Wolf
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Sokrates,
geboren um 469 v. Chr., war ein griechischer Philosoph; er lebte und wirkte in Athen. Er gilt als eine der Hauptgestalten der griechischen Philosophie und des abendländischen Denkens; die ihm von dem Orakel in Delphi zugeschriebene Weisheit hat er auf sein "Daimonion" zurückgeführt.
Leben
Sokrates selbst hat nichts Schriftliches hinterlassen; biographische Informationen über ihn liefern vor allem die Werke Platons und Xenophons, die in den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod entstanden sind. Hinzu kommen Notizen, Anmerkungen und Anekdoten zahlreicher Autoren der griechischen und lateinischen Literatur.
Demnach ist Sokrates 469 v.u.Z. in Athen geboren und 399 v.Chr. hingerichtet worden. Seine Eltern waren Sophroniskos, der ein Bildhauer gewesen sein soll, und die Hebamme Phainarete. Aus einer vorangehenden Ehe seiner Mutter hatte er einen Halbbruder Patrokles. Zum Zeitpunkt seines Todes war er mit Xanthippe verheiratet und hatte mit ihr drei Söhne, den Jugendlichen Lamprokles und die Kinder Sophroniskos und Menexenos. Freunde von Jugend an waren Kriton und Chairephon.
Sokrates hatte von seinen Eltern ein kleines Vermögen geerbt, das ihm bei höchst bescheidenem Lebenstandart, mit oft sehr vernachlässigter Kleidung, gerade eben ermöglichte, sich dem fast täglichen Philosophieren zu widmen ohne einer geregelten Arbeit nachzugehen.
Es ist nicht bekannt, wer seine Lehrer waren, aber es wird angenommen, dass er sich mit Ideen von Anaximander, Parmenides und Heraklit beschäftigt habe. Er nahm als Soldat an den Kämpfen von Potidaia (431-429), Delion (424) und Amphipolis (422) teil. Seine Tapferkeit und seine Besonnenheit (sophrosyne) werden von Platon und Xenophon rühmend erwähnt. 423 wird Sokrates als Hauptfigur der Komödie Die Wolken von Aristophanes in einer satirischen Überzeichnung als 'spleeniger Denker' zur Zielscheibe des allgemeinen Spottes. Schon hier machte ihm das Volk den Vorwurf des Atheismus und der Verblendung der Jugend. 416 erscheint Sokrates als “Ehrengast” auf einem berühmten Gastmahl (s. Dialog "Symposion", Platon), das anlässlich des Tragödiensieges des jungen Agathon stattfindet. 406 nahm Sokrates als Ratsherr am Prozess gegen die Feldherren aus der Schlacht bei den Arginusen teil und wandte sich gegen deren dann mehrheitlich beschlossene Verurteilung. Aus der Zeit der Gewaltherrschaft der Dreißig (der "dreißig Tyrannen") etwa um 403, sind einige Ereignisse überliefert. Ein festes Datum ist das Jahr 399, als Sokrates zum Tode verurteilt wurde.
Aus seiner 'Schule' gingen viele bekannte Personen hervor, die in die Geschichte eingingen. Hierzu zählen unter anderem Platon, Euklid, Antisthenes, Aristipp, Xenophon, Alkibiades und Kritias.
Tod
Der Verurteilung zum Tode ging ein Prozess voraus, in dem Sokrates wegen Gottlosigkeit und verderblichen Einflusses auf die Jugend angeklagt wurde. Gottlosigkeit (Asebie) bedeutete, nicht an die Staatsgötter Athens zu glauben, ein Verbrechen, das mit dem Tod durch Vergiften geahndet wurde. Diese Art von Prozessen wurde Asebieprozess genannt. In seiner überlieferten Verteidigungsrede widerlegte er beide Vorwürfe, dennoch wurde er mit knapper Mehrheit (281 gegen 219 Stimmen) von einem der zahlreichen demokratischen Gerichtshöfe Athens für schuldig befunden.
