Steinzeitliches Bilderbuch

Rhetorix
Das Palöolithikum hat mich fest im Griff. Zwinker

Ich habe lange nichts Spannenderes mehr gelesen!
Nun ist es ja bekanntlich schon alles seeeehr lange her, und man sollte meinen, wo so viel Staub etc. draufliegt, tut sich nichts mehr. Aber ganz im Gegenteil! Offenbar wird alle Nase lang irgendetwas für uns Laien auf den ersten Blick ganz Unscheinbares entdeckt, was sich bei genauerem Hinsehen dann als spektakulär erweist und alle möglichen althergebrachten Meinungen in Frage stellt oder gar über den Haufen wirft.

Dass bei der Neandertaler-Forschung der Bär los ist, hat der eine oder andere wohl schon mitgekriegt.

Aber man kann oder will ja nicht immer nur Theorien lesen und sich über Fossilien oder Klimatabellen die Haare raufen.

Sich einfach nur mal was in Ruhe anzusehen, ist auch schön.


Daher eröffne ich hier ein Album für steinzeitliche Kunst.

Auch wer sich nicht Gott weiß wie für die Steinzeit interessiert, sieht vielleicht mal herein oder - noch schöner - findet etwas Interessantes, was er selbst ins Album stellen kann.


Ich setze die Abbildungen als Link, weils anders nicht geht (und auch nicht nötig ist) und versuche, dabei auch die Fundstelle und das Alter anzugeben.
Wär nett, wenn sich der eine oder andere von euch auf ähnliche Weise beteiligen könnte.
Kommentare erwünscht!
Rhetorix
Diese Figur wird der Adorant genannt.
Ich kann nix dafür.

Leider ist sie auf dem Foto nur schemenhaft zu erkennen (findet jemand ein besseres Bild?).

Soweit ich bisher herausgefunden habe, ist die Schnitzerei auf ca. 35.000 vor jetzt datiert.
Falls das stimmt, ist sie die älteste Menschendarstellung der Welt, und die Schwaben dürfen sich freuen, dass einer von ihnen als Erster porträtiert wurde.
Das Elfenbeintäfelchen stammt nämlich aus der Geißenklösterle-Höhle in der Schwäbischen Alb.

Wie mir scheint, steht die Figur breitbeinig und hebt die Arme.
Das im Link angepriesene gewaltige männliche Gemächte kann ich leider nur vermuten. Ich will es letztlich aber nicht in Frage stellen. Aber hat die Figur nicht (zusätzlich) auch eine Brust? gruebel

Auf der Rückseite des Mammutelfenbein-Täfelchens befinden sich punktförmige Vertiefungen (siehe Spiegelbild), die als Sternbild des Orion gedeutet werden. Bei solchen Deutungen mache ich lieber die Tür hinter mir zu und verabschiede mich...
Rhetorix
Der Adorant konkurriert in seiner Eigenschaft als älteste Menschendarstellung mit der Venus vom Galgenberg.
Auch an diesem Namen bin ich ganz unschuldig.

Diese 'Venus' wird manchmal auch 'Tänzerin' genannt.
Sie soll ca. 32.000 Jahre alt sein und ist eine Österreicherin.
Da sie aus Stein gehauen wurde, ist ihr Alter wohl nicht so 'zuverlässig' zu bestimmen wie bei dem Adoranten, der aus organischem Material besteht.

Ich finde, dass sich die beiden Darstellungen ähneln.
Beide wirken bewegt, was man eigentlich bei derart alten Figuren nicht erwartet.
Beide scheinen etwas zu demonstrieren oder zu zelebrieren.
Und bei beiden haben die Proportionen einen natürlichen Maßstab (sieht man mal von den mir etwas unklaren Familienjuwelen des Adoranten ab).

Hinter diesen beiden allerältesten Menschendarstellungen, die vielleicht zu ungefähr derselben Zeit entstanden, könnte ein ähnlicher Blick auf die Welt stecken - realistisch und natürlich, aber trotzdem bedeutungsschwanger.
Rhetorix
Wildpferde, Grotte Chauvet, ca 31.000 Jahre.

Er (oder sie) geht mit einer Fackel, mit einem Schaber, Farbpulver und ein paar trockenen Stengeln in die unbewohnte Tiefe einer Höhle.
Dann bannt er Pferde auf die Wand.

