Nihility
Hi,
Ich würde gerne erfahren, was ich mir näher unter Poststrukturalismus und Dekontruktion/Dekonstrutivismus vorzustellen habe.
1. Was ist Dekonstruktion? Das gleiche wie Dekonstruktivismus? Laut der Wikipedia kann man dafür kein Beispiel geben, aber irgendwer muss doch schon mal etwas gemacht haben was man Dekonstruktion nennen kann.
2. Was ist Poststrukturalismus? Wie ist es mit der Dekonstruktion verzahnt? Muss man dafür den Strukturalismus kennen und einige seiner Thesen negieren? Oder kann man diese Denkweisen auf bestimmte "eigenständige" Grundannahmen zurückführen?
Im Übrigen erscheint es mir, als wäre diese Richtungen und Methoden auf bestimmte linke politische Richtungen zugeschrieben, bzw. das Denken in dieser Richtung zielt auf eine Widerlegung bestimmter gesellschaftlicher Umstände ab. In wie fern lenkt die Methode hier in eine bestimmte politische Richtung?
carsten aus bochum
Hi Nihility,
es stimmt wohl, dass diese Richtungen primär aus Frankreich kommen, bzw. dort ihren Höhepunkt erreichten, und dort eine recht einheitliche Basis Linksintellektueller existierte.
Das Problem ist wohl, dass schon der Strukturalismus und Konstruktivismus sich gegen Defnitionsversuche wehren, so dass man schlecht sagen kann, wo und wie denn nun die Post- oder De- Ära beginnt.
Auf einen wirklich groben Nenner gebracht, sehe ich es so, dass sowohl die Konstruktivisten und Strukturalisten Wirklichkeit als ein Konstrukt ansehen, als etwas, was entsteht, wenn man es in einem spezifischen Sinn- und Kontextzusammenhang betrachtet.
Wir finden hier eine starke Verwobenheit von Linguistik und Philosophie deren Leistung schließlich die bedeutenden linguistische Wende sein wird, die besagt, dass Wirklichkeit nicht durch Sprache abgebildet oder benannt wird, sondern durch Sprache überhaupt erste geschaffen, konstruiert wird.
Erst der Kontext ergibt die Struktur und je nach unterschiedlichem Kontext natürlich ein anderes Bild.
So verschieden all dies sein kann, so verstehe ich den Konstruktivismus/Strukturalismus immer noch so, dass hier am Ende dennoch ein Sinnganzes steht. Ein Sinnganzes was sich aber vom Subjekt als Sinnstifter entfernt. Die Beziehung der Subjekte, der Familien, der Symbole sind im Ganzen zu sehen und wichtiger als der einzelne Baustein.
Demgegenüber, betont der Dekonstruktivismus/Poststrukturalismus noch stärker die Kontexabhängigkeit und würde ein entstehendes Sinnganzes wieder nur als einen Kontext in Kontexten in Kontxten ansehen, so das letztlich die Form von Wirklichkeit oder Sinnganzem in endlosen Kontexten relativiert wird, oder sogar gänzlich zerfällt.
Im Extrem gibt es dann nichts mehr von dem man sagen könnte, das es wahr, wirklich oder echt sei, es ist alles nur eine Frage des jeweiligen Standpunktes, Kontextes, usw., was der Dekonstruktion entspräche. Darin kritisiert man dann zuweilen auch den Poststrukturalismus/Dekonstruktivismus.
Verbindlich ist das nicht, so dass ich Dir raten würde Antworten abzuwarten, die die meine verbessern,
Gruß,
Carsten
Zanderdan
Hallo,
keine leichte Frage. Offenbar war der Unterschied zwischen Post- und Strukturalismus auch den Zeitgenossen nicht immer deutlich. Jedenfalls wurde Foucault oft als Strukturalist bezeichnet und mokiert sich darüber.
Der Strukturalismus wird oft auf den Sprachwissenschaftler de Saussure zurück geführt. Der behandelt Sprachphänomene -grob gesagt- indem er sie ihre Koordinaten in einer übergeordneten Struktur bezeichnet. ZB in der Phonetik unterscheidet er die Laute anhand dreier Dimensionen (Artikulationsort, -art und Stimmhaftigkeit für die Konsonanten). Dieses Raster kann im Prinzip alle Laute sämtlicher (möglichen) Sprachen aufnehmen. Schönes Bild dafür ist die Vokalwanne. Historische, oder im Vokabular de Saussures: diachrone Veränderungen äußern sich in einer Koordinatenverschiebung. Der sog "Great Vowel Shift" in England um 1500 läßt sich als Koordinatenverschiebung nach oben in die Vokalwanne einzeichnen. Die Wanne selbst, also die Struktur, bleibt von den Veränderungen unberührt.
