage, wann Goethe
In tausend Formen schrieb:
Es gehört zum West-Östlichen Divan, den Goethe im Alter von 70 veröffentlichte (rund 20 Jahre nach Mahomet und der Fanatismus).
Und zu deiner weiteren Frage:
| Zitat: |
Diese Relativität und Distanz schwingt doch überall bei "In tausend Formen..." mit, z.B.: „gleich erkenn ich dich“, „dort erkenn ich dich“, „dann atm' ich dich“, „magst du dich verstecken“ u.s.w..
Die vielen ‘Wenns’ und Vertröstungen fallen dir nicht auf??? |
Vertröstungen sind mir nicht aufgefallen. "Wenn ich den Sonnenaufgang in den Bergen sehe...". ist doch keine Vertröstung! Die Bedeutung ist vielmehr: Wenn du hierhin siehst, siehst du Gott, wenn du dahin siehst, siehst du Gott, wenn du dorthin siehst, siehst du Gott etcetc.
| Zitat: |
Dieses nervige ‘dich’ am Ende...
Die Bilderstruktur ist zu extrem ausgeschmückt, zu entrückt. |
Die starke Ausschmückung ahmt wohl den orientalischen Stil nach.
Die Wiederholungen sind ein typisch kultisches Stilelement.
Rhetorix
Noch einmal zurück zu Mahomets Gesang.
Es handelt sich um ein Sturm-und-Drang-Gedicht, das Goethe im Alter von 24 Jahren schrieb.
Er hat das Gedicht später immer mal wieder leicht überarbeitet, insbesondere die Zeilen neu geordnet. Ein Zeichen dafür, dass ihm an dem Gedicht etwas lag, er es später also keineswegs obsolet fand. (Überhaupt war es eine typische Eigenart von Goethe, auch nach sehr langer Zeit immer wieder auf viel Früheres zurückzugreifen.)
Hier die Version des 'Herzstücks' des Gedichts, wie ich sie in meinem Echtermeyer finde:
Nun tritt er
In die Ebne silberprangend,
Und die Ebne prangt mit ihm,
Und die Flüsse von der Ebne
Und die Bäche von Gebürgen
Jauchzen ihm und rufen: Bruder,
Bruder, nimm die Brüder mit,
Mit, zu deinem alten Vater,
Zu dem ew'gen Ozean,
Der mit weitverbreit'ten Armen
Unser wartet;
Die sich, ach, vergebens öffnen,
Seine Sehnenden zu fassen;
Denn uns frisst in öder Wüste
Gier'ger Sand,
Die Sonne droben
Saugt an unsrem Blut,
Ein Hügel
Hemmet uns zum Teiche.
Bruder,
Nimm die Brüder von der Ebne,
Nimm die Brüder von Gebürgen
Mit, zu deinem Vater mit!
Der Dichter Muhammad Iqbal übersetzte das Gedicht ins Persische und kommentierte, dass es kaum ein Gedicht gäbe, das die dynamische Kraft des Propheten Mohammed so schön darstelle (zitiert nach Wiki). Was ich davon halte, habe ich schon angedeutet und werde ich in nächsten Beitrag weiter ausführen. Ich lasse aber gern jedem anderen User dabei den Vortritt.
Rhetorix
Rhetorix:
Herr Scheich, haben Sie bei Ihrer Fatwa bedacht, dass Mohammed Johann Wolfgang Goethe 'Mahomets Gesang' zur gleichen Zeit schrieb wie den
Prometheus? Trauen Sie einem Moslem ein Gedicht à la Prometheus zu?
Scheich 'Abdalqadir Al-Murabit:
Aber gewiss doch! Goethe trieb mit dem Prometheus den heidnischen Aberglauben aus und befand sich damit in der Nachfolge des Propheten, der die heidnischen Götzen aus Mekka vertrieb. Es ist nichts Blasphemisches an diesem Gedicht - ganz im Gegenteil!
Rhetorix (beiseite):
Oh Mohammed Wolfgang, du warst wirklich ein kluges Kerlchen!
Rhetorix
Andererseits wollen wir aber auch nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten.
Denn mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen, sich entweder für das Christentum oder den Islam zu entscheiden (und für nichts anderes), hätte sich Goethe doch wohl für den Islam entschieden.
Warum?
Weil es immerhin dies und das daran gab, was ihm wohl zusagte. Die Abschaffung des Kreuzestodes Jesu (dessen Verehrung ihm sicher ein Gräuel war), die starke Betonung des einen Gottes, der weitestgehende Verzicht des Koran (den er kannte) auf Wunder. Hafis. Auch Rumi?