Nach damaligem Brauch durfte Sokrates nach der Schuldigsprechung eine Strafe für sich selbst vorschlagen. In diesem (zweiten) Teil seiner Verteidigungsrede erklärte Sokrates eben das Verhalten, das zu seiner Schuldigsprechung geführt hatte, für höchst nützlich, er könne daher keine Bestrafung vorschlagen, wo eine Belohnung angemessener sei: - man solle ihm freie Verköstigung gewähren, damit er in Ruhe weiter philosophieren könne. Die Richter verurteilten ihn nun mit einer Mehrheit von 361 Stimmen zum Tod durch Trinken des Schierlingsbechers.
Sokrates hätte sein Leben retten können, wenn er bereit gewesen wäre, die Anklage als berechtigt anzuerkennen oder Athen zu verlassen, wie sein Freund Kriton ihm dies eindringlich nahelegte. Letzteres tat er nicht, da er Flucht aus dem Gefängnis als Verstoß wider die Gesetze Athens erachtete (für die er keine bessere Alternative kannte) und der Jugend kein falsches Vorbild zu unüberlegter Aufsässigkeit abgeben wollte; man machte nicht viel federlesen, weder mit Terroristen ('Don Quixoten') noch denen, die im positiven Sinne versuchten, etwas zu bewirken. Außerdem hielt er es für lächerlich, sich so kurz vor dem natürlichen Tode noch ans Leben zu klammern; so schwieg sein Daimonion gegenüber der Entscheidung, den Trunk des Schierlings im Gefängnis zu erdulden. (Nach Platos Apologie warnte die innere Stimme des Daimonion nur vor den Fehlentscheidungen der Vernunft.) Das demokratisch legal vereinbarte Todesurteil anderseits als berechtigt anzunehmen, kam für ihn ebenso wenig in Frage. Er hielt die Wahrheit für wichtiger als sein Leben. Er war überzeugt, zum Besten für die Menschheit gehandelt zu haben. Die Verhandlung und der Tod Sokrates' sind in Platons Schriften Apologie, Kriton und Phaidon, und in Xenophons Apologie des Sokrates beschrieben.
Philosophie
Sokratische Philosophie bedeutet eine Haltung, in der Intuition und rationales Denken übereinstimmen und lenkend für das Leben sind, was sich in der Übersetzung des Wortes Philosophie als “Liebe zur Weisheit” ausdrückt. Die Liebe übrigens, so äußerte sich Sokrates einmal, sei das einzige, wovon er etwas verstehe. (vgl. Theages 128a)
Sokrates nennt in seiner Apologie - dem Vorwurf der Gottlosigkeit damit begegnend - den Gott von Delphi als Garanten für die Wahrhaftigkeit seines Philosophierens. Dieser Gott hatte ihm geweissagt, dass “niemand weiser ist als Sokrates”. Seine bescheidene Selbsterkenntnis hielt Sokrates davon ab, dieser Aussage mehr zuzutrauen, als er selbst einzusehen im Stande war. “Was meint der Gott damit? Worauf will er mich hinweisen? Schließlich weiß ich doch, dass ich weder viel noch wenig weiß! Und lügen wird er ja nicht, das ist ihm nicht erlaubt.” (Apologie 21b)
Vom Gott berufen, das Weise zu lieben (mehr als sich selbst) und aufzudecken, daß es seinen Sitz nicht in der rationalen Vernunft habe - in diesem Sinne verstand er schließlich die ihm von dem Orakel zugeschriebene Weisheit. Davor hatte er sich aufgemacht, andere, die als weise galten oder sich dafür hielten, zu befragen, um von ihnen zu lernen, zugleich prüfend, was es wohl mit dem Orakel auf sich habe - und ob es wohl möglich einem Irrtum erlegen sei. So kam es zu den Gesprächen mit den Sophisten, den angeblichen Weisen seiner Zeit, den in öffentlichen Ämtern stehenden Athenern, Bekannten und Freunden...
Wie die Sophisten beschäftigte sich Sokrates mit den Menschen und dem Menschenleben, auch mit den Hypothesen und Theorien der Naturphilosophen, jedoch auf andere Weise als sie (Sokratische Wende in der Philosophiegeschichte?). Der wichtigste Unterschied scheint darin zu bestehen, dass Sokrates für erforderlich hielt, alles immer wieder von neuem zu hinterfragen. (so allerdings auch Heraklit in dem sechsten seiner Aphorismen "Die Sonne ist neu an jedem Morgen").
