Steinzeitliches Bilderbuch

mark
Zitat:
Original von Rhetorix
Spätzlefresser


ich muss doch sehr bitten!
Rhetorix
Hallo Spätzlekenner !
Ich war einfach mal davon ausgegangen, dass ohne eine tüchtige Protion Spätzle in Schwaben gar nichts gelingt, nicht mal das kleinste Mammutle.

Übrigens:

Wer sich wegen des Steinzeitkunst-Artikels die FAZ gekauft hat, soll mir seine Kontonummer mailen! Ich erstatte ihm den Kaufpreis. Da stand ja nicht mehr drin als im Online-Artikel - und das war schon maaager genug!
Weiß der Kuckuck, warum das Radio es für nötig hielt, auf so eine Nichtigkeit hinzuweisen...
Rhetorix
Versuch einer Rekonstruktion:

der älteste Maler Frankreichs
dessen Malerei uns bekannt ist

Er nahm seine Kunst mit in sein Grab.

Vieles von dem, was er im Dunkel der Höhle ohne lebendes Vorbild als inneres Bild sah und auf die Felswand bannte, kehrte in der gesamten Steinzeit
nie wieder.

Er nahm mit in sein Grab:

die Schattierung von Tierkörpern, vor allem der Muskelpartien, Nüstern und Mäuler der Tiere,
das Blitzen der Augen, durch Einbeziehung des weißen Untergrundes erreicht,
die halbe Seitenansicht, erst in der Neuzeit wiederentdeckt,
die Drehung von Körpen und Köpfen
den tierische Gestik von Kopfhaltung, Maulöffnung und Körperhaltung
den Kampf zweier Artgenossen mit genauer Beobachtung der Unterwerfungsgeste
die Andeutung der Perspektive.


Es ist, als hätte nach seinem Abtreten alle Kunst der Erde 5000 Jahre lang geschwiegen.
Rhetorix
Eindrucksvoll, befremdlich und nicht ganz geheuer die in diesem Bild dargestellte Szene:

Die erdrückende, leicht furchterregende Autorität des Künstlers (oder Schamanen?), der zu sehen scheint, was wir nicht sehen - und die beiden Jungen, die aufeinander bezüglich sind.

Die Jungen sind unterschiedliche Ausgaben ein und desselben Jungen. Man erkennt es an den gleichen Profilen. Doch der eine ist jünger und ein Hungerleider, der andere, wohlgenährte, schon auf dem Weg zum Heranwachsenden - der eine voll Schrecken, der andere ganz ungeniert.


Zur Zeit dieses Mannes wurde man nicht sehr alt; dieser Mann wird wohl nicht mehr lange leben.
Nicht mehr lange, und dieser Maler wird verschwinden.

Das steinzeitliche Kind, das ihm nicht gleicht, wird nachwachsen.
Es wird die Höhle der Bären- und Löwenbilder mit den naiven roten Punkten verzieren, die man schon neben ihm an der Wand sieht.

Heute ist dieses Kind immer noch nicht viel erwachsener geworden. Aber es geht ihm sichtlich besser.
Es wird in diese Szene mit befremdlicher Distanzlosigkeit eindringen und begreifen wollen.
Rhetorix
Am Anfang war die Kunst

Die Entdeckung der ältesten Kunstwerke der Menschheit.
oui
Danke für den Tipp, Rhetorix. smile

J. Updike sagte einmal etwas schönes über die Kunst:
"Als Kind war meine Vorstellung von Kunst, dass der Künstler etwas in die Welt setzt, was es vorher nicht gab, und dabei nichts zerstört. Man könnte das als Widerlegung der Theorie vom Erhalt der Materie bezeichnen. Für mich ist das der größte Zauber der Kunst, das eigentliche Wesen der Freude an ihr."

In diesem Sinne wünsche ich Dir viel Freude in dieser Woche

oui
Rhetorix
Dir auch eine schöne Woche, oui!

Sobald ich den Artikel gelesen habe, werde ich darüber berichten, evtl. auch kommentieren.
Rhetorix
Ein flott, flapsig und chaotisch geschriebener Leitartikel, der eine sorgfältige Befassung mit seiner Materie gewiss nicht erkennen lässt, und vor dem man eher warnen muss, als dass man ihn weiterempfehlen könnte.
Mir hat er nur eine einzige Information gebracht, die allerdings sehr aufregend ist - falls sie stimmt.

Hier mein Versuch, den etwas wirren Artikel zusammenzufassen:

Vor ziemlich genau 46 T Jahren betraten die modernen Menschen von der Ägäis kommend die Bühne Europas. Eine Gruppe zog südlich der Alpen Richtung Italien, eine zweite wanderte entlang der Donau und erreichte vor ca 41 T Jahren das Gebiet der schwäbischen Alp, in deren Höhlen die allerältesten Kunstwerke gefunden wurden.
Die ältesten in Europa gefundenen Gebeine moderner Menschen sind ca. 35 T Jahre alt und wurden in Rumänien gefunden (Pestera cu Oase), die mit ca. 31 T Jahren zweitältesten fand man in Tschechien (Mladec).
Bald nach dem Eintreffen moderner Menschen in Europa starben die Neandertaler aus, nämlich vor ca. 28 T Jahren auf der iberischen Halbinsel.