Er hat wohl wirklich mal gesagt, auch er lebe im Islam. Sicher wusste er, was Islam bedeutet. Auch er ergab und unterwarf sich also seinem Gott. Fragt sich eben nur, welchem.
Außerdem stehen alle freundlichen Äußerungen Goethes über den Islam im Verdacht entweder der Maskerade oder des Mittels, dem Christentum hiermit eins auswischen zu können.
In 'Mahomets Gesang' kommen der Islam und Mohammed jedenfalls nicht vor. Außer im Titel, versteht sich.
Rhetorix
Goethes Fluss hat prägnante Eigenschaften.
Dass er von einem Gipfel herabkommt, gehört sicher nicht dazu, denn das kann man wohl von den meisten Flüssen sagen.
Aber schlangewandelnd (mäandernd) sind längst nicht alle. Der Nil und der Rhein zum Beispiel schlangewandeln nicht. Der Main hingegen ist so ein Schlangewandler. Noch geringer ist die Auswahl an mäandernden Flüssen, die Bäche aus dem Gebirge und der Ebene aufnehmen, die von Wüstensand und -Sonne verschlungen zu werden drohen. Und dann müsste der Fluss, der es trotz allen Pomps nie zum Strom bringt, ja auch noch geschafft haben, einem Land oder wenigstens einer Gegend seinen Namen zu geben.
Das drängt doch wohl den Verdacht auf, dass Goethe sich etwas Konkretes dabei gedacht hat und nicht etwa einen Fluss an und für sich. Oder?
Also sollte man nicht zu faul dazu sein, nach dem Fluss zu suchen.
Der Name des dann ohne viel Mühe gefundenen Flusses lässt sich in das Gedicht einfügen, wenn man will.
Goethe hat in der kürzesten Zeile des Gedichts extra Platz dafür gelassen. Die zweisilbige Zeile ist derart kurz, dass sie sich als auffüllungsbedürftig geradezu aufdrängt:
Bruder ....,
Nimm die Brüder von der Ebne,
Nimm die Brüder von Gebirgen
Mit, zu deinem Vater mit!
Auch an anderer Stelle passt er hinein:
Und die Flüsse von der Ebne
Und die Bäche von Gebirgen
Jauchzen ihm und rufen: Bruder,
Bruder ...., nimm die Brüder
Mit zu deinem alten Vater,
Zu dem ew'gen Ozean...
Sollten die Brüder Bäche ihren Bruder Fluss etwa nicht mit Namen anreden? Ist das unter Brüdern etwa nicht üblich?
Und wenn man's stillschweigend ergänzt, fügt es sich sogar ins Metrum:
Bruder Jordan,
Nimm die Brüder von der Ebne,
Nimm die Brüder von Gebirgen
Mit, zu deinem Vater mit!
Von wegen: Islam...
Rhetorix
Also schön, damit wären wir wieder beim Lieblingspropheten der Pantheisten angelangt.
Aber lassen wir den ruhig beiseite.
Lassen wir erst recht auch Mohammed beiseite.
Wahrscheinlich sollte Goethes Gedicht besser nur Der Prophet heißen, da Goethe in ihm eine allgemeine Vorstellung formuliert von dem, was den Propheten ausmacht, aber auch eine allgemeine Vorstellung von Religion.
Der alte Goethe soll gesagt haben, dass außerordentliche Menschen wie Feuer und Wasser wirken.
Beide Elemente sind in dem Gedicht enthalten, das Wasser ganz offensichtlich, das Feuer etwas versteckter.
das Wasser:
Unter seinem Fußtritt wachsen Blumen, entstehen Städte, es transportiert und trägt mit gewaltiger Kraft (Atlas).
das Feuer:
Man begegnet ihm erst gegen Ende des Gedichts in der Türme Flammengipfel .
Meine Goethe-Gedichtsammlung deutet es als 'von der Abendsonne glühende Türme'. Kappes (auch ein Prophet bewirkt nicht, dass Türme in der Abendsonne glühen)! Türme mit Flammen on top waren früher Leuchttürme; als man noch keine Halogenscheinwerfer hatte, brannte man nämlich auf den Leuchttürmen Feuer ab. Diese Leuchttürme, die den Schiffen in dunkler Nacht den Weg weisen, gehören daher zu den Schöpfungen des Propheten.