Er kann nicht sagen, dass er ein Bild von Pferden malt, denn der Begriff 'Bild' oder 'Gemälde' existiert nicht.
Kein Mensch hat je ein Bild gesehen oder gemacht.

Es kommt vor, dass jemand ein belebtes Ding, ein Pferd zum Beispiel, als kleines, unbelebtes Ding nachschafft. Man nimmt dazu ein Stück Elfenbein und schnitzt. Es ist im Grunde nichts Anderes, als ob man eine Speerspitze schnitzen wollte, nur wird ein Pferdchen daraus, was dann wie ein Wunder wirkt.

Dieser Mann mit seinen Farben hat aber kein Material, aus dem man die Gestalt des Pferdes hervorholen und dann auch anfassen könnte.
Sein Pferd wird gleichsam körperlos sein.
Es wird der Gedanke 'Pferd' sein, den er im Kopf hat. Diesen Gedanken will er sichtbar machen.

Er will den Gedanken auf einer Wand sichtbar machen.
Das ist eigentlich verrückt, denn die Wand ist flach, doch um ein Pferd kann man herumgehen.
Wie kann man etwas Dreidimensionales zweidimensional machen, ohne den Gedanken zu verfälschen?
Wie kann ein Pferd flach an einer Wand kleben?

Der Mann (oder die Frau) behandelt die Wand sorgfältig vor. Er schabt sie sauber und glättet sie, so gut es geht. Denn seine Gedanken sollen nicht verunreinigt oder verzerrt werden.

Dann ruft er sich den Gedanken 'Pferd' hervor.

Wie sieht ein Pferdekopf aus?
Es genügt nicht zu wissen, dass ein Pferd Ohren, eine Nase, Augen und ein Maul hat. Man muss auch die Proportionen genau kennen, denn sonst wird möglicherweise ein Esel daraus, oder gar ein Löwe oder überhaupt nichts Gescheites.
Wie hält ein Pferd den Kopf?
Er/sie kann kein Pferd vor sich hinstellen und vergleichen. Er hat das Bild vom Pferd nur in seinem Kopf. Es ist ein sehr genaues Bild nicht nur von einem Pferd schlechthin, sondern von einem Przewalski-Pferd.


Er zeichnet die seitliche Silouette des Pferdekopfs, indem er Manganoxyd mit dem Zeigefinger oder einem Stengel auf die Wand aufträgt.
Der Umriss gelingt.
Dann die Mähne. Gut.

Wie macht man Augen? Nasenlöcher?

Man könnte Punkte oder Striche auf die Wand setzen, aber das wäre falsch, denn die Augen der Pferde sehen nicht aus wie Punkte, und die Nüstern nicht wie Striche.
Er erkennt an seinem inneren Bild, dass die Augen des Pferdes zwar braun sind und das Fell insgesamt sandfarben ist. Dennoch ist das Bild des Pferdeauges ein äußerst kompliziertes Spiel von Hell und Dunkel, und für die Nüstern gilt das erst recht. Diese Übergänge muss er wiederholen, um die Wirklichkeit zu erfassen!

Erstaunlicherweise spielt die Wand selbst mit, denn das Pferd entsteht nicht nur dadurch, dass er Farbe aufträgt, sondern, fast genauso wichtig, dadurch dass er an bestimmten Stellen den weißen Untergrund freilässt und als Farbe benutzt. Das ist verrückt, denn die hellen Stellen am lebenden Pferd kommen ja vom Licht, das auf das Pferd fällt, er aber schafft denselben Effekt mit einem Licht, dass gleichsam hinter dem Pferd hervorkommt.

Und die Augen selbst?
Ein Pferd hat in Wirklichkeit 2 Augen. Dennoch würde es nicht der Wirklichkeit entsprechen, beide Augen auf die Wand zu bringen.
Richtig, Pferdeaugen sind braun. Aber sie sind es nicht überall, denn in der Mitte sind sie schwarz, genau wie unsere Augen. Diese schwarze Mitte lässt der Maler zur Seite hin gleiten, so dass es aussieht, als würde das Pferd - wachsam und misstrauisch - aus der Wand herausblicken.

Das Pferd entspricht aber immer noch nicht seinem inneren Pferdebild. Es sieht eher aus wie ein ausgeschnittenes Leder, das flach an der Wand hängt.
Wo liegt der Fehler?