In den Kältesteppen Europas - "gleichsam in der Diaspora" - entdeckte der moderne Mensch die Kunst: "Erst bei seinem Vorstoß nach Europa wurde der Mensch jäh von der Muse geküsst."
Er entdeckte die Kunst nicht etwa allmählich vortastend, sondern in einem abrupten Kultursprung, und zwar gleich dreifach:

die Plastik als Geburt der Kunst:
35.500 bis 38.500 Jahre alt sind die in Schwaben gefundenen Kleinplastiken aus Mammut-Elfenbein, und 32.000 Jahre alt ist eine kleine, in Österreich gefundene Frauenfigur ('Tänzerin') aus Stein.
Der nächste Schritt waren dann vor ca. 28 T Jahren die üppigen Frauenfiguren ('Venusse').

die Malerei:
In der südfranzösischen Chauvet-Höhle mit ihren ca. 32 T Jahre alten Tierbildern erreichte die Malerei einen prachtvollen Höhepunkt.

die Musik:
30 - 35 T Jahre alt sind die 4 Flöten, die in Schwaben gefunden wurden. Eine von ihnen ist aus einem Stoßzahn geschnitzt. Sie besteht aus 2 ausgehöhlten Hälften, die mit Birkenpech zusammengeleimt wurden, und hat 3 Grifflöcher, so dass eine Melodie spielbar war.


Wozu überhaupt Kunst?

Die Geburt der Kunst vollzog sich aus dem Geist der Magie.
Die kleinen Figuren waren Talismane, Amulette und/oder Totems.

"Eine der weitestverbreiteten magischen Prozeduren, um einem Feind zu schaden, besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm zu machen." (S. Freud)

Gründe hierfür gab es genug, denn der Eiszeitjäger stand nahezu ohnmächtig einer gnadenlosen Natur gegenüber.
Zwar versprach die Tierwelt Nahrung im Überfluss, weshalb die Neu-Europäer ihr auch gern nachstellten. Doch die Jagd barg entsetzliche Risiken, und es gab viele Todesopfer. Die Knochenbrüche der Neandertaler ("typisch für Rodeo-Reiter", so E. Trinkaus) zeugen davon.
Daher "schrumpfte" der Eiszeitjäger, was ihn bedrohte, mit Hilfe der Kunst auf ein handliches Format, das er magisch beherrschte.

Beeindruckend ist, dass vor allem starke und gefährliche Tiere abgebildet wurden, wohingegen z.B. Schnecken, aber auch alle Pflanzen, völlig fehlen. Mammuts wurden daher häufig abgebildet, noch öfter aber der Löwe, König der Tiere.

Vor ca. 28 T Jahren wandelte sich dann das Bild, und es gab in ganz Europa 'Venus'-Figurinen, gesichtslose, dicke, aber nicht unbedingt schwangere Frauen, deren Bedeutung letztlich noch nicht geklärt ist. Sie könnten mit einem Sex-Kult in Verbindung stehen, wofür auch das etwa gleichzeitige Auftreten der ersten Phallus-Abbildungen spräche.

Allerlei knifflige Deutungsarbeit steht uns noch bevor.
Rhetorix
Dies vorab:

Ich glaube nicht daran, dass unsere Vorfahren in der "Diaspora Europa" jäh von der Muse geküsst wurden.
So etwas ist unwissenschaftlich und gehört in den Bereich des Mythos.
Viel mehr noch als das scheinbar plötzliche Auftauchen von Kunst beeindruckt mich deren (scheinbares?) plötzliches Verschwinden, das der SPEGEL-Titel kaum auch nur erahnen lässt.

Doch zuvor müssen wir die Faktenlage ein wenig korrigieren und Fehlendes ergänzen:

Die Datierung von steinzeitlichen Knochenfunden betreffend, gab es in den letzten Jahren eine Revolution, die am Verfasser des Artikels zumindest zum Teil vorbeigegangen ist. Wer sich an einer mehr als 4 Jahre alten Literatur orientiert, ist daher schon auf dem Holzweg, denn er hat unstrittige Fehldatierungen als Gewissheiten im Kopf.

So ist es heute nicht mehr vertretbar zu behaupten, "vor ziemlich genau 46.000 Jahren" seien moderne Menschen nach Europa eingewandert.
Wann sie erstmals ihren Fuß auf diesen Koninent setzten, weiß heute kein Mensch mehr. Man ist sich dessen viel weniger sicher als noch vor wenigen Jahren.
Unumstritten sind meines Wissens die beiden im Artikel genannten Fundorte in Rumänien (ca. 35 T Jahre) und Tschechien (ca. 31 T Jahre).
[Wenn ihr den Artikel selbst lest und euch die Karte mit der angeblichen Wanderungsbewegung anseht, dann beachtet bitte, dass der Grafiker das Totenkopf-Symbol für den rumänischen Fundort über Istrien gesetzt hat, das sicherlich nicht zu Rumänien gehört!]
Alle anderen Beweise für die Anwesenheit moderner Menschen in Europa sind für die Zeit vor mehr als 30 T Jahren sehr unsicher.
Dass man außer in Rumänien und Tschechien nichts Sicheres gefunden hat, vor allem für die Zeit vor mehr als 40 T Jahren rein gar nichts, besagt natürlich nicht, dass es in dieser Zeit keine modernen Menschen in Europa gab. Ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich, dass sie es seit etlichen zigtausen Jahren immer mal wieder versucht haben, dass diese frühen Versuche aber nicht zu dauerhafter Besiedlung führten, sondern die Pioniere entweder in dieser feindlichen Umwelt wegstarben oder wieder zurückwanderten.

Im Hinblick auf die im Leitartikel genannten frühesten Kunst-Fundorte Deutschland, Frankreich und Österreich ist immerhin festzuhalten, dass es dort keine Skelettfunde von modernen Menschen für die Zeit vor mehr als ca. 30 T Jahren gibt und ebenso wenig Artefakte (Werkzeuge, Schmuck, Farben), die eindeutig mit dem modernen Menschen (und nur ihm) assoziiert werden könnten.