Auch sah er sich nicht selber, wie die Sophisten, als Gelehrten oder Weisen an. Aus diesem Grunde - weil er immer wieder nur seine eigene Unwissenheit erkannte - ließ er sich im Gegensatz zu den Sophisten auch nicht für seine Lehrtätigkeit bezahlen. Sokrates nannte sich bewusst Philosoph ( – Freund der Weisheit ).
Für ihn war es wichtig, ein sicheres Fundament für menschliche Erkenntnisse zu finden. Er wußte, daß dieses Fundament nicht in der Vernunft zu entdecken ist; er hielt sie für anfällig gegenüber Fehlern, die ihr selbst unerkennbar bleiben, da ihre Überlegungen zwar in sich logisch aber trotzdem falsch sein können, sofern nämlich sie auf einer absurden Prämisse ankern. Erst in dem Weisen selbst, das innerlich offenbar werde (s. Stimme seines Daimonions), und dass der Vernunft nicht hinterfragbar ist, erkannte er das eigentliche, unerschütterliche Fundament richtiger Urteile.
Er war der Ansicht, dass der, der aus dessen Botschaften wisse, was gut ist, auch das Gute tun werde. Er glaubte, die richtige Erkenntnis führe zum richtigen Handeln. Und nur wer das Richtige tue, so Sokrates, werde zum 'richtigen Menschen'. Wenn ein Mensch falsch handelt, so tut er das nur, weil er es nicht besser weiß. Deshalb sei es so wichtig, jegliche der unter Menschen gehandhabten Ansichten, überlieferten Glauben ebenso wie das allgemein für gültig erklärte Wissen und selbst für 'unantastbare 'Ratschlüsse Gottes' erachte Orakel (wie das delphische in Bezug auf ihn) sorgfältig zu hinterfragen, wofür er eine spezielle Methode: die Eilenktik, entwickelt hat (s. die meisten platonischen Dialoge). Anders als die Sophisten, bestand er darauf, daß die Fähigkeit, Recht und Unrecht zu unterscheiden, in jedem einzelnen Menschen begründet liege und nicht in der Gesellschaft, ihren allgemein akzeptierten Glücks- und Wertvorstellungen.
Sokrates reizten die Begriffe, die man täglich benutzte und gedankenlos anwendete, und untersuchte er sie, weil den Menschen privat ebenso wie in ihren politischen Institutionen - Athen als zwar "edles", aber zügelloses Ross - so viel Unheil daraus erwuchs. Sokrates wollte ergründen, was hinter den Worten steckte, und wie sie, wenn nicht mit bloßem "Meinen", inhaltlich mit etwas Fundiertem, Echten zu füllen wären. Um sich hierüber Klarheit zu verschaffen, bediente er sich einer besonderen Methode, die das dialektische Verfahren der Eilenktik mit einbegreift und ihres Zieles wegen als Mäeutik – eine Art “geistige Geburtshilfe” – bezeichnet wird: Durch sorgfältig überlegte Fragen und Antworten im Wechselgespräch, und nicht durch einseitiges Belehren des einen Gesprächsteilnehmers durch einen Lehrer – wie es die Sophisten mit ihren Schülern praktizierten -, sollte die Einsichtsfähigkeit der Dialogpartner gefördert und schließlich das Wissen um das Gute (agathón) und Edle (kalón) aus sich selbst “geboren” bzw. hervor gebracht werden. Dieses Ziel war jedoch nicht möglich ohne das Vermögen zur Einsicht in die Frag-würdigkeit des eigenen vermeindlichen oder auch tatsächlichen Wissens.
Sokrates versuchte, die schmerzliche Erfahrung des so gut wie ausnahmslos alle Menschen betreffenden Unvermögens hierzu, durch seine Menschlichkeit und Respekt vor dem anderen zu mildern, was sich auch in seiner Ironie ausdrückt. Sie will den anderen nicht lächerlich machen, sondern ihm seine Unzulänglichkeit als etwas zu erkennen geben, über das derjenige selber lachen solle, anstatt die Waffen der Rhetorik zu zücken oder zerknirscht die Flucht aus dem Gespräch zu ergreifen. Wie schwer, ja oft unmöglich es vielen seiner Gesprächspartner wurde, über diese Brücke zu gehen, zeigen fast alle der platonischen Dialoge. Als wenig hilfreich empfanden die Angesprochenen es im Zweifel auch, sich selber, mit Sokrates Beistand, in der Öffentlichkeit auf diese Weise demontieren zu sollen, zumal auch Sokrates´ Schüler sich in dieser Form der Gesprächsführung übten - meist lange nicht in der gleichen Geschicklichkeit und Rücksichtnahme wie ihr 'Lehrer', Vorbild.