Der Fehler liegt offenbar in dem Trugschluss, dass das Fell des Pferdes eigentlich einfarbig ist, so dass es genügen müsste, einen Umriss zu zeichnen und mit dieser betreffenden Farbe auszufüllen. Es ist dasselbe Problem wie mit Auge und Nase: das Licht macht, dass das einfarbige Pferd teils heller, teils dunkler aussieht.
Die Rundungen machen diesen Helligkeitsunterschied aus! Wo die Gestalt zurückweicht, scheint sie dunkler, denn dort liegen Schatten!
Man muss also diesen Schatten auftragen und fein verwischen. Siehe da! Nun sieht es ganz so aus, als würde der Pferdekopf mit seinen Muskeln und Sehnen aus der Wand hervorspringen! Man meint, um diesen Kopf herumgehen und ihn anfassen zu können.
Aber es ist nichts als Farbe auf einer flachen Wand, hinter die man nicht dringt.


Kein Mensch hat sein inneres Bild von einem Pferd je wieder so wie dieser Maler auf die Wand einer Höhle gebannt.
Auch in viel späteren Zeiten gab es Höhlenmalereien, sehr schöne und geschmackvolle Bilder. Doch diese 10.000 oder gar 20.000 Jahre späteren Maler sahen zweidimensionale Bilder. Nicht einmal die alten Ägypter schafften es, etwas anderes als Scherenschnitte auf die Wände zu bringen. Nicht einmal sie?

Bis in die Neuzeit hinein blieb die Illusion der Dreidimensionalität durch Schattierung das geistige Alleineigentum dieses Malers aus der Zeit des Aurignacien vor über 30.000 Jahren.
Rhetorix
zum Vergleich:

Pferde aus der Chauvet-Höhle, ca 31.000 Jahre

Pferde aus der Höhle von Peche-Merle, 16.000 - 20.000 ahre alt,

Pferde aus der Höhle von Lascaux, 14.000 - 16.000 Jahre alt,

ein Wisent aus der etwa gleich alten Höhle von Altamira

ein Stierkopf, ägyptisch, ca. 1400 v.Chr.
Rhetorix
2 Nashörner , Grotte Chauvet, ca. 31.000 BP (before present)

Eine weitere Besonderheit der Malerei in der Chauvet-Grotte ist die Perspektive und Bewegtheit der Darstellung.

Hier werden nicht 2 stereotype Nashörner nebeneinander gereiht, sondern sie agieren auf natürliche Weise miteinander.
Das rechte Nashorn rast mit ausholenden Beinen und gestrecktem Schwanz auf das linke zu und senkt den Kopf zum Aufspießen der Halsschlagader.
Das linke Nashorn stoppt. Es steht, hebt den linken Fuß und reckt den Schwanz steil in die Höhe. Es verdreht sich, so dass wir den Hintern mit der @rschfalte sehen, und dreht den Kopf stark nach links weg.

Jeder von uns, zur Darstellung eines Nashorn-Zweikampfes aufgefordert, hätte 2 mit den Hörnern stracks aufeinander zurasende Nashörner gezeichnet. Oder etwa nicht?

Dieser Maler wusste es besser.

Hier lese ich:
Bei Begegnungen zweier Bullen hält der rangniedere immer den Kopf mit dem Horn zu Seite.

Das linke Nashorn ist also das rangniedere, wie wir sehen. Es unterwirft sich.

Um so etwas darzustellen, brauchte man nebst einer ausgezeichneten visuellen Begabung die Technik der Darstellung einer Drehbewegung und andeutungsweisen Räumlichkeit.

Eine nicht nachvollziehbare, geradezu unglaubhafte Leistung zu einer Zeit, in der die Begriffe 'Bild' oder 'Malerei' erst erfunden werden mussten!

* * * * * *


Wer das Staunen noch nicht verlernt hat, muss sich irgendwann fragen, ob diese Höhlenmalereien Fälschungen sind.
Es wäre ja nicht der erste Beschiss (Hitler-Tagebücher etc.)

Im Internet fand ich nur eine einzige Website mit der relativ vorsichtigen Frage nach der Fälschung.
Das Misstrauen des Autors fixierte sich vor allem auf einen der Bären. Das sei ja eine Linienführung wie bei Walt Disney! Und so sähen Bärenköpfe in Wirklichkeit auch gar nicht aus.

Er hat ja Recht! Wie bringt ein Maler aus den Anfängen der Malerei eine solche Linie zustande? Wie bringt er den leicht zum Betrachter hin gewendeten Kopf mit der schattierten Schnauze und den genau richtig positionierten kleinen Ohren zuwege?