Dass die Neandertaler - wiederum jäh - nach dem Auftauchen moderner Menschen in Europa ausgestorben wären, ist gleichfalls revidiert und kann anständigerweise nicht mehr behauptet werden.
Zunächst einmal trifft es nicht zu, dass sie zuletzt nur auf der iberischen Halbinsel vorgefunden wurden. Ein anderer, ebenso später Fundort befindet sich - weit weg davon - in Kroatien (Vindija), ein weiterer sehr später an der Nordküste des Schwarzen Meeres wird diskutiert. Der bislang früheste Fund (meines Wissens nicht von Knochen, sondern von eindeutigen N.-Artefakten) wird inzwischen auf die Zeit vor 26 T Jahren datiert (in Südspanien).

Im Hinblick auf die im Leitartikel genannten Fundorte ergibt sich für Neandertaler folgendes Bild:
Späte Funde von Neandertaler-Knochen und Artefakten findet man in Frankreich häufiger als irgendwo sonst. Der späteste deutsche Knochenfund liegt nahe Salzgitter (der Mettmanner Neandertaler ist schon ca. 40 T Jahre alt), doch späte Artefakte fand man auch am Rhein. In Österreich fand man keine, wohl aber in "k.u.k.-Österreich" (nämlich Kroatien).


Nun weiter:

Bis vor Kurzem wurde allgemein von einer technischen Überlegenheit des modernen Menschen über den Neandertaler ausgegangen.
Das hat sich bislang aber nicht bestätigen lassen, denn man fand keine überlegene Technik gleichzeitig oder kurze Zeit später lebender moderner Menschen. Richtig ist zwar, dass der moderne Mensch z.B. die Speerschleuder und den Angelhaken erfand; diese Erfindungen sind jedoch wesentlich jünger als 30 T Jahre.
Die Vorstellung, dass moderne Menschen sich geschmückt und mit Farben hantiert hätten, Neandertaler aber nicht, ist klar widerlegt. Auch bei Neandertalern fand man Farben und aufgefädelte Zähne. Seltsamerweise schätzten offenbar beide Arten die Zähne vom Polarfuchs. Erst dachte man, Neandertaler hätten sie von unseren Vorfahren eingehandelt (natürlich zu doof, um die selbst zu durchbohren). Dann stellte sich aber heraus, dass das System der Durchbohrung hüben und drüben nicht dasselbe war, sondern Cro magnon-Menschen die Bohrstelle erst einmal dünn schliffen und dann bohrten, wohingegen Neandertaler ohne Vorschleifen bohrten.

Hingegen fand man zur großen Überraschung eine sehr alte Neandertaler-Technik, die beim modernen Menschen erst zigtausende von Jahren später belegt ist.
Dieses Know how ist bei Neandertalern für die Zeit vor mindestens 40 T Jahren nachgewiesen, kann aber auch schon 80 T Jahre alt sein. Beim modernen Menschen entdeckt man es erst vor knapp 10 T Jahren: nämlich das Verkleben mit Birkenpech (ziemlich umständlich verkochtem Birkenharz).

Womit wir bei der Elfenbein-Flöte wären, die - laut SPIEGEL-Artikel - aus zwei mit Birkenpech verleimten Hälften besteht (das war für mich das aufregend Neue).
Dieser Gesichtspunkt spricht nicht unbedingt dafür, den modernen Menschen als ersten Flötenbauer anzusehen.
Ich wage die Behauptung, dass sogar das Gegenteil der Fall ist.
Es liegt nämlich nicht einmal nur am Birkenpech, das schon ein gewaltiges Argument wäre, sondern auch daran, dass solche Flöten ungeheuer lange nicht wieder auftauchen, obwohl der moderne Mensch ja fortexistiert hat und wohl auch weiter geflötet hätte, wenn er es vor 35 T Jahren gewollt und gekonnt hätte.

Weiter zur Flöte, denn mit ihr kenne ich mich aus eigener Erfahrung viel besser aus als mit der Plastik und Malerei:
Es ist völlig undenkbar, mit der Flöterei anzufangen, indem man sich aus Elfenbein ein Instrument mit mehreren Grifflöchern schnitzt!
Der erste Versuch geschieht aus Neugier mit einem einfachen Rohr, z.B. einem hohlen Knochen oder einem Schilfrohr. Man bläst über die Kante und stellt fest, dass ein Ton kommt. Man bläst und bläst und stellt fest, dass man den Ton allein schon durch Blasen verändern kann. Auf diese Weise kann man z.B. Signale pfeifen oder ganz gruselig jaulen.
Danach kommen 2 völlig verschiedene weitere Schritte, ein handwerklicher und ein musikalischer:
Der handwerkliche Schritt ist, ein Flötchen aus einem haltbareren Material als Schilfrohr herzustellen. Der andere Schritt ist das Hineinbohren eines Grifflochs, um zwei unterschiedliche Töne erzeugen zu können, was schon eine sehr spannende Sache ist.
Der handwerkliche Schritt von der Holz- zur einer Elfenbein-Flöte ist weit. Noch weiter aber ist der musikalische Schritt von der Ein-Loch-Flöte zur Mehr-Loch-Flöte, da er eine Vorstellung von Intervallen voraussetzt!
[Ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass die Neandertaler-Schädel dort, wo im Gehirn das akustische Zentrum sitzt, eine starke Vorwölbung hatten, die man beim modernen Menschen nicht findet.]

