Dies vorab:
Ich glaube nicht daran, dass unsere Vorfahren in der "Diaspora Europa" jäh von der Muse geküsst wurden.
So etwas ist unwissenschaftlich und gehört in den Bereich des Mythos.
Viel mehr noch als das scheinbar plötzliche Auftauchen von Kunst beeindruckt mich deren (scheinbares?) plötzliches Verschwinden, das der SPEGEL-Titel kaum auch nur erahnen lässt.
Doch zuvor müssen wir die Faktenlage ein wenig korrigieren und Fehlendes ergänzen:
Die Datierung von steinzeitlichen Knochenfunden betreffend, gab es in den letzten Jahren eine Revolution, die am Verfasser des Artikels zumindest zum Teil vorbeigegangen ist. Wer sich an einer mehr als 4 Jahre alten Literatur orientiert, ist daher schon auf dem Holzweg, denn er hat unstrittige Fehldatierungen als Gewissheiten im Kopf.
So ist es heute nicht mehr vertretbar zu behaupten, "vor ziemlich genau 46.000 Jahren" seien moderne Menschen nach Europa eingewandert.
Wann sie erstmals ihren Fuß auf diesen Koninent setzten, weiß heute kein Mensch mehr. Man ist sich dessen viel weniger sicher als noch vor wenigen Jahren.
Unumstritten sind meines Wissens die beiden im Artikel genannten Fundorte in Rumänien (ca. 35 T Jahre) und Tschechien (ca. 31 T Jahre).
[Wenn ihr den Artikel selbst lest und euch die Karte mit der angeblichen Wanderungsbewegung anseht, dann beachtet bitte, dass der Grafiker das Totenkopf-Symbol für den rumänischen Fundort über Istrien gesetzt hat, das sicherlich nicht zu Rumänien gehört!]
Alle anderen Beweise für die Anwesenheit moderner Menschen in Europa sind für die Zeit vor mehr als 30 T Jahren sehr unsicher.
Dass man außer in Rumänien und Tschechien nichts Sicheres gefunden hat, vor allem für die Zeit vor mehr als 40 T Jahren rein gar nichts, besagt natürlich nicht, dass es in dieser Zeit keine modernen Menschen in Europa gab. Ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich, dass sie es seit etlichen zigtausen Jahren immer mal wieder versucht haben, dass diese frühen Versuche aber nicht zu dauerhafter Besiedlung führten, sondern die Pioniere entweder in dieser feindlichen Umwelt wegstarben oder wieder zurückwanderten.
Im Hinblick auf die im Leitartikel genannten frühesten Kunst-Fundorte Deutschland, Frankreich und Österreich ist immerhin festzuhalten, dass es dort
keine Skelettfunde von modernen Menschen für die Zeit vor mehr als ca. 30 T Jahren gibt und ebenso wenig Artefakte (Werkzeuge, Schmuck, Farben), die eindeutig mit dem modernen Menschen (und nur ihm) assoziiert werden könnten.
Dass die Neandertaler - wiederum jäh - nach dem Auftauchen moderner Menschen in Europa ausgestorben wären, ist gleichfalls revidiert und kann anständigerweise nicht mehr behauptet werden.
Zunächst einmal trifft es nicht zu, dass sie zuletzt nur auf der iberischen Halbinsel vorgefunden wurden. Ein anderer, ebenso später Fundort befindet sich - weit weg davon - in Kroatien (Vindija), ein weiterer sehr später an der Nordküste des Schwarzen Meeres wird diskutiert. Der bislang früheste Fund (meines Wissens nicht von Knochen, sondern von eindeutigen N.-Artefakten) wird inzwischen auf die Zeit vor 26 T Jahren datiert (in Südspanien).
Im Hinblick auf die im Leitartikel genannten Fundorte ergibt sich für Neandertaler folgendes Bild:
Späte Funde von Neandertaler-Knochen und Artefakten findet man in Frankreich häufiger als irgendwo sonst. Der späteste deutsche Knochenfund liegt nahe Salzgitter (der Mettmanner Neandertaler ist schon ca. 40 T Jahre alt), doch späte Artefakte fand man auch am Rhein. In Österreich fand man keine, wohl aber in "k.u.k.-Österreich" (nämlich Kroatien).
Nun weiter:
Bis vor Kurzem wurde allgemein von einer technischen Überlegenheit des modernen Menschen über den Neandertaler ausgegangen.
Das hat sich bislang aber nicht bestätigen lassen, denn man fand keine überlegene Technik gleichzeitig oder kurze Zeit später lebender moderner Menschen. Richtig ist zwar, dass der moderne Mensch z.B. die Speerschleuder und den Angelhaken erfand; diese Erfindungen sind jedoch wesentlich jünger als 30 T Jahre.