Der Bär ist aber echt, genau wie alles andere.
Die Schädelform weist ihn eindeutig als Höhlenbären aus und unterscheidet ihn vom gewöhnlichen Braunbären, den es damals gleichfalls schon gab.

Eine Fälschung der Bilder ist auszuschließen. Ich fasse mich kurz und verweise nur auf eines von mehreren Indizien, nämlich die starke Versichterung der Farbaufträge (die nasse Kalkbrühe der Höhle hat sich in Kristallen, teils sogar in dicken Kalkschichten, auf die Farben gelegt).
Rhetorix
Das tierische Inventar der Chauvet-Höhle ist ungewöhnlich groß.

Man zählt:

47 Nashörner
36 Löwen
34 Mammuts
26 Pferde
19 Wisente
12 Bären
10 Rentiere
7 Auerochsen
7 Steinböcke
3 Riesenhirsche
1 Panther oder Leopard
1 Tüpfelhyäne
1 Uhu

Hinzu kommen ein paar Gestalten, die nicht (mehr) eindeutig zu identifizieren sind, u.a. ein Schmetterling? oder fliegender Vogel?

Und als besondere Zugabe: ein Wesen, halb Mensch - halb Wisent.


Eine seltsame Auswahl!

Spätere Höhlenmaler (also alle anderen) mieden fast gänzlich die Darstellung von Tieren, denen ein spontaner, nicht durch Bejagung provozierter Angriff auf den Menschen zuzutrauen war. Höhlengemalte Löwen, Nashörner, Bären, Panther oder gar Hyänen findet man daher sonst fast nie. Man findet sonst auch kaum Mammuts; dabei würde ich sie eigentlich für damals ziemlich gegenwärtig halten, aber sie fielen wohl auch in die unangenehm gefährliche Kategorie.


Die Malereien in den anderen Höhlen drängen vor allem mit ihren Rinderherden den Eindruck auf, als sei eine fette Beute beschworen worden.
Das ist bei der Chauvet-Höhle trotz Vorhandenseins von Wisenten und Auerochsen, Rentieren und Hirschen aber anders.

Was haben sich die Künstler bei diesem Zoo gedacht?

Sie haben nicht einfach all das abgebildet, was man an Viehzeug so sah.
Es fehlen nämlich Tiere, die relativ zahlreich gewesen sein müssen: Hasen, Kaninchen, Ratten, Mäuse, Wölfe, Rothunde, Füchse, Eichhörnchen, Biber und sämtliche Fische!

Es fehlen auch alle Vögel - außer der Eule, die in der ganzen Steinzeit sonst nicht ein einziges Mal abgebildet wurde.
Die Eule hockt außerdem ganz allein an prominenter Stelle.
Man kommt gar nicht umhin, sich bei einer Eule etwas zu denken.


* * * * *

War diese nie bewohnte, von keinem Menschenmüll verunreinigte sehr tiefe, stockdunkle Höhle ein ritueller, selten betretener Ort?

Waren die Tierdarstellungen nicht Jagdzauber, sondern vielleicht Identifikationsobjekte, Wahlverwandschaften oder Schutzgeister einzelner Menschen, mit denen sie sich hier verewigen ließen?
Der eine als Bär, der andere als Nashorn, ein dritter als Löwe, als Wisent, Riesenhirsch, Auerochse oder Rentier? Und bizarre Einzelgänger als Hyäne oder Uhu? Oder als ausdrücklich zweideutiger Wisent-Mensch?
Doch niemand als Ratte, Amsel, Lachs oder Hase?
Und auch niemals als Mensch?
Rhetorix
Malereien sind für uns unweigerlich mit der Vorstellung verbunden, dass jemand sie betrachtet.

Die Malereien in der Chauvet-Höhle scheinen mit einer ganz anderen Vorstellung geschaffen worden zu sein.

Diese Höhle ist sehr tief und verzweigt.
Viele Bilder wurden auf Wände in den hinteren Verzweigungen des Höhlensystems gemalt, wie zum Beispiel das Fries der jagenden Löwen.

Dorthin dringt niemals natürliches Licht.
Die Löwen und Pferde, Nashörner und Auerochsen wohnen im Dunkel.

Wer traut sich in die Tiefe einer solchen Höhle - zumal wenn er keine Taschenlampe hat und obendrein befürchten muss, dem Höhlenbären zu begegnen?