Wer auch immer diese Flöten fabriziert haben mag:
Sie entstanden auf gar keinen Fall mit einem Start von 0 auf 100, sondern setzten ein allmähliches Herantasten sowohl an die Schnitztechnik wie an das Gefühl für differenzierte Klangerzeugung voraus.
Der jähe Kuss der Muse ist einfach nur Unsinn.
Was man nicht fand, ist entweder verrottet (weil aus Schilf und Holz), oder noch nicht gefunden, oder endgültig verloren.

Nicht anders verhält es sich meines Erachtens mit Plastik und Malerei.
Wer nicht einem irrationalen Genie-Kult frönt, kann sich nicht einbilden, dass so etwas plötzlich aus dem Nichts oder durch Musenkuss entsteht.
Man sehe sich doch einmal an, wie Kinder sich an das Zeichnen und Modellieren herantasten!


Wozu das Ganze?

Die Vermutung, es habe sich um Talismane, Amulette oder Totems gehandelt, steht nicht erst im SPIEGEL.
Das kann man schon, von Laien ausgeknobelt, in den Neandertaler-Threads dieses Forums nachlesen.
Gegen diese Deutungen habe ich nichts Grundsätzliches einzuwenden.

En detail sieht es aber schon anders aus, denn es ist nicht dasselbe, ob man sich einen Feind durch Verkleinerung unschädlich macht oder sich ein Totem zulegt.
Das Totem 'ist' man nämlich selbst.

Der SPEGEL irrt mit seiner Behauptung, in den steinzeitlichen Höhlen seien vor allem starke und gefährliche Tiere abgebildet worden.
Das trifft nicht einmal auf die älteste Höhle, nämlich die Chauvet-Höhle, zu.
Richtig ist, dass man dort eine eindrucksvolle Zahl gefährlicher Tiere sieht (Löwen, Bären, Hyänen, Nashörner, Mammuts, Auerochsen). Genau so beliebt war aber die Darstellung von Tieren, die (aus damaliger Sicht) eher ungefährlich und vor allem lecker waren (Rentiere, Hirsche, Pferde). Und auch ein Tier, das weder schmeckt, noch gefährlich ist, gesellt sich dazu: der Uhu.
Man muss kein Rentier auf die Wand bannen, um die Angst vor ihm in den Griff zu bekommen!
Und man muss aus diesem Grund auch keine Ente schnitzen!

Die Bilder aus der Chauvet-Höhle und die Tier-Plastiken aus Schwaben lassen daher meines Erachtens daher nicht die Deutung zu, sie seien (allesamt) in dem Bemühen entstanden, die Angst vor der übermächtigen, brutalen Natur durch Magie zu überwinden.

Auf die auffallend häufigen Löwen-Darstellungen in der Plastik (Schwaben) und Malerei (Provence) der Zeit vor mehr als 30 T Jahren weist der SPIEGEL allerdings mit Recht hin.
Warum fällt uns das aber so sehr auf?
Es ist deshalb bemerkenswert, weil die Löwen später in der gesamten Steinzeit nie wieder auftauchen (obwohl es sie noch in geschichtlicher Zeit in Europa gab)!
Auch Hyänen und Bären gibt es nicht mehr.
Soweit in späterer Zeit Tiere abgebildet werden, haben sie als gemeinsamen Nenner vielmehr samt und sonders: sie sind Pflanzenfresser und schmecken gut.
Keine spätere Höhlenmalerei bildet je ein Tier ab, das nicht Beute, sondern Feind gewesen wäre. Jede spätere Höhlenmalerei schildert vielmehr die beeindruckendsten Zutaten des Speisezettels.

Die Angst vor der Jagd war es also nicht (zumindest nicht ausschließlich), die das Löwenbildnis zustande brachte, sondern viel eher das Symbol des Totems.
Dieses Totem verschwand in der folgenden Zeit - ebenso wie diejenigen Menschen verschwanden, die nach Art der Löwen jagten und fraßen.
Es verschwanden auch diejenigen Menschen, deren Knochenbrüche in erschreckender Zahl von den Gefahren der Jagd auf großes, gefährliches Wild erzählen; denn die Knochen der Späteren, die sich mit kleinerem Wild und sogar mit Schnecken und Pflanzen begnügen konnten, schildern eher die Vermeidung solcher Gefahr.


Der SPIEGEL-Artikel erweckt den Eindruck, als sei die Kunst - Plastik, Malerei und Musik - in der Zeit, die auf die frühesten Kunstwerke folgte, ununterbrochen präsent gewesen.
Dieser Eindruck wäre aber vollkommen irrig!
Die bildende Kunst verschwand in der Versenkung, ebenso wie die Menschen aus Europa verschwanden, deren Gehirnschädel in Bereich des visuellen Zentrums eine starke Vorwölbung hatten.

Die Plastik schwieg nach den Tier-, Menschen- und Zwitterwesen-Bildnissen der Zeit vor 32 - 35 T Jahren etwa 7.000 Jahr lang.
Etwa so viel Zeit trennt die Venus von Willendorf von den schwäbischen Tierchen, dem Löwenmann und der österreichischen Tänzerin.
So viel Zeit trennt uns Heutige vom Beginn der Jungsteinzeit.

Die Malerei schwieg nach den ca. 32 T Jahre alten Malereien der Chauvet-Höhle noch viel länger, bis sie eine auch nur halbwegs vergleichbare Höhe (wenn auch in der Steinzeit nie wieder ganz dieselbe) erreichte.
15 T Jahre trennen die Chauvet-Höhle von der Höhle von Lascaux, ca. 17 T Jahre von der Höhle von Altamira.
So viel Zeit trennt uns vom Ende der letzten Eiszeit.