Dieses Philosophieren, das oft mitten im geschäftigen Treiben von Athens Marktplatz stattfand, versprach vielen besorgten Männern Antwort auf ihre im allgemeinen Untergangsszenario der Zeit drängende Frage, was genau erforderlich wäre, damit ihre Söhne bessere Männer als sie selber würden, damit die Polis die “Schule von Hellas (bleibe) ... und jeder einzelne Bürger ... in vielseitiger Weise seine eigene persönliche Art entfalte” (vgl. Die Rede des Perikles, in: Thukydides, Der Peloponnesische Krieg (Peloponnesischer Krieg), II 41,1: .).
So kam, dass Sokrates zugleich einige Freunde und sehr viele Feinde gewann: Freunde, die seine Philosophie als Schlüssel zur eigenen und gemeinschaftlichen Wohlfahrt und Weisheit ansahen, und Feinde, die seine Philosophie als Gotteslästerung und gemeinschaftsschädigend einschätzten - mit vollem Recht, sofern eine solche Gemeinschaft eine schlechte ist, die ihren besten Mann legal, Kraft solchen Rechts, ermordet.
Nicht nur die Zeitgenossen hatten kein einheitliches Sokratesbild, auch die heutige Gesellschaft hat es nicht.
Sokrates,
geboren um 469 v. Chr., war ein griechischer Philosoph; er lebte und wirkte in Athen. Er gilt als eine der Hauptgestalten der griechischen Philosophie und des abendländischen Denkens; die ihm von dem Orakel in Delphi zugeschriebene Weisheit hat er auf sein "Daimonion" zurückgeführt.
Leben
Sokrates selbst hat nichts Schriftliches hinterlassen; biographische Informationen über ihn liefern vor allem die Werke Platons und Xenophons, die in den ersten Jahrzehnten nach seinem Tod entstanden sind. Hinzu kommen Notizen, Anmerkungen und Anekdoten zahlreicher Autoren der griechischen und lateinischen Literatur.
Demnach ist Sokrates 469 v.u.Z. in Athen geboren und 399 v.Chr. hingerichtet worden. Seine Eltern waren Sophroniskos, der ein Bildhauer gewesen sein soll, und die Hebamme Phainarete. Aus einer vorangehenden Ehe seiner Mutter hatte er einen Halbbruder Patrokles. Zum Zeitpunkt seines Todes war er mit Xanthippe verheiratet und hatte mit ihr drei Söhne, den Jugendlichen Lamprokles und die Kinder Sophroniskos und Menexenos. Freunde von Jugend an waren Kriton und Chairephon.
Sokrates hatte von seinen Eltern ein kleines Vermögen geerbt, das ihm bei höchst bescheidenem Lebenstandart, mit oft sehr vernachlässigter Kleidung, gerade eben ermöglichte, sich dem fast täglichen Philosophieren zu widmen ohne einer geregelten Arbeit nachzugehen.
Es ist nicht bekannt, wer seine Lehrer waren, aber es wird angenommen, dass er sich mit Ideen von Anaximander, Parmenides und Heraklit beschäftigt habe. Er nahm als Soldat an den Kämpfen von Potidaia (431-429), Delion (424) und Amphipolis (422) teil. Seine Tapferkeit und seine Besonnenheit (sophrosyne) werden von Platon und Xenophon rühmend erwähnt. 423 wird Sokrates als Hauptfigur der Komödie Die Wolken von Aristophanes in einer satirischen Überzeichnung als 'spleeniger Denker' zur Zielscheibe des allgemeinen Spottes. Schon hier machte ihm das Volk den Vorwurf des Atheismus und der Verblendung der Jugend. 416 erscheint Sokrates als “Ehrengast” auf einem berühmten Gastmahl (s. Dialog "Symposion", Platon), das anlässlich des Tragödiensieges des jungen Agathon stattfindet. 406 nahm Sokrates als Ratsherr am Prozess gegen die Feldherren aus der Schlacht bei den Arginusen teil und wandte sich gegen deren dann mehrheitlich beschlossene Verurteilung. Aus der Zeit der Gewaltherrschaft der Dreißig (der "dreißig Tyrannen") etwa um 403, sind einige Ereignisse überliefert. Ein festes Datum ist das Jahr 399, als Sokrates zum Tode verurteilt wurde.