Die Höhlenwände tragen erstaunlich geringe Spuren von Rauch. Nach den relativ wenigen Kohleresten zu urteilen, wurde nur selten Feuer gemacht. Es sieht so aus, als hätte das Feuer gerade ausgereicht, den Malern die Wand zu beleuchten.

Niemand hat Abfälle hinterlassen.

Es handelte sich also höchstwahrscheinlich nicht um ein System von Räumen, in dem Riten (Initiationsriten, Opferzeremonien) gefeiert wurden.

Die Bedeutung der Bilder erschöpfte sich in deren Vorhandensein in ewiger Finsternis.
Sie waren dort wie begraben, bevor Homo sapiens sie vor ca. 10 Jahren entdeckte.

Ein großer Friedhof in effigie ?

Wer wurde dort im Bild für die Ewigkeit in ewiger Dunkelheit konserviert?
War es das Nashorn, das ungleich seltener erlegt wurde, als es dort abgebildet ist?
Oder war es der animistisch glaubende Mensch, der sich das Nashorn zu seinem Schutzgeist gewählt hatte?

Wir Nashörner, wir Löwen, wir Mammuts...
Rhetorix
Löwen-Mann? Löwen-Frau?

Der Löwenmensch wurde am 25. August 1939 bei den Ausgrabungen von Otto Völzing und Robert Wetzel im Hohlenstein-Stadel im Lonetal entdeckt.

Die Bedeutung der Funde wurde erst 30 Jahre später im Ulmer Museum entdeckt. 1969 stieß Joachim Hahn (1942-1997) bei Inventarisierungsarbeiten auf die verpackten Fragmente. Er bemerkte Schnitzspuren an zahlreichen Bruchstücken und fügte die Einzelteile zu einer fast 30 cm großen, vollplastischen Figur zusammen: Eine aufrecht stehende Gestalt mit tierischen und menschlichen Merkmalen.

Über bisher vier Radiokarbondatierungen an Tierknochen aus der Umgebung der Fundstelle konnte das Alter der Figur auf mindestens 32 000 Jahre vor heute bestimmt werden.
Nahe der Statuette kamen einige Abwurfstangen vom Ren, mehrere durchlochte Zähne vom Polarfuchs, Elfenbeinanhänger sowie einige Waffenspitzen aus Geweih zu Tage, die vielleicht in Verbindung mit dem Löwenmenschen im hinteren, dunklen Teil der Höhle deponiert worden waren.

Der zunächst nur unvollständig erhaltene Kopf wurde richtig als der eines Tieres (Löwe oder Bär) erkannt.
Nach Auffindung und Anpassung weiterer Fragmente vor allem des Kopfes und des zweiten Armes konnte die Statuette 1988 umfassend restauriert werden. In diesem Zuge entstand eine umfassende wissenschaftliche Bearbeitung durch Elisabeth Schmid (1912-1994). Der Kopf war nunmehr zweifelfrei als der einer Raubkatze zu identifizieren, die aufmerksam in die Ferne blickt. Beide "Arme", von denen sich der schlechter erhaltene rechte nicht mehr direkt an den Corpus ansetzen ließ und daher nicht montiert ist, liegen eng am Körper an. Im Gegensatz zu Joachim Hahn kam Elisabeth Schmid zu dem Schluss, dass es sich um die Figur einer Frau mit dem Kopf einer Höhlenlöwin handele.
Seitdem war und ist das Geschlecht des Löwenmenschen immer wieder Gegenstand teils stark ideologisch gefärbter Auseinandersetzungen vor dem Hintergrund der Stellung der Frau in altsteinzeitlichen Gesellschaften.
Eine sichere Deutung als weiblich oder männlich muss aber an der fragmentarischen Erhaltung der Statuette scheitern, deren originale Oberfläche an vielen Stellen des Corpus, insbesondere im Bereich des Ober- wie Unterkörpers, abgeplatzt und nicht mehr erhalten ist.


Eine weitere Frage ist, welcher Menschenart der Erschaffer des Löwenmenschen angehörte.
Denn die Anwesenheit beider Arten an diesem Ort und zur betreffenden Zeit kommt in Betracht.
Auch ist bei beiden Arten der Schmuck aus durchlochten Zähnen vom Polarfuchs, die Verwendung von geschnitztem Elfenbein und die Fertigung von Waffenspitzen aus Geweih belegt.