Wieviel Zeit bis zur Wiederentdeckung der Flöte mit Grifflöchern verging, ist gar nicht auszudenken.
Rhetorix
Zwei Hände
und das Fragment einer Flöte


Die Flöte ist im oberen Teil zerstört. Wo jetzt nur noch ein 'Steg' vorhanden ist, muss sie sich bis zum 'Mundstück' fortgesetzt haben.
Man vermutet, dass sie als Langflöte von oben anzublasen war (wie die Röhren einer Panflöte). Da das obere Stück fehlt, ist eine sichere Feststellung aber nicht möglich, so dass es sich theoretisch auch um eine Querflöte gehandelt haben könnte.

Das Instrument ist ca. 35.000 Jahre alt und besteht aus Mammut-Elfenbein.

Es wurde aus zwei Halbröhren gefertigt, die passgenau zusammengefügt werden konnten. Wie der Flötenbauer das damals gemacht hat, ist mir ein Rätsel. Er hatte ja nicht einen Hohlknochen (eine Röhre), die er der Länge nach hätte halbieren können.
Erstens sind Mammut-Stoßzähne nämlich keine so dünnen Röhren. Zweitens hätte man eine Elfenbein-Röhre auch nicht längs durchschneiden und anschließend wieder zusammenpassen können. Womit denn? Sägen gab es zweifellos nicht, und mit einem Steinmesser hätte man niemals einen so feinen Schnitt machen können, dass sich beide Hälfte anschließend wieder lückenlos zusammenfügen ließen.
Das heißt: jede Hälfte musste gesondert aus dem Mammut-Stoßzahn herausgearbeitet, ausgehöhlt und vor allem auf der Innenseite schön geglättet werden. Und anschließend mussten die Hälften genau aufeinander passen.
Das alles mit Feuerstein-Werkzeug.

Allgemeine Meinung ist, dass die beiden Hälften dann luftdicht zusammengeklebt wurden.
Der SPIEGEL-Leitartikel behauptet: mit Birkenpech.
Gefunden hat man dieses Birkenpech aber wohl nicht. Also ist es nur eine (allgemeine) Vermutung.
Wenn sie zuträfe, wäre sie ein erhebliches Indiz für ein Neandertaler-Artefakt. Was den modernen Menschen betrifft, weiß man nämlich nicht, ob er in der Altsteinzeit überhaupt schon mit Klebstoffen hantiert hat.
Aber diese Archäologen sind ja immer so voreilig!
Man musste die Hälften vielleicht überhaupt nicht zusammen kleben. Ich als alter Steinzeitmensch weiß nämlich, dass man auch mit eingeweichten Sehnen sehr feste Verbindungen machen kann. Die Sehnen ziehen sich beim Trocknen zusammen, und dann ist es bombenfest.
Die Flöte hat an beiden Seiten eine Reihe von Kerben, was wie eine Verzierung aussieht und wohl auch so gemeint war.
Darüber hinaus hätten diese Kerben aber auch den praktischen Vorteil, ein Verrutschen der Umwickelung zu stoppen.
Und obendrein hätte auch die Umwicklung als Zierde aufgefasst werden können (wie bei barocken Trompeten).
Natürlich würde die Flöte dadurch nicht luftdicht; aber für die Dichtigkeit reicht irgendwas, das man in die Ritzen schmiert, z.B. ganz gewöhnliches Harz.

Die Flöte hat mindestens 3 Grifflöcher (vielleicht auch noch ein viertes, das sich im verlorenen Oberteil befand).
Diese Grifflöcher sind eindeutig planvoll von Menschenhand gemacht, also kein Raubtierbiss wie bei der 'Flöte' aus Divje Babe, die in einigen Köpfen immer noch als ältestes Instrument herumgeistert.
Die Stimmung erfolgte ungefähr im Terz-Intervall, nach heutigen Begriffen unrein, aber mit der Blastechnik korrigierbar.
Man kommt nicht umhin, sich vorzustellen, dass damals schon Dreiklänge gespielt - und erst recht gesungen - wurden.

Das kleine Ding ist so unglaublich, dass ich die Kreationisten fast verstehen kann. Oder diejenigen, die an Besuche von Außerirdischen glauben. großes Grinsen
Dieses Instrument passt einfach nicht in diese frühe Zeit - und trotzdem ist es unbestreitbar derartig alt.
Rhetorix
Auf der Pirsch nach anderen archaischen Musikinstrumenten bin ich wiederum auf eine Flöte als nächstälteren Instrumentenfund gestoßen.
Es handelt sich um das kleine Pfeifchen aus der österreichischen Gudenushöhle. Sein Alter wird auf 10.000 - 16.000 Jahre geschätzt (warum weiß man es nicht genauer?).

Zwischen dieser (Signal-?) Pfeife und der Flöte aus der Geißenklösterle-Höhle liegen rund 20.000 Jahre (vielleicht auch mehr) und ein deutlicher 'Qualitäts-Unterschied - ein Phänomen, das man in ähnlicher Weise auch bei der Höhlenmalerei vorfindet.


Übrigens wundert mich, dass es wiederum eine Flöte ist.
Warum ist Fred Feuerstein nicht vor allem auch auf die Idee gekommen, in ein Rinderhorn zu blasen?
Aurom
muss das wirklich ein musikinstrument sein? sieht mir eher nach einer lockpfeife aus... gruebel
Rhetorix
@ Aurom:
Man weiß ja nicht, welche Musik die Feuerstein-Band gespielt hat, aber auch mir sieht die jüngere Flöte nicht einem Musikinstrument, sondern eher nach einem Pfeifchen für bestimmte Zwecke (für Signale? zum Locken?) aus. So klein wie es ist, muss es sehr schrill gewesen sein. Außerdem wurde es als sehr oberton-arm ausgetestet. Die ältere Flöte (relativ tief klingend, wie ich las) hat hingegen alle Merkmale eines Instruments.
Rhetorix
Natürlich drängt sich die Frage auf, wer die Tierchen und die Flöten schuf, die auf der Schwäbischen Alb gefunden wurden.
Waren es 'moderne Menschen' oder Neandertaler?