Aus seiner 'Schule' gingen viele bekannte Personen hervor, die in die Geschichte eingingen. Hierzu zählen unter anderem Platon, Euklid, Antisthenes, Aristipp, Xenophon, Alkibiades und Kritias.
Tod
Der Verurteilung zum Tode ging ein Prozess voraus, in dem Sokrates wegen Gottlosigkeit und verderblichen Einflusses auf die Jugend angeklagt wurde. Gottlosigkeit (Asebie) bedeutete, nicht an die Staatsgötter Athens zu glauben, ein Verbrechen, das mit dem Tod durch Vergiften geahndet wurde. Diese Art von Prozessen wurde Asebieprozess genannt. In seiner überlieferten Verteidigungsrede widerlegte er beide Vorwürfe, dennoch wurde er mit knapper Mehrheit (281 gegen 219 Stimmen) von einem der zahlreichen demokratischen Gerichtshöfe Athens für schuldig befunden.
Nach damaligem Brauch durfte Sokrates nach der Schuldigsprechung eine Strafe für sich selbst vorschlagen. In diesem (zweiten) Teil seiner Verteidigungsrede erklärte Sokrates eben das Verhalten, das zu seiner Schuldigsprechung geführt hatte, für höchst nützlich, er könne daher keine Bestrafung vorschlagen, wo eine Belohnung angemessener sei: - man solle ihm freie Verköstigung gewähren, damit er in Ruhe weiter philosophieren könne. Die Richter verurteilten ihn nun mit einer Mehrheit von 361 Stimmen zum Tod durch Trinken des Schierlingsbechers.
Sokrates hätte sein Leben retten können, wenn er bereit gewesen wäre, die Anklage als berechtigt anzuerkennen oder Athen zu verlassen, wie sein Freund Kriton ihm dies eindringlich nahelegte. Letzteres tat er nicht, da er Flucht aus dem Gefängnis als Verstoß wider die Gesetze Athens erachtete (für die er keine bessere Alternative kannte) und der Jugend kein falsches Vorbild zu unüberlegter Aufsässigkeit abgeben wollte; man machte nicht viel federlesen, weder mit Terroristen ('Don Quixoten') noch denen, die im positiven Sinne versuchten, etwas zu bewirken. Außerdem hielt er es für lächerlich, sich so kurz vor dem natürlichen Tode noch ans Leben zu klammern; so schwieg sein Daimonion gegenüber der Entscheidung, den Trunk des Schierlings im Gefängnis zu erdulden. (Nach Platos Apologie warnte die innere Stimme des Daimonion nur vor den Fehlentscheidungen der Vernunft.) Das demokratisch legal vereinbarte Todesurteil anderseits als berechtigt anzunehmen, kam für ihn ebenso wenig in Frage. Er hielt die Wahrheit für wichtiger als sein Leben. Er war überzeugt, zum Besten für die Menschheit gehandelt zu haben. Die Verhandlung und der Tod Sokrates' sind in Platons Schriften Apologie, Kriton und Phaidon, und in Xenophons Apologie des Sokrates beschrieben.