Die Statuette vom Hohlenstein-Stadel ist die mit Abstand größte und spektakulärste Figur dieses Ensembles ältester beweglicher Kunst der Menschheit aus dem Zeitraum vor mehr als 30 000 Jahren. In der fantastischen Gestalt des Löwenmenschen ist uns ein einzigartiges Relikt erhalten, das in eine Sphäre geistig-religiöser Vorstellungen der Menschen der letzten Eiszeit verweist.
Aurom
Zitat:
Original von Rhetorix
Löwen-Mann?


...erinnert mich an die 4. inkarnation von VISHNU geschockt
Rhetorix
Nach diesen frühesten Kunstwerken aus der Zeit ca. 32.000 bis 35.000 BP - dem Adoranten, der Tänzerin, dem Löwenmenschen und den Bildern aus der Grotte Chauvet - legte die Menschheit eine lange Denkpause ein.

Die Pause dauert ca. 7.000 Jahre lang.

7.000 Jahre sind eine lange Zeit.
Ebenso viel Zeit trennt uns Heutige von der Mittelsteinzeit.

Ca. 7.000 Jahre nach dem Löwenmenschen entstanden kleine Skulpturen.

Bis zu den nächsten (Höhlen-)Malereien verging aber noch mehr Zeit, nämlich mindestens 12.000 Jahre.

12.000 Jahre sind eine sehr lange Zeit.
Ebenso viel Zeit trennt uns Heutige von den letzten Höhlenmalern der Altsteinzeit.
Rhetorix
Um 25.000 BP begegnen uns 2 Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten:

die Dame von Brassempouy und die Venus von Willendorf.



Nimmt mir einer von euch die Mühe ab, die Unterschiede zu deuten?
Rabenfeder
*schnipp, schnipp*
*schaut erwartungsvoll*
*Fühlt sich aufgerufen und sagt:*


Bei der "Venus von Willendorf" käme eine Geist-Figur in Betracht, die die Fruchtbarkeit, die Mütterlichkeit, das Mysterium von Schwangerschaft und Geburt symbolisiert.
Die Frau an sich?
Die daran anschließende Frage müsste dann lauten:
Waren die Künstler zu jener Zeit schon in der Lage, etwas derartig Abstraktes wie die "Fruchtbarkeit" bildlich darzustellen, oder stellte der oder die Künstlerin einfach EINE bestimmte offenbar mit ausgeprägten weiblichen Rundungen ausgestattete (schwangere?) Frau dar? Die Tante zum Beispiel?
Ich persönlich kann mir ohne Weiteres vorstellen, daß sie dazu in der Lage waren. EDIT: zur Abstraktion


Beim Anblick der "Dame von Brassempouy" werde ich ganz verlegen, wovon die zarte Röte in meinem Gesicht Zeugnis ablegen mag.
Als ich das Bild vor ein paar Tagen zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich sofort eine ganz bestimmte Assoziation, habe mich aber dann geschämt, diese auch zu posten, da sie mir doch allzusehr an den Haaren herbeigezogen schien. Und in Flach-Witzform wollte ich sie auch nicht verpacken. Keine Ahnung, warum nicht.
Bevor ich jetzt noch viel mehr Lärm um Nichts mache, hier nun meine ursprüngliche Assoziation:

*räusper* (Trommelwirbel)

Ein vermenschlichter Schlangenkopf.

Abwegig?

-Der sehr lange schlanke Hals
-Der flache Kopf mit dem "Haargitter", welches auch ein Schuppenkleid darstellen könnte
-Die seitlichen Hautlappen einer Kobra in Vorsicht!- Ich beisse!-Stellung

Die hervorgehobenen drohenden Augen
Auch der Schatten unter der Nase verstärkt die bedrohliche Wirkung.

Ein Talisman mit einem Schlangen-Ich?
Ein starker (Abwehr?-) Zauber?
Das Seelentier-Abbild eines "bizarren Einzelgängers"?
Tom Riddle? ( Zwinker )


Oder doch einfach eine Frau mit überdimensional langem Hals und ziemlich unheimlichen Augen?
Oder noch nicht einmal unheimlich, sondern nur anders?



Gruss


Lucius


2.EDIT: Unsinn, für Schlangen war es zu kalt, oder nicht? Zumindest als es wieder mit den Temperaturen in den Keller ging. Also fehlte das direkte Vorbild in der Umwelt. Nix Schlangenkopf?