Aber etwas Anderes, Bedrohlicheres, klingt doch auch an, nämlich die Feuersbrunst, die die Wachtürme ergreifen könnte.
Auf dem Kulminationspunkt des dramatischen Geschehens entdeckt der aufmerksame Leser das Feuer ein zweites Mal:
...sausend / Wehen über seinem Haupte / Tausend Segel auf zum Himmel...
Segel (oder Flaggen, wie ich an anderer Stelle las) wehen ja nicht wirklich auf zum Himmel, und ein Fluss hat auch nichts, was sich mit dem Bild des Hauptes ausdrücken ließe. Das Bild provoziert die vom Haupt des Propheten zum Himmel auflodernden Flammen des Geistes und der Begeisterung.
Auch das ein faszinierendes Bild, das nicht gerade beruhigend wirkt: Wie, wenn der Prophet sein geistiges Feuer mithilfe des realen Feuers verbreiten würde?
Eine weitere Assoziation schält sich heraus: Bruder Jordan, der mit tausend roten Segeln über dem Kopf dem ewigen Ozean entgegeneilte. Zu weit hergeholt? Wohl nicht.
Freudebrausend : es braust das Wasser, und es braust das Feuer.
Kein Orkus wird beschworen, kein finster-bedrohliches Gericht, keine wüsten Strafenandrohungen werden verkündet, keine Zerknirschung wird verlangt.
Freudebrausend!
Rhetorix
Lasciami, vita, ch'al mio sol rimonte,
Fatta gemino rio senz'il mio fonte!
Lasse, mein Leben, mich wieder zur Sonne hinauf,
denn du wurdest zum doppelten Fluss ohne Quelle.
(Jordanus)
Rhetorix
Zueignung
Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte
Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing,
Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte
Den Berg hinauf mit frischer Seele ging;
Ich freute mich bei einem jeden Schritte
Der neuen Blume, die voll Tropfen hing;
Der junge Tag erhob sich mit Entzücken,
Und alles war erquickt, mich zu erquicken.
Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen
Ein Nebel sich in Streifen sacht hervor.
Er wich und wechselte mich zu umfließen,
Und wuchs geflügelt mir ums Haupt empor:
Des schönen Blicks sollt' ich nicht mehr genießen,
Die Gegend deckte mir ein trüber Flor;
Bald sah ich mich von Wolken wie umgossen
Und mit mir selbst in Dämmrung eingeschlossen.
Auf einmal schien die Sonne durchzudringen,
Im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn;
Hier sank er leise sich hinabzuschwingen,
Hier teilt' er steigend sich um Wald und Höhn.
Wie hofft' ich ihr den ersten Gruß zu bringen!
Sie hofft' ich nach der Trübe doppelt schön.
Der luft'ge Kampf war lange nicht vollendet,
Ein Glanz umgab mich, ich stand geblendet.
Bald machte mich, die Augen aufzuschlagen,
Ein innrer Trieb des Herzens wieder kühn;
Ich konnt' es nur mit schnellen Blicken wagen,
Denn alles schien zu brennen und zu glühn.
Da schwebte, mit den Wolken hergetragen,
Ein göttlich Weib vor meinen Augen hin,
Kein schöner Bild sah ich in meinem Leben;
Sie sah mich an und blieb verweilend schweben.
Kennst du mich nicht? sprach sie mit einem Munde,
Dem aller Lieb' und Treue Ton entfloß:
Erkennst du mich, die ich in manche Wunde
Des Lebens dir den reinsten Balsam goß?
Du kennst mich wohl, an die zu ew'gem Bunde
Dein strebend Herz sich fest und fester schloß.
Sah ich dich nicht mit heißen Herzenstränen
Als Knabe schon nach mir dich eifrig sehnen?
Ja! rief ich aus, indem ich selig nieder
Zur Erde sank, lang hab' ich dich gefühlt;
Du gabst mir Ruh, wenn durch die jungen Glieder
Die Leidenschaft sich rastlos durchgewühlt:
Du hast mir, wie mit himmlischem Gefieder,
Am heißen Tag die Stirne sanft gekühlt;
Du schenktest mir der Erde beste Gaben
Und jedes Glück will ich durch dich nur haben!
Dich nenn' ich nicht. Zwar hör' ich dich von vielen
Gar oft genannt, und jeder heißt dich sein,
Ein jedes Auge glaubt auf dich zu zielen,
Fast jedem Auge wird dein Strahl zur Pein.