Die Vorstellung, dass moderne Menschen sich geschmückt und mit Farben hantiert hätten, Neandertaler aber nicht, ist klar widerlegt. Auch bei Neandertalern fand man Farben und aufgefädelte Zähne. Seltsamerweise schätzten offenbar beide Arten die Zähne vom Polarfuchs. Erst dachte man, Neandertaler hätten sie von unseren Vorfahren eingehandelt (natürlich zu doof, um die selbst zu durchbohren). Dann stellte sich aber heraus, dass das System der Durchbohrung hüben und drüben nicht dasselbe war, sondern Cro magnon-Menschen die Bohrstelle erst einmal dünn schliffen und dann bohrten, wohingegen Neandertaler ohne Vorschleifen bohrten.
Hingegen fand man zur großen Überraschung eine sehr alte Neandertaler-Technik, die beim modernen Menschen erst zigtausende von Jahren später belegt ist.
Dieses Know how ist bei Neandertalern für die Zeit vor mindestens 40 T Jahren nachgewiesen, kann aber auch schon 80 T Jahre alt sein. Beim modernen Menschen entdeckt man es erst vor knapp 10 T Jahren: nämlich das Verkleben mit Birkenpech (ziemlich umständlich verkochtem Birkenharz).
Womit wir bei der Elfenbein-Flöte wären, die - laut SPIEGEL-Artikel - aus zwei mit Birkenpech verleimten Hälften besteht (das war für mich das aufregend Neue).
Dieser Gesichtspunkt spricht nicht unbedingt dafür, den modernen Menschen als ersten Flötenbauer anzusehen.
Ich wage die Behauptung, dass sogar das Gegenteil der Fall ist.
Es liegt nämlich nicht einmal nur am Birkenpech, das schon ein gewaltiges Argument wäre, sondern auch daran, dass solche Flöten ungeheuer lange nicht wieder auftauchen, obwohl der moderne Mensch ja fortexistiert hat und wohl auch weiter geflötet hätte, wenn er es vor 35 T Jahren gewollt und gekonnt hätte.
Weiter zur Flöte, denn mit ihr kenne ich mich aus eigener Erfahrung viel besser aus als mit der Plastik und Malerei:
Es ist völlig undenkbar, mit der Flöterei anzufangen, indem man sich aus Elfenbein ein Instrument mit mehreren Grifflöchern schnitzt!
Der erste Versuch geschieht aus Neugier mit einem einfachen Rohr, z.B. einem hohlen Knochen oder einem Schilfrohr. Man bläst über die Kante und stellt fest, dass ein Ton kommt. Man bläst und bläst und stellt fest, dass man den Ton allein schon durch Blasen verändern kann. Auf diese Weise kann man z.B. Signale pfeifen oder ganz gruselig jaulen.
Danach kommen 2 völlig verschiedene weitere Schritte, ein handwerklicher und ein musikalischer:
Der handwerkliche Schritt ist, ein Flötchen aus einem haltbareren Material als Schilfrohr herzustellen. Der andere Schritt ist das Hineinbohren
eines Grifflochs, um zwei unterschiedliche Töne erzeugen zu können, was schon eine sehr spannende Sache ist.
Der handwerkliche Schritt von der Holz- zur einer Elfenbein-Flöte ist weit. Noch weiter aber ist der musikalische Schritt von der Ein-Loch-Flöte zur Mehr-Loch-Flöte, da er eine Vorstellung von Intervallen voraussetzt!
[Ich kann mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass die Neandertaler-Schädel dort, wo im Gehirn das akustische Zentrum sitzt, eine starke Vorwölbung hatten, die man beim modernen Menschen nicht findet.]
Wer auch immer diese Flöten fabriziert haben mag:
Sie entstanden auf gar keinen Fall mit einem Start von 0 auf 100, sondern setzten ein allmähliches Herantasten sowohl an die Schnitztechnik wie an das Gefühl für differenzierte Klangerzeugung voraus.
Der jähe Kuss der Muse ist einfach nur Unsinn.
Was man nicht fand, ist entweder verrottet (weil aus Schilf und Holz), oder noch nicht gefunden, oder endgültig verloren.
Nicht anders verhält es sich meines Erachtens mit Plastik und Malerei.
Wer nicht einem irrationalen Genie-Kult frönt, kann sich nicht einbilden, dass so etwas plötzlich aus dem Nichts oder durch Musenkuss entsteht.
Man sehe sich doch einmal an, wie Kinder sich an das Zeichnen und Modellieren herantasten!
Wozu das Ganze?
Die Vermutung, es habe sich um Talismane, Amulette oder Totems gehandelt, steht nicht erst im SPIEGEL.
Das kann man schon, von Laien ausgeknobelt, in den Neandertaler-Threads dieses Forums nachlesen.