3. EDIT: Ohne Worte ( *lach* )
Rhetorix
Zitat:
Original von Lucius Farfane
...Ein vermenschlichter Schlangenkopf.
Abwegig?

geschockt
Nein, überhaupt nicht!
Es ist ja nicht nur der Schlangenhals (man kann sich gar nicht vorstellen, wo die Schulter mal anfangen sollten), sondern auch der 'geschuppte' Kopf und der fixierende Blick mit den Wülsten darüber. Und der Eindruck, dass man da nicht 'zugreifen' kann, sondern einen Abstand einhalten sollte.
Ich kann mir eine Schlangenfrau sehr gut darunter vostellen!


Zitat:
Unsinn, für Schlangen war es zu kalt, oder nicht? Zumindest als es wieder mit den Temperaturen in den Keller ging.

Lies hier!
Rabenfeder
Guten Morgen Rhetorix,


jetzt bin ich beruhigt. Ein Menschen-Schlangenkopf!

Alerdings will mir noch nicht ganz einleuchten, warum es sich um eine Frau gehandelt haben MUSS.
Du meinst, weil Frauen schon immer mit den Schlangen gut konnten? großes Grinsen

Im Ernst: Glaubst Du, die Schlangenmagie diente als Abwehr gegen allzu aufdringliche Verehrer?
Frauen passen besser zur giftigen Schlange, die Männer zum tumben Nashorn?

*lach*

Nein, wenn die Schlange zugleich auch noch Hellsicht, Fruchtbarkeit (ewiges Leben) und anderes ausdrücken soll, dann wäre eine Schamanin als Besitzerin/Trägerin und auch als Modell des Talismans ja überaus plausibel.

Aber vielleicht gefällt sich auch ein Mann mit einem mächtigem Schlangenzauber (und Zügen seines Gesichts?) ?
Muss der Kopf denn unbedingt einen Bart haben, um ihn als männlich einzuordnen?
Das sähe bestimmt nicht so bedrohlich, sondern ein wenig lächerlich aus, oder? Zwinker


Gruss


Lucius


Gruss


Lucius
Rhetorix
Zitat:
Original von Lucius Farfane
...Frauen passen besser zur giftigen Schlange, die Männer zum tumben Nashorn?

großes Grinsen
Bastle mal eine primitiv-bedeutungsschwere Schlange und ein ebensolches Nashorn, geh damit rund um die Welt hausieren, sage den Leuten, dass es sich um Götterfiguren aus einer Volksreligion handelt, und dann mach den Test, welches Symbol die Leute für die Göttin und welches sie für den Gott halten!


Zitat:
Aber vielleicht gefällt sich auch ein Mann mit einem mächtigem Schlangenzauber (und Zügen seines Gesichts?) ?
Muss der Kopf denn unbedingt einen Bart haben, um ihn als männlich einzuordnen?

Die Frage hat mich zur Verzweiflung getrieben.
Seit gestern versuche ich, einen Link auf die älteste bekannte Darstellung eines männlichen Gesichts zu finden, nämlich den 'Mann aus Brünn/Brno' .. AARRGH!!
Nix!

Ich habe eine Abbildung von ihm in einem meiner Bücher. Es handelt sich um eine ca. 22.000 Jahre alte, stark zerbrochene Elfenbein-Statuette. Das Gesicht ist gut erhalten. Der Mann scheint einen kurzgeschorenen Vollbart zu tragen. Seine Frisur ist genau das, was man 'Pisspottfrisur' nennt. Ein Schniedel ist auch dran an dem Ding, aber er ist nix Besonderes. Auch sonst hat der Typ gar nichts Magisches oder Rätselhaftes an sich. Wie Männer so sind.

Eigentlich ist dieses allerälteste Männergesicht ja was ganz Wichtiges.
Dass trotzdem im Netz keine Abbildung von ihm zu finden ist, ist bezeichnend.
Die Leute finden dicke, fette Venusse offenbar interessanter. So dachten sie damals, so denken sie noch heute. gruebel
Rabenfeder
Guten Morgen Rhetorix,


Du schreibst:
" Bastle mal eine primitiv-bedeutungsschwere Schlange und ein ebensolches Nashorn, geh damit rund um die Welt hausieren, sage den Leuten, dass es sich um Götterfiguren aus einer Volksreligion handelt, und dann mach den Test, welches Symbol die Leute für die Göttin und welches sie für den Gott halten! "


Jo, Punkt für Dich. smile


Glaubst Du wirklich, daß Frauen magischer oder rätselhafter als Männer sind?