Philosophie
Sokratische Philosophie bedeutet eine Haltung, in der Intuition und rationales Denken übereinstimmen und lenkend für das Leben sind, was sich in der Übersetzung des Wortes Philosophie als “Liebe zur Weisheit” ausdrückt. Die Liebe übrigens, so äußerte sich Sokrates einmal, sei das einzige, wovon er etwas verstehe. (vgl. Theages 128a)
Sokrates nennt in seiner Apologie - dem Vorwurf der Gottlosigkeit damit begegnend - den Gott von Delphi als Garanten für die Wahrhaftigkeit seines Philosophierens. Dieser Gott hatte ihm geweissagt, dass “niemand weiser ist als Sokrates”. Seine bescheidene Selbsterkenntnis hielt Sokrates davon ab, dieser Aussage mehr zuzutrauen, als er selbst einzusehen im Stande war. “Was meint der Gott damit? Worauf will er mich hinweisen? Schließlich weiß ich doch, dass ich weder viel noch wenig weiß! Und lügen wird er ja nicht, das ist ihm nicht erlaubt.” (Apologie 21b)
Vom Gott berufen, das Weise zu lieben (mehr als sich selbst) und aufzudecken, daß es seinen Sitz nicht in der rationalen Vernunft habe - in diesem Sinne verstand er schließlich die ihm von dem Orakel zugeschriebene Weisheit. Davor hatte er sich aufgemacht, andere, die als weise galten oder sich dafür hielten, zu befragen, um von ihnen zu lernen, zugleich prüfend, was es wohl mit dem Orakel auf sich habe - und ob es wohl möglich einem Irrtum erlegen sei. So kam es zu den Gesprächen mit den Sophisten, den angeblichen Weisen seiner Zeit, den in öffentlichen Ämtern stehenden Athenern, Bekannten und Freunden...
Wie die Sophisten beschäftigte sich Sokrates mit den Menschen und dem Menschenleben, auch mit den Hypothesen und Theorien der Naturphilosophen, jedoch auf andere Weise als sie (Sokratische Wende in der Philosophiegeschichte?). Der wichtigste Unterschied scheint darin zu bestehen, dass Sokrates für erforderlich hielt, alles immer wieder von neuem zu hinterfragen. (so allerdings auch Heraklit in dem sechsten seiner Aphorismen "Die Sonne ist neu an jedem Morgen").
Auch sah er sich nicht selber, wie die Sophisten, als Gelehrten oder Weisen an. Aus diesem Grunde - weil er immer wieder nur seine eigene Unwissenheit erkannte - ließ er sich im Gegensatz zu den Sophisten auch nicht für seine Lehrtätigkeit bezahlen. Sokrates nannte sich bewusst Philosoph ( – Freund der Weisheit ).
Für ihn war es wichtig, ein sicheres Fundament für menschliche Erkenntnisse zu finden. Er wußte, daß dieses Fundament nicht in der Vernunft zu entdecken ist; er hielt sie für anfällig gegenüber Fehlern, die ihr selbst unerkennbar bleiben, da ihre Überlegungen zwar in sich logisch aber trotzdem falsch sein können, sofern nämlich sie auf einer absurden Prämisse ankern. Erst in dem Weisen selbst, das innerlich offenbar werde (s. Stimme seines Daimonions), und dass der Vernunft nicht hinterfragbar ist, erkannte er das eigentliche, unerschütterliche Fundament richtiger Urteile.
Er war der Ansicht, dass der, der aus dessen Botschaften wisse, was gut ist, auch das Gute tun werde. Er glaubte, die richtige Erkenntnis führe zum richtigen Handeln. Und nur wer das Richtige tue, so Sokrates, werde zum 'richtigen Menschen'. Wenn ein Mensch falsch handelt, so tut er das nur, weil er es nicht besser weiß. Deshalb sei es so wichtig, jegliche der unter Menschen gehandhabten Ansichten, überlieferten Glauben ebenso wie das allgemein für gültig erklärte Wissen und selbst für 'unantastbare 'Ratschlüsse Gottes' erachte Orakel (wie das delphische in Bezug auf ihn) sorgfältig zu hinterfragen, wofür er eine spezielle Methode: die Eilenktik, entwickelt hat (s. die meisten platonischen Dialoge). Anders als die Sophisten, bestand er darauf, daß die Fähigkeit, Recht und Unrecht zu unterscheiden, in jedem einzelnen Menschen begründet liege und nicht in der Gesellschaft, ihren allgemein akzeptierten Glücks- und Wertvorstellungen.