Die Wissenschaft benimmt sich seit jeher irrational und durchaus unwissenschaftlich, wenn es darum geht, was Neandertaler konnten oder nicht konnten.

Würden sie doch wenigstens Epikurs 2.300 Jahre alte Ratschläge beherzigen! großes Grinsen

Epikur fand, man müsse nicht alle Fragen eindeutig beantworten können (er selbst z.B. könne es vielfach nicht).
Oft dürfe man es nicht einmal tun!
Es sei ein Fehler, eine plausible Lösung gefunden zu haben und sie sogleich als richtig zu akzeptieren.
Zunächst sei nämlich der Versuch zu unternehmen, weitere gleichfalls plausible Lösungen zu finden, die sich gleichfalls mit allen Beobachtungen vereinbaren lassen.
Wenn mehrere Antworten gefunden seien, so sei es falsch - und noch schlimmer: Mythenbildung! - sich willkürlich für eine der Antworten zu entscheiden.
Dann müsse man zugeben, dass man es nicht genauer wisse.
Klingt überaus simpel und einleuchtend, wird aber trotzdem nicht so gehandhabt.

Von Anfang an 'wusste' man, dass Neandertaler so gut wie nichts konnten.
Das war sozusagen ein Axiom, an dem sich ohne Alternative jede Beurteilung im Einzelnen orientierte.

erstens:
Neandertaler konnten nicht wirklich aufrecht gehen.
Das wurde immerhin nicht ganz aus der Luft gegriffen, sondern aus dem extrem arthrotischen Skelett eines Mannes geschlossen, der wohl tatsächlich auf Grund seiner Krankheit nur noch am Stock gehen konnte. Die Krankheitssymptome waren aber gar nicht zu verkennen; also hätte man sich nicht derart irren müssen.

zweitens:
Neandertaler konnten nicht jagen. Sie ernährten sich ausschließlich von Aas.
Das war schon ziemlich perfide und überdies völlig aus der Luft gegriffen. Wahrscheinlich steckte die Überlegung dahinter, dass man sich mit der 'Neandertaler-Keule' nur gegenseitig den Kopf einschlagen, aber kein Reh erlegen kann.
Inzwischen weiß man, dass sogar schon die 200.000 Jahre älteren Vorfahren des Neandertalers (nicht: des modernen Menschen) mit ziemlich guten Fernwaffen gejagt haben. Auch an ziemlich große Tiere wie den Waldelefanten trauten sie sich heran.

drittens:
Neandertaler konnten nicht sprechen.
Auch das war nicht restlos aus der Luft gegriffen, denn man hatte das für die Sprache erforderliche Zungenbein nicht gefunden. Man hätte sich aber sagen können, dass man auf Kleinigkeiten bei Neandertaler-Funden nie geachtet hatte, so das solche Dinge, falls vorhanden, im Abraum verschwunden waren.
Das Zungenbein ist inzwischen gefunden.

viertens:
Neandertaler konnten sich keine richtige Kleidung machen, denn sie konnten nicht nähen. Sie hatten nämlich keine Nähnadeln.
Das war arg irrational, denn wie hätten sie das subpolar kalte Kälte-Maximum vor 60 - 70 T Jahren überlebt, wenn sie nur den Kopf durch ein Loch im locker schlackernden Bärenfell gesteckt und weder dicht schließende Kleidung noch Schuhe gehabt hätten? Und welcher Trottel käme auf die Idee, Leder mit der Nadel zu nähen (mit einer Sehe als Faden)?
Inzwischen sind gebrauchte Ahlen als Beweismittel für die Herstellung von Lederkleidung gefunden worden. Außerdem konnten die N., wie schon erwähnt, bereits recht früh verkleben. Damit ließen sich sogar dicke Schuhsohlen herstellen.

fünftens:
Neandertaler haben nie gelernt, mit Elfenbein und Horn zu arbeiten.
Auch die Bearbeitung dieser schwierigeren Materialien (die nicht behauen, sondern geschnitzt werden mussten) ist inzwischen belegt.

sechstens:
Neandertaler haben keinen Schmuck getragen.
Als man zum ersten Mal Zähne mit Löchern zum Auffädeln bei ihnen fand, hieß es, sie hätten sie von modernen Menschen eingetauscht. Doch die Technik war in beiden Fällen verschieden.
Als man runde Hornscheiben mit Löchern (wohl zum Aufnähen auf die Kleidung), also eine Art von Zier-(?)Knöpfen, fand, hieß es gleichfalls, sie hätten sie von modernen Menschen eingetauscht; denn die Technik des Plattschleifens von Horn erschien außergewöhnlich. Man hat solche Scheiben aber dann auch noch woanders an Neandertaler-Fundstellen gefunden, doch nie bei modernen Menschen.