Vielleicht haben bei all den Ergüssen der Dichter und anderer Künstler über Frauen allzuoft die Nicht-Habenden den Sprachgebrauch gemacht, wie Nietzsche es wohl formulieren würde?
Wenn Mann weibliche Motivationen nur einmal gründlich genug durchleuchtet, dann bleibt da auch nicht mehr viel Magie übrig. Sowenig wie bei Männern...

Gut, daß die wenigsten Männer Lust zur Entzauberung haben, warum sollten sie auch?
Und ich bin ebenso sicher, daß wenn Frauen aufhören würden, ihren männlichen Anhängseln so einiges anzudichten, was mehr ihrer Phantasie als der allzumännlichen Wirklichkeit entspricht, dann könnten wir alle gemeinsam einpacken und aussterben... Zwinker

Zum Mann von Brünn:
Ein richtiger JederMann also?
Es ist vielleicht durchaus sinnvoll so einen Durchschnittskerl abzubilden, wenn das Figürlein sich auch an Männer richtete.
So kann der Überdurchschnittliche mit dem gelassenen Lächeln des sich seiner Selbst gewissen Nicht-Jedermanns auf die Jedermann-Figur schauen, während der Zukurzgekommene sich beim Anblick vielleicht sogar geschmeichelt fühlen wird. So gut sehe ich aus? Das habe ich ja gar nicht gewusst! großes Grinsen

Ich habe auch mal im Netz gesucht, aber nix gefunden. Meine Hoffnung war eh' gering, wenn Du schon vergeblich Ausschau gehalten hast.
Aber ich hätte Dir schon gerne imponiert. fröhlich


Gruss


Lucius
Rhetorix
Apollo 11 Cave:

Dies hiersind die ältesten bislang bekannten Zeichnungen, für die völlig ohne Zweifel nur Homo sapiens als Urheber in Betracht kommt.
Das Alter der Zeichnungen wird auf 26.000 - 28.000 Jahre geschätzt. Sie wurden in Namibia gefunden.

Leider sind sie sehr verblasst und daher nur schwer zu deuten.

Immerhin lässt sich so viel sagen, dass sich die Gestalt auf der mittleren Abbildung mit ihrem irrealen, fantastischen Charakter von der sehr frühen europäischen Kunst grundsätzlich unterscheidet.
Rhetorix
Einige (viele?) Paläanthropologen vertreten die These, dass San/Buschmänner am deutlichsten dem ursprünglichen Typus des Homo sapiens entsprechen, aus dem sich nach Verbreitung über die Erde und vielfacher Vermischung die heutigen Menschenrassen entwickelt haben.
Es scheint, dass sie der kleinste gemeinsame Nenner aller heute lebenden Menschenrassen sind.
Obendrein haben sie ihre altsteinzeitliche Kulturform sehr lange beibehalten.

Interessanterweise haben auch sie Höhlenmalereien und Felszeichnungen geschaffen. Die ältesten sollen 20.000 Jahre alt sein.

Vielleicht ist der Gedanke nicht daher abwegig, die Felszeichnungen und Höhlenmalereien der San mit denen zu vergleichen, die man in Europa findet. Denn es könnte sich um ein und denselben künstlerischen 'Gedanken' handeln, der während der Altsteinzeit mit den Auswanderern seinen Weg von Afrika nach Europa gefunden hat.

Die ältesten bekannten Felszeichnungen habe ich im vorigen Beitrag schon vorgestellt.
Hier kommen weitere. Leider habe ich sie (noch) nicht datieren können.

Der erste Blick sagt, dass sie sich von den Malereien in der Chauvet-Höhle sehr deutlich unterscheiden.
Wir wollen aber mal sehen, ob sie den späteren europäischen Höhlenmalereien vielleicht mehr ähneln.

Bild 1 Bild 2 Bild 3 Bild 4 Bild 5
Rhetorix
Deutschland hat bekanntlich die Ehre, die ältesten bisher bekannten Kunstwerke zu beherbergen (sie wurden in der Schwäbischen Alb gefunden).

Kauft euch heute die FAZ!
Die bringt heute einen Artikel über das, was in den letzten Jahren bei den Spätzlefressern gefunden wurde.