Ich glaube, dieser Begriff einer übergeschichtlichen Struktur wird den Poststrukturalisten verdächtig. So verstehe ich auch das Zitat von Derrida:
„Vielleicht hat sich in der Geschichte des Begriffs der Struktur etwas vollzogen, das man ein ‚Ereignis‘ nennen könnte, wäre dieses Wort nicht mit einem Sinn beladen, den die strukturale – oder strukturalistische – Theorie von ihrem Selbstverständnis her auflösen oder zumindest verdächtigen muß“ (Derrida: Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen)
Bei Foucault tritt entsprechend an die Stelle der Koordinatenverschiebung der Bruch. Ein übergeordnetes Koordinaten- oder Dichotomiensystem wie bei de Saussure oder Levi-Strauss fehlt. Wenn Derrida ein Primat der Schriftlichkeit (archi-ecriture) behauptet, dann will er -zumendest in meinem Verständnis- damit einen Zustand durch Kontrastbild sichtbar machen und nicht eine allgemeine Wahrheit artikulieren. Diese allgemeine Wahrheit hat sozusagen im Strukturalismus ihren Ort in den Strukturen, im Poststrukturalismus fehlt ihr das Habitat. Das war vielleicht gemeint mit "man könne kein Beispiel geben für Dekonstruktion": dass sie nie zu endgültigen Ergebnissen kommt.
Soweit in Kürze mein zusammengereimtes Verständndis - ebenfalls ohne Gewähr.
Und: links ist nicht gleich links. Der Marxismus eines Sartre oder Althusser wurde von den Poststrukturalisten mW durchaus nicht geteilt. Aber wenn ein übergeordnetes Wahrheitssystem fehlt, resultiert daraus ja ein gewisser Pluralismus und reiner Konservativismus wäre schwer begründbar - hieraus ergibt sich vielleicht über die Inhalte und Methoden des Poststrukturalismus ein gewisser Linksdrall.
Gruß
Tarvoc
Devinus hatte mich gebeten, meinen Text aus
diesem Thread hier her zu kopieren.
Der Poststrukturalismus ist eine Richtung der Philosophie und der neueren Linguistik, die im Grunde den 'Linguistic Turn' überwinden will, indem sie ihn bis ganz zum Ende führt. Dabei sieht der Poststrukturalismus als seine Kernaufgaben die Kritik an Metaphysik, Ideologien und an der strukturalistischen Sprachauffassung (insbesondere an de Saussure). Insbesondere wird das Primat der Sprache gegenüber der Schrift abgelehnt, wodurch die Schrift stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Die Unterscheidung zwischen Signifikant und Signifikator (und damit die Verfügbarkeit der Sprache) soll aufgegeben werden. Symbole referieren also nach dieser Vorstellung nicht auf Dinge in der Welt (wie es bei de Saussure und den Strukturalisten noch der Fall ist), sondern immer nur noch auf andere Symbole, und die Bedeutung eines Textes als solche wird eben dadurch nicht mehr als tatsächlich konkreter Bedeutungsgehalt, sondern nur noch sozusagen als 'Spur' sichtbar, die sich nur dadurch zeigt, dass der zu behandelnde Text 'geöffnet' und zu anderen Symbolen und Texten in Verbindung gesetzt wird. Beispielsweise setzt Derrida 'das Gespenst des Kommunismus' aus dem Kommunistischen Manifest in eine Verbindung zu dem Gespenst des dänischen Königs in Shakespeares "Hamlet" oder den Namen Hegels mit dem französischen Wort "aigle" (Adler), dem Symbol des preußischen Königshauses. Derrida führt auch den neuen Begriff der 'Differänz' ein, der im Grunde zum Kernbegriff seiner Dekonstruktionspraxis wird. Dabei handelt es sich im Grunde um eine 'Antidialektik': Während die Dialektik aus Widersprüchen Einheiten zu synthetisieren sucht, dreht die Dekonstruktion eine scheinbar binär-polare Logik so um, dass eine ganze Reihe neuer Perspektiven heraustreten, die vorher unter den verhärteten Fronten der Gegensätze sozusagen 'untergingen'.
Besonders vier Punkte sind für den Poststrukturalismus charakterisierend.
1. Die Ablehnung der Idee einer einzelnen, singulären und unteilbaren Wahrheit.
2. Die Ablehnung der Idee einer Wesenhaftigkeit der Welt, bzw. eines Wesens der Dinge.
3. Die Ablehnung der Idee eines autonomen, rationalen und bewusstseinstragenden Subjekts.
4. Die Ablehnung der Idee der Verfügbarkeit von Sprache.
http://de.wikipedia.org/wiki/Poststrukturalismus