Gegen diese Deutungen habe ich nichts Grundsätzliches einzuwenden.
En detail sieht es aber schon anders aus, denn es ist nicht dasselbe, ob man sich einen Feind durch Verkleinerung unschädlich macht oder sich ein Totem zulegt.
Das Totem 'ist' man nämlich selbst.
Der SPEGEL irrt mit seiner Behauptung, in den steinzeitlichen Höhlen seien vor allem starke und gefährliche Tiere abgebildet worden.
Das trifft nicht einmal auf die älteste Höhle, nämlich die Chauvet-Höhle, zu.
Richtig ist, dass man dort eine eindrucksvolle Zahl gefährlicher Tiere sieht (Löwen, Bären, Hyänen, Nashörner, Mammuts, Auerochsen). Genau so beliebt war aber die Darstellung von Tieren, die (aus damaliger Sicht) eher ungefährlich und vor allem lecker waren (Rentiere, Hirsche, Pferde). Und auch ein Tier, das weder schmeckt, noch gefährlich ist, gesellt sich dazu: der Uhu.
Man muss kein Rentier auf die Wand bannen, um die Angst vor ihm in den Griff zu bekommen!
Und man muss aus diesem Grund auch keine Ente schnitzen!
Die Bilder aus der Chauvet-Höhle und die Tier-Plastiken aus Schwaben lassen daher meines Erachtens daher nicht die Deutung zu, sie seien (allesamt) in dem Bemühen entstanden, die Angst vor der übermächtigen, brutalen Natur durch Magie zu überwinden.
Auf die auffallend häufigen Löwen-Darstellungen in der Plastik (Schwaben) und Malerei (Provence) der Zeit vor mehr als 30 T Jahren weist der SPIEGEL allerdings mit Recht hin.
Warum fällt uns das aber so sehr auf?
Es ist deshalb bemerkenswert, weil die Löwen später in der gesamten Steinzeit nie wieder auftauchen (obwohl es sie noch in geschichtlicher Zeit in Europa gab)!
Auch Hyänen und Bären gibt es nicht mehr.
Soweit in späterer Zeit Tiere abgebildet werden, haben sie als gemeinsamen Nenner vielmehr samt und sonders: sie sind Pflanzenfresser und schmecken gut.
Keine spätere Höhlenmalerei bildet je ein Tier ab, das nicht Beute, sondern Feind gewesen wäre. Jede spätere Höhlenmalerei schildert vielmehr die beeindruckendsten Zutaten des Speisezettels.
Die Angst vor der Jagd war es also nicht (zumindest nicht ausschließlich), die das Löwenbildnis zustande brachte, sondern viel eher das Symbol des Totems.
Dieses Totem verschwand in der folgenden Zeit - ebenso wie diejenigen Menschen verschwanden, die nach Art der Löwen jagten und fraßen.
Es verschwanden auch diejenigen Menschen, deren Knochenbrüche in erschreckender Zahl von den Gefahren der Jagd auf großes, gefährliches Wild erzählen; denn die Knochen der Späteren, die sich mit kleinerem Wild und sogar mit Schnecken und Pflanzen begnügen konnten, schildern eher die Vermeidung solcher Gefahr.
Der SPIEGEL-Artikel erweckt den Eindruck, als sei die Kunst - Plastik, Malerei und Musik - in der Zeit, die auf die frühesten Kunstwerke folgte, ununterbrochen präsent gewesen.
Dieser Eindruck wäre aber vollkommen irrig!
Die bildende Kunst verschwand in der Versenkung, ebenso wie die Menschen aus Europa verschwanden, deren Gehirnschädel in Bereich des visuellen Zentrums eine starke Vorwölbung hatten.
Die Plastik schwieg nach den Tier-, Menschen- und Zwitterwesen-Bildnissen der Zeit vor 32 - 35 T Jahren etwa 7.000 Jahr lang.
Etwa so viel Zeit trennt die
Venus von Willendorf von den schwäbischen Tierchen, dem Löwenmann und der österreichischen Tänzerin.
So viel Zeit trennt uns Heutige vom Beginn der Jungsteinzeit.
Die Malerei schwieg nach den ca. 32 T Jahre alten Malereien der Chauvet-Höhle noch viel länger, bis sie eine auch nur halbwegs vergleichbare Höhe (wenn auch in der Steinzeit nie wieder ganz dieselbe) erreichte.
15 T Jahre trennen die
Chauvet-Höhle von der
Höhle von Lascaux, ca. 17 T Jahre von der
Höhle von Altamira.
So viel Zeit trennt uns vom Ende der letzten Eiszeit.
Wieviel Zeit bis zur Wiederentdeckung der Flöte mit Grifflöchern verging, ist gar nicht auszudenken.