Ach, da ich irrte, hatt' ich viel Gespielen,
Da ich dich kenne, bin ich fast allein;
Ich muß mein Glück nur mit mir selbst genießen,
Dein holdes Licht verdecken und verschließen.
Sie lächelte, sie sprach: Du siehst, wie klug,
Wie nötig war's, euch wenig zu enthüllen!
Kaum bist du sicher vor dem gröbsten Trug,
Kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen,
So glaubst du dich schon Übermensch genug,
Versäumst die Pflicht des Mannes zu erfüllen!
Wie viel bist du von andern unterschieden?
Erkenne dich, leb' mit der Welt in Frieden!
Verzeih mir, rief ich aus, ich meint' es gut;
Soll ich umsonst die Augen offen haben?
Ein froher Wille lebt in meinem Blut;
Ich kenne ganz den Wert von deinen Gaben!
Für andre wächst in mir das edle Gut,
Ich kann und will das Pfund nicht mehr vergraben!
Warum sucht' ich den Weg so sehnsuchtsvoll,
Wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?
Und wie ich sprach, sah mich das hohe Wesen
Mit einem Blick mitleid'ger Nachsicht an;
Ich konnte mich in ihrem Auge lesen,
Was ich verfehlt und was ich recht getan.
Sie lächelte, da war ich schon genesen,
Zu neuen Freuden stieg mein Geist heran;
Ich konnte nun mit innigem Vertrauen
Mich zu ihr nahn und ihre Nähe schauen.
Da reckte sie die Hand aus in die Streifen
Der leichten Wolken und des Dufts umher;
Wie sie ihn faßte, ließ er sich ergreifen,
Er ließ sich ziehn, es war kein Nebel mehr.
Mein Auge konnt' im Tale wieder schweifen,
Gen Himmel blickt' ich, er war hell und hehr.
Nur sah ich sie den reinsten Schleier halten,
Er floß um sie und schwoll in tausend Falten.
Ich kenne dich, ich kenne deine Schwächen,
Ich weiß, was Gutes in dir lebt und glimmt!
- So sagte sie, ich hör' sie ewig sprechen, -
Empfange hier, was ich dir lang bestimmt!
Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen,
Der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt:
Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,
Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit.
Und wenn es dir und deinen Freunden schwüle
Am Mittag wird, so wirf ihn in die Luft!
Sogleich umsäuselt Abendwindes Kühle,
Umhaucht euch Blumen-Würzgeruch und Duft.
Es schweigt das Wehen banger Erdgefühle,
Zum Wolkenbette wandelt sich die Gruft,
Besänftigt wird jede Lebenswelle,
Der Tag wird lieblich, und die Nacht wird helle.
So kommt denn, Freunde, wenn auf euren Wegen
Des Lebens Bürde schwer und schwerer drückt,
Wenn eure Bahn ein frischerneuter Segen
Mit Blumen ziert, mit goldnen Früchten schmückt,
Wir gehn vereint dem nächsten Tag entgegen!
So leben wir, so wandeln wir beglückt.
Und dann auch soll, wenn Enkel um uns trauern,
Zu ihrer Lust noch unsre Liebe dauern.
Rhetorix
Goethe spricht den abgegriffenen, viel missbrauchten Namen seiner Göttin nicht aus, doch dann nennt sie ihn selbst:
Wahrheit.
Was ist Wahrheit?
Goethe verstand hierunter zweifellos u.a. das wirkliche Wesen der Natur, die er sein Leben lang zu ergründen versuchte; ferner die Realität des menschlichen Lebens.
Doch wie will man sie aussprechen?
Tut man es unverhüllt mit nackten, harten Worten, so macht sie einsam.
Ein Weiteres kommt hinzu, von Goethe zu einem etwas späteren Zeitpunkt im Zusammenhang mit seiner Absicht erörtert, ein Lehrgedicht über die Natur zu schreiben:
"Man bedenkt niemals genug, daß eine Sprache eigentlich nur symbolisch, nur bildlich sei und die Gegenstände niemals unmittelbar, sondern nur im Widerscheine ausdrücke... Man sucht daher alle Arten von Formeln auf, um ihnen wenigstens gleichnisweise beizukommen."
Um Wahrheit freundschaftlich aussprechen zu können und auch als Formelschatz zur symbolischen Annäherung an den unmittelbaren Gegenstand reicht die Wahrheit ihm
der Dichtung Schleier.
© Philo-Welt.de 2005-2008