Sokrates reizten die Begriffe, die man täglich benutzte und gedankenlos anwendete, und untersuchte er sie, weil den Menschen privat ebenso wie in ihren politischen Institutionen - Athen als zwar "edles", aber zügelloses Ross - so viel Unheil daraus erwuchs. Sokrates wollte ergründen, was hinter den Worten steckte, und wie sie, wenn nicht mit bloßem "Meinen", inhaltlich mit etwas Fundiertem, Echten zu füllen wären. Um sich hierüber Klarheit zu verschaffen, bediente er sich einer besonderen Methode, die das dialektische Verfahren der Eilenktik mit einbegreift und ihres Zieles wegen als Mäeutik – eine Art “geistige Geburtshilfe” – bezeichnet wird: Durch sorgfältig überlegte Fragen und Antworten im Wechselgespräch, und nicht durch einseitiges Belehren des einen Gesprächsteilnehmers durch einen Lehrer – wie es die Sophisten mit ihren Schülern praktizierten -, sollte die Einsichtsfähigkeit der Dialogpartner gefördert und schließlich das Wissen um das Gute (agathón) und Edle (kalón) aus sich selbst “geboren” bzw. hervor gebracht werden. Dieses Ziel war jedoch nicht möglich ohne das Vermögen zur Einsicht in die Frag-würdigkeit des eigenen vermeindlichen oder auch tatsächlichen Wissens.
Sokrates versuchte, die schmerzliche Erfahrung des so gut wie ausnahmslos alle Menschen betreffenden Unvermögens hierzu, durch seine Menschlichkeit und Respekt vor dem anderen zu mildern, was sich auch in seiner Ironie ausdrückt. Sie will den anderen nicht lächerlich machen, sondern ihm seine Unzulänglichkeit als etwas zu erkennen geben, über das derjenige selber lachen solle, anstatt die Waffen der Rhetorik zu zücken oder zerknirscht die Flucht aus dem Gespräch zu ergreifen. Wie schwer, ja oft unmöglich es vielen seiner Gesprächspartner wurde, über diese Brücke zu gehen, zeigen fast alle der platonischen Dialoge. Als wenig hilfreich empfanden die Angesprochenen es im Zweifel auch, sich selber, mit Sokrates Beistand, in der Öffentlichkeit auf diese Weise demontieren zu sollen, zumal auch Sokrates´ Schüler sich in dieser Form der Gesprächsführung übten - meist lange nicht in der gleichen Geschicklichkeit und Rücksichtnahme wie ihr 'Lehrer', Vorbild.
Dieses Philosophieren, das oft mitten im geschäftigen Treiben von Athens Marktplatz stattfand, versprach vielen besorgten Männern Antwort auf ihre im allgemeinen Untergangsszenario der Zeit drängende Frage, was genau erforderlich wäre, damit ihre Söhne bessere Männer als sie selber würden, damit die Polis die “Schule von Hellas (bleibe) ... und jeder einzelne Bürger ... in vielseitiger Weise seine eigene persönliche Art entfalte” (vgl. Die Rede des Perikles, in: Thukydides, Der Peloponnesische Krieg (Peloponnesischer Krieg), II 41,1: .).
So kam, dass Sokrates zugleich einige Freunde und sehr viele Feinde gewann: Freunde, die seine Philosophie als Schlüssel zur eigenen und gemeinschaftlichen Wohlfahrt und Weisheit ansahen, und Feinde, die seine Philosophie als Gotteslästerung und gemeinschaftsschädigend einschätzten - mit vollem Recht, sofern eine solche Gemeinschaft eine schlechte ist, die ihren besten Mann legal, Kraft solchen Rechts, ermordet.
Nicht nur die Zeitgenossen hatten kein einheitliches Sokratesbild, auch die heutige Gesellschaft hat es nicht.
?
Das ist natürlich auch eine Ansichtssache, die auch gar nicht mal so unlogisch daher kommt. Demnach kann man aber seine gute Rhetorik als weise ansehen, die in der damiligen Zeit vielleicht auch viel mehr Wirkung hatte als Schriften. Mein Zweifel, dass er wirklich nie was geschrieben hat, teile ich auch mit dir. Doch müssen wir uns mit den Fakten begnügen und dürfen in der Analyse hier nicht ins Spekulative verfallen. Oder vielleicht doch?
nein. Wichtig.