siebtens:
Das Gehirn der Neandertaler war dem unseren unterlegen.
Dieses Argument ist insofern sehr kühn, als die Paläontologie den intellektuellen Fortschritt vom Affen zum Menschen wie selbstverständlich an der zunehmenden Gehirngröße abliest - das Gehirn der Neandertaler im Durchschnitt aber (bei etwas geringerer Körpergröße) um ca. 150 cm³ größer war als das von uns heutigen Menschen, und somit das größte war, das eine Primatenart (einschließlich H. sapiens) je hatte.
Doch dann heißt es, es komme mehr auf die Fältelung des Gehirns als auf seine absolute Größe an. Bisher hat aber noch niemand festgestellen können, dass das Gehirn der N. geringer gefältet war als das unsere. Warum hätte es denn auch?
Das sonderbarste Argument, das ich neulich las, war: Die Größe der Gehirne sei eine Anpassung an die Kälte gewesen. Aha. Weil es dann nichts ausmacht, wenn einem die äußeren Schichten abfrieren?
Aber mit der Kälte hat es wohl mittelbar in zweierlei Hinsicht zu tun. Erstens übt ein (sub)polarer Lebensraum einen starken Druck auf eine weitgehend fleischliche Ernährung aus (denn Tiere gibts dort, aber keinen Salat); und diese proteinreiche Ernährung führt bei der betreffenden Art nach und nach zum Gehirnwachtum. Zweitens überlebt in einer extrem feindlichen Umgebung nur der, der ihr die besten Techniken entgegensetzen kann (kein menschliches Überleben im Eis ohne Schuhe).

Sicher habe ich noch das eine oder andere, was Neandertaler auf Grund des Axioms gleichfalls nicht konnten, übersehen; doch jetzt muss ich endlich zum Punkt und Schluss kommen:

achtens:
Neandertaler konnten keine Figürchen schnitzen, keine Tiere an Wände malen und ganz sicher auch nicht Flöte spielen.
Sie haben zwar selbst Horn bearbeitet, sie benutzten erwiesenermaßen auch sämtliche Farben, die man für Wandmalereien brauchte, es ist mindestens ein Neandertaler-Jagdplatz (oder mehrere?) in der Schwäbischen Alb gefunden worden, und in Südfrankreich hielten sie sich mit Vorliebe auf.
All das ist auch mit ihnen verschwunden und erst Tausende von Jahren auf niedriger Stufe wieder erschienen.
Trotzdem handelt es sich bei alledem um Produkte des modernen Menschen, Einwanderers nach Europa, von dem man weit und breit noch kein entsprechend altes (über 32 T Jahre altes) Knöchelchen nördlich und westlich von Rumänien gefunden hat.


Für diese Irrationalität gibt es sicher einen Grund.
Es scheint mir, dass die Neandertaler von ihrer ersten Entdeckung an einen wunden Punkt bei uns berührt haben.

Ist es die Angst vor einer narzisstischen Kränkung, die noch ärger sein könnte als die Erkenntnis, dass die Erde nicht im Mittelpunkt der Welt ruht?
Ramjet
@Rhetorix

Ja, diese patriotische Geistesstörung ist weit verbreitet:

"Wir sind die Besten! Wie kann ich das Beweisen?"

Sollte man demnächst herausfinden, dass wir ein paar Neandertalergene
in uns tragen würde er bestimmt im Handumdrehen zum Urzeithelden hochstilisiert.
Manche westlichen Wissenschaftler scheinen die emotionale Reife eines 4jährigen zu haben.
Rhetorix
Zitat:
Original von Ramjet
...Sollte man demnächst herausfinden, dass wir ein paar Neandertalergene in uns tragen würde er bestimmt im Handumdrehen zum Urzeithelden hochstilisiert...

Ich bin sicher, dass die möglichen Fähigkeiten der Neandertaler auf einen Schlag ganz anders gesehen würden, wenn sich (was letztlich mmer noch nicht ausgeschlossen ist) herausstellen würde, dass auch sie zu unseren Vorfahren zählen.

Man mag aber gar nicht darüber nachzudenken, was sich dann in manchen (europäischen) Köpfen zusammenbrauen würde. "Wir sind Papst" wäre nix dagegen. Man 'fände heraus', dass es das Kultur-Gen sei, das "uns Europäern" (und allenfalls noch den Juden) von den Neandertalern vererbt wurde und mit dem wir die gesamte Menschheit, biologisch begründet, beglückt haben.

Der political corrrecte Gedanke, dass Vorfahren aller heutigen Menschen die ersten frühen Künstler waren, ist viel schöner, beruhigender und ungefährlicher.
Es ist auch viel weniger beunruhigend, vom Aussterben einer gleichsam minderwertigen, entsorgungsbedürftigen anderen Menschenart auszugehen, als für möglich zu halten, dass die Natur imstande ist, auch Menschheiten mit kulturellen Fähigkeiten restlos und ohne Rückstände auszumerzen (weg mit Schaden!).

Und es scheint fast jedem sehr schwer zu fallen, eine Antwort auf diese Fragen, die unsere eigenen Wurzeln betreffen, schuldig zu bleiben und zu sagen: "Es gibt mehr als nur eine plausible Antwort. Ich weiß es daher nicht."
Sophie
Zitat:
Original von Rhetorix


Für diese Irrationalität gibt es sicher einen Grund.
Es scheint mir, dass die Neandertaler von ihrer ersten Entdeckung an einen wunden Punkt bei uns berührt haben.


Es sind ja nicht nur die Neandertaler, die wie wilde unwissende Tiere gedacht wurden.
Auch heute kann man gut bemerken, dass Menschen meinen, Denken und Kultur und Weisheit würde im Laufe der Geschichte mehr oder wäre nur in ihrer Kultur zu finden, dabei vergessen sie, dass die Fähigkeit Probleme zu lösen, Kultur zu leben und darüber nachzudenken, auch bestand, als sie selbst nocht nicht lebten.

Zitat:
Ist es die Angst vor einer narzisstischen Kränkung, die noch ärger sein könnte als die Erkenntnis, dass die Erde nicht im Mittelpunkt der Welt ruht?


Das wäre ja Blödsinn, denn die Spur unserer Ahnen, ob nun Neandertaler oder nicht, läge auch bei einer unabhängigen Art im Dunklen, denn irgendwo müssen wir dann ja auch hergekommen sein und dass der Homo sapiens sapiens einer streitbaren, zur Kunst fähigen Erdbevölkerung den Garaus gemacht haben sollen, ist ja wohl nichts, was für rühmlich gehalten werden muß.
Chris
Zitat:
Original von Rhetorix
Die Stimmung erfolgte ungefähr im Terz-Intervall, nach heutigen Begriffen unrein, aber mit der Blastechnik korrigierbar.
Man kommt nicht umhin, sich vorzustellen, dass damals schon Dreiklänge gespielt - und erst recht gesungen - wurden.

So fasziniert ich auch von der Steinzeitflöte bin, denke ich, dass Du Dich hier etwas missverständlich ausdrückst. Die Intervalle, die wir heutzutage in der westlichen Welt als "rein" oder gar "harmonisch" bezeichnen, sind eine äußerst junge Erfindung. Von den damaligen Harmonievorstellungen haben wir keine Ahnung - diese Menschen hörten praktisch anders als wir.
Deswegen halte ich es für etwas vermessen zu sagen, sie hätten die Intervalle korrigieren wollen, wie bei Deiner Bemerkung leicht der Eindruck entstehen könnte. Auch deren Mehrklänge ("Dreiklang" ist hier ein äußerst irreführender Begriff, da er durch unsere heutige Interpretation als etwas mehr oder weniger Harmonisches gedeutet wird) dürften für unsere an temperierte Instrumente und Oktavsystem gewöhnte Ohren mehr als befremdlich geklungen haben. Wer Deinen Text liest, sollte also den Fehler vermeiden, der Musik der Steinzeitmenschen in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten mit der unseren zu unterstellen.

Ansonsten halte ich das hier für einen sehr wertvollen Thread. Vielen Dank, Rhetorix!

Gruß,
Chris
Rhetorix
Zitat:
Original von Sophie
...Auch heute kann man gut bemerken, dass Menschen meinen, Denken und Kultur und Weisheit würde im Laufe der Geschichte mehr oder wäre nur in ihrer Kultur zu finden, dabei vergessen sie, dass die Fähigkeit Probleme zu lösen, Kultur zu leben und darüber nachzudenken, auch bestand, als sie selbst nocht nicht lebten.

Das ist auch meine Meinung. Die Neandertaler sind insofern nur ein Extrembeispiel unter vielen anderen Lebensweisen, die sich von der unseren stark unterscheiden und daher traditionell zu dem Kurzschluss führen: "Die können XY nicht und sind dumm und primitiv."

Zitat:
Zitat:
Ist es die Angst vor einer narzisstischen Kränkung, die noch ärger sein könnte als die Erkenntnis, dass die Erde nicht im Mittelpunkt der Welt ruht?

Das wäre ja Blödsinn, denn die Spur unserer Ahnen, ob nun Neandertaler oder nicht, läge auch bei einer unabhängigen Art im Dunklen, denn irgendwo müssen wir dann ja auch hergekommen sein...

Ich denke, dass die Neandertaler uns schon vor ein Spezialproblem stellen.
Denn was wäre, wenn sie die Schöpfer der allerersten Kunstwerke, aber nicht unsere Vorfahren wären?
Was wäre, wenn sie nicht von unseren zumindest technisch überlegenen Vorfahren ausgerottet wurden (was übrigens nicht mehr herrschende Meinung ist), sondern wir die Möglichkeit ins Auge fassen müssten, dass die Natur selbst imstande ist, einen technisch und künstlerisch begabten Menschenschlag nach rund 100.000jähriger erfolgreicher Existenz einfach wegzuputzen?

Zitat:
Original von Chris
... Die Intervalle, die wir heutzutage in der westlichen Welt als "rein" oder gar "harmonisch" bezeichnen, sind eine äußerst junge Erfindung. Von den damaligen Harmonievorstellungen haben wir keine Ahnung - diese Menschen hörten praktisch anders als wir.

Ja, davon bin ich gleichfalls überzeugt.
Die Hörgewohnheiten differieren so sehr, dass ich ein modern gestimmtes Instrument als unrein empfinde und 'seekrank' werde, weil ich an barocke Intervalle gewöhnt bin. Und nun erst der Zeitabstand von 35.000 Jahren und vielleicht sogar das Gehör einer anderen Menschenart!
Andererseits aber ist Musik auch ein Stück Physik.
Über die Größe eines Intervalls kann man nicht diskutieren, egal welche Hörgewohnheit man hat, denn es richtet sich nach der Verdoppelung der Schallwelle. Wie man dieses Intervall aber aufteilt, ist traditionell bedingt (vgl. Pentatonik).

Zitat:
Deswegen halte ich es für etwas vermessen zu sagen, sie hätten die Intervalle korrigieren wollen

Stimmt.

Zitat:
Wer Deinen Text liest, sollte also den Fehler vermeiden, der Musik der Steinzeitmenschen in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten mit der unseren zu unterstellen.
Irgendeine Ähnlichkeit gibt es aber erstaunlicherweise doch! Ich finde es ganz unglaublich, dass genau solche Instrumente (wenn auch wohl anders gestimmt) immer noch gespielt werden!

Zitat:
Ansonsten halte ich das hier für einen sehr wertvollen Thread.
Freut mich! Freude
Rhetorix
Ich stelle fest, dass ich mich hier verschrieben habe:

Zitat:
Über die Größe eines Intervalls kann man nicht diskutieren, egal welche Hörgewohnheit man hat, denn es richtet sich nach der Verdoppelung der Schallwelle

Ich meinte natürlich nicht 'ein Intervall' sondern die Oktave!